Urs Fischer, Marvin Friedrich und die anderen Gründe für Unions Sieg gegen Hertha

Am Samstagabend hat im Stadion an der Alten Försterei ein Fußballspiel stattgefunden, das der 1. FC Union gegen Hertha BSC sehr verdient mit 1-0 gewonnen hat. Über alles was dabei noch passiert ist, haben wir hier schon viel geschrieben und gesprochen. Darüber, wie es dazu eigentlich kam weniger. Holen wir das also in der Taktik-Analyse des Derbysiegs für Union nach.

Keven Schlotterbeck

Keven Schlotterbeck war das Herz von Unions Aufbauspiel, Foto: Stefanie Fiebrig.

Die erste wichtige Entscheidung des Spiels war, dass Unions Trainer Urs Fischer zum ersten Mal die 343-Formation nutzte, obwohl der Gegner nicht auch mit drei Stürmern und/oder Dreierkette spielte. Das könnte also endgültig ein Zeichen sein, dass das Trainerteam in dieser Ordnung auch positive Effekte für das eigene Spiel unabhängig vom Gegner sieht. Es war aber auch eine sehr passende Anpassung an Herthas 442.

Union Hertha Derby Taktik

Die Aufstellungen zu Beginn: Union wieder mit dem 343.

Denn es war kein Zufall, dass Union am Ende klar mehr Ballbesitz hatte als Hertha (54-46%). Dafür verantwortlich war vor allem, dass Union mehrere stabile Dreiecke in verschiedenen Räumen aufbauen konnte. Praktischer Weise sind all die Mechanismen dabei in dem Angriff zur Großchance von Christopher Lenz nach wenigen Minuten sehr gut zu sehen:

Das erste wichtige Dreieck bestand zwischen Keven Schlotterbeck (der wieder als zentraler Verteidiger spielte) und den Mittelfeldspielern Robert Andrich und Christian Gentner. Hier war der Kern von Unions Aufbauspiel, das sehr viel prominenter war als in den Spielen bisher, und in dem Schlotterbeck ein sehr gutes Spiel machte. Diesen Kern konnte Herthas Mittelfeldpressing mit den Spitzen Dodi Lukebakio und Vedad Ibišević nie stören. Denn während die beiden bloß die Passwege in diesem primären Dreieck hätten zustellen können, gab es ja immer noch die sekundären Dreiecke, die Schlotterbeck mit einem der Sechser und dem Halbverteidiger auf einer Seite bildete.

So sahen die Unioner im Aufbau immer einfache Pässe. Und hatten Neven Subotić und (häufiger) Marvin Friedrich viel Platz und Zeit, nachdem sie den Ball bekamen. Diesen Freiraum nutzten sie, um sich nach vorn zu orientieren und die Außenstürmer anzuspielen. Dass das so oft ging, war Unions zweiter systematischer Vorteil gegenüber der Mannschaft von Herthas Trainer Ante Čović.

Union Berlin Taktik Passmap

Auch in Unions statistischen Passmustern ist die Beziehung der Halbverteidiger zu den mittigen Außenstürmern gut zu sehen. Graphik: Between the Posts (Web, Twitter)

Denn Marius Bülter und Marcus Ingvartsen nahmen das ‘Außen’ in ihrer Jobbeschreibung nicht besonders wörtlich und orientierten sich immer wieder in den freien Raum in Herthas Defensivformation. Der liegt in einem 442 klassischer Weise im Zwischenlinienraum, vor allem in dem Viereck zwischen den Außenverteidiger, Flügelspieler im Mittelfeld, Sechser und Innenverteidiger. Genau dorthin bewegten sich Bülter und Ingvartsen immer wieder, bekamen den Ball und versuchten entweder, ihn auf Stürmer Sebastian Andersson weiterzuleiten oder auf nachrückende Spieler abzulegen.

Marcus Ingvartsen

Bei Lenz Abschluss wird außerdem noch ein positiver Nebeneffekt in diesem neuen Mechanismus in Unions Spiel deutlich: Weil die Flügelverteidiger nicht die erste Option im Aufbau darstellen, sind sie im weiteren Verlauf der Angriffe freier andere Aufgaben zu übernehmen. Erst recht, weil sich Herthas Außenverteidiger nicht ganz entscheiden konnten, ob sie die nominellen Außenstürmer oder die Christophers decken sollen.

Warum es trotzdem wenig Torchancen gab

Hertha konnte mit seinem 442 und den zwei zentralen Mittelfeldspielern zwar auch Unions mögliche schwäche – das prekär besetzte Mittelfeldzentrum – nicht ausnutzen. Aber es gelang den Charlottenburgern immerhin, den eigenen Strafraum recht massiert zu verteidigen und Union keine einfachen Wege dorthin aufzuzeigen.

Dazu dass Hertha nun wieder offensiv fast nichts zu Stande gebracht hat, trug auch Unions Pressing bei.

xG Union Hertha

Beide Mannschaften hatten bis zur Schlussphase nur eine echte Chance, aber Union erzwang noch einen Elfmeter.Graphik: Between the Posts (Web, Twitter)

Das war von Beginn (und einem völlig unkontrollierten Befreiungsschlag von Stark nach zehn Sekunden) an intensiv – und clever. Der Union Außenstürmer auf der Seite, auf der der Ball war, griff den Hertha-Innenverteidiger dort an, während der auf der anderen Seite den Außenverteidiger und Sebastian Andersson den zweiten Innenverteidiger zustellte.

Vor allem aber war Union immer bereit, Hertha bis zu Torwart Rune Jarstein zu pressen und beteiligten sich auch die zentralen Mittelfeldspieler daran. Dass etwa Robert Andrich Marko Grujić in Zweikämpfe weit in Herthas Hälfte verwickelte, setzte den Ton.

In der ersten Halbzeit bestand so alle offensive Gefahr von Hertha – typisch 442 – in eins-gegen-eins Duellen auf dem Flügel und Flanken. Die Chance von Lukebakio nach Flanke von Dilrosun nach einer Viertelstunde war die einzige nennenswerte bis zur 96. Minute.

In der zweiten Halbzeit, nach Herthas Umstellung ebenfalls auf 343 waren zwar Unions systematische Vorteile nicht mehr so klar wie zuvor. Zunächst hatte aber Union (nach der Unterbrechung wegen der Angriffe aus dem Gästeblock) eine bessere Phase. Das Momentum schwang dann für einige Minuten mehr zu Hertha. Das war möglich, weil das Spiel mit mehr personenorientierten Duellen offener, zufälliger und anfälliger für wechselnde Dynamiken wurde. Die zwingenderen Offensivszenen hatte trotzdem Union.

Szene des Spiels

Die eineinhalb Minuten Ballbesitz für Union vor Robert Andrichs Fernschuss bei Minute 18:10. Denn diese Phase ist einerseits bemerkenswert, weil es überhaupt eine so lange Ballbesitzphase in mehreren Wellen gab. Und andererseits, weil darin mit mehreren Pässen von Friedrich auf Ingvartsen, dem beschriebenen ungestörten Aufbau von Union und auch von Sebastian Andersson behaupteten langen Bällen fast alles vorkommt, was Union an diesem Abend gut gemacht hat. Aber auch aus dieser Szene entstand eben schließlich kein guter Abschluss.

Marvin Friedrich Union Berlin Derby

Marvin Friedrich war einer der Vorteile von Union, Foto Stefanie Fiebrig.

4 Gedanken zu „Urs Fischer, Marvin Friedrich und die anderen Gründe für Unions Sieg gegen Hertha

  1. Eine sehr tolle Analyse; darauf hatte ich nicht nur formal, sondern auch inhaltlich gehofft. Ich stimme dir voll zu.
    Ergänzung 1: Gefühlt kam es zu deutlich mehr flachen Bällen im Aufbauspiel und somit zu deutlich weniger langen Bällen. Dafür zeichne ich vor allem Schlotterbeck verantwortlich, der im Zentrum der Dreierkette gespielt hat. Gegen Wolfsburg beispielsweise war das noch nicht der Fall, als Subotic noch das Zentrum besetzte. Schlotterbeck spielte ohnehin viel konsequenter flach. Zudem aber auch risikoreicher auf die 6er oder gar über längere Distanz auf Bülti/Ingwartsen. Und durch seine Schnelligkeit ist er auch in der Lage Dreiecke aufzulösen und selber paar Schritte mit dem Ball zu tun (ok, ja, ich bin Fan).
    Ergänzung 2: Andrichs Pressing, v. a. gg. Grujic ist mir auch positiv aufgefallen. Wie kann man nur so geil nerven? Sehr konsequent und dadurch effektiv.
    Meta: Ich finde es sehr erfreulich, was da Samstag zu sehen war, insbes. 1. HZ. In meinen Augen ist da eine wirkliche Entwicklung zu erkennen. Das macht Lust auf mehr.

  2. Pingback: Offener Brief von Union-Präsident Dirk Zingler an Union nach dem Derby › Textilvergehen

  3. Es spielte natürlich auch in die Karten, dass Aytekin sich vorgenommen hatte, in der 1. Hälfte kein Gelb zu zeigen, sondern 5-mal die “jetzt ist Schluss!”-Geste auspackte. Und dass Herthas Dauerläufer und Lückenschließer Darida gesperrt war, der normalerweise von der 6 aus das Viereck mit def-/off Außen und Innenverteidiger zuläuft. Das alles auf der Basis, dass die Herthaner ängstlich und die Unioner bis in die Haarspitzen motiviert war – und dann kann der Außenseiter plötzlich dominieren.

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