Viel Zeit widmen wir in diesem Gespräch mit Mathias Bunkus vom Berliner Kurier der Frage nach einer Perspektive in der zweiten Liga jenseits der Zuspitzung auf den Kampf um den Aufstieg oder gegen den Abstieg. Grund waren Zeitungsberichte (Berliner Zeitung, Berliner Morgenpost), die Union mit Mittelmaß in Verbindung brachten.
Ansonsten geht es natürlich um das Spiel gegen Augsburg, die Doppelspitze und die Einer-Sechs sowie auch um den “Kapitänsfluch” beim 1. FC Wundervoll. Garniert wird das ganze mit O-Tönen von Dominic Peitz und Daniel Göhlert.
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… und Vati statt dessen zu Hause bleibt, läuft die Welt irgendwie unrund. Für Vati.
Ich stelle an mir selbst fest, dass ich mit der Situation “ich gehe zum Fußball, während der Mann was mit Familie macht” sehr viel besser klar komme als mit der Situation “ich höre 90elf und der Mann geht zum Fußball”. Erstere Situation erzeugt bei mir eine gute Laune, die fast schon verwerflich ist. Ich verhalte mich aber immerhin so sozial, live vom Spiel zu berichten. Der Mann wüsste sonst gar nichts über Rasenfarben, über sowas schreibt ja kein Mensch. In der letztgenannten Situation dagegen geht es mir wie Else in Kirsten Fuchs´Geschichte “Herzlich Willkommen 1946” – irgendwie freut man sich wohl auch, wenn man “ach kieke ma an, wo komm´wir denn her? Grad heut morjen hab ich dit Trauerband um dein Foto jenudelt.” sagt. Irgendwie.
Ich bin weitaus weniger besenartig und manchmal sogar gekämmt, wenn ich diejenige bin, die Mikrofone in Gesichter hält, auf einem Mobiltelefon rumtippt, Pressekonferenzen folgt und mit den Fotografenkollegen schwatzt. Ich sehe und berichte anders und über anderes als ungefähr alle Männer, die ich kenne. Und ich wusste als einzige im gesamten Pressecontainer tatsächlich nicht, in welcher Spielminute dieser geile Fallrückzieher von John Jairo Mosquera exakt in die Handschuhe von Simon Jentzsch fiel. Ich lese die Spielaufstellung und erkenne: Aha. Zwei Stürmer. Ich lese die Spielaufstellung und erkenne nicht: Öh? Gar keene Doppel-Sechs? Öh? Peitz statt Younga Mouhani? Ich erkenne ein gutes, weil genaues Zuspiel, wenn ich eines sehe. Manchmal. Ich erkenne prinzipiell keine Torwartfehler, und wenn, dann erkenne ich sie nicht an, soweit es sich um Jan Glinker handelt. Ich bin nämlich außerdem subjektiv und stark von Sympathien geprägt.
Frauen, die sich für Fußball interessieren. Ein Traum.
Ein ganz, ganz schlimmer.

Grün, sagt die Wikipedia, ist der Farbreiz, der wahrgenommenen wird, wenn Licht mit einer spektralen Verteilung ins Auge fällt, bei dem das Maximum im Wellenlängenintervall zwischen 520 und 565 nm liegt – und es gibt keinen Grund, der Wikipedia da zu mißtrauen.
Es pfoffen die Rotkehlchen von den Zäunen: Der Rasen in der alten Försterei ist bespielbar. Nur auf die vorgeschriebenen 520 und 565 nm kommt er nicht. Zum Glück, möchte man sagen, sonst hätte man die Augsburger überhaupt nicht gesehen. Grün gewandet, hochgelobt, stark besetzt, weit gefehlt. Ein kampfeslustiger 1. FC Wundervoll auf einem Acker, der jedes farmville-Spielers Augen leuchten ließe, erspielt sich Chance um Chance – bloß Tore schießt er keine. Der Punkt war “für uns maximal” gab Youssef El Akchaoui denn nach Spielende auch ehrlicher Weise zu. Wenn die Gäste das sagen, sind die Gastgeber gemeinhin unzufrieden. Zu Recht.

„Das Mittel der Repression, des Stadionverbots, ist für uns kein Mittel zur Lösung von Problemen, die tief in der Gesellschaft verwurzelt sind. Wir sind davon überzeugt, dass unser Weg der Kommunikation der richtige ist, denn nur er schafft Verständnis für die Belange der Fans und des Vereins. Nur wer erkennen kann, welchen Schaden er mit seinem Verhalten anrichtet, wird zu der Einsicht gelangen, dass er sein Verhalten ändern muss. Das Stadionverbot ist aber der letzte Schritt, wenn wir unmittelbar Schaden vom Verein abwenden müssen. Genau dann müssen und werden wir ihn auch gehen. Keine der Maßnahmen alleine ist geeignet, die Probleme, die in letzten Wochen aufgetreten sind, zu lösen. Beides zusammen – Kommunikation wenn möglich, Repression wenn nötig – ist in unseren Augen der richtige Weg.“
Präsident Dirk Zingler als Reaktion auf die Vorkommnisse der letzten Zeit.
Spannend wird sicherlich sein, zu sehen, was konkret passiert und wie die beschlossenen Maßnahmen umgesetzt werden. Interessant wird auch die Wahrnehmung durch die unterschiedlichen Fangruppen sein, die sich bereits intensiv mit dem Thema auseinandersetzen. Auf jeden Fall ist es ein Prozess, der die Identität der Fans des 1. FC Wundervoll prägen wird.
Aufgrund von Wetter wird, wie ich eben zu lesen bekomme, das Spiel gegen Rostock heute nicht stattfinden. Ein bißchen leid tut mir dabei die in ihrem Hotel gefangene Rostocker Mannschaft. 18 Männer. Eine meterhohe Schneeverwehung. Raus kommt keiner. Und alle rufen: Jawohl! Ein Kammerstück!
(Bei Agatha Christie geschieht in solchen Szenerien innerhalb der ersten fünf Minuten Schreckliches, und dann kommt Miss Marple. Oder wie hieß der bärtige Belgier? Hercule Poirot. Genau. Wir erinnern uns: keiner kann raus. Aber immer, immer, immer kann der Detektiv rein.)
Es beginnt damit, dass der Brotaufstrich, der “in Geschmack und Konsistenz an Nougat erinnert” unerwartet verschwindet. Taucht zum Frühstück einfach nicht auf. Gemurmel erhebt sich und schwillt an zu Ärger, Ärger macht sich Luft und entlädt sich in Sätzen wie “Nee, ich will keine Marmelade – da haste doch nichts drauf.” Die gesamte Truppe ist total unterzuckert. Als erstes wird der FrühstücksSportdirektor beschuldigt. Der bestreitet alles, stampft eingeschnappt auf die teuren Hotelfußbodenfliesen, dass es nur so scheppert und geht türenschlagend in sein Zimmer, Wii spielen. Unschöne Zwischenfälle ereignen sich derweil an der Rezeption. Worte werden gewechselt, die von wenig Zuneigung sprechen, und ehe man sich´s versieht, wechselt auch eine Blumenvase ihren Standort. Sie zerbirst klirrend im Spiegel hinter dem Empfangstresen. Vielleicht war´s auch der Spiegel, der klirrte – das weiß man hinterher ja nie so genau. Nachdem nun das Eis gebrochen ist – und der Spiegel und die Vase auch – kommt Leben in die Eingangshalle. Schaulustige gesellen sich hinzu, man munitioniert sich mit den Überresten des Buffets, die treffsicheren Stürmer in vorderster Reihe. Jemand wirft eine Melone ein. Die Kellner entzünden Wunderkerzen.
Die Frage nach dem Brotaufstrich gerät darüber etwas in den Hintergrund der Betrachtung. Dafür bekommt die Schreiberin dieser Zeilen Hunger und überlässt die Fortsetzung der Geschichte Dir, geneigter Leser.
(Ich gebe zu: ich bin noch gar nicht aufgestanden. Ich stell mir das vom Bett aus alles ganz bildlich vor und bin gar nicht traurig, dass es in dem putzigen kleinen Dorf, in das ich nachher fahre, kein Internet gibt. Und gleich bringt mir jemand ne Schokoladenstulle vorbei. Ich geb solange ein Lied aus.)
Das neue Album von Tocotronic ist am Freitag erschienen. Passend zum Spiel in Düsseldorf, das am gleichen Tag stattfand, hat sich dieses Lied als Ohrwurm eingenistet.
Wir haben uns nie sehr gut verstanden
Im Allgemeinen
Mein Weltbild war verschieden
Von dem deinem
Wir haben uns geradezu vermieden
da kann ich wirklich nicht verneinen
Deine Kleidung war verschieden
Von der meinen
Derbe Worte fielen dieses Mal beim Podcast. Und die Dichte der Phrasen übertrifft mit Leichtigkeit jede Sendung des “Doppelpass”. Und natürlich fehlte das ziviliserende weibliche Element, so dass es jedem freisteht, seinen Udo Lattek, Jörg Wontorra, Bildheini und so weiter zu identifizieren. Die Sendezeit (”irgendetwas unter 30 Minuten”) überziehen vier Herren natürlich gottschalkesk locker.
Thematisch wurde wie bei Rotkäppchen an jedem Pflänzchen haltgemacht, das sich am Wegesrand anbot. Zuerst geht es um das Verhältnis zwischen Fortuna Düsseldorf und dem 1. FC Wundervoll im allgemeinen. Nach dieser Aufwärmübung wird etwas mehr als eine halbe Stunde das Spiel besprochen, wobei es sich vor allem um den Wurf eines Feuerzeuges und Standprobleme bei der Heimmannschaft dreht. Zum Schluß versuchen wir die potentiellen Aufsteiger in die erste Liga zu identifizieren und widmen uns der Weiterentwicklung der Mannschaft. Welche Baustellen gibt es im Kader und wer wären die potentiellen Kandidaten. Beinahe 90 Minuten beste Unterhaltung.
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Am kommenden Sonnabend spielt Union in Rostock und ich in einer Sandkiste.
Bin ich zu alt für Sandkisten? Die Frage kann man sich schon mal stellen. Doch, ich würde sagen: ich bin deutlich zu alt für Sandkisten. Bin ich zu alt für Fußball? Für Fußball ist es nie zu spät und selten zu früh. Für Fußball habe ich genau das richtige Alter. Alter! Und wie war das mit den Sandkisten, mag ich die eigentlich? Ich kann Sandkisten nicht das geringste abgewinnen. Ich würde sogar noch weiter gehen: Ich verabscheue Sandkisten, schon wegen dem vielen Sand. Und Fußball? Fußball ist König. Und Königin auch. Fußball ist wichtiger als. Für Fußball lasse ich stehen & liegen. Den Geburtstag meiner Oma hab ich geschwänzt, um mir anzusehen, wie uns Eintracht Frankfurt aus dem DFB-Pokal kegelt. Die ist alt, die kann jeden Tag sterben! Also, meine Oma jetzt. Nicht Eintracht Frankfurt.
Fußball, nämlich.
Und dann kuckt mich mein Neffe an. “Teffi, fpielen”, sagt er. Er fragt das nicht. Er bittet auch nicht. Er sagt das einfach so, mit unfassbarer Klarheit. Das Kind hat Korkenzieherlocken aus Gold und genau die Sorte Stupsnase, für die das Wort Stupsnase erfunden worden war. Kuckt mich mit hellem Blick an, und ich höre mich sagen “klar, ich hab Sonnabend Zeit, ja doch, fpielen wir was Schönes, dann. Hast Geburtstag, Süßer. Weiß ich doch. Ich bin da. Versprochen!”
“Wie schwer kann es sein?” fragt man sich und andere. Wie schwer kann es sein, das Richtige zu tun?
Es ist ganz leicht.
Weil es das Richtige ist.
„Hinsetzen! Hinsetzen! Hinsetzen!“ schallt es von hinten. Gerade wurde das Spiel angepfiffen und genau eine Viertelstunde vorher die Zuschauer gebeten, sich auf ihre Plätze zu begeben. Die Jungs, die vorher noch eifrig mit ihrer Fahne wedelten, sitzen brav auf ihrem Plastiksitz und harren der Dinge.
Borussia Mönchendgladbach zu Gast im Olympiastadion. Drei Punkte müssen her. Vor dem Stadion werden Aufholjäger-Shirts verkauft. Von Elektrisierung allerdings wenig zu spüren. Der innere Motor möchte einfach nicht anspringen bei diesen niedrigen Temperaturen. Aber mit Anpfiff ist der ganze Ärger über laute Musik, laute Stadionsprecher und laute Werbung dahin, die die Vorfreude auf das Spiel gar nicht erst haben aufkommen lassen. Jetzt wird geklatscht. Jetzt wird gesungen. Und das alles im Stehen. Und zwar bevor der Motor komplett einfriert.

Ganz oben am Oberring angekommen. Hier meckert keiner mehr, wenn die Zuschauer stehen. Denn da pfeift nur noch der Wind. Und unten versucht die Mannschaft, den Gladbacher Riegel zu knacken, ohne allerdings sich im Gegenzug völlig zu entblößen. Schreien. „Lauf Lutscher!“ – „Zur Grundlinie!“ – „Nun hilf ihm doch mal auf außen!“ Torchancen entstehen. Torchancen werden vergeben. Zufällig herausgespielt. Hier und da eine starke Einzelaktion. Allerdings kaum der Versuch, das Spiel auseinanderzuziehen.
Dingdong. Tor in Bremen. Dingdong. Tor in Nürnberg. Dingdong. Tor in Bochum. Eckballverhältnis wird präsentiert von Schlagmichtot. Dingdong. Swooosh. Die Schussgeschwindigkeit präsentiert von Kackmichzu. Was passiert eigentlich auf dem Feld? Elfmeter. Drobny hält. Der positive Schwung verpufft. Halbzeit. In der Zwischenzeit ist das Bier eingefroren. Schollen treiben auf der Oberfläche. Die Flüssigkeit ist mit Kristallen durchsetzt.
In der zweiten Hälfte beim Spiel auf die Ostkurve wird das Dilemma offenbar. Einige schöne Pässe kommen ob nicht abgestimmter Laufwege nicht an. Und ab Höhe Strafraum wird Richtung Tor abgebogen, anstatt über die Grundlinie den Ball in den Rücken der Abwehr zu spielen. Gladbach will nicht mehr als einen Punkt holen und Hertha fehlt die Idee eines eigenen Spiels.
Und immer wieder dingdong und swooosh. Konzentration auf das Spiel ist schwierig. Zwischendurch werden die Schalker mit Liebesgrüßen bedacht. Warum Schalke? Es geht um Hertha. Und da unten steht Gladbach. Jubel bei Bremer Toren gegen Bayern. Eigentlich momentan in einer anderen Welt. Abstiegskampf – Fehlanzeige. Konzentration aller auf ein Ziel – leider Fehlanzeige. Zu solchen Spielen müsste eigentlich das ganze Stadion die Ostkurve sein. Passend dazu eine Szene in der übervollen S-Bahn danach: Blau-weiße Massen stürzen hinein, hüpfen und schlagen gegen die Scheiben. Sie singen. Zwei Herthaner planen ihre Reise nach Lissabon. Plötzlich schreit der eine: “Könnt ihr mal ruhig sein alle!” Um sich danach etwas ruhiger aber verachtungsvoll über die “Erfolgsfans” aufzuregen. Auf Platz 18. Der Abstiegskampf ist wirklich noch nicht überall angekommen.
Noch im letzten Podcast hatte ich geradezu geklagt, es gäbe in dieser fabelhaften, professionell durchstrukturierten Welt der 2. Bundesliga gar keine standesgemäßen Erzfeinde mehr. Nur Fairness, Sportlichkeit und freundliche Menschen, wohin man sich auch dreht und wendet. Es fehlte mir eine Mannschaft, die ich so richtig nicht leiden kann. Dabei ist das, wie jeder weiß, essenzieller Bestandteil von Fußballfankultur. Fortuna Düsseldorf hat sich heute redlich und nicht ohne Erfolg bemüht, diesem Mißstand abzuhelfen.

Nun gehört zu einer mit Leidenschaft gelebten, innigen Feindschaft noch einiges mehr, aber die erforderliche Grundunsympathie ist durchaus vorhanden, für einen “Erzfeind der Herzen”* sollte das genügen.
Das Spiel selbst läßt sich mit weniger als 140 Zeichen beschreiben:

Man könnte kleinlich einwenden, dass dieser unberechtigte Freistoß verdammt gut geschossen war. Wär´s nicht Düsseldorf, ließe man sich eventuell zu einem “überragend” hinreißen. Aber: Es war ja nun mal Düsseldorf.

* Anm: “der Herzen” sind immer die, bei denen es für was richtiges nicht gereicht hat.