“Da war mehr drin.”

“Da war mehr drin.” Das war der Satz, den ich gestern Abend nach dem 1:2 von Union gegen Eintracht Frankfurt am häufigsten gehört habe. Und es ist wohl die Zusammenfassung, der die meisten erst einmal zustimmen würden. Nur welche Schlüsse werden daraus gezogen? Ab hier gab es wohl mehr Meinungen als Zuschauer im Stadion. Da gibt es diejenigen, die jetzt schon fast aufgeben und sagen, dass Union halt eine Zweitliga-Mannschaft sei und mit Zweitligafußball absteigen werde. Da gibt es andere die Fortschritte in der Zweikampfführung sehen, aber sich über die vielen unsauberen Ballannahmen wunderten und das als Problem anführen. Andere sagen, dass Union auch mal zu null spielen muss, wenn sie solch ein Spiel gewinnen wollen. Und noch einmal andere verweisen auf die sehr wenigen hochklassigen Tormöglichkeiten von Urs Fischers Team. Und manche fanden die Stimmung von Unionseite nicht so anfeuernd, wie die Mannschaft es vielleicht nötig gehabt hätte.

Ich finde, dass es für alle diese Ausführungen nachvollziehbare Argumente gibt, auch wenn ich nicht alle Meinungen teile. Für mich war diese Partie sinnbildlich dafür, wie Union in dieser Bundesliga auftreten muss. Die Mannschaft muss jede Sekunde kämpfen und kratzen, um sich irgendwie in dieser Spielklasse festzubeißen. Das ist stressig. Weil Gegner wie die Eintracht darauf aus sind, Stress zu verursachen. Das führt dazu, dass Bälle unsauber verarbeitet werden, teils abenteuerliche Fehlpässe gespielt werden und sich auch mal ein Raum öffnet, der so nicht vorgesehen war. Union muss sich an die Bundesliga anpassen. Von der Spielweise her. Und wir sehen in jedem Spiel, wie gut das klappt oder eben nicht. Die Belohnung fehlt noch.

Aber ich lasse mir den Optimismus nicht nehmen. Denn einerseits hatte Frankfurt nun auch nicht unglaublich viele Chance (die aber waren wirklich hochklassig und dann durchaus effizient genutzt). Und andererseits habe ich nach zig versprungenen Bällen gesehen, wie Anthony Ujah einen Ball aus der Luft gepflückt hat und der ihm am Fuß klebte. Außerdem: Urs Fischers Team hat ein Tor geschossen. Aus dem Spiel heraus. Wenn es schon nicht mit Punkten geklappt hat, dann war das zumindest ein kleines Erfolgserlebnis, nachdem es in Leverkusen keinen Torerfolg (und auch keine Chancen) gab und gegen Bremen der Treffer nach einem Elfmeter fiel.

Manuel Schmiedebach versucht Djibril Sow den Ball abzujagen, Foto: Matze Koch

Ich gehöre nicht zu den Menschen, die sich die kuschelige Zweite Liga zurückwünschen oder enttäuscht sind, dass Union die Eintracht nicht an die Wand spielt (ich glaube allerdings, dass es in diesen Extremen nur sehr wenige gibt). Ebenso wie die Spieler das aushalten müssen, benötigen auch wir eine neue Frustrationstoleranz. Das, was Union sportlich gerade erlebt, ist normal. Wie wir damit umgehen, ist wichtig. Mein niedergeschlagenes kleines Kind hat gestern wieder zu strahlen begonnen, als ihm nach dem Spiel leere Becher zugesteckt wurden. Mein großes Kind hing danach vor Fifa20. Wir haben alle unterschiedliche Arten, mit Enttäuschung klarzukommmen.

Für die Mannschaft war es nach Abpfiff vielleicht wirklich sehr wichtig, vor der Waldseite ein paar Minuten länger zu stehen und sich den Zuspruch abzuholen. Und für uns war es vielleicht noch einmal wichtig diesen Zuspruch dem Team und uns selbst zu geben. Wir haben uns auf eine lange, gemeinsame Reise gemacht. Wir wussten von Beginn an, dass sie wahnsinnig schwer wird und es keine Erfolgsgarantie gibt. Und jetzt sind wir unterwegs. Es ist schwer. Es ist unbequem. Es ist enttäuschend. Aber wir sind zusammen. Das ist das wichtigste.

Hier die Spielberichte der Berliner Medien:

Was ich ebenso wie mein lieber Freund Jan schon vom ersten Spieltag nicht hören kann, ist dieses “aber wir wünschen euch den Klassenerhalt”. Ich brauche das nicht. Union ist nicht das kleine Kind, das vom Laufrad zu früh auf das Fahrrad gewechselt ist und nun ständig hinfällt. Das Stadion an der Alten Försterei ist auch nicht die urige Holzhütte, zu der man fährt, um mal wieder das ursprüngliche Leben zu spüren, aber danach auch froh ist, wenn man zu Hause wieder über schallgedämpftes Laminat wandelt.

Union hat es sportlich verdient, in dieser Liga zu spielen. Und das Team hat auch Chancen auf den Klassenerhalt. Und in unserem Stadion machen wir Dinge, weil wir sie so gut finden und nicht, weil wir anders sein wollen. Das Stadionerlebnis bei den anderen 17 Klubs ist uns ziemlich egal. Oder um es mal mit den abgewandelten Worten von Uli Hoeneß zu sagen: Für euer Stadionerlebnis seid ihr selbst verantwortlich.

Podcast

Wir nehmen heute Abend um 20 Uhr unseren Podcast auf und senden auch live. Vielleicht kommt Basti vom Eintracht-Podcast dazu, mit dem ich gestern vor dem Spiel noch eine Drittort-Auseinandersetzung hatte.

Auf den anderen Plätzen

Die A-Junioren spielen heute um 13 Uhr bei Dynamo Dresden. Die B-Junioren sind um 13.30 Uhr bei Hannover 96 dran.

Und als allerletztes: Gute Besserung an Andy Gogia! Das sah leider überhaupt nicht gut aus.

Andy Gogia muss verletzt vom Platz, Foto: Matze Koch

14 Gedanken zu „“Da war mehr drin.”

  1. Apropos Stress, apropos Stadionerlebnis: Die Mikrolautstärke der Capos ist UNERTRÄGLICH! Die eigentliche Idee dahinter Ist ja super, aber dieses Niedergebrülle in dieser völlig überzogenen Lautstärke hat mit Fußball pur nix mehr zu tun. Auch trägt es keineswegs zu einer besseren Stimmung bei.

  2. Klasse zusammen gefasst. Hätte es nicht besser ausdrücken können. Freue mich schon auf den Podcast 😁👍

  3. Boa, Zweitligist der sich mal ausprobieren will ?
    Nach 6 Spieltagen schon aufgeben ?
    Nee, ist noch nichtmal 1/4 der Saison gespielt, fast nur gegen Gegner die im oberen Drittel erwartet werden, mal einen Blick auf die Tabelle werfen, die Gegner in unserem Tabellenumfeld kommen erst alle noch.
    Wer kämpft kann verlieren, wer nicht kämpft hat schon verloren !

  4. Deine letzten 7 Sätze sprechen mir aus der Seele!! Das wichtigste ist.. WIR sind zusammen! großes Dankeschön!

  5. Phrandt hat ja so Recht. Der Capo is mindestens doppelt so laut wie die gestern wirklich wieder extragute Mucke von Wumme, die würd ich persönlich gern ein bisschen lauter haben, die hätte es verdient. Ich lass mich genauso ungern von irgend einem humorfreien Typen anbrüllen, ich soll beide Hände hoch nehmen, gefälligst, und zwar jetzt, wie ich mir sagen lassen will, dass ich das aber jetzt schön gemacht habe. Fehlt noch, dass er Sternchen verteilt. Der ist nicht meine Kindergartentante und ich bin nicht mehr fünf. Bisschen weniger laut, dann kann man den Quatsch im Zweifel auch mal ignorieren.
    Und, ja, da war mehr drin. Gegen Dortmund wär nebenbei auch weniger drin gewesen, da muss man doch ehrlich sein, aber das nehm ich genau so mit wie ne Niederlage gegen einen sehr gut spielenden Gegner. Wir haben uns nicht blamiert und das reicht mir im Moment völlig. Alles andere kann noch kommen.

  6. Komm gut durch die nächsten Monate, Andy! Freue mich auf deine Rückkehr auf den Rasen.

  7. Danke für dieses SotU, tut gut und hebt die Stimmung nach dem enttäuschenden Ergebnis gestern. Das Spiel selbst fand ich super (soweit ich das nach dem Schnaps davor noch beurteilen konnte)… ;)

    Zwei Fragen bleiben: Was soll das mit den Mikros der Capos in dieser Lautstärke (ich glaube ernsthaft, dass die das auch selbst gar nicht gut finden)?

    Was ist mit Bunki los?

  8. “Wir sind zusammen, das ist das Wichtigste”, aber so watt von, lieber Sebastian! Danken für die Verweise auf all die Spektren. Ich bin in meiner Kolumne da total einseitig – siehe Dein 1. Satz. Eisern grüßt Dich Nussi

  9. der 1. FC UNION BERLIN ist eins von 18 erstligateams.
    jegliches andere gelaber ist unangebracht, faktisch falsch und transportiert nichts außer der frustration dessen, der was anderes behauptet. und das bringt überhaupt nichts. das führt zu nichts.
    finden wir uns endlich damit ab, dass wir in der ersten liga spielen. ob das über die saison hinaus so bleibt oder nicht, steht auf einem anderen blatt.

    EISERN

  10. Pingback: Union Berlin: Braucht es die Mikrofone der Capos oder stören sie? › Textilvergehen

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