Blog State of the Union

Ein Sieg für den Kopf, den alle bei Union gebraucht haben

Wie leicht seid ihr heute morgen aufgestanden? Ich muss zugeben, dass es mir sehr leicht fiel. Genauso wie am Sonntag nach dem 3:1 von Union gegen Borussia Mönchengladbach. Keine schweren Gedanken, die mich beschäftigen. Ganz im Gegenteil. Als ob die Spieler mir mit ihren Toren Heliumballons angebunden hätten, schwebe ich seit Sonnabend Nachmittag durch den Alltag. Es ist dieses Glücksgefühl, das uns immer wieder zum Fußball gehen lässt. Diese Hoffnung, die uns verkauft wird. Die Hoffnung, alles würde gut und wäre so einfach wie ein Fußballspiel. Ich muss sagen, dass ich es sehr genieße. Und hoffentlich hält diese Wirkung noch eine Weile an.

@aeneajr spricht uns aus dem Herzen, Screenshot: Bluesky
@aeneajr spricht uns aus dem Herzen, Screenshot: Bluesky

Natürlich wird jetzt von den Berliner Medien die Frage gestellt, was Nenad Bjelica alles anders gemacht hätte als sein Vorgänger Urs Fischer. Viererkette statt Dreierkette. Spielern das Vertrauen geschenkt, die vorher keine Rolle gespielt hätten. Das stimmt natürlich alles und mit den Torschützen Kevin Volland, Benedict Hollerbach und Mikkel Kaufmann gibt es die Argumente dafür vom Spielbericht frei Haus.

Ich finde, dass dieser Gegensatz zwischen Urs Fischer und Nenad Bjelica gar nicht aufgemacht werden muss. Denn Bjelica wäre ein schlechter Trainer, wenn er Dinge aus Prinzip anders machen würde. Er hat Dinge gesucht, bei denen er schnelle Effekte sichtbar machen kann. Das was man gemeinhin als die Quick Wins oder tiefhängende Früchte bezeichnet, die einfach zu pflücken sind. Gosens und Roussillon gleichzeitig spielen lassen. Dafür auf Viererkette umstellen, Hollerbach auf den Flügel ziehen, um seine Stärken im 1 gegen 1 zur Geltung bringen zu können. Flach in die Spitze spielen, um flexibel bei der Stürmerwahl zu sein.

Hat schon vieles verbessert, aber die Yoga-Position "Der Stuhl" kann er noch nicht perfekt: Nenad Bjelica, Foto: Matze Koch
Hat schon vieles verbessert, aber die Yoga-Position „Der Stuhl“ (Utkatasana) kann er noch nicht perfekt: Nenad Bjelica, Foto: Matze Koch

Bjelica ist in die Köpfe gekommen

Das sind Dinge, die wir auch schon gegen Braga im Versuch gesehen haben. Aus dieser Sicht heraus war die Partie gegen Gladbach schon nicht mehr neu (ja, ich weiß, dass Hollerbach in der Champions League nicht spielt und Volland da auf einer anderen Position gespielt hat). Was aus meiner Sicht tatsächlich wichtig war: Bjelica hat es geschafft, die Köpfe seiner Spiele etwas freizubekommen. Der Spaß und die Freude scheint im Training wieder zurück zu sein.

Abseitstor in der ersten Minute? Egal, weitermachen. Viele gute Chancen nicht genutzt? Egal, weitermachen. Elfmeter. War da was gegen Augsburg? Egal, reinmachen. Sich im Offensivspiel die Kombinationen anschauen zwischen Gosens, Volland und Behrens war eine Freude. Ebenso die Duelle von Hollerbach, der sich zurecht in der Montagsausgabe des Kickers die Auszeichnung als „Spieler des Spiels“ abgeholt hat.

Spieler des Spiels im Kicker: Benedict Hollerbach, Foto: Matthias Koch

Dieser Sieg war nicht nur für unseren Kopf wichtig. Er war auch wichtig für die Mannschaft, die hoffentlich auch den Glauben an das Spielglück wieder etwas gewonnen hat. Gladbach trifft nicht kurz vor der Pause zum Ausgleich, dafür erhöht Union kurz nach Wiederanpfiff. Erst trifft Kaufmann, dann erst die Gäste zum 1:3.

Wie sehr ein Gegentor noch am Selbstverständnis des Teams nagt, hatten wir in Bjelicas erstem Spiel gesehen und auch gegen Gladbach war es zu sehen, wie ein sehr aktives Union für eine gewisse Zeit seltsam passiv wurde. Gladbach wurde nicht mehr attackiert und konnte bis 30 Meter vor dem Tor nahezu ungestört den Ball zirkulieren lassen. Dass diese Phase überstanden und das 3:1 am Ende so über die Zeit gebracht wurde, ist vielleicht viel mehr wert als ein viertes Tor.

Fofana muss raus aus der Opferrolle

Und da ist noch die Personalie David Fofana (Bild, MOZ). Auf den Rängen vermuteten wir eine Verletzung, doch der Ivorer war gesund. Auf der Pressekonferenz nach dem Spiel (AFTV) sagte Bjelica dazu: „Jeder, der sich mit dem Verein identifiziert und alles tut, ist willkommen. David wird willkommen sein, wenn er es tut.“

Das kann man so stehenlassen. Ich würde dem Angreifer vielleicht mitgeben, dass er aus der Rolle des einfachen Opfers raus sollte. Schon die Suspendierung unter Urs Fischer war nicht unumstritten, weil die „Verfehlung“ nicht schlimmer war als die anderer Spieler. Aber das Timing dafür war schlecht. Dasselbe gilt für das Training unter einem neuen Coach. Da gibt es als Spieler nur eine Aufgabe: dem Trainer zeigen, dass er nicht an einem vorbei kann, wenn es um die Aufstellung geht. Wie man das anstellt, weiß jeder Spieler für sich selbst am besten.

Dadurch, dass Bjelica nach dem Spiel Fofana implizit genau das abspricht, muss man sagen, dass es dem Stürmer nicht gelungen ist, den Coach von sich zu überzeugen. Und Bjelica glaubt, dass Fofana möglicherweise die sehr direkte Ansprache via Öffentlichkeit benötigt, um das zu verstehen.

David Fofana teilt in seine Insta-Story Fitness-Übungen. Überzeugen muss er den Trainer aber im Mannschaftstraining., Screenshot: @datro_9
David Fofana teilt in seine Insta-Story Fitness-Übungen. Überzeugen muss er den Trainer aber im Mannschaftstraining., Screenshot: @datro_9

Respekt an die Leidensfähigkeit

Ich möchte es einmal zum Ausdruck bringen, wie hoch mein Respekt ist, dass diese über 3 Monate Sieglosigkeit des Teams auf Fanseite so überstanden wurden, dass dem Team immer klar war: Ihr habt unseren Support, wenn ihr alles reingebt. Das ist nicht selbstverständlich. Für Frust gab es schließlich auf beiden Seiten genug Anlass. Trotzdem wurden keine Gräber ausgehoben oder die Mannschaft angegriffen. Es gab auch keine Pfiffe. Trotz der Boone’schen Regeln ist das nicht selbstverständlich.

Fazit auf Bluesky von @es-flimpert
Fazit auf Bluesky von @es-flimpert

Das sind die Berichte der Berliner Medien:

Vor dem Spiel gegen Real Madrid am Dienstag berichtet die Bild darüber, welche Abläufe Bjelica ändert. Und der Kurier findet es schade, dass Hollerbach nicht gemeldet ist. Das ist allerdings seit vielen Wochen bekannt und ich frage mich, wozu man etwas bedauern soll, was nicht zu ändern ist.

Ich freue mich natürlich auf die Partie gegen Madrid. Aber gar nicht wegen des Gegners, sondern weil es eine riesige Chance ist für das Team, sich vielleicht mit einem guten Spiel aus der Champions League zu verabschieden. Das ist eine Partie für das Fotoalbum. Die sollte wirklich jedem Spieler leichtfallen.

Wir alle wissen, dass Bochum am Wochenende um ein Vielfaches wichtiger ist. Aber das sollte weder uns Fans noch die Mannschaft daran hindern, dieses Spiel am Dienstagabend zu genießen und jedes Duell, jede gelungene Aktion zu feiern.

Podcasts

Bei Herricht und Preil gab es die wunderschöne Langspielplatte mit dem Titel „Eine Überstunde gute Laune“. Und so wie ich mich als Kind darüber gefreut habe, wenn es mit der Deutschen Reichsbahn nach Hohenwulsch ging, habe ich mich am Sonntagabend sehr gefreut, mit Taktik&Suff im Gute-Laune-Zug noch die Extrameile zu fahren. Außerdem gab es in der Episode noch für die Abergläubischen unter uns ein paar Worte vom Glückskomitee. So wurde hinreichend erörtert, ob biergeduschte Glücks-Textilien gewaschen werden dürfen oder nicht. Für mich, der ich gegen Gladbach erstmals in dieser Saison mit der gelben Jacke im Stadion war, eine nicht ganz unwichtige Information.

Von uns gibt es auch etwas auf die Ohren: wir senden heute Abend ab 20 Uhr live unsere Episode zum Spiel.

Die Investoren-Abstimmung

Felix hatte bereits im State of the Union am Sonntag von Unions Standpunkt zum Investoren-Thema berichtet (Vereinsmitteilung). Der RBB hat einen Text mit etwas Grundlagenarbeit zum gesamten Thema im Angebot. Ich habe mir zum aktuellen Entwurf noch keine endgültige Meinung gebildet und kann mir tatsächlich vorstellen, dass die Abstimmung am heutigen Montag vielleicht gar nicht wie geplant stattfinden wird.

Mein Eindruck ist insgesamt schon, dass zwei Dinge tatsächlich fehlen. Nämlich eine breite Diskussion darüber, wohin man sich als Bundesliga und Zweite Liga entwickeln möchte. Und wenn man das weiß, mit welcher Strategie man diese Ziele verfolgen will. Das muss aus meiner Sicht nicht öffentlich diskutiert werden. Aber es scheint klar, dass es da innerhalb der DFL sehr klare Zielkonflikte gibt. Um es vielleicht polemisch zu sagen: Man kann ein Spiel, das niemanden interessiert, wie Hoffenheim gegen Leipzig, natürlich digital im Ausland vermarkten und dafür viel Geld ausgeben für Streamingplattform und so weiter. Am Ende bleibt es ein Spiel, das niemanden interessiert.

13 Kommentare zu “Ein Sieg für den Kopf, den alle bei Union gebraucht haben

  1. Guten Morgen zusammen,
    bester Montag seit langem auf der Arbeit :)
    Am Samstag geht es weiter!
    Hätte noch jemand 2x Karten für das Abendteuer Bochum?
    Als Exiler am Niederrhein wäre es ein Träumchen.

    • Musiclover

      Der Vorverkauf läuft noch bis morgen. Einfach öfter mal im Zeughaus nachschauen. Noch steht da nix von ausverkauft. Viel Erfolg. Ist im Zeughaus ja leider immer noch nötig.

  2. Ich weiß nicht mehr so genau, ob Leipzig gegen Hoffenheim wirklich „keinen interessiert“. Am Ende ist es nur eine Frage der Gewöhnung. Ein Klub spielt lange genug in der Bundesliga und bald kann man sich gar nicht mehr so richtig erinnern, wann das denn nicht der Fall war. Dann qualifiziert er sich oft genug für den Europapokal und gehört irgendwann auch dort zur festen Größe. Packt man noch ein paar Nationalspieler oben drauf, hat man auf einmal einen „attraktiven“ Klub.

    Das ist nicht meine Meinung, aber ich denke, dass es so bei einer Mehrheit der Fußballfans/-interessierten/-konsumenten so kommen wird.

    • Senfbeilage

      naja wenn man sich die Stadien anguckt, sind die einfach mal leer. Ich glaube da kann man schon von interessiert keinen reden. Hoffenheim und RB spielen ja nun auch schon lange genug BL und teilweise international. Trotzdem ist von einem dauerhaften Interesse nichts zu spüren. Von Gewöhnung im Rummel Bundesliga schon eher.

  3. Hollerbach als „Spieler des Spiels“ geht sicher in Ordnung, für mich persönlich ist es aber Rouss. Was der Mann da abgerissen hat und unterwegs war, war schon sehr beeindruckend, und für mich am Samstag der Motor in der Mannschaft.

    • sehr ich genauso, rouss ist für mich die Überraschung der Saison, das erste Spiel gegen Mainz war schon mega und ich habe es sehr bedauert, dass er danach auf die Bank gesetzt wurde.

  4. Ihr lieben Unioner, ick habe immer wieder Pipi inne Oogen und konnte heute meinen Kollegen (der ist Bayern-Fan!…OmG!) sogar gutgelaunt trösten…;)nun freu ich mich sowas von auf morgen Abend – dit wird geil! Madrid muss sich warm anziehen – ich tippe auf 3:2 für uns :)…Eiserne Grüße nach nah und fern – und wer kein Ticket hat, dem sei der neue Union-TV-Kanal empfohlen (kommt auf radioeins immer die Werbung)…

  5. Leider habe ich die Hoffnung in einen Diskurs über einen Investoreneinstieg schon längst gänzlich verloren. Und die Frage, wo man hin will, wird glaube ich weniger für die Liga als vielmehr für die eigene Brieftasche beantwortet.

    Am 9.12. kommentierte Jan hier u.a. die Zahlen, wie viele Menschen durchschnittlich in die Stadien der großen Ligen gehen. Leider wird „das Kapital der Fans“ meiner Meinung nach von DFL und DFB nicht hinreichend berücksichtigt. Sportlich wird die Bundesliga auf lange Sicht nicht an die Premier League herankommen und auch die anderen Top-Ligen (Spanien, Italien) sind zumindest auf gleichem Niveau, insbesondere, wenn wir uns anschauen, wie stark das Gefälle zwischen den Top 4 und dem Rest der Liga ist. Die Besonderheit (in Wirtschaftssprache vielleicht das Alleinstellungsmerkmal) sind eben die Fans und auch die Ultras. Ich meine hier einerseits die Stimmung, die auch teilweise vermarktet wird (insbesondere im Ausland), aber insbesondere auch das Engagement. Wie sich Ultras oft zu gesellschaftsrelevanten Themen äußern, welche Projekte sie initiieren und am laufen halten (eisern statt einsam, Drachenbootrennen, etc), wie sie sich teilweise politisch engagieren (Schickeria bezüglich der Aufarbeitung der NS-Zeit), sind bemerkenswert. Aber leider findet das in der Regel keinerlei Einzug in die breite Berichterstattung.

    Das Spruchband der Woche
    Die Choreo des Jahres

    Die Bedeutung von Gesängen
    Interviews mit Fans

    Man könnte hier so viel machen und daraus auch „Kapital“ schlagen beziehungsweise damit die Auslandsvermarktung befördern (und gleichzeitig „die Fans mitnehmen“), aber das passt nicht ins Bild der Verbände, dass diese Chaoten nur stören.

  6. Es hatte schon seine Gründe, warum Fofana letzte Saison bei Chelsea unter verschiedenen Trainern nie zum Einsatz kam, obwohl die einen eklatanten Mangel an Stürmern hatten (auch wenn das bei deren Transferverhalten unglaublich klingt). Er ist jung und talentiert und kann sich entwickeln, aber das ist eben keine Einsatzgarantie.

  7. de Ferrara

    Die Nachsicht Fofana gegenüber finde ich nicht angebracht. Den Trainer vor der gesamten Öffentlichkeit zu demütigen ist völlig unverträglich mit den Werten, für die Union steht. Da muss er noch viel lernen, schlimm, dass er es bei uns lernen muss, so kleen ist er ja nun auch nicht mehr. Für Diven und Schnösel ist bei uns kein Platz. Hab zwar etwas geschluckt bei Belicas öffentlichem Statement, aber er hat Recht.
    Ansonsten spricht mir der Beitrag aus der Seele. Das Thema Gegentor hab ich genauso wahrgenommen. Was wäre, wenn wir frühzeitig ne Bude gekriegt hätten? Haben wir nicht, weil wir nach vorn gedrückt haben. Son kleiner Zweifelteufel bleibt auf meiner Schulter sitzen bei aller Zuversicht und allem Respekt vor dem gesamten Team. Nun lasst uns Spass haben mit Real.

  8. Empfinde genauso wie der Rest was diesen so unbeschreiblich wichtigen Sieg Samstag angeht. Will dazu gar nichts weiter sagen was nicht schon gesagt wurde.
    Zwei Gedanken, die aus meiner Sicht hier noch nicht ausreichend erwähnt wurden:
    1) die absolut unzureichende Vorstellung der Gladbacher, die bisher fast immer ( nur einmal 1 zu 1 ) ohne Punkte/Sieg aus der AF abgereist sind und diese Tradition offensichtlich nicht beenden wollten.
    Ich hab mal irgendwo gelesen, dass man selbst nur so gut ist, wie der Gegner ( und der Schiri – danke für den Elfer) es zulässt.

    2) Ich selbst war nicht im Stadion, nur am TV, da meine Familie endlich mal wieder Zeit mit mir an einem Wochenende verbringen wollte.
    Dass nun ausgerechnet dann der Knoten bei ein Heimspiel platzt, welches ich nicht live im Wohnzimmer erlebt habe, lässt die Frage nach dem Waschen des Glückstrikots gar nicht erst aufkommen. Vielmehr wurde ich von verschiedenen Seiten gebeten, der AF erstmal fernzubleiben! Meinen Kummer darüber muss ich ja wohl nicht weiter ausführen…
    Schlussendlich werde ich deshalb auf das Oly morgen und dann auf „Anne Castroper “ am Samstag ausweichen um das Team weiter zu supporten…gegen Köln schleiche ich mich dann. wieder heimlich inne AF und hoffe, dass es nicht an mir liegt/lag…

    Eisern und Treu!

  9. Auf jeden Fall sollten wir zum Wintertransfer im Sturm nochmal nachlegen.

  10. Sehr guter und wichtiger Sieg. Mit der Moral und Nenad als 1A Trainer sollte der Klassenerhalt gelingen. Ich bin nicht der Meinung das man im Winter weitere Spieler holen sollte, sondern eher den einen oder anderen gehen lässt. Das Potential ist in der Truppe um die Klasse zu halten.

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