Blog State of the Union

Union spielt so souverän, dass langsam das Augenreiben zu Routine wird

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich habe mir heute nach dem Aufstehen nicht nur wegen des Schlafsandes die Augen reiben müssen. Grund dafür war mal wieder mein ungläubiger Blick auf die Tabelle: Union steht weiter auf Platz fünf, hat die letzten drei Spiele gewonnen und ist seit sieben Bundesliga-Partien ungeschlagen.

Beim zweiten Auswärtssieg in Folge spielte Union mal wieder äußerst souverän und hatte ganz ganz am Ende dennoch Glück, dass der letzte Kölner Freistoß nur an den Pfosten ging.

In den 93 Minuten zuvor war Köln bis auf den Ausgleichstreffer eigentlich kaum gefährlich. Was neben der fehlenden Kreativität auf Seiten der Kölner vor allem an Unions abermals herausragender Defensivarbeit lag. Diese drückt sich auch nach dem 8. Bundesliga-Spieltag durch den drittniedrigsten zugelassenen Expected goals-Wert aus.

Marvin Friedrich war einfach Marvin Friedrich und ließ im Verbund mit dem stürmenden Solo-Dribbler Robin Knoche (in der zweiten Halbzeit spazierte der 28-Jährige einmal in Lucio bzw. Schlotterbeck-Manier nach vorne) Sebastian Andersson praktisch unsichtbar wirken. Nach vorne leitete Friedrich zudem die Ingvartsen-Großchance als auch das 1:0 ein. Immerhin dieses Tor erinnerte dann doch ein bisschen an Anderssons Zeit bei Union: Lang und weit, Verlängerung, Tor. In den Hauptrollen waren diesmal aber die durchsetzungsstarken und kaltschnäuzigen Marcus Ingvartsen und Taiwo Awoniyi.

Zunge raus, Nachschuss rein. Rekord verpasst, Siegtreffer gemacht: Max Kruse, Foto: Matze Koch

Leider musste Union schon kurz nach dem Führungstor die nächste Verletzung beklagen. Prömel kam für den mit Sprunggelenksprobleme kämpfenden Griesbeck. Immerhin verletzte sich danach, trotz der zum Teil grenzwertigen Gangart der Kölner, niemand mehr. Auch Grischa Prömel, der scheinbar erfreulicherweise schon fitter als gedacht ist, ließ sich von einem groben Foul nicht stoppen und spielte nach seiner Einwechslung bis zum Schluss. Hoffen wir, dass in den nächsten Tagen keine neuen Verletzungen hinzukommen.

Max Kruse verpasst den alleinigen Elfer-Rekord und trifft trotzdem

Im zweiten Durchgang war das Spiel dann trotzdem eine zähe Angelegenheit, auch wenn Union die besseren, (wenigen) Chancen hatte. Erfreulicherweise ließ sich aber eine beruhigende und schöne Erkenntnis beobachten: Selbst wenn Max Kruse als Unions Ideengeber und Initiator vieler Angriffe nicht seinen besten Tag erwischt – auch weil er wie Christopher Trimmel analysierte größtenteils in eine Art Manndeckung genommen wurde – kann sich Union Chancen herausspielen und ein Bundesliga-Spiel gewinnen. Vor allem da man nach Ballgewinn immer blitzschnell umschaltet (wie vor dem Elfmeter, Kruse spielte den entscheidenen Pass) und sich wie vor dem 1:0 nicht zu schade ist, bei Gelegenheit auch immer wieder den „alten Stil“ aus der Vorsaison mit Andersson anzuwenden.

Trotz der eher blassen Vorstellung wurde Max Kruse schlussendlich dann doch wieder zum Matchwinner. Allerdings verpasste er einen Bundesliga-Rekord aufzustellen, den wohl niemand so schnell geknackt hätte. Nach 16 Bundesliga-Elfmetertreffern in Folge verschoss Kruse im 17. Versuch das erste Mal und traf Sekundenbruchteile später per Nachschuss dennoch. Warum Kruse nicht traf, erklärte er in seiner ganz eigenen Art nach dem Schlusspfiff: „Wir haben 15 Punkte auf dem Konto, wir haben seit sieben Spielen nicht verloren. Das ist, worüber man schreiben soll. Und deshalb habe ich ihn nicht reingemacht.“

Das schreiben die Medien zu Partie in Köln

Außerdem wird beim RBB das Spiel als Unions schlechteste Saisonleistung seit der Auftaktniederlage gegen Augsburg bezeichnet. Ich persönlich fand das Spiel gegen Augsburg nicht so schlecht, wie es im Nachhinein gemacht wurde. Klar seitdem hat Union sich nochmal (klar) gesteigert. Trotzdem war in dieser Partie auch einfach das Spielglück nicht auf unserer Seite.

Darüber hinaus finde ich die Analyse zu negativ, da es so klingt als wenn Union nun jeden Gegner fußballerisch dominieren müsste. Natürlich hat Union in den letzten Wochen attraktiveren Fußball als gestern gezeigt. Jedoch stand Köln auch einfach sehr kompakt. Dafür haben die Domstädter nach vorne aber bis auf zwei Standardsituationen nahezu nichts gefährliches produziert. Zudem wird im Artikel vor einer nun aufkommenden Manndeckung von Max Kruse, gerade in den Spielen gegen die stärkeren Gegner, gewarnt. Ich kann mir allerdings nicht vorstellen, dass Bayern oder Dortmund Manndeckung gegen Max Kruse spielen werden. Ergo wird er in diesen Spielen auch wieder mehr Räume bekommen.

Treffender analysiert für mich dagegen Tobias Escher im Spiegel und bei 11Freunde die Gründe für Unions derzeitigen Höhenflug. Und ja, auch dort wird auf den vermeintlich leichten Spielplan verwiesen. Im Spiegel-Artikel wird aber zudem erwähnt, dass vor allem die Spitzenteams nun nur noch kräftezehrende, englische Wochen vor sich haben. Also auch dann, wenn sie gegen Union spielen.

Die künstliche Stadionsatmosphäre hilft Köln nicht und Sebastian Andersson ist traurig

Union ist derzeit so cool, dass sich die Mannschaft selbst von ungewöhnlichen Geräuschen nicht aus der Fassung bringen lässt.

Und Sebastian Andersson zeigt mal wieder, warum ein Bild manchmal mehr sagen kann als tausend Worte. Am liebsten wäre er wohl einfach mit in den Bus (oder das Flugzeug) nach Berlin gestiegen.

Urs Fischer Trainer des Jahres?

In der Berliner Zeitung wird derweil gefordert, dass Urs Fischer nachträglich anstelle von Hansi Flick zum Trainer des Jahres ernannt wird. So seien der Erfolg in Relation zu den vorhandenen Mitteln sowie die Weiterentwicklungen von Spielern unter Fischer ausreichend Gründe für dessen Wahl. Beispielsweise wird die Leistungssteigerung der Außenverteidiger Christopher Lenz und Christopher Trimmel angeführt. Vor allem bei diesem Beispiel kann ich nur nickend zustimmen. Ich weiß noch wie ich nach dem ersten Bundesliga-Spiel gegen die Dosen auf dem Nachhauseweg die Außenverteidiger-Positionen als größte Schwachstelle und wohl nicht Bundesliga-tauglich identifiziert hatte. Schande über mein Haupt. Mittlerweile ist unser Capitano sicherer EM-Teilnehmer für Österreich und viel bessere Linksverteidiger mit deutschen Pass als Lenz gibt es auch nicht.

Der Kommentar liefert also eine ganze Reihe an schlagkräftigen Argumenten für Urs Fischer als Trainer des Jahres. Dennoch können sowohl Urs Fischer als auch alle Unionerinnen und Unioner wohl gut damit leben, dass auch dieser Titel nach München ging.

Und sonst so

Real Salt Lake City hat, nachdem sie letztes Jahr sogar bis ins sogenannte Western Conference-Halbfinale vorgedrungen sind, diesmal die Playoffs in der MLS verpasst. Da Damir Kreilach damit nicht mehr dabei ist, gibt es nun die Möglichkeit für ein anderes MLS-Team mit einem Ex-Unioner zu „cheeren“, wie der Amerikaner sagen würde.

Bei Sporting Kansas City, die die Hauptrunde auf Platz eins abschlossen, spielt mit Roberto Puncec ein guter Freund von Kreilach.

Ansonsten bleibt mir eigentlich nur, mich den Worten der Union-Twitter-Abteilung und dem ungläubigen Grinsen von Sheraldo Becker anzuschließen: Habt eine tolle Woche, eisern!

12 Kommentare zu “Union spielt so souverän, dass langsam das Augenreiben zu Routine wird

  1. Maria Draghi

    Macht Köln mit der letzten Aktion noch den Ausgleich würde vermutlich der Schiri in den Nachbetrachtungen stärker ins Blickfeld rücken, denn eigentlich darf Köln das Spiel nicht zu elft beenden. Sehr merkwürdig-unterschiedliche Maßstäbe bei den Gelbe-Karten-Entscheidungen. Die Gelbe für Ingvartsen ist niemals eine, aber gegen Wolf gab es dann später keine (=Gelb-Rote).

    Als Sieger des Spieles können wir natürlich da locker drüber hinwegsehen… :-)

    Nebenbei: Zur Erfolgsstory insgesamt gehört auch, dass Union in Bezug auf Gelbe und Rote gegenüber der Vorsaison einen gewaltigen Schritt nachvorne gemacht hat.

    • Felix Morgenstern

      Stimmt Maria Draghi, das mit den Karten ist (bisher) schon ein signifikanter Unterschied zur Vorsaison. Vielleicht mache ich daraus mal ne Geschichte. Danke für den Einwurf!

  2. Maria Draghi

    PS: Wobei die Statistik der Gelben/Roten Karten etwas darüber hinwegtäuscht, dass wir keineswegs mit Wattebällchen in die Zweikämpfe gehen. Mit bislang 107 gespielten Fouls gehören wir ligaweit zur “oberen” Tabellenhälfte.

    • Ja, bislang habe ich auch den Eindruck, dass wir in den Zweikämpfen cleverer agieren. Aber das kann natürlich an der bislang eher unterdurchschnittlichen Güte der Gegner liegen.

    • Maria Draghi

      Allerdings kommt gegen “Gegner von unten” auch schnell eine ganz andere Schärfe rein; wie z.B. gestern nach der Rudelbildung, als urplötzlich das gesamte Spiel sehr nickelig wurde.

      “Cleverer agieren” ist schon eine nahe liegende Vermutung.

  3. Uff: “… und viel bessere Linksverteidiger mit deutschen Pass als Lenz gibt es auch nicht”

    Ich mag den Lenzi ja sehr gerne und freue mich wahnsinnig über jeden Schritt, den er gerade nach Vorne macht – für das Team und für sich. Aber Spieler wie Gosens, Halstenberg oder Max sind doch noch mindestens 2 Regale über ihm angesiedelt.

    • Felix Morgenstern

      Hey Paule… mMn sind die drei von dir Genannten zwar noch über Lenz anzusiedeln, jedoch bei weitem nicht mindestens zwei Regale.

      Gosens: Mag ich als Fußballer und vor allem als Typen sehr. Jedoch hatten ihn wohl die wenigsten vor 2-3 Jahren auf dem Schirm. Er hat nie ein NLZ (im Gegensatz zu Lenz) besucht und profitiert mMn schon sehr stark von Atalantas Spielsystem und von deren überragenden Trainer (beide Punkte treffen natürlich auch auf Lenz zu). Was ich aber damit sagen will, es kann schnell gehen und die qualitativen Unterschiede sind mMn nicht so groß, wie du es darstellst ;)

      Max: Finde ich jetzt auch nicht so prickelnd. Ist ziemlich schnell und schießt gute Standards. Ansonsten kann er aber nichts, was Lenz nicht mindestens genauso gut kann.

      Halstenberg: Wahrscheinlich objektiv betrachtet der Beste deiner Genannten. Trotzdem finde ich ihn schon ziemlich eindimensional. Auch er profitiert stark vom Pressing-System der Dosen.

      Insgesamt liegt mir wenig ferner als Lenz zu Nationalelf zu schreiben. Dann müsste ich den Quatsch ja kucken, was ich eigentlich noch nie wirklich gerne gemacht habe… Ich bin nur trotzdem der Meinung, dass er auf der jahrelangen Problemposition der Nationalmannschaft allemal Chancen hätte, wenn es nur nach Leistung gehen würde. Aber das ist wiegesagt nur meine Meinung :)

  4. Nun lobt mir mal den Urs und Marvin nicht zu sehr, sonst sind sie am Ende der Saison weg ;-)

    Über Schiri Stieler aufregen bringt nix, denn der hält sich selbst für den größten und wir wissen ja was der DFB bei schlechten Schirileistungen macht. Nichts.

    Schlimmer fand ich da die Bibi als VAR in Bielefeld, die bei 2 groben Fouls einfach mal nicht hinsah.

    • Maria Draghi

      @Michael: Die Zukunft beider wird jedenfalls auf die Agenda kommen; ob wir das wollen oder nicht bzw. ob hier gelobt wird oder nicht. Man darf nicht vergessen: Selbst wenn Union erneut die Klasse halten sollte (und nochmal 3 Vereine absteigen), bleiben wir 2021/22 etatmäßig immer noch im unteren Tabellendrittel. Und damit ist unser Personal z.B. für die Werksvereine immer noch “spottbillig” und ebenso für über 20 englische Vereine.

  5. Maria Draghi

    PS: UF ist auf bestem Wege, zu beweisen, dass er ganz verschiedene Aufgaben lösen kann. 1. Aufstieg. 2. Klassenerhalt. 3. Substanzielle Weiterentwicklung.
    Meisterschaft bzw. Double konnte er schon vorher.
    Ich glaub nicht, dass das in der Szene verborgen bleiben wird.

    • Felix Morgenstern

      Leider wohl nicht. Und auch das Buch von Christoph Biermann dürfte nicht gerade dazu beitragen, dass Urs Können verborgen bleibt!

  6. Maria Draghi

    Mal was anderes:
    Bei Transfermarkt wird die Ablöse für C. Teuchert auf 2 Mio. beziffert. Hannover 96 hatte eine Kaufoption für angeblich 1,5 Mio., die sie aber nicht gezogen haben, weil sie ihn günstiger haben wollten. Die Option ist verfallen. Typischerweise fällt der Preis dann. Nur in außergewöhnlichen Situationen (Seb. Anderson; Verletzungsmisere FC Köln) steigt er danach. Stellt sich also die Frage, ob jemand eine Idee hat, wie tm auf ihre Zahl gekommen ist (z.B., weil in irgendeine Zeitung mal was dazu stand)?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.