Momente für die Ewigkeit: Der Sieg über Gladbach und der Abschied von Vossi

Was war das für ein Tag! Als wir nach dem 2:0 gegen Borussia Mönchengladbach draußen vor dem Waldweg standen, haben wir uns alle nur angeschaut und wollten sagen: Das war der absolute Höhepunkt dieser Saison. Im gleichen Moment fiel uns aber ein, dass da noch so viele andere Highlights waren, dass wir gar nicht mehr hinterherkommen. Union ist gerade ein bisschen unheimlich, denn schöner als heute mit einem Sieg über den Tabellenführer hätte man den Abschied von Vossi vom Capo-Podest gar nicht feiern können.

Christopher Trimmel über Unions aktuellen Lauf: Screenshot: Instagram

Christopher Trimmel über Unions aktuellen Lauf: Screenshot: Instagram

Urs Fischer ist so ruhig, höre ich immer. Das ist keiner, der während des Spiels ausflippt, sagen alle. Beim Spiel gegen Gladbach habe ich einmalig meinen gewohnten Platz an der alten Anzeigetafel gegen die Hauptribüne Höhe Mittellinie getauscht und kann aus eigener Beobachtung sagen, dass der Trainer alles andere als ruhig war.

Er holte sich die Spieler ran und er schob in der zweiten Hälfte beinahe selbst Felix Kroos nach vorne, damit der Christoph Kramers Kreise auch störte, als dieser sich zurückfallen ließ. Der Trainer steckte mich mit seiner Gestik so an, dass ich selbst schon das Zeichen macht, um der Mannschaft zu signalisieren, sie möge das Spielfeld kleiner machen und enger stehen. Trotzdem ist Urs Fischer natürlich kein Rumpelstilzchen an der Außenlinie und wenn er was zu sagen hat, dann geht das meistens an seine Spieler.

Trainer Urs Fischer mit einer typischen Hand-Geste im Spiel gegen Borussia Mönchengladbach, Foto: Matze Koch

Wenn ich mal irgendwann nach der ersten Bundesligasaison von Union gefragt werde, wird meine Antwort lauten: Je mehr es Urs Fischers Team gelungen ist, dem Gegner, die Freude am Spiel zu nehmen, desto mehr Spaß hatten wir. Und das ist sehr erstaunlich, weil Union den Gladbachern die Freude gar nicht durch übermäßige Härte in den Zweikämpfen nahm, sondern ihnen einfach keinen Platz ließ. Wie das aussieht, wenn Mönchengladbach Platz hat, konnten wir vor allem in den ersten 15 Minuten sehen.

Zum Tor von Anthony Ujah. Die Flanke von Marcus Ingvartsen war perfekt gesetzt. Im Zentrum haben wir gesehen, wie ein doppelt besetzter Sturm den einen Innenverteidiger dazu zwingt eine Entscheidung zu treffen, zu welchem Angreifer er sich positioniert. Und Anthony Ujah köpft den Ball nicht gegen den Lauf von Gladbachs Yann Sommer, wie es der Torhüter vermutet, sondern ins kurze Eck. Ein perfekter Konter. Fehlt da was? Natürlich. Nämlich die Balleroberung durch Christopher Lenz, der einen Pass in den Raum spielt, den ich sofort heiraten würde, wenn das erlaubt wäre. Wahnsinn.

Anthony Ujah bejubelt sein Tor mit Sebastian Polter, Foto: Stefanie Fiebrig

Anthony Ujah bejubelt sein Tor mit Sebastian Polter, Foto: Stefanie Fiebrig

Anthony Ujah lief nach seinem Treffer an der Außenlinie entlang Richtung Union-Bank. Jetzt herzt er den Trainer, der ihn von Anfang an gebracht hat, dachten wir. Von wegen. Er ging zu Sebastian Polter, dessen Startelfplatz er eingenommen hatte. Warum er das gemacht hat, wollten weder er noch andere vom Team, auch nicht Urs Fischer, verraten. Er sagte nach dem Spiel nur “Wir haben eine kleine …”, um danach zu sagen, man möge bitte den Trainer fragen, der sei der einzige, der das verraten würde. Aber Urs Fischer ließ sich in der Pressekonferenz nicht locken (RBB).

Aber das ist vielleicht auch nicht so wichtig. Wichtiger ist, was er danach gesagt hat: “Wie wir mit den Fans gefeiert haben, fühlt sich sehr, sehr gut an. Diese Stimmung in der Mannschaft momentan ist sehr, sehr toll. Hoffentlich bleibt das so lange.”

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What a team! What a support! 💫❤ #eisernunion

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Wir könnten hier an dieser Stelle viele Spieler loben. Aber das wäre vielleicht unfair. Wir sehen alle, welche Form die Mannschaft gerade hat. Wenn das mit Keven Schlotterbeck allerdings so weitergeht, dürften wir im Sommer 2020 übrigens ein Déjà-vu erleben.

Es gibt so viele Details aus dem Spiel, die ich gerne ausführlich würdigen möchte. Den Pfostenschuss von Ingvartsen. Den Lauf von Subotic Richtung Torlinie, als Rafal Gikiewicz rauslief, so dass der Verteidiger den Ball rausschlagen konnte, als der Keeper überlupft wurde. Den Monster-Save von Gikiewicz gegen Alassane Pléa, der alleine auf Unions Torhüter durchlief. Das einzige Mal, das Gladbach den Union-Riegel über das Zentrum knackte. Wie Christopher Lenz per Grätsche im letzten Moment mal den Ball wegspitzelte, um ihn fast wie Philipp Lahm früher, gleich zu kontrollieren und weiterzuspielen. Und der krönende Abschluss mit Anderssons Tor, der perfekt den Ton für die anschließende Abschiedsfeier von Vossi setzte.

Vossis Abschied vom Capo-Podest

Vossi während er von Damir Kreilach verabschiedet wird, Foto: Stefanie Fiebrig

Vossi während er von Damir Kreilach verabschiedet wird, Foto: Stefanie Fiebrig

In der Halbzeit bin ich nicht von meinem Platz gegangen, weil ich unbedingt die Verabschiedung von Vossi durch Damir Kreilach sehen wollte. Es war wahnsinnig bewegend, wie plötzlich überall im Stadion Plakate der Liebe hochgehalten wurden für jemanden, der sich wirklich in jeglicher Hinsicht nicht geschont hat. Und es war besonders schön zu sehen, dass auch der Gästeblock für den Union-Vorsänger ein Transparent entrollte. Wie Damir Kreilach die Stimme zwischendurch versagte. Wie Vossi auf dem Podest nicht mehr an sich halten konnte. Das hatte so viel, von dem wir immer sagen: Das ist die Union-Familie. Wir sind nicht immer alle einer Meinung. Es geht bei uns auch mal was schief. Aber wir halten zusammen.

 

Und vielleicht noch wichtig: Vossi geht nicht weg von Union, sondern macht Platz auf dem Capo-Podest für neue Leute. Und für den weiteren Weg gab es einen der berühmten Tipps von Torsten Mattuschka (Robert Zulj erinnert sich bestimmt, dass er von Tusche den Hinweis bekam, bei Freistößen über die Mauer zu schießen, dann würde es auch mit einem Tor klappen):

Torsten Mattuschka bedankt sich bei Vossi, Screenshot: Instagram

Torsten Mattuschka bedankt sich bei Vossi, Screenshot: Instagram

Hier sind die Berichte der Berliner Medien zum Sieg von Union gegen Mönchengladbach:

Fotos vom Spiel gibt es hier:

Rafal Gikiewicz nach dem Spiel

Rafal Gikiewicz nach dem Spiel, Foto: Stefanie Fiebrig

Was passierte sonst so?

Die Bootsfahrt von Gladbachern und Unionern zum Stadion wurde von Brücken über der Spree angegriffen. Ob explizit nur Fans von Mönchengladbach beworfen wurden wie in dem Medienbericht beschrieben, weiß ich nicht. Die Polizei sperrte danach die Brücken teilweise. Wer immer das war (angesichts der Verbindungen zwischen den Szenen von Gladbach und Union, kann man Gruppen aus den Lagern eigentlich ausschließen) macht sich im Nachgang des Stadtderbys noch kleiner und kleiner. Und meinetwegen kann die Gruppe gerne komplett verschwinden. Die braucht in Berlin niemand.

Außerdem kletterten in der zweiten Halbzeit Gästefans über den Zaun. Das sah während des Spiels sehr unschön aus, auch wenn es schon da augenscheinlich nicht um eine Situation ging wie beim Derby gegen Hertha BSC. Es soll wohl einen medizinischen Notfall im Block gegeben haben und Missverständnisse, was dort gerade passiert. Dazu handgreifliche Auseinandersetzungen mit Ordnern. Die gute Nachricht: Der betroffenen Person geht es gut. (Auch dazu kann man hier noch etwas nachlesen)

Kurze Spielunterbrechung durch die Situation im Gästeblock, Foto: Tobi/unveu.de

Kurze Spielunterbrechung durch die Situation im Gästeblock, Foto: Tobi/unveu.de

Auf den anderen Plätzen

Unions A-Junioren gewinnen 3:2 gegen Chemnitz und stehen in der Bundesliga weiter auf einem hervorragenden 4. Platz. Auch die B-Junioren gewinnen und zwar mit 2:0 beim Halleschen FC. Damit stehen sie auf Rang 9 in der Bundesliga.

Zum Schluss auch von mir: Danke Vossi für 13 Jahre einheizen. Kein bisschen leise!

19 Gedanken zu „Momente für die Ewigkeit: Der Sieg über Gladbach und der Abschied von Vossi

  1. Für andere sind Meisterschaften ein Grund zum feiern, bei uns 16 Punkte nach 12 Spielen. Verrückt aber geil. Wir sind schon eun toller Haufen und das nicht nur AUF dem Platz.

  2. Er wird ein Idol vieler, vieler Menschen sein. So viele wichtige Spiele, aber auch Freundschaft- und Testspiele. Er war so gut wie immer mit Union dabei.

  3. So ein Verein mit solchen Fans hat nichts in der Bundesliga zu suchen ,zuerst gegen Hertha mit Pyrotechnik und jetzt gegen Gladbach mit Fäkalien .Wann bekommt der Verein eine saftige Strafe

  4. @manfred Von welchem Verein sprichst du? Der Beschuss mit Pyro kam im Derby aus dem Hertha-Block. Und wer die Gladbach-Boote angegriffen hat, ist bisher nicht geklärt. Die Indizien sprechen da allerdings sehr deutlich nicht für Union. Falls du aber einfach mal faktenbefreit etwas loswerden musst, dann melde dich doch dort.

  5. Ich finde es einfach nur abartig,wenn Fans eines dritten Vereins sich einfach mal darüber hermachen,zwei befreundete Fanlager bei einer gemeinsamen Aktion derartig zu stören.Lasst Uns Unioner einfach in Ruhe,Ihr Blauen habt genügend Probleme mit Euch.Diese Stadt braucht Euch nicht,aber meine Hoffnung steigt,das Ihr nächste Saison eine Bootstour mit Karlsruhe vor einem Punktspiel unternehmen könnt.Schließlich seit Ihr ja top gestartet,aber eigentlich seit Ihr auch keinen Kommentar wert

  6. Um 20 nach 7 Uhr klingelt der Wecker. Schnell gewaschen und Zähne putzen. Ein Abschiedskuss der Liebsten. Den rot-weißen Schal umgebunden, die Mütze mit Unions Logo aufgesetzt. 8:04 fährt die S-Bahn von Wiesbaden nach Frankfurt. Dort dann in den Sprinter nach Berlin. Doch wir fahren erst mal nicht los. Der Zug komplett überfüllt. Mit vierzig Minuten Verspätung Ankunft in Südkreuz. Ostkreuz. Köpenick. Und dann endlich am Sehnsuchtsort. Dieses Gefühl von Zuhausesein, Hingehören, Willkommensein.

    Die nächsten knapp drei Stunden sind alles, warum es schön ist Unioner zu sein. Wurde mir zwei Wochen zuvor in Mainz gar der VAR von einer Werbung präsentiert, gibt es hier “nur” gute Musik, singende Menschen und Fußball.

    Mit einem Unentschieden wäre man zufrieden, auch ich sagte und dachte so. Doch es kommt anders: Flanke Ingvartson, Kopfball Ujah, jubelnde Menschen, spritzendes Bier, Umarmungen fremder Menschen. Fremder Menschen? Unioner. Wie ich.

    Halbzeitpause: Damir Kreilach (Kurz der Gedanke wie sehr man auch ihm gegönnt hätte, mit Union erste Liga zu spielen.) verabschiedt Vossi und das ganze Stadion bedankt sich mit. …ich war der goldene Reiter…
    Wie üblich, verabschieden wir auch Unioner, die leider nicht mehr kommen können. Und ebenso die Geschichte von dem Altunioer, der bei einem Spiel zusammenbrach und erfolgreich vom Mariendorfer Gegenspieler reanimiert wurde. Alles fühlt sich so Union an. (Eigentlich hätte man es nach dieser Halbzeitpause schon wissen müssen: Union gewinnt. Es ist so, als wenn ganz am Ende eines Puzzles die letzten Teile von selbst in die richtige Stelle fallen.)

    Aber die zweite Halbzeit will noch gespielt sein und, na klar, Gladbach will mehr. Aber mehr wollen ist nicht gleich mit mehr können. Heute zumindest nicht. Gefühlt hat Gladbach in dieser Phase 90% Ballbesitz. Aber sie machen nichts daraus. Der Gedanke, dass man eigentlich mit einem Unentschieden zufrieden wäre, wirkt nur noch lächerlich, fast beschämend.

    Und irgendwann, ganz am Ende, trifft der verlässliche Anderson und diese Hoffnung auf Vollendung wird Glückschrei Tausender, wird zum Himmel geballte Fäuste, wird erneut Umarmung, wird Jauchzen.

    Schlusspfiff. Diese großartige Mannschaft hat den Spitzenreiter der Bundesliga geschlagen. Sie wird gefeiert und hat alles Lob verdient. Doch was tun die Spieler? Ziehen sich T-Shirts für Vossi an und bilden ihm ein Ehrenspalier. Das letzte Puzzleteil fällt an seinen Platz. Vollendung. Perfektion. Glückseligkeit. Union.

    Ich sitz wieder im Sprinter. Zurück nach Wiesbaden. Ein ganz warmes Gefühl reist mit.

  7. 16 Punkte nach 12 Spieltagen hätte wohl kaum jemand von uns wirklich erwartet. Das sind 16 Punkte, die uns im Kampf um den Klassenerhalt niemand mehr nehmen kann.
    Und wie @Sebastian richtig geschrieben hat: die neue Gruppe bei Hertha würde niemand in Berlin vermissen, wenn sie wieder von der Bildfläche verschwindet. Nicht mal wenn diese Gruppierung sich intern gegenseitig mit Eier und Fäkalien bewirft und sich anschließend selber in der Spree versenkt.
    Aber das muss die Fanszene von Hertha intern klären. Wir sollten uns ausschließlich um unseren Verein und um die bis jetzt für uns absolut phantastische Saison kümmern.

  8. Nach dem tollen Text von Sebastian, dem tollen und thematisch umfassenden Stadionheft, den angesagten Selbstverständkichkeiten auf der Vereinshomepage noch der traumschöne Berichts-Kommentar hier drüber von Schoki und ich sitze mit Glückstränen in den Augen in der Tram auf dem Weg, meinen Jungunioner zum Auswärstsspiel seines Teams vom SCU06 zu bringen. Mehr eisernes Wochenende geht nicht. Einfach schön.

  9. @Manfred Verheyden, bist du eigentlich völlig dämlich? Schiebst du gerade ernsthaft uns diese Scheiße in die Schuhe? Geh dich vergraben, du Idiot… 🤦‍♂️🤦‍♂️🤦‍♂️

  10. Eins frage ich mich mittlerweile: Erst haben wir uns doch alle sehr über das harte Auftaktprogramm gewundert. Ist das vielleicht sogar der Schlüssel gewesen, dass die Jungs sich so schnell so intensiv gesteigert haben? Ich meine, RB kann man nun ablehnen, wie man will, doch der Tempofußball war wohl doch der beste Weckruf, um sich schnell anzupassen. Hätte es diese Anpassung bei einem Programm Paderborn, Köln am Anfang auch gegeben? Außerdem scheint mir, dass gerade die großen Vereine zu Beginn mehr Probleme haben, reinzukommen, als die “kleineren”. Vielleicht spekulativ, aber irgendwie gefällt mir momentan das Programm, auch wenn kein Unioner auch nur einen Schritt weniger laufen darf in Zukunft.

    Ansonsten, ähnlich wie schoki, war ich überfrachtet von Werbung in Mainz. Ich bin beinahe vor Lachen erstickt! “Dieser Videobeweis wird Ihnen präsentiert von Kömmerling.” Da habe ich aber Augen gemacht!

  11. spitzen prosa, schoki!!! danke!

    ach ja, und äh … @Manfred Verheyden – auf deine weise hast du hier jetzt ebenfalls mit eiern steinen und scheiße um dich geworfen.

    EISERN

  12. Bei den heutigen Ergebnissen ist der Sieg von gestern gleich noch etwas mehr wert.

  13. Dies war mal wieder ein Text (und Bilder) von euch, der mir feuchte Augen machte! Jede Zeile sprach mir da aus dem Herzen. Und als ich das noch las
    “Das ist die Union-Familie. Wir sind nicht immer alle einer Meinung. Es geht bei uns auch mal was schief. Aber wir halten zusammen.” hatte ich euch einfach wieder lieb!
    Und @schoki – Wie bist du denn drauf?
    Das ist ja mal ein Bericht, wie ich ihn zu gern in einem Union-Buch lesen würde!
    Leider kommt da niemand an diese Qualität ran. Hammer!!!

  14. Schoki: Top-Text! Alles gesagt hier in den comments. @Seb: Hatte mich heute Morgen schon auf dem Arbeitsweg auf Euren Podcast gefreut. Der lässt mein “Montags-Grauen” immer verfliegen. Holt ihr den nach oder seid ihr wieder “fiebrig”? Gruß und N.V.E.U.

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