Die Eiserne Hilfe widerspricht massiv der Darstellung der Freiburger Polizei

Die Berichterstattung vor dem Derby stockt etwas. Nicht etwa, weil alle Geschichten schon erzählt sind, sondern weil einfach genug aktuell passiert. Hertha gewinnt im Pokal in einem Herzschlagspiel gegen Dynamo Dresden erst im Elfmeterschießen (Kicker). Union hatte dagegen zwar Reisestrapazen, aber musste dafür nicht in die Verlängerung beim Sieg in Freiburg. Dafür beschäftigt der Stimmungsboykott der Ultras und der vorausgegangene Polizei-Einsatz aber noch die Gemüter. Die Freiburger Polizei veröffentlichte in einer Mitteilung ihre Sicht der Dinge:

Kurz nach Spielbeginn verschafften sich mehrere Berliner Ultras, welche keine gültigen Eintrittskarten für den Sitzplatzbereich hatten, Zugang zu den Sitzplätzen im Gästeblock. Hierbei wurden beim Betreten drei Ordner zur Seite gestoßen. Eine der Personen konnte hierbei durch die Ordner festgehalten werden. Nachdem die festgehaltene Person zur weiteren Abklärung zur Stadionwache verbracht wurde, entstand innerhalb des Berliner Fanblocks große Unruhe. Hierauf begaben sich etwa 60 Personen der Berliner Ultraszene in den rückwärtigen Bereich des Gästeblocks, einige vermummten sich hierbei. Als sie von dort aus durch ein geschlossenes Fluchttor nicht in Richtung des Festgenommenen gehen konnten, wurde ein am Vorfall unbeteiligter Sicherheitsdienstmitarbeiter körperlich angegangen, mit Faustschlägen zu Boden gebracht und getreten.

Polizeikräfte eilten daraufhin über das Fluchttor dem am Boden liegenden Ordner zur Hilfe, während die Berliner Ultras zurück in den Gästeblock flüchteten. Hierbei trat ein bislang unbekannter Berliner Ultra mit voller Wucht gegen das Stahlgittertor, welches gegen drei Polizeibeamte prallte. Diese erlitten Prellungen, konnten ihren Dienst jedoch fortsetzen.

Bei der Durchsuchung der zuvor festgenommen Person auf der Stadionwache konnten in seinem mitgeführten Rucksack mehrere Zaunfahnen aufgefunden werden. Die Zaunfahnen, welche in Ultrakreisen den höchsten Stellenwert haben, waren nach aktueller Einschätzung der Auslöser für die Eskalation. Zur Entspannung der Lage wurde der Rucksack im Anschluss zeitnah an die Berliner Ultraszene zurückgegeben. Der Festgenommene erhielt durch den SC Freiburg ein Tageshausverbot.

Fans von Union stellten in der ersten Hälfte den Support ein und nahmen nach der Pause ihre Zaunfahnen ab

Fans von Union stellten in der ersten Hälfte den Support ein und nahmen nach der Pause ihre Zaunfahnen ab, Foto: Matze Koch

Mich irritiert an der Polizeimitteilung, dass sie auch noch eine Bewertung des Supports im Stadion vornimmt, indem sie schreibt:

Aufgrund des Vorfalls stimmten Freiburger und Berliner Ultras zu Beginn der 2. Halbzeit minutenlange Sprechchöre gegen die Polizei an. Im weiteren Verlauf verweigerten sowohl die Freiburger, als auch die Berliner Ultras den Support der Mannschaften und rollten ihre Fahnen und Banner ein. Die Maßnahme der Ultraszenen stieß hierbei bei den restlichen Fans teilweise auf großes Unverständnis.

Das dürfte jenseits der Grenzen der erlaubten Öffentlichkeitsarbeit sein. Schließlich ist die Polizei keine Presse.

Die Eiserne Hilfe widerspricht scharf der Darstellung der Polizei:

Korrekt ist auch, dass einige für Zaunfahnen verantwortliche Berliner Fans, nachdem sie geduldet und erlaubt – wie es in Stadien oft üblich ist – die Zaunfahnen im Innenraum aufgehängt hatten, einen Block ohne dafür vorhandene Eintrittskarten betraten, um dort den Rest der Zaunfahnen aufzuhängen. Korrekt ist auch, dass hierbei an den Ordner*innen vorbeigegangen wurde, Gewalt wurde dabei aber nicht verübt. Im Gegenteil, die Absicht war klar erkennbar, und der im Bericht als rucksacktragender „Haupttäter“ Dargestellte betrat nach übereinstimmenden Zeugenaussagen den Block mit erhobenen Händen und verließ ihn, nachdem die Fahnen befestigt waren. Der Maximalvorwurf bezieht sich also auf das Erschleichen von Leistungen, wobei angesichts der als bekannt vorauszusetzenden Fahnenkultur im deutschen Fußball und dem Verlassen des Blocks nach 10 Minuten dieser Vorwurf womöglich lächerlich klingen mag.

Wahr ist ebenfalls, dass der Festgehaltene mit dem Rucksack zur Wache geführt worden ist. Den entscheidenden Eskalationsbeitrag leistete die Polizei (die EH ist geneigt, den „SuKB/Szeneunkundigen Beamten“ als Wortneuschöpfung einzuführen) selbst: trotz mehrfachen Einwirkens von Fanbetreuung, Fanprojekt und dem Festgehaltenen selbst wurde unverständlicherweise der Rucksack inkl. mehrere Zaunfahnen eingezogen. Selbst die meisten Fernsehzuschauer*innen dürften die Darstellung der Polizeimeldung teilen, dass dies „nach aktueller Einschätzung der Auslöser der Eskalation“ war. Nicht zu entschuldigen wären ein Teil der von der Polizei behaupteten Reaktionen der Berliner Stadionbesuche*innen. Über den Hergang und Umfang, sich laut Polizei vermeintlich vermummte etwa 60 Gästefans und deren Versuch, an den Festgenommenen zu gelangen, äußerten sich Augenzeug*innen jedoch sehr unterschiedlich. Folglich ist die Darstellung der Freiburger Polizei kritisch zu sehen und die Situation mitnichten so eindeutig, wie in der Pressemitteilung beschrieben.

Die Situation war sofort beruhigt, als die Zaunfahnen wieder herausgegeben wurden. Auf Grund der ungerechtfertigten und überzogenen Handlungsweise der Polizei stellte zunächst unsere aktive Fanszene und nach Rücksprache auch die des SC Freiburg den organisierten Support ein.

Beim Pokalspiel in Bremen kam es auch zu einem Polizei-Einsatz wegen eines Banners und zum Einstellen des Supports:

Stellungnahme des SV Werder Bremen

Stellungnahme des SV Werder Bremen via Twitter

Ich möchte in dem Zusammenhang gerne auf den Podcast “Sicherheit für die Ohren” hinweisen, in dem unter anderem Bild-Reporter Peter Rossberg (beispielsweise verantwortlich für viele Aufdeckungen im Versuch von Martin Kind bei Hannover 96 eine Ausnahme von der 50+1-Regel zu erreichen). In dieser Woche veröffentlichen sie vor allem Folgen zum Thema Polizei und Fans, behandeln kurz das Thema, ob es einen Einbruch gab in eine Aufbewahrungsstelle von Union-Ultras, wenn niemand einen Einbruch bei der Polizei anzeigt. Sehr hörenswert ist vor allem das Interview mit Anwalt René Lau, der viele Fälle im Rahmen von Fußballspielen als Strafverteidiger übernimmt. Da geht es um Polizei-Gewalt, wenn also die Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen den vermeintlichen Straftaten nicht entspricht, und auch um Datensammlungen und was diese für Auswirkungen haben können.

Die Gesprächsdynamik zwischen den beiden Gastgebern des Podcasts ist etwas gewöhnungsbedürftig, aber ich mag durchaus, dass hier Themen andiskutiert werden, es aber nicht darum geht hier irgendwelche Seiten einzunehmen. Hier alle Folgen aus der Themenwoche:

Wenn ich schon bei den Podcasts bin. Auch die Alte Podcasterei hat eine Episode zum Derby veröffentlicht.

Zum Sport

Heute um 12.30 Uhr gibt es die Pressekonferenz zum Spiel am Samstagabend gegen Hertha (live auf AFTV). Ich bin gespannt, ob Michael Parensen nach seiner Rippenprellung vielleicht eine Option im Kader sein wird oder sich diese Partie in die Reihe seiner verpassten/unglücklichen Derby-Auftritte einreiht. Mal sehen, ob sich Trainer Urs Fischer zu diesem Thema äußert. Angesichts der Tatsache, dass Union in den vergangenen Spielen häufig die Aufstellung des Gegners gespiegelt hat, um so eine klare Mann-Orientierung zu gewährleisten, erwartet der Tagesspiegel gegen Hertha eine Viererkette.

Bei Berliner Zeitung/Kurier und Kicker steht Robert Andrich im Fokus, der bekanntermaßen bei Hertha ausgebildet wurde, dort aber bei den Profis nicht zum Einsatz kam. Aus seiner Einstellung im Spiel macht er kein Geheimnis: “Klar ist es ein besonderes Spiel. Elf Jahre gehen nicht spurlos an einem vorbei. Aber das Kapitel Hertha ist abgehakt. Ich freue mich, dass ich bei Union bin, und bin komplett Unioner. Ich will niemandem etwas schenken an dem Tag.”

Rafal Gikiewicz hat derweil das Derbymotto von Union “Berlin sieht rot” komplett verinnerlicht und sagte den Journalisten in der Bild (nicht online) und beim Tagesspiegel: “Hertha kommt – und wir wissen, was wir machen müssen. Am Samstag wollen wir zeigen, dass Berlin rot ist.”

Morgenpost und RBB erzählen uns, was an Derbys so besonders ist. Aber das wissen wir ja.

Und sonst so?

Die ARD hat die Sendung “Der Fußball und seine Reizfigur: Was leisten Schiedsrichter wirklich?” nun in die Mediathek gestellt.

8 Gedanken zu „Die Eiserne Hilfe widerspricht massiv der Darstellung der Freiburger Polizei

  1. Naja, die Polizeimeldung ist die eine Seite, wirklich kritisch ist wenn Medien diese Wort für Wort übernehmen und als Tatsache verbreiten.
    https://www.bz-berlin.de/berlin-sport/union-berlin/union-fans-attackierten-freiburg-ordner
    Dabei hat der DJV (Journalistenverband) in einem anderen Zusammenhang erst vor drei Monaten darauf hingewiesen das die Polizei in solchen Auseinandersetzungen immer Partei ist, und nicht unabhängiger Beobachter, und solche Berichte immer kritisch hinterfragt werden sollten.
    https://www.djv.de/startseite/profil/der-djv/pressebereich-download/pressemitteilungen/detail/article/polizeiberichte-kritisch-hinterfragen.html

  2. @ Andreas: naja mit der BZ kann man sich noch nicht einmal den Ar** ähm Hintern abwischen und wenn ich dann sehe dass bei uns deren Schreiberlinge mit anbiedernden T-shirts rumlaufen und zur Polizei: hoffentlich begreifen immer mehr dass die Polizei eben nicht unabhängig ist sondern ein Teil des Problems, wir haben es doch auch an der Alten Försterei erlebt, erst das massive Einschreiten unserer Vereinsoberen und intensive Gespräche mit Senat und Polizeipräsidium haben zu einer Verbesserung geführt, der Bericht der Eisernen Hilfe jedenfalls stellt das ganz gut dar, wichtig: lassen wir uns nicht provozieren (über eingeschleuste Provokateure wurde ja auch schon häufiger berichtet)!!

  3. @Jens Otto: mit der BZ hast Du natürlich recht, nur sind die anderen Medien, auch die “seriösen” wenn es um Fußballfans geht meist auch nicht viel besser und machen sich damit leider zum Erfüllungsgehilfen für manch einen Polizeiführer oder Innenpolitiker die das gerne für ihre eigenen Interessen ausnutzen um zum Beispiel fragwürdige Gesetze durchzudrücken.
    Die Vereinsoberen, ja leider gehört Union wohl auch da zu den wenigen Ausnahmen, schon traurig wie wenig sich die meisten Vereine für ihre Fans und Stadionbesucher einsetzen, da trüben wohl die Dollarzeichen im Auge den TV-Blick und der Sofa-Zuschauer ist halt unkritisch, verursacht geringe Kosten und erzeugt große Gewinne.

  4. @ Andreas: volle Zustimmung, wobei es ab und zu zumindest in anderen Medien noch Versuche gibt wenigstens etwas Objektivität walten zu lassen, auch verdanken wir z.B. dem RBB oder der ARD auch Berichte die die bewusst von Politik und Polizei falsch dargestellen Fakten richtigstellen (z.B. die Berichte über die Zahlen von Gewalt und sogar die gute Darstellung über die Gewalt DURCH Polizei und deren skandalöse NICHTverfolgung), was das Bild in der Öffentlichkeit angeht so ist das schon extrem, da wird Pyro wie beim letzten Heimspiel gegen Freiburg schon mit Gewalt gleichgesetzt und der Brandvorfall im Fanszug der Freiburger sofort damit in Zusammenhang gebracht, auch am Dienstag in den Kommentaren zum DFB-Pokalspiel wurde diese Lüge verbreitet :-(

  5. @Jens Otto: ja das stimmt, es gibt auch objektive Berichterstattung, manchmal zumindest :-)

  6. Ich verabscheue polizeiliche Maßnahmen, die völlig unverhältnismäßig sind, doch ich finde, man muss sich schon die Frage stellen, warum in letzter Zeit immer häufiger Zaunfahnen und Banner der Ultras im Zusammenhang mit polizeilichen Übergriffen in Fanblöcken eine Rolle spielen.

  7. Interessant ist auch das Verhalten der Polizei, gerade Online. Im Zusammenhang mit dem Pokalspiel (Auf Seiten der Polizei) werden kritische Kommentare mit drastischen Szenarien untermalt. Es ist dort von “Entglasung”, Gewalt gegen einen Ordner und einiges mehr zu lesen.
    Auf der Seite https://corrillo.org/eskalation-stoppen-freiburger-polizei-muss-einsatzstrategie-aendern/?fbclid=IwAR1f_BMuutU_PnjOMHEK52kaP5VeCwbHzbEiLTX6lKaHao3mx2yUcWtrJz4 hat man von Seiten der Freiburger Ultras noch mal Stellung bezogen.

    Wie man als Polizei so weit weg von der Neutralität sein kann, ist schon ein großes Rätsel.

    MfG

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