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Berliner Geschwister

OK. Dann stelle ich mich also dieser Herausforderung. Als gäbe es davon im Leben nicht eh schon mehr als genug, musste ich natürlich zusagen. Ich, als Herthaner und Westberliner, der die Wende vor allem mauersteineklopfend erlebt hat und dementsprechend wenig Sinn für ein geteiltes Deutschland hat, habe nun den Salat. Ich habe mich also dazu bereit erklärt auf diesem – nennen wir es – eisernen Ostblog einen Beitrag zu schreiben. Einen Beitrag über die Berliner Geschwister, die da wären: Die große Schwester Hertha und der kleine eiserne Bruder David.

Nein. Ich werde nichts über Derbies in der zweiten Liga schreiben. Das ist ein Thema für Zeitungen, die große Buchstaben, viele Fotos und vor allem Meinungen in die Welt hinausposaunen. Außerdem wird es zwischen Union und Hertha erst dann ein richtiges Derby geben, wenn sich die beiden Teams in der ersten Liga duellieren. Also in der kommenden Spielzeit. Bis dahin werden Berliner Derbies nicht unbedingt mein Thema sein.

Ja. Dann schreibe ich doch lieber etwas über Innerberliner Verhältnisse. Allerdings kann ich auf Grund meines noch recht überschaubaren Alters wenig bis gar nichts mit dem ganzen Nostalgie-Gedöns anfangen, der vor der Wendezeit liegt. Ich weiß, dass es da mal eine Freundschaft zwischen den Eisernen und den Blau-Weißen gegeben haben soll. Heute weiß ich davon allerdings nichts mehr. Ich sehe, höre und lese wenig von dieser Freundschaft, außer dass es sie mal gegeben haben soll. Gott hab’ sie selig, die DDR, die Wende, die Nostalgie und die alte Freundschaft. Sicher war nicht alles schlecht, aber wen interessiert das heute noch?

Wenn ich also etwas über das Verhältnis von Union und Hertha schreibe, dann muss ich einiges vorweg stellen. Neben der oben geschilderten Ignoranz gegenüber der Vergangenheit, bin ich im höchstem Maße subjektiv. Ich schreibe über meine Wahrnehmung und meine Einschätzungen, die ich weder belegen kann noch will und die alle anderen gerne anders sehen dürfen. Nur zu, Widerspruch ist erwünscht.

Wer meine textliche Vergangenheit unter blau-weißer Flagge kennt und wer mein Geschreibe des letzten Jahres zur Kenntnis genommen hat, weiß sicherlich, dass ich der alten Dame und ihren Fans recht kritisch gegenüber stehe. Ich stehe zu ihr. Keine Frage. Aber ich mache sicherlich nicht alles mit und schreibe das dann auch. Soviel zur Vorrede.

Seit einem Jahr nun spielt da ein Berliner Vorort-Verein in der zweiten Liga und man kann ihn irgendwie nicht mehr ignorieren. So denken viele Nicht-Eiserne über Union. Immerhin spielen sie zweite Liga. Das ist zwar noch nicht Europapokal, aber auch nicht ganz unbedeutend. Nach dem Abstieg der Hertha kommt man um die Unioner endgültig nicht mehr herum. So wie man den jüngeren Bruder eben auch nicht ständig ignorieren kann. Er gehört dazu, ob man will oder nicht.

Sie sind ja auch irgendwie putzelig. Diese ehrlich arbeitenden Ossis. Da bauen sie auf HartzIV-Kostenstelle ihr Stadion in Handarbeit um. So denken die meisten blau-weißen Wessis, die sich ihr Stadion einfach direkt von der Stadt haben aufmotzen lassen. Das Reflexionsniveau unter Fußball-Fans scheint grundsätzlich unterdurchschnittnlich zu sein. Denke ich. Macht aber nichts, da lässt es sich einfach besser pöbeln.

Mal davon abgesehen, dass der kleine Nachbar ab und an mit kernigen Sprüchen provozieren möchte, fällt da noch etwas anderes in der Beziehung zwischen Ost-Unionern und West-Herthanern auf. Beide reklamieren ja nur zu gern für sich, der Fußball-Verein für ganz Berlin zu sein. Die kleinen, häßlichen Stiefgeschwister TeBe und Dynamo schreien da zwar immer auf. Aber wen interessiert das schon? Wichtiger ist noch, dass beide – sowohl Hertha als auch Union – es wohl auf absehbare Zeit nicht schaffen werden, der Berliner Gesamtverein zu werden. Und das ist auch gut so, denn Berlin stand immer schon und steht immer noch für Vielfalt.

Noch amüsanter wird es, wenn man sich die eisernen Sticheleien gegen ein leeres Olympiastadion anschaut. Klar, die Kritik und die Hähme sind angebracht. Das Olympiastadion ist doch häufiger zugig, denn euphorisch gefüllt. Allerdings sieht das in der vergleichsweise winzigen Alten Försterei nicht anders aus. Die Zuschauerzahlen der vergangenen Zweitliga-Saison sind nicht unbedingt rühmlich, nicht wahr? (Im Schnitt blieben ein Viertel der Plätze leer). Letztlich sollten beide Vereine bezüglich der Stadionauslastung die Klappe halten. Das wird sonst peinlich, wenn man einmal nach Düsseldorf oder Kaiserslautern schaut…

Aber so ist das halt, wenn groß und klein sich streiten. Hauptsache, der andere steht schlechter da, egal wie blöd man selbst dabei aussieht. Die große alte Dame – quasi die große Schwester des kleinen eisernen Bruders – sie müsste einfach locker bleiben. Kann sie aber nicht. Sie bekommt weitaus mehr Taschengeld, bekommt aber auch als erste Dresche, wenn es nicht so läuft. Schließlich muss sie mehr Verantwortung tragen. Der Kleine dagegen versucht sich immer wieder abzusetzen und anders zu sein, um dadurch aus dem großen Schatten der Schwester heraus zu treten.

Manchmal kann ich mich dem Eindruck nicht entziehen, dass der eiserne Zwerg aus der Berliner Provinz versucht, den Pauli-Mythos nach Berlin zu kopieren. Klar, die David-vs.-Goliath-Thematik passt. Ebenso ist die alte Dame größtenteils so piefig und bieder wie der HSV. Aber der kleine eiserne David kommt halt aus Köpenick. Und bei allem Respekt gegenüber diesem wunderschönen Stadtteil Berlins: Das ist mal eine ganz andere Hausnummer als der Hamburger Kiez. Sagen wir es so: An Piefigkeit ist der eiserne David zusammen mit der alten Dame ganz vorne mit dabei.

Natürlich mögen die Kenner da die feinen Unterschiede erschnüffeln. Ehemals ostdeutsch-piefiges Kleinbürgertum riecht anders als ehemals westdeutsch-piefiges Kleinbürgertum. Das will ja auch niemand wegdiskutieren und es ist ja sogar schön, dass es an jeder Berliner Ecke anders stinkt. Aber sowohl in ehemals Ost als auch in ehemals West war, ist und bleibt die kleinbürgerlich Piefigkeit. Du bist so wunderschön, Berlin!

Was ich an den Image-Kampagnen der großen Schwester Hertha schon seit Jahren kritisiere, ist ja dieses blind-taube Ignorieren der eigenen Identität. Ich bin mir sicher, dass Hertha sich erfolgreich als Marke etablieren könnte, wenn sie sich mehr auf den ihr eigenen Eck-Kneipen-Mief konzentrieren würde. Niemand mit einer echt blau-weißen Seele interessiert sich für play.berlin oder Aus Berlin. Für Berlin. Vielleicht kann man damit ein paar Brandenburger überzeugen. Aber auch nur vielleicht. Wahrscheinlich nicht.

Spielt sich der kleine eiserne und ebenso piefige David aus Berlin-Köpenick jedoch als alternativer Mainstream-Punk (sic!) auf, wird das nicht weniger peinlich als die blau-weiße Großmannssucht der alten Dame Hertha. An die Lernfähigkeit des Charlottenburger Managements glaube ich nicht mehr. Ich habe mich damit abgefunden, dass die alte Dame in meinem Leben wohl gerne etwas anderes werden möchte als sie bleiben wird und werden könnte. Ein Hoch auf die Schizophrenie!

Für den kleinen eisernen David besteht allerdings noch Hoffnung. Vielleicht werden in Zukunft auch ein paar Herthaner raus zur Alten Försterei fahren, weil man dort noch ein gepflegtes Pils bekommt, das man in piefiger Ruhe unter Gleichgesinnten konsumieren kann. In einer kleinbürgerlich engen Welt, in der der Fußball bleibt was er in seinem Kern ist: Ein netter Zeitvertreib, der einem Orientierung und Sicherheit gibt, für ein Leben, das eh aus viel zu vielen Herausforderungen besteht.

Ich hoffe, dass der kleine eiserne David aus den Fehlern seiner großen Schwester Hertha lernt. Falls nicht, bleiben uns die Derbies in der ersten Liga. In der kommenden Saison. Ich freue mich schon!

13 Kommentare zu “Berliner Geschwister

  1. […] und Union geschrieben und bitte um Kenntnisnahme, Ergänzungen und Widerspruch. Nebenan, beim Textilvergehen. Danke und bis […]

  2. Wenn ich das mal in meiner Funktion als abstiegsgewohnter Effzeh Fan sagen darf: Solange ihr Spiele in der zweiten Liga (hier das Derby) als nicht wirklich real anseht, solange wirds mit dem Aufstieg schwer. Kann gut gehen und ich sehe ja Hertha durchaus als Aufstiegskandidaten, aber wenns irgendwie ins Stolpern gerät, das Aufstiegsunternehmen, wird genau diese Einstellung ein tödlicher Bumerang.

  3. Na, zum Glück kann ich mir persönlich diese irreale Arroganz erlauben. Schließlich muss ich selbst nicht spielen und muss mich daher nicht lange (nur ein Jahr) mit der zweiten Liga aufhalten.

  4. Gut gelacht, @Enno. Beiden Seiten den Spiegel vorgehalten.

  5. Na Hallo, seit wann kommt es drauf an, wo der Fußballtempel steht? Stadtbezirk?! Was drin ist und was dort gelebt wird, ist ja wohl das Entscheidende.
    Wenn Du dort Kopien siehst, versuche den Blickwinkel zu ändern, denn so viel Orginal siehst Du nicht so schnell wieder oder Du siehst es nirgendwo.
    EISERNE Grüße Icke66

  6. @icke66

    Manchmal kommt es eben doch mit darauf drauf an, wo was steht. Oder glaubst du das die Reeperbahn und der Hafen nicht zur Anziehung bei St. Pauli beigetragen hat? Damit können wir in Köpenick nicht aufwarten.

    Und warum soll er seinen Blickwinkel ändern? Er hat doch seine Liebe gefunden.

  7. @bunki
    Aber, aber – Köpenick hat den Hauptmann von!!
    Das ist doch auch schon was.

  8. Danke für das Feedback!

    Ja, der Hauptmann. Aber ist dessen Hut nicht schon ziemlich alt? Ein alter Hut sozusagen…

    Ich kenne Köpenick nicht wirklich gut. Aber meine Eindrücke waren doch eher idyllisch, denn urban, szenig und alternativ. Kein Vergleich zu St. Pauli, das ich ebenso oberflächlich kenne wie Köpenick.

  9. @wolf

    Oh Mann, Hauptmann … Jetzt wird wohl auch noch gleich der Müggelturm aus Ausweis der Qualität von Köpenicker Lebensart herangezogen. Akzeptieren wir doch einfach mal, dass unser 1. FC Wundervoll in der Diaspora lebt und sehen darin nicht gleich eine Fundamentalkritik an der Fußballkultur dort.

  10. @Bunki- Union lebt in der Diaspora? Heimatvertrieben?

    Nö @Enno, ich seh da fast nichts so, wie du es siehst, aber so solls ja auch sein. Ziemlich viel “piefig” in deinen Beschreibungen

  11. @Milan

    okay, falsch. Dann eben doch Provinz. (was ich eigentlich nicht nutzen wollte, weil dann gleich wieder empfindsame Seelchen tödlich getroffen aufschreien). Und auch erst sehr spät, so ab 1920 (wie Spandau übrigens) Berlin!!

  12. Ihr wisst aber schon, dass Euer großartiges Leichtatletik-Event-Stadion gerade mal 3 KM näher am Stadtzentrum liegt, als unser einzigartiges, dem Fußball gewidmetes Stadion? Wenn wir also angeblich in einem Vorort leben, dann tut Ihr das auch. Als ehemaliger Neuenhagener weiß ich was ein Vorort ist und weder Ihr noch wir leben in einem solchen. Findet Euch doch endlich mal damit ab, dass es noch eine Welt über Euren Horizont hinaus gibt!

  13. Köpenick, Charlottenburg oder St. Pauli? Piefig oder weltoffen? Spielt das eine Rolle? Ich glaube kaum. Alles hat seinen Charme.

    Nur darf die Fankultur nicht zur Eventkultur verkümmern. Das ist der kleine aber feine Unterschied.

    Was das betrifft bin ich mit Union sehr zufrieden. Ob ich das bei Hertha auch wäre oder bei vielen anderen Vereinen, wage ich zu bezweifeln.

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