Blog State of the Union

Vor dem Derby dürfen wir uns nicht von den Zahlen blenden lassen

Jedes Berliner Derby hat seine eigene Geschichte. Um die des Aufeinandertreffens von Hertha BSC und dem 1. FC Union am 28. Januar 2023 im Olympiastadion zu erzählen, benötigt man nicht viele Worte, sondern nur das Tabellenbild der Fußball-Bundesliga der Männer. Hertha ist Zweiter von unten, Union Zweiter von oben.

Die Bundesliga-Tabelle nach der Hinrunde, Screenshot: Kicker, Bearbeitung: Textilvergehen
Die Bundesliga-Tabelle nach der Hinrunde, Screenshot: Kicker, Bearbeitung: Textilvergehen

Entsprechend gibt es medial die Vergleiche zwischen beiden Clubs (Kicker oder RBB), die teilweise interessante Zahlen hervorbringen. So schreibt die Bild, dass Union seit nunmehr 83 (!) Spieltagen vor Hertha stehen würde. Das ist kurios. Vor allem, wenn man wie ich noch die Stimme Ante Covic im Kopf hat. Der damalige Hertha-Trainer hatte nach der ersten Derby-Niederlage in der Bundesliga betont, man stehe ja noch einen Punkt vor Union.

Ich könnte hier noch weitermachen. Während Hertha bei den Personalkosten sparen muss, um das riesige Bilanzminus nicht immer nur durch externes Geld auszugleichen, investiert Union. Das macht sich auch in Transfers bemerkbar. Union gibt Geld für Ablösen aus (auch wenn ich hinter die kolportierte Ablöse bei Juranovic von 8 Millionen Euro plus Boni einmal ein sehr dickes Fragezeichen setzen würde, wahrscheinlich dürfte die sich eher im Rahmen der Einnahmen aus dem Ryerson-Transfer bewegen, also bei rund 5 Millionen Euro liegen), Hertha muss kostengünstige Spieler holen und sich von alten teuren Verträgen lösen.

Allerdings, und das ist das große aber, auf das ich hinaus will: Wer sich auf diese Vergleiche einlässt, lässt sich den Blick auf das Wesentliche vernebeln. Die Mannschaft von Hertha ist nicht die von Schalke, sondern vom Kader her absolut erstligatauglich. Die Mannschaft hat mehrfach in dieser Saison bewiesen, dass es sehr unangenehm sein kann, gegen sie zu spielen. Wer hier von einem Selbstläufer ausgeht, dürfte den Grundstein für eine Derby-Niederlage gelegt haben.

Ich vermute, dass Urs Fischer auf der Pressekonferenz heute um 14 Uhr (live auf AFTV) auf die Stärken von Hertha eingehen wird. Und das ist aus meiner Sicht die absolute Stärke der Union-Teams unter Fischer. Sie behalten fast immer den Fokus, können sehr schnell das vorangegangene Spiel abhaken und sich auf das nächste konzentrieren. Während wir nach Abpfiff in Bremen noch über das gegen Kevin Behrens gepfiffene Handspiel vor dem vermeintlichen 1:2 diskutieren, ist die Mannschaft schon gedanklich im Olympiastadion. Diese vielen Englischen Wochen haben dazu geführt, dass diese Fähigkeit geradezu eine Stärke des Teams wurde.

Rechtzeitige Anreise zum Olympiastadion empfohlen

Wichtiger Hinweis für alle, die am Samstag ins Olympiastadion fahren. Kommt rechtzeitig, denn die Einlass-Situation könnte länger dauern. Es wurden neue Drehkreuze eingebaut und es funktioniert in den Abläufen noch nicht alles. Wer sichergehen möchte, zu Anpfiff im Stadion zu sein, sollte etwas mehr Zeit mitbringen.

Das sind die weiteren Texte über Union in den Berliner Medien:

Sobald ich im Zusammenhang mit Union jemanden von einem Fußballfest reden hören, schalte ich gedanklich ab. Da denke ich an Bierbänke, Schunkeltechno und Karrussell. Deswegen kann ich das Interview mit Berlins oberstem Fußballfunktionär Bernd Schultz zum Derby (RBB) explizit nicht empfehlen. Aber wer es liest, wird erkennen, wie wenig die Gedankenwelt im Funktionärsbereich des Verbandes noch mit der Gedankenwelt des Profifußballs zu tun hat. Ist ja auch eine Erkenntnis.

News vom Transfermarkt

Laut Bild/BZ dürfte Aissa Laidouni bald bei Union als neuer Spieler vorgestellt werden. Ich habe schon ein paar Fragezeichen bei dem Transfer in meinem Kopf. Denn Union hat durchaus viele offensive Mittelfeldspieler. Muss es da nun noch einer sein? Aber es gibt auch das Thema, dass der spielerische Übergang in das Angriffsdrittel nicht zu Unions Stärken gehört, wenn sich das Team nicht in einer Umschaltsituation befindet. Und möglicherweise gibt dieser Transfer mehr Optionen für Aufstellungen jenseits der Dreierkette und damit eine Position mehr im Mittelfeld. Ich lasse mich gerne überzeugen.

In dem Zusammenhang dürfte endgültig klar sein, dass für Spieler wie Kevin Möhwald oder Levin Öztunali eher kein Platz mehr ist. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Union den beiden irgendeinen Stein bei einem Wechsel in den Weg legen würde. Ganz im Gegenteil, eher würden welche aus dem Weg geräumt.

Apropos Transfer: Timo Baumgartl will mehr spielen. Das verstehe ich absolut. Ob er deshalb über den Sommer hinaus bleiben wird, ist fraglich. Für einen Wechsel noch im Winter müsste Union die Leihe mit PSV aufheben. Ich kann mir ebensowenig wie der Kurier einen Wechsel im Winter vorstellen, da Union mit 5 Verteidigern sehr gut aufgestellt ist. Und nur eine Sperre oder Verletzung kann die Situation von Baumgartl sofort verändern.

Laut Transfermarkt gibt es ein Angebot für Mathis Bruns.

Amsterdam-Tickets

Heute ab 12 Uhr startet das Losverfahren für die Heimspiel-Tickets gegen Ajax Amsterdam (Vereinsmitteilung). Leider hat sich der Europapokal-Gegner von Union nun doch entschlossen, sich von Trainer Alfred Schreuder zu trennen (Mitteilung von Ajax). Ganz ehrlich: Ich hatte ein bisschen gehofft, dass sie das erst nach dem Rückspiel machen.

U19 gegen Raba

Das Test-Spiel gegen die U19 von Rasenballsport Leipzig wurde abgesagt. Das berichtete diese Woche die Bild. Das Thema hatte vor allem intern bei Union für Verwunderung gesorgt.

Das Test-Spiel gegen Raba Leipzig wurde abgesetzt, Screenshot: fussball.de
Das Test-Spiel gegen Raba Leipzig wurde abgesetzt, Screenshot: fussball.de

Podcasts

Ich habe mich sehr gefreut, dass Taktik&Suff sofort wieder in Wettkampfform sind und sich im Gegensatz zu uns auch in der Englischen Woche an die Mikrofone setzen, um eine Episode zu veröffentlichen: Das ist die perfekte Ecke

Außerdem ist die zweite Episode des Kicker-meets-Dazn-Podcasts mit Christopher Trimmel erschienen. Ich muss sagen, dass es wirklich unfassbar ist, wie normal und ehrlich Unions Kapitän in diesem Gespräch rüberkommt. Absolute Hörempfehlung von meiner Seite.

Und sonst so?

Außerdem veröffentlichte Union gestern einen Beitrag, um sich gegen rassistische Kommentare auf den Social-Media-Plattformen zu wehren. Der Post wurde auch von Spielern und Mitarbeitern geteilt.

6 Kommentare zu “Vor dem Derby dürfen wir uns nicht von den Zahlen blenden lassen

  1. Ich persönlich finde das Interview mit Bernd Schultz grundsätzlich okay.

    Bei seiner Aussage, dass der Berliner Fußball im Allgemeinen von Union und Hertha in der ersten Liga profitiert, wäre ich tatsächlich neugierig, ob das wirklich so ist. Ich könnte mir auch vorstellen, dass diese beiden Vereine den anderen lokalen Vereinen die Ressourcen (Spieler, Platzzeiten, Budgets…) wegsaugen.

    Aber sonst sagt aus meiner Sicht nichts komplett weltfremdes.

    • @Der Sepp Weltfremd würde ich auch nicht sagen. Für mich war es eher die Bestätigung, wie wenig Überschneidungen der Profifußball und der Amateurbereich noch haben. Kann mir auch nicht vorstellen, dass der Berliner Fußball in der Breite nennenswert von Union und Hertha profitiert (außer möglicherweise durch Geldzahlungen an den Verband oder durch Spieler, die den Durchbruch im NLZ nicht schaffen und dann im gehobenen Amateurbereich spielen).

  2. Frank Nussbücker

    Danke Dir, Sebastian! Die fatale Mär, dass die Punkte im Derby „quasi längst im Sack“ sind, überlassen wir doch lieber anderen. Ich erwarte eine beherzt aufspielende Hertha-Mannschaft und bin sicher, dass all unsere Qualitäten auf Rasen und Rängen heftigst gefordert sind. Eisern eben, haut alles rein!

  3. Maria Draghi

    Erstens war bei Derbies noch nie entscheidend, was auf dem Papier (Tabelle) steht. Gelegentlich hat Union früher auch gegen einen Lokalgegner gewonnen, dessen Name mir entfallen ist, der in der Tabelle fast immer ganz oben stand.

    Zweitens würde ich eine solche Aussage „(auch wenn ich hinter die kolportierte Ablöse bei Juranovic von 8 Millionen Euro plus Boni einmal ein sehr dickes Fragezeichen setzen würde, wahrscheinlich dürfte die sich eher im Rahmen der Einnahmen aus dem Ryerson-Transfer bewegen, also bei rund 5 Millionen Euro liegen),“ auch begründen. Irgend eine These vom Himmel fallen lassen ohne ein einziges Argument oder Indiz dafür ist nur Luft (noch nicht einmal heiße Luft) und für die Leser völlig nutzlos.

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