Zwölf Spiele für ein Tor

Angeblich hat am Samstag im Stadion an der Alten Försterei nicht nur eine Videoassistenz-Schulung für Schiedsrichter Tobias Welz stattgefunden, sondern auch ein Fußballspiel zwischen dem 1. FC Union und Werder Bremen. Also gibt es auch Stoff für unsere spieltägliche Taktik-Analyse – obwohl der Fußball, der da gespielt wurde, auch nicht unbedingt eine Angelegenheit für Taktik-Connaisseure war.

Sebastian Polter vergibt eine Torchance

Sebastian Polter vergibt eine Torchance, Foto: Stefanie Fiebrig

Um zu den Fragen zu kommen, die dieses Spiel hinsichtlich der Taktik der beiden Mannschaften gestellt hat, hilft vielleicht tatsächlich ein Blick auf die expected goals Statistiken, also die statistische Bewertung der Qualität der erspielten Chancen. Und die erspielten Chancen waren da auch tatsächlich das Problem für Union, denn Between the Posts weist da gerade einmal 0,08 Tore aus, wenn man Chancen nach Standardsituationen außen vor lässt. Also so wenig, dass es ungefähr 12 Spiele dauern würde, bis man mal zu einem Tor käme. Warum war das so?

Taktik Union Werder

Die Grundformationen zu Spielbeginn. Aus technischen Gründen in der manuellen Variante, die älteren werden sich erinnern. Foto: Daniel Roßbach

Union am Ball

Das Hauptproblem von Union war nicht einmal, dass man zu wenig Spielanteile gehabt hätte (der Ballbesitz war am Ende mit 46,6-53,4 relativ ausgeglichen). Und auch nicht, dass dieser Ballbesitz nur in ungefährlichen Räumen stattgefunden hätte, denn die Mannschaft von Trainer Urs Fischer hatte durchaus relativ oft Aktionen im potentiell gefährlichen Raum vor dem Strafraum. Aber Union ist es in diesem Spiel nicht gelungen, aus seinen – wie immer auf den Flügel fokussierten – Offensivaktionen gute Abschlüsse zu generieren.

Und auch das lag weniger an den vor allem von den Außenverteidigern, den Christophern Trimmel und Lenz, gespielten Hereingaben. Oder jedenfalls nicht daran, wie und von diese gespielt wurden. Denn die Flanken kamen zwar oft aus dem Halbfeld, waren aber trotzdem durchaus gefährlich.

Christopher Lenz

Christopher Lenz hebt ab, Foto: Stefanie Fiebrig

Aber nur potentiell, denn Union kam nur selten wirklich zum Abschluss (weshalb diese ordentlichen Angriffe auch nicht in der eingangs erwähnten Statistik auftauchen). Das lag manchmal schlicht an Pech, dass ein Laufrhythmus nicht ganz zur Hereingabe passte.

Aber man konnte auch sehen, dass noch nicht alle Laufwege gut zueinander passten. Das kann gerade in der Anfangsphase der Saison noch vorkommen, und gerade bei Anthony Ujah waren nicht alle Laufwege gut auf die Hereingaben abgestimmt. In manchen Szenen waren die aber auch schlicht falsch gewählt oder nicht präzise genug. Wie gut oder schlecht Flanken sind, hat aber auch nicht nur mit der individuellen Qualität der Spieler zu tun, sondern vor allem auch damit, wie sie herausgearbeitet werden. Nachdem für die Schlussviertelstunde Akaki Gogia auf der linken Seite ins Spiel kam, sah man öfter Kombinationen zwischen ihm und Lenz, die zu Bällen aus noch etwas besseren Situationen und einigen nur knapp verfehlten Situationen führten. So etwa nach 76 Minuten, als Polter nicht ganz an eine Flanke von Lenz kam, und vor allem bei Unions am besten herausgespielten Chance in der 87. Minute und Anderssons unsauberem Schussversuch in der 94.

Letztlich sind 26 Flanken auch tatsächlich nicht so viele, dass man sich darauf verlassen könnte, dass dabei wahrscheinlich genug gute Szenen entstehen und Tore fallen. Man braucht also entweder noch mehr davon – oder vielleicht doch etwas diversere und erfolgssstabilere Mittel im Angriff.

Andersson 1. FC Union

Warten auf die Flanke, Foto Stefanie Fiebrig

Bei einigen der angekommenen Bälle von Trimmel auf Ujah zeigte sich aber auch, warum es effizientere und effektivere Mittel gibt als Hereingaben aus dem Halbfeld: diese zwingen den Stürmer zu Bewegungen vom Tor weg und gegen die Richtung seines Abschlusses. Das gibt Abwehrspielern (auch in einer so improvisierten Defensive wie der Bremens) Zeit, die Schüsse zu blocken, und dem Torhüter Gelegenheit, sich auf Schüsse in das eingeschränkte Trefferfeld vorzubereiten.

Dass es überhaupt die Außenverteidiger waren, die wesentlich an diesen Offensivmomenten von Union beteiligt waren, lag auch an den Bewegungen der eigentlichen Offensivspieler: Wenn Sebastian Andersson oder Anthony Ujah sich etwas fallen ließen, um lange Bälle zu anzunehmen und zu verarbeiten, stießen die Außenspieler im Mittelfeld, erneut Marius Bülter und Sheraldo Becker, auch in die Spitze vor. Damit öffneten sie die Räume auf den Flügeln, in die Union Lenz und Trimmel durchaus mutig aufrücken ließ.

Standards

Die Standards, die wir bei der Analyse vorhin ausgeblendet haben, müssen wir natürlich schon noch einmal erwähnen. Denn sie sind eben ein durchaus wesentlicher Bestandteil von Unions Offensivkonzept, und waren in diesem Spiel auch der Grund, dass man von den Elfmetern abgesehen durchaus auf einen Sieg hätte hoffen können.

1. FC Union Standardsituationen

Jiri Pavlenka fängt einen Ball ab, Foto: Stefanie Fiebrig

Allerdings waren Unions Ecken und Freistöße auch nur mittel-erfolgreich. Denn Union kam damit zwar zu Abschlüssen, wirklich zwingend waren aber wenige davon. Das lag an nicht ganz geglückten Abschlüssen. Aber auch daran, dass Union im Moment Varianten fehlen, die ganz freie Abschlüsse nach Ecken bringen (naja, eine davon wurde mit Bülters erstem Tor gegen Dortmund lohnenswert ‘verbraucht’).

Szene des Spiels

Die oben bereits erwähnte Chance in der 77. Minute, die nicht nur erwähnenswert ist, weil Union einem Tor nach einer der Flanken da relativ nah kam. Sondern weil in der Entstehung auch fußballerische Mittel zu sehen waren, die man auch für andere Abschluss-Situationen öfter einsetzen könnte: Gogias sehr gute Absetzbewegung zwischen die Bremer Verteidigungs-Linien und Subotics guter Pass dorthin.

3 Gedanken zu „Zwölf Spiele für ein Tor

  1. Pingback: Für ein erstes Fazit ist es beim 1. FC Union Berlin noch zu früh › Textilvergehen

  2. „Aber nur potentiell, denn Union kam nur selten wirklich zum Abschluss (weshalb diese ordentlichen Angriffe auch nicht in der eingangs erwähnten Statistik auftauchen).“

    Für mich ist die Expected Goals Statistik damit endgültig tot. Was ist das für eine Statistik, die einen gefährlichen Angriff nicht berücksichtigt, weil der Mittelstürmer ganz knapp an der gefährlichen Hereingäbe vorbeirutscht…

  3. Pingback: Marcus Ingvartsen könnte Union mehr Flexibilität geben › Textilvergehen

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