Haben wir gerade den heimlichsten Kapitänswechsel der Union-Geschichte gesehen?

Es war eine sehr komische Situation gestern Abend im Podcast. Wir sprachen zu Beginn kurz über Felix Kroos, der das Spiel gegen Darmstadt von der Bank aus begann, und wie die übliche Reihenfolge bei der Vergabe der Kapitänsbinde nicht eingehalten wurde. Normalerweise hätte Toni Leistner sie getragen wie schon in einigen Spielen in dieser Spielzeit. Stattdessen war es aber Sebastian Polter, der als Kapitän die Mannschaft anführte. Und das vorneweg: Es fühlte sich absolut natürlich an.

Merkwürdig war hingegen die Begründung von Jens Keller: “Felix will unheimlich viel. Das sieht man im Training. Er geht immer mit richtig guten Vorsätzen ins Spiel. Aber er setzt sich aktuell zu sehr unter Druck. Den wollten wir ihm nehmen. Ich habe sehr lange mit ihm geredet.” Und erst im Podcast fiel mir endlich ein, warum ich diese Begründung so komisch fand. Denn als Sascha Lewandowski im Oktober 2015 Damir Kreilach als Kapitän absetzte, begründete er das so ähnlich: “Damir ist ein Mensch und Fußballer, der meinen Respekt genießt. Aber er schleppt die Binde wie eine Bürde mit sich herum.”

Sebastian Polter mit Schiri Timo Gerach, Foto: Hupe, union-foto.de

Glauben wollte das aber so recht niemand, dass wir jetzt vielleicht auch einen Wechsel in der Hierarchie gesehen haben. Doch danach las ich im Kurier: “Polter ist neuer Union-Kapitän: Kroos-Nachfolger bei Union redet gleich Klartext”. Und spätestens da wurde klar, dass die Hierarchie-Verschiebung schon längst stattgefunden hat und die Korrektur in der Kapitänsfrage wohl nur ein Nachholen der Wirklichkeit war. Die Bestätigung für den Wechsel gab es nur über Bande, in dem Toni Leistner als Kassenwart sagte, dass er den Beitrag festlegen würde, den der neue Mannschaftskapitän in die Teamkasse zu zahlen habe. Von Union oder vom Trainer zu dem Thema: Kein Wort.

Das ist tatsächlich sehr merkwürdig. Egal wieviel man selbst der Rolle eines Mannschaftskapitäns beimisst oder nicht, dass ein Wechsel ein Thema ist oder sein wird, ist doch klar. Das öffentlich zu bestätigen und zu begründen, ist ein Weg die eigene Deutungshoheit zu behalten. So kenne ich Union eigentlich nicht. Sie reden normalerweise nicht viel, aber die eigenen Schritte mit einem entsprechenden Rahmen und einer Geschichte öffentlich zu verkaufen, ist schon ihr Ding. Immer unter der Maßgabe: Was können wir zu der Geschichte beitragen? Was hat der Verein davon, dass wir jetzt reden? Mir kommt das ein wenig zu verdruckst rüber, beinahe so als ob man sich bei seiner eigenen Entscheidung nicht traut. Oder aber sie haben den Kapitän offiziell nicht gewechselt, sondern einfach Polter zu Kroos’ Stellvertreter gemacht. Aber das glaube ich nicht.

Update von 12.19 Uhr: Felix Kroos dementiert den Kapitänswechsel

Steven Skrzybski und Felix Kroos beim Waldlauf am Samstag, Foto: Matze Koch

Ansonsten beherrschen weiter Steven Skrzybskis Äußerungen und ihr Nachhall die Berliner Medien, die Bild überlegt beispielsweise, wem als nächstes der Kragen platzen könnte:

Insgesamt könnte man schon den Eindruck gewinnen, Union befände sich in einer massiven Krise. Dabei ist das gar nicht der Fall. Die Mannschaft schafft es allerdings nicht, die eigene Qualität in dem Maße auf den Platz zu bringen, wie es vielleicht das eingesetzte Geld vom Verein und die Namen der Spieler versprechen. Aber das bringt mich jetzt nicht dazu, plötzlich alles schlecht zu reden. Denn das Ziel Aufstieg ist ein Dauerlauf. Bei dem am Ende auch die Qualität entscheidet, die von der Bank kommt. Ich persönlich bin kein Freund davon, etwas nicht zu sagen. Wenn Skrzybskis Worte und der (heimliche) Kapitänswechsel dazu führen, dass die Mannschaft sich besser findet und Unzufriedenheit nicht runtergeschluckt, sondern so ausgesprochen wird, dass sie das Teamziel nicht gefährdet, war das gut. Aber ob das wirklich der Fall ist, das werden wir erst nach der Winterpause halbwegs einschätzen können.

Die U17 hat gestern übrigens auch ihr Spiel gewonnen:

2 Gedanken zu „Haben wir gerade den heimlichsten Kapitänswechsel der Union-Geschichte gesehen?

  1. oje, stürmische Zeiten, was für ein Wechselbad der Gefühle, erst am Mittwoch die positive Stimmung bei der Mitgliederversammlung, dann das irre Spiel am Freitag, nun die Personaldiskussionen, was das Thema Kapitän angeht so habe ich mich voriges Jahr für Felix gefreut, allerdings war ihm anzumerken dass er Probleme hatte sich da rein zu finden, mir fällt bei Felix immer auf dass er sehr viel will und vieles auch sehr kompliziert angeht, vielleicht sollte er einfach er sein und sich nicht z.B. an seinem Bruder orientieren, ich hoffe dass er jetzt befreiter spielen kann. Polti ist auf jeden Fall der richtige Leitwolf in so stürmischen Zeiten! Generell hat es Polti im Artikel im Kurier treffend analysiert, nun gilt es die Fehler auszumerzen und zu zeigen was jeder kann! Immer weiter ganz nach vorn…

  2. Pingback: Union kommunizierte den Kapitänswechsel nicht, weil es ihn nicht gab | ***textilvergehen***

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