Christopher Trimmel artikuliert Unions Problembewusstsein

Der Sieg von Union gegen Ingolstadt war nicht unbedingt souverän. An der Weise, in der er das nicht war, fand ich interessant, als wie groß Trainer Urs Fischer oder Kapitän Christopher Trimmel die Rolle fehlenden Selbstvertrauens und Mutes dargestellt haben. Beides sei sowohl im Aufbauspiel als auch im Pressing erkennbar gewesen. Das ist bemerkenswert, weil Union ja alle Gründe zu haben scheint, selbstbewusst zu sein. Darauf kommt es im Fußball aber nicht so sehr im großen Ganzen, sondern in ganz spezifischen Entscheidungen an.

Trimmel

Christopher Trimmel sprach nach dem Spiel unter anderem über die Schwächen im schwimmenden Pressing.

Ingolstadt Nachlese

Im Podcast, den wir gestern aufgenommen haben, kommt Christopher Trimmel etwas länger mit seiner taktischen Analyse des Spiels zu Wort, in der er genau darüber spricht und vor allem die Defizite von Union am Freitag deutlich macht (ab 16:30 in der Folge).

Das freute mich einerseits, weil es zeigt, dass sowas in diesem Kontext durchaus möglich ist. Und vor allem, weil es auf ein Problem-Bewusstsein innerhalb der Mannschaft deutet, das nicht von den Ergebnissen verdeckt wird.

Unter anderem um Trimmels Analyse geht es auch in den Nachberichten der Berliner Medien:

Ein guter Spieltag für Union

Mich nervt es, wenn die Ergebnisse miteinander um Tabellenplätze konkurrierender Mannschaften an einem Spieltag verglichen werden, und dann Siege als besonders wichtig herausgestellt oder Punktverluste entschuldigt werden. Schließlich ist es fundamental egal, in welcher Reihenfolge man Punkte holt (abgesehen davon, vielleicht in einem Spiel an irgend einem Punkt unter anderem Ergebnisdruck zu stehen und dann anders spielen zu müssen).

Aber man kann trotzdem feststellen, dass dieser Spieltag für Union gut gelaufen ist: Köln hat zwar Bielefeld einigermaßen souverän geschlagen, aber nach hinten klafft jetzt ein Loch auf Kiel, Paderborn, Heidenheim (die alle verloren haben) sowie Regensburg. Und St. Pauli oder der HSV oder beide verlieren heute noch Punkte. Insofern waren das gute Ergebnisse für Union, die irgendwann hätten passieren können, aber zufällig alle auf einen Spieltag fielen, der Union ganz gut gefallen wird.

Nazis

Im Podcast haben wir auch noch einmal kurz über den Tweet gesprochen, für den antisemitisch eigentlich ein zu schwaches Wort ist: holocaust-verherrlichend ist genauer. Auch Almog Cohen selbst hat sich auf Twitter dazu geäußert:

Aber ich denke, dass ein anderer Vorfall vom Spiel gegen Ingolstadt in diesem Bereich vielleicht eigentlich wichtiger ist. Weil er mehr mit Union, Unionern und Dingen zu tun hat, die beide beeinflussen können:

Es ist nicht das erste Mal in den letzten Wochen, dass der Verein (beziehungsweise die Ordner, die er einsetzt) dafür kritisiert wird, seine Richtlinien für den Umgang mit Rechtsextremismus im Stadion nicht konsequent umzusetzen. Gerade vor dem Hintergrund des Statements, das Union gestern in Antwort auf die Beleidigungen gegen Cohen abgegeben hat, sollte hier Besserung eingefordert werden. In dem Statement schreibt Union:

Darüber hinaus gibt es immer wieder Berichte über Fälle von rassistischen Übergriffen auf den Rängen im Stadion An der Alten Försterei, die jedoch nur selten beim Ordnungsdienst gemeldet und zur Anzeige gebracht werden.

Nun, da gibt es offenbar auf mehreren Seiten Verbesserungsbedarf.

Wirklich schockierend fand ich diesen Bericht aus Chemnitz, wo beim Spiel des CFC gegen Altglienicke ein Thomas Haller nach seinem Tod in dieser Woche geehrt wurde. Haller war der Gründer der Vereinigung “Hooligans Nazis Rassisten”, deren Mitglieder unter anderem mit einem Mord in Verbindung gebracht werden.

Gedacht wurde seiner nun, indem die SPD-Stadträtin und CFC-Fanbeauftragte Peggy Schellenberger sich daran erinnerte, wie “unpolitisch und herzlich zueinander” man gewesen sei. [Update von 13:40: Bei Schellenbergers Facebook-Eintrag habe ich mich vorhin ver-linkt. Dieser wurde in der Zwischenzeit aber auch kommentarlos gelöscht und ist zB. hier nachzulesen.] Und indem ein Spieler (Daniel Frahn) ein T-Shirt mit der Aufschrift “Support your local hools” hochhielt, das ihm von der Bank gereicht wurde, nachdem er ein Tor schoss, begleitet von einer Durchsage des Stadionsprechers.

Update von 12:14: Entscheidet selbst, was ihr von diesem Statement von Chemnitz haltet:

Das wäre eine Option:

Und niemals vergessen

Wie an jedem zweiten Sonntag gibt es auch heute eine neue Folge unseres Union-Geschichts-Podcasts Und niemals vergessen.

Darin geht es darum, wie 1981 der damalige FIFA Präsident Jean-Marie Faustin Godefroid “Joao” Havelange Union besucht hat, und warum das zum Bild von Union als subversivem Verein gehört.

9 thoughts on “Christopher Trimmel artikuliert Unions Problembewusstsein

  1. Im Hinblick auf die Spieltage 26 (Heidenheim) und 27 (Paderborn), während der HSV und Köln vermeintlich leichte Gegner bekommen, hoffe ich, dass die Jungs 6 Punkte mitnehmen und die spielerische Delle der letzten Wochen ausbeulen können. Und mittlerweile tut es doch was zur Sache, wie die anderen spielen, weil die Unioner gefühlt mit dem Druck nicht so gut umgehen können wie der HSV oder Köln, die nun doch langsam aufblühen. Köln allein durch die Kadertiefe und der HSV, weil die Qualität mit Hunt zurück ist.
    Platz 3 ist durchaus realistisch, weiter oben ist ein großes Sahnehäubchen. Dass der HSV St. Pauli besiegt hat, gibt zumindest etwas Luft zum Atmen und evtl. könnten die Jungs auch etwas befreiter aufspielen und sich sagen, dass sie nun eben genau diesen Abstand haben nach unten und einfach befreit die zwei Schwergewichte jagen wollen. So ein Mindset wäre evtl. zielführend. Ist aber auch nur meine Küchenpsychologie.

  2. Vielleicht wäre ein Gang zum Psychologen für einige Spieler ratsam, damit sich der katastrophale Einbruch, (an den sich die Jungs mit Sicherheit erinnern) dieses Mal ausbleibt.

  3. Ach noch eins. Den dämlichen Gesang vom Aufstieg sollte man sich sparen. Es ist noch lange nicht so weit. Und nach solch einem Spiel schon garnicht.

  4. Zu viel Vorschußlorbeeren haben seltenst zu etwas geführt.
    Das kann man natürlich auch Spaß nennen.

  5. Ich werde diese Lieder mit voller Innbrunst auch weiterhin mitsingen, egal auf Platz 18, 4, 3 oder 1.

    Ich habe nämlich in der Tat Spaß dabei.

  6. Für Leute, die auf das Leben schauen wie du es scheinbar tust, gibt es im englischen den schönen [edit: auch gern selbstironisch gebrauchten] Ausdruck miserable bastard.

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