Wehmut im leeren Olympiastadion und ein abgesagter Derby-Urlaub

“Es geht in erster Linie um Ligaerhalt und nicht um Stadtmeisterschaft”, sagte Urs Fischer gestern in der Geisterpressekonferenz vor dem Geisterspiel bei Hertha BSC am Freitag (AFTV). Und damit spricht er genau meine Gefühle aus. Ich denke momentan nur an den Klassenerhalt und null an die tiefere Bedeutung von einzelnen Spielen. Das heißt nicht, dass mir ein Spiel gegen Hertha unwichtig wäre. Und ich glaube auch, dass Urs Fischer bei einer Überschrift wie “Unions Fischer pfeift auf die Stadtmeisterschaft” eher die Stirn in Falten legen würde.

Urs Fischer auf der Pressekonferenz vor dem Berliner Derby gegen Hertha BSC, Foto via AFTV

Urs Fischer auf der Pressekonferenz vor dem Berliner Derby gegen Hertha BSC, Foto via AFTV

Denn es bedeutet mir tatsächlich auch viel, selbst in diesem Sonderspielbetrieb mit den Einschränkungen zur Eindämmung des neuen Coronavirus. Es hat wirklich lange gedauert, bis wir uns mit Hertha BSC auf Augenhöhe und sportlich auf dem höchsten Niveau messen durften. Und das war vor vielen Jahren noch komplett unvorstellbar. So ein Spiel ist dadurch gleichzeitig so etwas wie eine Belohnung und der Ansporn wirklich noch besser zu werden. Und deshalb werde ich morgen schon etwas traurig auf die Derbykarten schauen, die bei mir am Regal festgepinnt sind. Aber zuallererst geht es eben um den Klassenerhalt.

Chance auf TV-Übertragung des Derbys ist sehr hoch

Eventuell schwierig werden dürfte die Position auf der linken Seite, wo Christopher Lenz eventuell ausfallen könnte, da er gestern das Training abbrechen musste. Der Trainer gab noch bekannt, dass Sebastian Andersson durchaus wieder von Beginn an spielen könnte.

Und noch eine Nachricht zur möglichen TV-Übertragung des Derbys: Pressesprecher Christian Arbeit bezeichnete die Wahrscheinlichkeit eines Blackouts als sehr klein. Auf jeden Fall gibt es wieder eine Audioübertragung auf AFTV.

Beim RBB gab es gestern Abend noch einen Beitrag mit Andi, der auch schon für das Textilvergehen im Drachenboot saß, und Herthafan Matthias. Zu sehen, wie die beiden da im leeren Olympiastadion sitzen, macht mich echt fertig. “Wehmut” nennt Matthias dieses Foto. Und ja, das fühle ich auch. Diese Traurigkeit, die so hoch geht, dass man es eigentlich kaum aushalten kann.

Andi und Matthias im Olympiastadion, Foto via @aro_conaro

Andi und Matthias im Olympiastadion, Foto via @aro_conaro

Eine gute Nachricht gibt es noch aus dem Frauenbereich. Denn dort trainiert die erste Mannschaft wieder. Wie es allerdings mit dem Wettbewerb weiter geht, ist noch nicht bekannt. Alle Fotos vom ersten Training gibt es hier.

Bild vom ersten Training nach der langen Corona-Pause, Foto: 1. FC Union Berlin Frauen

Bild vom ersten Training nach der langen Corona-Pause, Foto: 1. FC Union Berlin Frauen

Ein abgesagter Derby-Urlaub und ganz viel Nostalgie

Diesen Text hatte Erik Jullander, Journalist und Unionfan aus Schweden, ursprünglich für das Magazin Union pur geschrieben. Wir finden, dass es perfekt für diesen Feiertag und zur Einstimmung auf das Derby unter diesen besonderen Umständen ist.

Kann man eigentlich Nostalgie empfinden über ein Ereignis, das erst vor ein paar Wochen stattfand? Nachdem mein Verein eines Morgens wieder per #TordesTages gute Laune verbreitete und Marvin Friedrichs Treffer gegen Wolfsburg zeigte, kamen in mir auf einmal viele Gefühle hoch.

Damals, ganz am Frühlingsanfang 2020, gingen die Flüge aus meiner schwedischen Heimat noch planmäßig nach Tegel. Ich konnte meine Freunde im Block N, die ich allzu selten sehe, noch herzlich umarmen. Ich konnte nach den Toren mit allen unbekannten Unionern um mich herum unbesorgt abklatschen. Soziale Distanzierung? Kannten wir nicht.

Im Nachhinein bin ich doppelt froh, dass ich diese Reise wirklich noch geschafft habe. Nicht nur, weil mir dieses Wochenende viel Kraft für meine Genesung nach meiner Erkrankung im Februar gab. Sondern auch, weil das Tor von Friedrich (er macht ja bekanntlich nur sehr besondere Tore) dieses Jahr wahrscheinlich das letzte vor Zuschauern im Wohnzimmer war. Natürlich kann man bei diesem Gedanken etwas nostalgisch werden.

Geplant war meine persönliche Rückkehr in Köpenick nur 16 Tage später. Die perfekte Derbywoche stand fest. Der Urlaub war seit Monaten geplant. Erst wollte ich als Co-Moderator und Dolmetscher beim skandinavischen Fantreffen mit Sebastian Andersson und Julian Ryerson behilflich sein. Am Tag vor dem Derby sollte ich etwa 20 Schweden, die Union noch seltener als ich erleben können, bei einer Stadionführung begleiten. Und natürlich am Samstag wie gewohnt Union zwei Tore im Olympiastadion schießen sehen. Dieses Jahr hätten es sogar mehr werden können …

Erik Jullander am Abend nach dem Aufstieg im Stadion an der Alten Försterei, Foto: Matti Michalke

Erik Jullander am Abend nach dem Aufstieg im Stadion an der Alten Försterei, Foto: Matti Michalke

Alle diese Highlights fielen nur ein paar Tage vor der Abreise aus. Natürlich hat die Welt größere Sorgen, als ausgesetzte Fußballspiele. Nichtsdestotrotz hat dieser Frühling vielen von uns gnadenlos gezeigt, wie sehr einem der Fußball doch fehlen kann, wenn er plötzlich nicht mehr da ist. Die festen Termine im Kalender, die Atmosphäre, die Emotionen. Alles weg.

Bier und Wurst schmecken besser denn je

Auf der anderen Seite der Ostsee fühle ich mich zu dieser Zeit irgendwie noch weiter weg als sonst. Das Gefühl der Unionfamiliengemeinschaft bleibt dennoch. Noch nie habe ich die Kreativität des AFTV-Teams so geschätzt. Und beim Besuch des virtuellen Imbisses stelle ich mir vor, wie unter Freunden beim Stadionbauerdenkmal die letzten 90 Minuten gründlich analysiert werden. So wie sonst auch immer. Das Bier und die Wurst schmecken besser denn je.

Mit der Lieferung eines neuen Trikots aus dem Zeughaus (Nummer 10, Andersson) konnte ein Stück frisches Bundesligagefühl zu Hause sichergestellt werden. Diese Bestellung war auch die perfekte Gelegenheit für meinen vierjährigen Sohn, sein erstes Uniontrikot zu bekommen. Er ist sehr stolz und zieht am liebsten nichts anderes mehr an. Irgendwann, irgendwann einmal besuchen wir gemeinsam ein Punktspiel.

Schnell habe ich auch unsere Mitgliedsbeiträge bis zum Sommer 2021 bezahlt. Nicht hauptsächlich um Union zu unterstützen, sondern viel mehr um mich selbst daran zu erinnern, dass das Warten auf Union eines Tages wirklich ein Ende hat. Nein, Geisterspiele zählen nicht. Fick dich Corona. Wir werden ewig leben.

Erik Jullander

2 Gedanken zu „Wehmut im leeren Olympiastadion und ein abgesagter Derby-Urlaub

  1. Schöner Beitrag von Erik. Er zeigt auch, dass man sich dieser Tage nicht nur im Klein-Klein-Generve über irgendeine vermeintliche oder tatsächliche Einschränkung ergehen muss, sondern auch einfach mal optimistisch den Blick nach vorne richten kann. Irgendwann wird es weitergehen.

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