“… dann kann auch Union Fußball spielen”

Vor dem Spiel konnte man sich durchaus Sorgen machen über Unions Plan in der Defensive. Denn Leverkusens Aufbau- und Ballbesitzspiel unter Peter Bosz ist ziemlich nah am Spitzenniveau der Liga und hätte eine eher passiv Wege versperrende Herangehensweise, wie Union in Bremen gewählt hat, vermutlich bestraft. Aber auch eine aktive, aggressive Spielweise gegen den Ball liefert das Risiko, mit guten Schnittstellenpässen und Drehungen um Gegenspieler von Leverkusener Nadelspielern überwunden zu werden. Urs Fischer hat sich trotzdem für diese aggressive Ausrichtung entschieden. Unsere Taktik-Analyse erklärt, warum das funktionierte:

Marius Bülter mit einer Finte kurz vor dem 2:2

Marius Bülter hört nicht auf, belter-Tore zu machen, Foto: Stefanie Fiebrig

Unions überlegener Start und Leverkusens Umstellung

Der Grund für Unions starkes Spiel lag darin, dass Union sehr solidarisch verteidigt hat (wie Urs Fischer das sagen würde): Weil Christopher Trimmel und Christopher Lenz immer wieder weit vorn Leverkusens tiefere Außenspieler gestört haben, ist es Robert Andrich und Christian Gentner gelungen, das Zentrum zu verteidigen. Je freier die Flügel- respektive Außenverteidiger gewesen wären, desto einfacher wären die Verteidigungsbemühungen im Zentrum auszuhebeln gewesen.

So aber war das auch einer der Gründe dafür, dass Leverkusen früh in der Partie sein System gewechselt hat. Die Gäste aus der Nähe von Köln hatten mit einer Dreierkette mit Sven Bender begonnen, vor der zunächst Lars Bender und Nadiem Amiri im zentralen Mittelfeld und Mitchell Weiser und Wendell als Flügelverteidiger gespielt haben. Einschließlich der Halb-Stürmer Kai Havertz und Leon Bailey und Spitze Kevin Volland gab es so zunächst wieder auf dem ganzen Feld die bekannten eins-gegen-eins Zuordnungen. Peter Bosz und seine Spieler erkannten nach den ersten zehn Minuten, in denen Union sehr guten Zugriff, etwa vier Torchancen und eine 1:0-Führung hatte, dass das nicht funktionierte. Leverkusen stellte dann auf ein 4-3-3 mit den Benders auf der Sechs und Amiri auf der Zehn um. Union passte sich daran an, indem Bülter und Malli nun etwas tiefere Positionen im Pressing einnahmen.

Gentner-Love

An der Dynamik des Spiels änderte sich danach aber nicht entscheidend etwas – auch, wenn Leverkusens Spieler nach dem Spiel sagten, sie seien dann besser im Spiel gewesen. In der Tat hatte aber Union weiterhin mehr Torchancen – am Ende waren es 21 zu 13, bis zur 80. Minute sogar 17 zu 6 für Union. Diese Vorteile verdiente sich die Mannschaft mit gutem Fußball (siehe unten). Aber natürlich war die Arbeit gegen den Ball dafür immer noch die Grundlage, und wäre Unions offensive Präsenz ohne viele gute Ballgewinne nicht möglich gewesen.

Christian Genter schoss ein fantastisches Tor. Foto: Stefanie Fiebrig

Christian Genter schoss ein fantastisches Tor. Foto: Stefanie Fiebrig

Die dafür nötige Intensität brachten wieder viele Union-Spieler. Auffällig war da etwa Marvin Friedrich. Aber auch Christian Gentner, der eine (von mir) wirklich unerwartet gute Saison spielt. Gegen Leverkusen hat Gentner natürlich ein sehr hübsches Tor geschossen, an dem vor allem Marius Bülter wieder großen Anteil hatte.

Aber Gentner fiel in diesem Spiel auch mit einem enormen defensiven Pensum auf: am Ende standen für ihn drei erfolgreiche Tacklings und sechs abgefangene Pässe in den Statistikbögen. Das sind also allein in diesen gezählten Momenten, die längst noch nicht das ganze Spiel abbilden, neun Ballgewinne. Gentner war einer der besten in einer der stärksten Mannschaftsleistungen von Union in dieser Saison.

Lange hohe Bälle? Flachpasskombinationen? Beides.

Angesprochen auf Unions Spielweise und darauf, warum Union auch offensiv stark stattfand, sprachen Leverkusens Spieler vor allem über Unions lange Bälle. Dabei zeigte dieses Spiel, dass das Union längst nicht gerecht wird – und nicht nur, weil Leverkusen (bei mehr Ballbesitz) am Ende mehr lange Bälle gespielt hatte als Union.

xg union leverkusen

Union hatte insgesamt die deutlich besseren Chancen als Leverkusen. Quelle: FiveThirtyEight

Sondern auch, weil Urs Fischers Mannschaft in diesem Spiel so viel Spielkultur zeigte wie vielleicht noch gar nicht in dieser Liga. Das widerspricht einem Fokus auf hohe Bälle für Sebastian Andersson aber eben gar nicht. Das zeigt zum Beispiel ein Angriff nach 12:40 Minuten sehr gut. Union bringt den Ball hoch auf Andersson an die Mittellinie, nach dessen Ballverarbeitung spielen er, Robert Andrich und Marius Bülter aber eine gute Passkombination (die Hrádecky am Strafraum klärt). Union nutzt lange Bälle und seine Arbeit gegen den Ball, um in interessanten Räumen Ballbesitz zu bekommen – und dort dann Fußball zu spielen.

Union Fußball

Di Passgraphik für Union zeigt sehr schön, wo Union kombiniert hat. Graphik: Between the Posts (Web, Twitter)

Urs Fischer sagte das in der Pressekonferenz nach dem Spiel so:

Um offensiv gefährlich werden zu können, musst du dich auch mal unter Druck lösen können, um eine Spielfortsetzung hinzubekommen. Dann musst du präzise sein. Das hat man heute bei einigen Aktionen gesehen. Dann kann eben auch Union Fußball spielen. An dem arbeiten wir weiter.

Szene des Spiels

Unions erste große Chance, nach zwei Minuten, vor der Marvin Friedrich ein Kopfballduell gewann, dem Ball nachging, ihn nochmal gewann, mit der Hacke auf Robert Andrich ablegte (!!), der einen schönen schneidenden Pass auf Andersson spielte, dessen Schuss sehr knapp vorbei ging. Für mich ist das die Szene des Spiels, weil in diesem Moment die kämpferischen und spielerischen Qualitäten von Union in diesem Spiel sehr gut zusammen kamen.

Das wäre ein fantastisches Tor von Sebastian Andersson gewesen. Foto: Stefanie Fiebrig

Das wäre ein fantastisches Tor von Sebastian Andersson gewesen. Foto: Stefanie Fiebrig

5 Gedanken zu „“… dann kann auch Union Fußball spielen”

  1. Ich dachte bei dieser Kombination nur: “Wie wunderschön!!!”. Ohne wirklich Ahnung von Fußball zu haben. Es war einfach großartig und frustrierend zugleich gestern…

  2. Schön geschrieben!
    Manchmal hatte ich das Gefühl, Union hat an der Seitenlinie 2v5 gezaubert und ist damit durchgekommen. Manchmal 3v5. Oder eben auch wie bei deiner beschriebenen Szene im Zentrum.
    Mir hat Malli in dem Spiel auch ganz gut gefallen, v. a. ist er durch stete Sprints in die zu verteidigenden Räume oder für Balldruck aufgefallen, ohne dabei die Offensivqualitäten zu vernachlässigen. Diese Defensivarbeit ist gegenüber dem letzten Spiel stärker geworden.

  3. Also ich bin auch beeindruckt wie flexibel meine Unioner geworden sind und der ,,Mut” belohnt wurde (und hoffe lange noch..). doch erfahrene Spieler für die Bundesliga zu holen. Als Aktiver Schiedsrichter bin ich mal wieder Enttäuscht über die Auslegung des Handspiel zum Schluss und das wiederholte Zusammenspiel mit Köln…..l.g Peter B.⚽️

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