WM-Wohnzimmer: Noch nie habe ich mich so auf Bela Rethy gefreut

Nils war am Donnerstag zum ersten Spiel der Weltmeisterschaft zwischen Brasilien und Kroatien beim Public Viewing im Stadion an der Alten Försterei. Für uns hat er aufgeschrieben, wie er das WM-Wohnzimmer erlebte.

Vorab: Mit Public Viewing kann ich normalerweise nicht viel anfangen. Als 2006 zum ersten Mal im großen Stil Fußballspiele auf den Straßen und Plätzen dieses Landes gezeigt wurden, studierte ich im beschaulichen Bamberg. Auf dem zentralen Platz der Stadt standen die Grüppchen mit den Reichskriegsflaggen friedlich neben dem schwarz-rot-geilen Feierpulk – das war nicht meine Party. Wir verfolgten die Spiele mit 15, 20 Leuten auf einem alten Röhrenfernseher in einer Altstadtgasse, auf Bierkästen, wackligen Stühlen und alten Sofas sitzend, und so war das sehr schön.

Foto: Koch

Für viele Jahre sollte das die größte Gruppe bleiben, mit der ich Fußball geschaut habe. Dann kam der Umzug nach Berlin und in der Spielzeit 2012/13 die ersten Besuche in der Alten Försterei. Mittlerweile bin ich Vereinsmitglied, Dauerkarteninhaber auf der Waldseite und mit schöner Regelmäßigkeit alle zwei Wochen heiser und glücklich. Glücklich, weil ich das Gefühl habe, dass der Verein, seine Fans und Mitglieder ein riesengroßes Herz haben und Lust auf Fußball, Gemeinschaft und Spaß ohne großen Schnickschnack.

Vorfreude trotz des versenkten Sofas

Als der Herzensverein zum Public Viewing ins WM-Wohnzimmer an der Alten Försterei lud und Georg sein Sofa zur Verfügung stellte, war klar: Das machen wir jetzt einfach mal.
Georgs Sofa landete zwar keine 48 Stunden, nachdem es im Stadion war, in der Wuhle, aber trotzdem habe ich mich die ganze Woche über gefreut, denn: Wohnzimmer wurde versprochen, und Wohnzimmer hatten wir erwartet.

Als wir dann um kurz nach neun endlich im Stadion waren, war es mit der Freude schnell vorbei. Vor der Videoleinwand war eine Bühne aufgebaut, und darauf spielte die Hauskapelle eines Kräuterschnapsherstellers ein wildes Pop-Medley. Als wir den Rasen betraten, waren sie gerade bei Seven Nations Army. Ein Klassiker in so ziemlich jedem Stadion, aber in der Alten Försterei? Bitte nicht! Die Band mühte sich leidlich, so etwas wie Partystimmung aufkommen zu lassen. Das erklärte die Tänzerinnen mit den kurzen Röcken, die auf der Bühne vor der Leinwand zur Musik herum hüpften. Was hatte das hier mit Wohnzimmer zu tun?

WM Wohnzimmer 2014
Foto: 
Koch

Zum Gespräch über die eigene Sofakante hinweg musste man schreien, das Ersatzsofa entpuppte sich für drei Personen als etwas kuschlig, und so richtig Stimmung wollte im Stadion auch nicht aufkommen. Warum auch? Es war immer noch relativ warm, und die meisten Anwesenden wirkten so, als ob sie sich auf einen gemütlichen Abend eingestellt hatten.

Teuer wie nie: Das Bier im Stadion

Aber es gab ja ein Bühnenprogramm und ein Moderationsduo. welches anscheinend die beiden Radiosponsoren entsendet haben. Der Sänger der Jägermeisterband schwärmte dann auch ganz brav davon, wie toll das hier in der Alten Försterei ist und wie wichtig hier die Tradition ist. Davon war in diesem Moment aber nicht mehr viel übrig.

Völlig ungezwungen und gut gelaunt suchten sich die beiden Spaßbeauftragen anschließend willige Opfer im Publikum, die auch alle bekräftigten, wie toll das alles hier ist in diesem tollen Stadion. Zu diesem Zeitpunkt war ich fest entschlossen, mich möglichst schnell zu betrinken. Das war in Anbetracht der erhöhten Bierpreise (4€ für 0,5 Liter) und der ungewohnt langsamen Bierausgabe leider auch erschwert. Immerhin: Keine Schlangen, Bierstände waren wirklich genug vorhanden.

Fremdschämen statt Stimmung

Der Rest war zum Fremdschämen. Zum Abschluss des Vorprogramms tanzte eine Sambaband aus der Haupttribüne heraus. Wieder Fleischbeschau mit leicht bekleideten Frauen, diesmal kulturell abgesegnet – ist ja Brasilien, da tanzen ja dauernd Frauen im Tanga durchs Stadion, kennt man ja.

Währenddessen mühte sich die Twitterwall auf der Anzeigetafel vergeblich darum, positive Tweets mit dem Hashtag #WMWohnzimmer zu veröffentlichen. Davon gab es anscheinend nicht allzu viele, deswegen wurden auch noch Tweets vom @DFB_Team mit eingebunden. Arne Friedrichs Gruß ans „Wohnzimmer“ kam definitiv an – denn viel mehr gab es lange nicht.

Meine überaus pöbeligen Tweets mit dem Hashtag #kotzenimstrahl haben es jedenfalls nicht auf die Stadionwand geschafft. (Und nachdem ich heute nochmal nachgeschaut habe, wundere ich mich noch mehr. Denn eigentlich gab es auf Twitter ziemlich viele wohlwollende Kommentare unter #WMWohnzimmer.

Unser für drei Personen dann doch etwas kuscheliges Ersatzsofa beherbergte vor Spielbeginn jedenfalls eine ziemlich unglückliche Unionkleinfamilie. Das war kein Wohnzimmer, das war Gute-Laune-Animation aus dem Pauschalurlaub, das war Ufftata kölnischer Karnevalsprägung, das war „Und-jetzt-geht-es-rückwärts“-Stimmungsmache wie beim Jahrmarkt.

Es folgte ein weiterer Musiker, der seine neueste Single vorstellen durfte und sich natürlich auch wie Bolle freute, hier in diesem unglaublichen Wohnzimmer zu sein und irgendwas mit Tradition. Die Moderatorin hat dann nochmal „halbnackt“ und „schön“ verwechselt, und wäre ich Unionerin, ich würde mich persönlich beleidigt fühlen.

Und dann – nachdem sich das Publikum doch bitte hinsetzen und von zehn rückwärts zählen sollte – wurde nach Brasilien geschaltet. Ich habe mich selten so sehr gefreut, Bela Rethy zu hören.

Bis Anpfiff war das nicht unsere Party

Uns wurde ein WM-Wohnzimmer versprochen. Was haben wir erwartet? Sofas, Rasen, viele Menschen, viel Bier, eine Mischung aus Heimspiel, Spitzenfußball und Sommerabendstimmung auf dem Sofa im Freien. Statt dessen bekamen wir eine Moderation, die offensichtlich keine Ahnung von Union oder der Alten Försterei hatte und sich kaum mehr als „Traditionsverein“ vom Sprechzettel merken konnte; Halbnackte Frauen zu mittelmäßiger Livemusik; ein Stadion, dass sich mit all dem Bühnenpopanz mehr nach Brandenburger Tor als nach der Alten Försterei anfühlte; und Berliner Pilsner für 4 Euro. Das war – bis zum Anpfiff – definitiv nicht unsere Party.

Und dennoch: das wäre alles irgendwie OK gewesen, wenn es nicht in der Alten Försterei gewesen wäre, sondern in irgendeinem anderen Stadion. Das Konzept ist beliebig und ließe sich so in (beinahe) jedem anderen Stadion des Landes durchführen. Warum hat der Verein diesem Konzept zugestimmt? Warum hat man zwei sexistischen und mittelmäßigen Live-Acts eine Bühne geboten? Warum hat man zwei Menschen moderieren lassen, die keine Ahnung von Union und der Alten Försterei haben? Hatte Christian Arbeit keine Zeit? Warum wurde eine wirklich gute Idee zu so einer unglaublichen Enttäuschung?

Unser Stadion war plötzlich austauschbar

Ich hatte im Vorfeld einiges an Respekt für die Organisation: Ein nicht ganz geringer sechsstelliger Betrag, (fast?) vollständig durch Sponsorenmittel gegenfinanziert, für eine originelle Idee, die viel Spaß verspricht – das klang nach dem 1. FC Union, den ich kenne und liebe, dessen Mitglied ich bin. Ich bin auch nicht grundsätzlich gegen eine kommerzielle Nutzung des Stadions – insbesondere in der spielfreien Zeit. Es ist die Aufgabe des Vereins und der Stadionbetriebsgesellschaft, für eine solide Finanzierung zu sorgen, und ich bin der Vereinsführung dankbar für die finanziell sorgenfreien letzten Jahre.


Foto: Koch

Werbeclips, Stände und Aufsteller habe ich erwartet, damit kann ich auch gut leben. Wenn die Werbung mich aber von der Bühne anschreit, mich zum Mitmachen animieren will und von der Bühne aus Stadiongesänge aufgreifen will, die sie nicht versteht und die sie nicht glaubwürdig vertreten kann, ärgere ich mich. Wenn die Leute auf dem Rasen „Alte Försterei“ singen, brauchen sie dafür keinen Vorsinger auf der Bühne. Wir brauchen niemanden, der uns erklärt, wie toll das hier alles ist. Wir sind doch schon da, lasst uns das selbst entscheiden. Schreit uns nicht an. Wir brauchen auch keine Animation.

Wart ihr schon mal hier? Das mit der Stimmung klappt auch ohne Ansagen, ohne Blaskapellen, Sambagruppen und halbnackte Frauen. Dafür braucht es nur zwei Mannschaften auf dem Platz und die Unioner auf den Rängen und – in diesem Fall – auf den Rasen. Und die Befürchtungen mancher Fans waren auch unbegründet: Es waren vor allem Unioner im Stadion, viele mit Freundinnen und Freunden, und zumindest unsere Nachbarschaft war sehr freundlich, herzlich und gut gelaunt. Und so in etwa hat man sich das ja gewünscht.

Kroatien hatte die Sympathien

Eine völlige Enttäuschung war der Abend dann also doch nicht. Sobald das Spiel lief, war die Stimmung ganz gut. Der Kampfeswille (und die Farben) der kroatischen Mannschaft haben in unserer Ecke relativ schnell für klare Verhältnisse gesorgt, wer hier die gefühlte Heimmannschaft ist und wer der ungeliebte Gast.

WM Wohnzimmer 2014Foto: Koch

Pfiffe für die Elfmeterentscheidung, Szenenapplaus für gelungene Strafraumszenen Kroatiens, – es war ein stimmungsvolles Spiel und ein Publikum, das Lust darauf hatte, sich von dem Spiel gut unterhalten zu lassen. Vereinzelt wurden auch Union-Lieder gesungen, sogar das Tusche-Lied wurde zu einem Freistoß angestimmt. Sofern das Vorprogramm eine einmalige Sache zum Eröffnungsspiel war, werde ich mir auch noch andere WM-Spiele in der Alten Försterei anschauen, denn das macht tatsächlich Spaß. Aber so etwas wie diese Eröffnungsveranstaltung will ich nie, nie wieder in diesem Stadion erleben.

7 Gedanken zu “WM-Wohnzimmer: Noch nie habe ich mich so auf Bela Rethy gefreut

  1. Danke für die Eindrücke.
    Als ich gestern Abend das erste Bild mit den Hüpfdohlen sah, sachte ich noch zur Steffi: Wasser auf die Mühlen….

    Also bei uns auf dem Hallandhof war definitiv Wohnzimmer. :) Aber ich denke, ein Belgienspiel so es gezeigt wird in der AF, werde ich mir dort mal anschauen.

  2. Pingback: Ticker: Freitag, 13. Juni 2014 | Fokus Fussball

  3. Ich finde das Eröffnungsbrimborium wird hier viel zu sehr in den Vordergrund gestellt. Das wird mit Sicherheit nicht Alltag sein. Müßig also imho sich darüber zu echauffieren. Aber am End deines Beitrages kommst du ja von selber drauf.

    Und die Erfahrung mit dem langsamen Bier kann ich nicht bestätigen. Und auf meinem Sofa herrschter reger Bedarf des güldenen Gerstensaftes.

    Bei 7 Nation Army hab ich ein lauthalses Ordnungskräfteschmählied angestimmt und mich köstlich amüsiert, dass das sozusagen von oben herab intoniert wurde. Erklingt doch gar nicht mal so selten an der AF:

    Christian Arbeit wolltr vielleicht auch mal nur entspannt Fussi kucken und nicht seinem Nacvhnamen alle Ehre erweisen. Aber du hättest ihn sicherlich dazu befragen können. Er war da. Mit KInd und Kegel.

    Recht gebe ich dir allerdings mit den komischen Radiomoderatoren.

  4. Es war ein normales public viewing – Was habt ihr denn erwartet?
    Dazu gehört nun mal gerade bei der Eröffnung ein bisschen Rummel.
    Ich finde auf einem durchschnittlichen Niveau hat sich alles die Waage gehalten- Ich bin kein Fan von pv – Also habe an ich derlei Veranstaltungen keine besonderen Ansprüche. Das Wohnzimmer kam gut rüber, die Steaks und Würste haben geschmeckt so what… Ist jetzt alles keine Staatsaffaire.
    Die Jahrtausende alte Fußballkultur ist definitiv nicht untergegangen.

  5. Gott seid ihr angezickt.
    Hier hat jemand ganz subjektiv seine Eindrücke wieder gegeben – jemand der Tschingderassa und halbnackte Hupfdohlen halt nicht mag und erst Recht nicht in der AF. Kein Grund sich so anzuzicken.

    Es ist doch schön, dass es anderen gefallen hat und sie es kundtun.

    Niemand wurde bisher erschossen und die eine oder andere Hupfdohle demnächst in der Halbzeitpause auf dem Mittelkreis… ach davon geht die Welt nicht unter *trälla* (so mitgezickt und nun gebe ich ab an die, die es besser können.)

  6. Pingback: WM Live: Deutschland gegen Portugal im nicht ganz so Public Viewing | ***textilvergehen***

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