Blog State of the Union

Union liefert Real ein enges Spiel und uns einen denkwürdigen Abend

1.FC Union Berlin 1:0 Real Madrid. Von diesem Moment haben sicher einige von uns gestern Aufnahmen gemacht. Denn beim Durchatmen in der Pause gestern Nacht spürte man: Egal wie dieses Spiel ausgehen würde – zumindest ich habe mich nicht getraut, wirklich an einen Sieg zu glauben – war klar, diese unfassbare letzte Minute der ersten Halbzeit wird für immer ein Teil der Geschichte und Geschichten von Union sein.

Union Berlin Real Madrid Führung
Union in Führung. Hatte nicht bestand, war aber real. Photo: Daniel Roßbach

Am Ende entsprach das Ergebnis auf den ersten Blick dann doch der Fußballnormalität, Real hat gegen Union gewonnen. Aber wer dieses Spiel (wie schon das in Madrid) erlebt hat, weiß: Nichts daran war normal. Es ist für Union nicht normal, auf diesem Niveau zu spielen, und in einem Pflichtspiel gegen des 14-fachen-Champions-League-Sieger zu bestehen. Es ist nicht normal, dass dieser Verein vor mehr als 70.000 Menschen spielt (was das Stadion betrifft: zum Glück). Und es ist auch nicht normal, dass sich eine Mannschaft nach einer maximal herausfordernden Hinrunde zu einem Auftritt aufraffen kann, wie wir sie gestern gesehen haben.

‚Pflichtspiel‘ heißt auf englisch ‚competitive game‘. Diese Formulierung kann aber auch etwas anderes bedeuten, nämlich dass ein Spiel sportlich auf Augenhöhe ausgetragen wird, der Ausgang offen war. Das war gestern der Fall, und dieses Spiel bildete auch damit einen passenden Abschluss dieser Europapokalsaison für Union. Union hat sich für diese Saison nicht nur Trikots mit dem selben Design zugelegt, wie es Real gestern getragen hat, und sich als Champions League-Teilnehmer verkleidet. Die Mannschaft hat vielmehr in allen sechs Spielen gezeigt, dass sie ernsthaft an diesem Wettbewerb teilnehmen konnte.

Das stellte sie gestern eben von der ersten Sekunde an unter Beweis, indem sie mutig auftrat und Madrid bis an deren Strafraum presste. Davon war Luka Modric so schockiert, dass ihm der ungefähr vierte technische Fehler seiner 930 Spiele langen Karriere unterlief, und Kevin Behrens fast schon Union gegen Real in Führung gebracht hätte. Natürlich war in jeder der gut 90 folgenden Minuten zu sehen, dass Real insgesamt und individuell auf einem völlig anderen Level als Union unterwegs ist. Aber trotzdem schaffte es die Mannschaft von Nenad Bjelica auch einige Male, sich aus dem Muster von Reals Angriffen zu befreien, und hatte Behrens nach 20 Minuten noch eine Chance. Die hatte Real zwar auch. Aber einerseits gab es in der ersten Halbzeit vier richtig große Chancen für Real, was leicht für einen klaren Rückstand hätte reichen können, aber keine erdrückende Übermacht gezeigt hat.

Frederik Rønnow Union Real
Frederik Rønnow hat ein phantastisches Spiel gemacht. Photo: Matze Koch

Und andererseits spielte für Union mit Frederik Rønnow ein Torwart, der absolute Weltklasse demonstriert hat. Er tat das gegen Jude Bellingham bei dessen Abschluss nach 10 Minuten. Er tat es auf wirklich unfassbare Weise bei Rodrygos Kopfball in der 55. Minute. Und natürlich bei Modrics zentral geschossenem Elfmeter, den er mit den ausgestreckten Füßen parierte und so für die erste Ausflippung in dieser Minute sorgte. Zu diesem Abend passte dann auch, dass Rønnow an der zweiten Ausflippung auch noch beteiligt war, und Union nicht nur vor dem Rückstand bewahrte, sondern sich für Kevin Vollands Tor auch noch einen Assist verdiente.

Ich habe jetzt viel darüber geschrieben, wie denkwürdig dieser Abend und wie respektabel diese Leistung war. Hört man sich aber an, was die Spieler nach dem Spiel gesagt haben, spricht daraus auch viel Frustration darüber, nicht doch auch etwas zählbares aus dem Spiel mitgenommen zu haben. Denn gerade weil man eben gut genug war mitzuhalten war bitter, dass Union Real einige Male mit wirklich unnötigen Fehlern Chancen eröffnete. In der ersten Halbzeit kamen Robin Gosens und Diogo Leite bei Joselus Schuss und dem Elfmeter mit solchen Nachlässigkeiten noch davon. In der zweiten wurde Paul Jaeckel dann für seinen Fehlpass vor dem 1-2 und die Mannschaft für einen Moment ohne Zugriff beim 2-3 bestraft.

Das war dann tatsächlich ärgerlich, gerade weil sich das Team nach der verlorenen Führung eben nicht damit abgefunden hat, dass ihr die vermeintlich einmalige Chance auf ein Ergebnis entgangen ist. Sondern sie noch einmal an sich geglaubt hat, mutig war und Qualität gezeigt hat, damit auch erfolgreich zu sein. All das gilt es jetzt mitzunehmen in die Liga.

Die Berichte der Berliner Medien zum Spiel:

Im Stadion an der Alten Försterei

In Unions mit sehr, sehr vielen vor allem jungen Menschen gefülltem Stadion hat auch die U19 ihr letztes Spiel im europäischen Wettbewerb gespielt. Ich hatte noch keine Chance, mir die Partie anzuschauen (AFTV), den Berichten nach hat Union aber trotz der 0-2 Niederlage gegen Real eine gute Leistung gezeigt (Morgenpost).

Dass die U19 sich in der „Youth League“ insgesamt ordentlich präsentiert hat ist bemerkenswert, denn schließlich hat sich der Nachwuchs ja nicht selbst sportlich für diesen Wettbewerb qualifiziert, sondern in Folge des Erfolgs der Profis. Dass die Entwicklung des NLZ mit dem nicht ganz Schritt halten kann, ist angesichts der relativ geringen Präsenz eigener Talente im Profikader ein nachvollziehbares Urteil. Unions Nachwuchs hat aber zuletzt auch in der Junioren-Bundesliga ordentliche Ergebnisse erzielt und nun eben auch in der Youth League unterstrichen, dass es auch in diesem Bereich des Vereins eine Entwicklung gibt.

6 Kommentare zu “Union liefert Real ein enges Spiel und uns einen denkwürdigen Abend

  1. Einen müssen wir leider abziehen: Den Assist bei Vollands Tor teilen sich Kevin Behrens (Kopfball) und David Alaba (Querschläger) ;o)

  2. Exilunioner

    Javier Cáceres schreibt bei SZ.de:
    „Am Dienstag sah Jorge Valdano, der große argentinische Fußballphilosoph, zum ersten Mal in seinem Leben ein Heimspiel des 1. FC Union Berlin. Valdano war in seiner Eigenschaft als Fußballdeuter für einen spanischen TV-Sender in die deutsche Hauptstadt gereist, aus Anlass des Champions-League-Spiels der Köpenicker gegen Real Madrid.
    Valdano, 68 und Weltmeister von 1986, ist dem 14-maligen Champions-League-Sieger in großer Sympathie verbunden; er war Spieler, Trainer und Manager des spanischen Rekordmeisters. Und dennoch war Valdano am Dienstag auch in jenen Momenten begeistert, da Real Madrid beim 3:2-Sieg gegen Union zurücklag oder gerade das letztlich nur zwischenzeitliche 2:2 kassiert hatte (85.).
    Was Valdano mit Enthusiasmus füllte, war weniger das Spiel Unions als dessen Anhang, die 74 000 Menschen, die das Berliner Olympiastadion in ein warmes Rot getaucht hatten.
    „Die Mannschaft Unions hat ihre Höhen und Tiefen“, urteilte Valdano. „Unions Anhänger nicht.“

  3. Kann mir bitte noch einer erklären, warum dass 1:1 nicht abgepfiffen wurde? War doch eine klare Behinderung von Leite oder nicht?

    • Ich fand den Schiri auch nicht ganz dem Anlass angemessen aber war zu gut gelaunt um darüber länger nachzudenken.

  4. @ Georg: das ist der Preis für kritische und unbequeme Vereine bzw. deren Anhänger… damit: verdient!

    @CLFCUB:
    Es war geil….eine geile Reise durch die Zirkusnummer CL…immer knapp verloren oder unentschieden… Erlebnisse, Träume, Emotionen und Menschen getroffen, die genauso fühlen wie ich….neue Freunde gefunden, alles Unioner mit Leib und Seele.
    Andere Vereine haben Fans…wir Unioner haben einen Verein!
    So stolz und dankbar für alles… vorwärts vorwärts FCU….

    sehen uns Samstag tief im Westen…????

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