Vom Fußball-Klassenkampf zu rechtlichen Schritten gegen den Mietendeckel

Wenn Union gehofft hat, mit dem Interview von Präsident Dirk Zingler in Berliner Zeitung/Kurier endlich für Ruhe im Karton zu sorgen, dann ist das gründlich misslungen. Wenn Zingler hingegen mit dem Wort “Fußball-Klassenkampf” das Thema Hauptsponsor Aroundtown in den Hintergrund drücken wollte, dann hat das vielleicht sogar geklappt. Jedenfalls sind einige Redakteure aufgewacht und scheinen plötzlich den Kommunismus auf dem Vormarsch zu sehen. Die Bild/BZ schreibt “Was will Unions Klub-Boss mit seinen erschreckenden Aussagen bezwecken?” und “Herr Zingler, das ist einfach nur traurig”. Das klingt in meinen Ohren nach Frontstadt-Rhetorik und ist für mich mal wieder ein Beleg dafür, dass Bild-Berlin-Sportchef Robert Matiebel und Dirk Zingler sicher keine Freunde mehr werden, der in dem Text so ziemlich alles gegen den Union-Präsidenten auslegt, was er finden kann. Aber auch die Welt schreibt über das Thema und bezieht sogar Christopher Quirings Wessi-Zitat mit ein.

Ich halte “Fußball-Klassenkampf” auch für ein Quatsch-Wort, aber nicht, weil ich mir wie die Bild sofort in die Hosen mache, wenn das Wort Klassenkampf fällt. Es ist einfach falsch, weil Union und Hertha nicht aus unterschiedlichen Klassen stammen. Sie sind sogar in derselben. Sie spielen im Profifußball mit, und vor allem spielen beide Klubs nach den Spielregeln des Profifußballs. Union hatte herkunftsbedingt dabei ungünstigere Startbedingungen. Aber das war es auch schon. Die Bezeichnung Klassenkampf ist einfach Unsinn. Aber was soll man sich daran eigentlich so lange abarbeiten, wenn wir doch alle wissen, was Zingler wirklich meinte: Es geht im Derby um “Wir gegen die”. Es geht um ein Gegeneinander. Und das war es auch schon.

Dabei könnten wir es auch schon belassen und diese vermutlich sehr heiße Woche begrüßen. Einfach mal die Eistonne klarmachen und abtauchen. Doch letzteres können wir sein lassen, denn Andrew Willis von Unions neuem Hauptsponsor Aroundtown hat dem Tagesspiegel ein sehr langes Interview gegeben, in dem er ankündigt gegen den Mietendeckel, den der Senat beschlossen hat, rechtliche Schritte einzulegen.

Nun ist das für ein Unternehmen nicht ungewöhnlich, dass es sich gegen Regulierung, die ihr Geschäftsmodell betrifft, zur Wehr setzt. “Wir werden diesen Beschluss rechtlich anfechten”, sagte der Geschäftsführer von Aroundtown.

Ich finde es eher so mittel-cool, dass nun Union mit dem Kampf gegen den Mietendeckel verknüpft wird. Aber ich würde mir auch insgesamt etwas mehr Sachlichkeit bei dem Thema wünschen. Im Interview, in dem Willis verspricht, sich nicht in strategische Vereinsthemen einzumischen, haben mich zwei Dinge irritiert. Dass Aroundtown in Zypern saß, wird damit begründet, dass das Unternehmen früher in Privatbesitz gewesen sei. Der Wechsel nach Luxemburg sei im Zuge des Börsengangs geschehen, weil Investoren das als Holding-Standort bevorzugen würden. Wenn man sich Berichte über Firmengeflechte bei Immobilienbesitz in Deutschland anschaut (wie diesen vom NDR aus dem April in diesem Jahr), drängt sich durchaus aber auch der Eindruck auf, dass nicht nur der Privatbesitz Ausschlag für einen Firmensitz in Zypern geben kann.

Interessant ist die Verschiebung der Zeit, wenn es um die Dauer des bisherigen Geschäftsverhältnisses geht. Dazu hieß es in der Pressemitteilung von Union: “Mit der Unternehmenstochter Grand City Properties ist Aroundtown SA bislang beim Eisernen Nachwuchs am Ball gewesen. Bereits seit zwei Jahren tragen die A- und B-Junioren das Firmenlogo von Grand City Properties auf der Brust.” In ihren jeweiligen Interviews werden Dirk Zingler und Andrew Willis persönlicher und betonen die schon zehn Jahre dauernde Partnerschaft, als Willis mit seinem damaligen Immobilienunternehmen GOAL bei Union als Sponsor eingestiegen war.

Beides ist richtig. Aber letzteres betont vor allem die Beziehung zwischen Andrew Willis und Union und ersteres die Beziehung zwischen Aroundtown und Union. Dazu kommt, dass alle Unioner bei der Zeitspanne “vor zehn Jahren” genau daran denken, wie es zu der Zeit bei Union aussah. Es war 2009 unklar, ob der Klub sich in der Zweiten Liga wird etablieren können. Es gab noch die Container für die Mannschaft und das Vip-Zelt hinter der kleinen Sitzplatztribüne. Und all das soll zeigen, dass damals schon jemand dabei war und den Verein finanziell unterstützt hat. Ich möchte Andrew Willis als Person diese Verbundenheit zu Union auch nicht in Abrede stellen. Die Kritik entzündete sich aber an Aroundtown. Da Willis im Interview klar machte, dass er sich gerne den Fan-Foren stellt, wenn die ihn einladen (ich gehe davon aus, dass damit das Fantreffen der Fan- und Mitgliederabteilung gemeint ist), bin ich gespannt, wie sich diese Diskussion gestaltet.

Und sonst so?

Die Bild am Sonntag hat ein Schreiben der DFL vom Vorsitzenden der Medizinischen Kommission zitiert, indem bei der jährlichen Spieleruntersuchung eine Hirnuntersuchung vorgeschrieben wird. Für Nachwuchsspieler wird das empfohlen. Der Test selbst ist nicht in allen Details vorgeschrieben, jedoch soll mit einem neurologischem Zentrum so zusammengearbeitet werden, dass der Test nach möglichen Kopfverletzungen wiederholt werden kann und mögliche Schäden diagnostizierbar werden. Ich deute das als ersten Schritt in die Richtung, das Thema Kopfverletzungen im Fußball ernster zu nehmen. Mehr dazu in der Morgenpost.

17 Gedanken zu „Vom Fußball-Klassenkampf zu rechtlichen Schritten gegen den Mietendeckel

  1. Ich persönlich finde Union hier aus Kommunikationssicht und PR-seitig extrem schlecht geführt. Erstens hätte jede gute PR-Agentur in ihrem FAQs und Sprachregelungen sich auf den Gegenwind gegen Aroundtown vorbereitet. Das hätte man ahnen können. Zweitens ist die Krisenkommunikation dann einfach immer viel zu spät und vor allem unglücklich. Ich störe mich schon sehr an dem Wort Klassenkampf. Das sollte wirklich mal erklärt werden. Ich sehe eigentlich keinen Klassenkampf. Interview werden doch freigegeben. Wie kann eine Presseabteilung so etwas freigeben?

  2. In der Sache also nichts neues. Na immerhin: Bild tobt (weil Zingler sein Interview jemand anderem gegeben hat). Gähn.

  3. @Eike, Naja “schlecht geführt” ? Vielleicht auch genau so geplant, weil wenn alle aufgebracht sind, wer hört dann schon zu, also erstmal den Rauch verziehen lassen und dann reden :-)
    Ging glaube um Fußball-Klassenkampf und wenn man die Zahlen beider Vereine vergleicht ist das auch nicht so abwegig. Ist in Deutschland auch immer etwas schwierig die richtigen Worte zu finden, wo da doch jedes zweite auf dem Index steht :-)
    Und das Bild wegen solcher Worte nun Schnapptmung bekommt, passiert auch dreimal die Woche, die vermuten halt hinter jeder Ecke die Invasion der Roten Horden.

  4. Ich geb @Eike recht. Diese Worte hätten nicht sein müssen, denn wir wissen ja wie Journalismus geht: diese Aussage(n) wird nun ad acta gelegt und spätestens zum Derby wieder rausgeholt um Stimmung damit zu machen.

  5. zu meener art zu leben (unioner zu sein) zählt, mich überhaupt nich darum zu scheren, wat BILD schreibt…
    wat dit zentralorgan des real existierenden verblödungs-kapitalismus
    – uff seinen “sinnjehalt” einjedampft – zu vermelden hat, haben die ÄRZTE vor jahren schon standardsetzend uffn punkt jebracht:

    angst, hass, titten und den wetterbericht.

  6. Morgen
    Es ist allgemein mein bekannt, daß die Presse es mit der Wahrheit nicht so genau nimmt. Sie drehen so wie die es brauchen. UND NENNEN ES PRESSEFREIHEIT.
    Habe mit solchen Leuten schlechte Erfahrungen gemacht.
    Man sollte nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen.
    Es geben auch Gute Journalisten.

  7. Ich habe das mit dem Klassenkampf eher wirtschaftlich verstanden und da trifft es voll zu. Während Union eher so Aufstocker ist, ist Hertha schon beim kleinen Eigenheim in einer Nullachtfünfzehn-Reihenhaussiedlung am Stadtrand oder meinethalben einer Eigentumswohnung im Hansaviertel.

  8. Mir scheint, dass sich hier so langsam das journalistische Sommerloch öffnet.
    Zu Aroundtown: Union spielt im Bezahl-Fußball, und zwar endlich in der höchsten Klasse! Da wird nun mal ein potenter Sponsor gebraucht, den man sich leider nicht malen kann.
    Wir sollten mal die Kirche im Dorf lassen – auch in Bezug auf die aufgeschaukelte Diskussion zum Verhältnis zum andern Berliner Verein!

  9. @ralf d.E.
    Mal wieder dises öde Journalisten-Bashing. Von solchen Pegida- und AfD-Ladenhütern (“Lügenpresse”) kannst Du uns gern verschonen. Das ist billig, unwahr und populistisch. Es gibt genug anständigen und wahrhaften Journalismus, der eben oft auch ausspricht (auch und gerade außerhalb von BILD und “Kurier”), was manche(r) mit fest-verschweißter Vereinsbrille nicht verträgt. Unsachlich zurückschlagen ist da natürlich einfacher. Weder die Partei noch der Verein haben “immer Recht”. Das muss man schon mal abkönnen.

  10. Ich stimme mal dem mo zu, einfach kurz & schmerzlos auf den Punkt und auch olle Fischboulette. Als Fan kannst du dir die Sponsoren nun mal nicht aussuchen. Da denke ich, dass das Vereinssache ist. Die Kohle wird nun mal gebraucht und da ist es doch ziemlich egal woher sie kommt. Geht uns nichts an. Aber jetzt haben die Hoffenheimer und Leipziger, na und ein paar Andere, mal ein wenig Ruhe mit ihren Mäzen und Konzernen in der Hinterhand. Spricht die Republik eben mal, oh wie ist das schön, über Eisern Union.

  11. Es ist aber auch unglaublich, dass Union so ein mediales Echo erfährt, seitdem die Jungs den Aufstieg gepackt haben. Damit komme ich noch so gar nicht klar, wobei ich einfach nur Mitglied und Fan bin. Das ist verwirrend. Manchmal hatte ich mir schon mehr Aufmerksamkeit für Unions Positionen und Werte gewünscht, aber dass ein Aufstieg so viel lostritt, okay.

  12. Pingback: Union Berlin: Warum die Rivalität zu Hertha im Derby gut ist › Textilvergehen

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