Profifußball: Im Osten geht schon lange nicht mehr die Sonne auf

Ich bin heute morgen über einen Tweet gestolpert, der mich etwas stutzig gemacht hat:

Danach musste ich erst einmal die Drittligatabelle genauer studieren. Bei noch sieben ausstehenden Partien sind die Mannschaften aus Ostdeutschland im Prinzip aus dem Aufstiegsrennen raus: Cottbus (Platz 6, sieben Punkte Rückstand auf den Relegationsplatz), Halle (Platz 7, neun Punkte Rückstand) und Erfurt (Platz 8, neun Punkte Rückstand) haben nur noch theoretische Chancen. Chemnitz (Platz 10) und Dresden (Platz 12) sind jenseits von gut und böse. Rostock (Platz 15) muss aufpassen, dass die Mannschaft nicht noch in die vierte Liga abstürzt.

Dazu steht noch Aue in der Zweiten Liga seit gestern Abend auf einem direkten Abstiegsplatz. Für nahe Auswärtsspiele in der nächsten Saison sieht es mau aus. Vielleicht können wir uns mit Sky darauf einigen, dass auch Spiele gegen Braunschweig oder Nürnberg als Ostderbys gelten…

Union - Cottbus 2012/13Foto: Matze Koch

Bei aller Sentimentalität, die diejenigen haben, die Mannschaften aus der dritten oder vierten Liga (FC Carl Zeiss Jena …) noch vor über 25 Jahren im Europapokal haben spielen sehen, sehe ich keinen Grund für Alarmstimmung. Jedenfalls nicht speziell in Ostdeutschland. Erstens ist die 3. Liga auch Profifußball. Und zweitens gibt es zwei strukturelle Voraussetzungen, die Bundesliga-Fußball in Ostdeutschland enorm erschweren. Es gibt zu wenige Metropolregionen und Kapital hat sich aus historischer Sicht logischerweise nicht in Ostdeutschland gesammelt. Mindestens einer dieser zwei Faktoren ist aber zur Finanzierung mittlerweile zwingend notwendig. Ohne Metropole und die damit einhergehende Werbebedeutung für eine Region funktionieren in der Bundesliga nur noch Hoffenheim, Wolfsburg und Leverkusen. Diese Vereine funktionieren durch einzelne Kapitalgeber und hebeln damit die Gesetzmäßigkeit aus, dass eigentlich nur noch Großstädte die Chance auf Bundesliga-Fußball haben.

Nur Dresden und Leipzig haben eine reelle Chance auf Bundesliga

Was bedeutet das für den Ostfußball? Es heißt, dass eigentlich nur Dresden und Leipzig (jeweils noch über 500.000 Einwohner) noch Voraussetzungen für den finanziell aufwändigen Profifußball haben. Deshalb ist der Schritt von RB, nach Leipzig um so logischer zu verstehen. Mit Abstrichen ist noch in Chemnitz, Halle und Magdeburg Potential. Erfurt und Rostock sehe ich wackelig. Eine Großstadt ohne Profifußball ist auch kein spezielles ostdeutsches Phänomen. Fragt mal in Essen nach.

Das ist allerdings nur die Betrachtung der Voraussetzung einer Metropolregion als Einzugsgebiet und der Chance der Klubs als Werbeträger in dieser Region. Hinzu kommt die Finanzkraft der Region. Hier stößt Union mit Berlin-Brandenburg bereits an Grenzen. Wie es um die Finanzkraft von regionalen Firmen in Ostdeutschland bestellt ist, überlasse ich eurer Phantasie.

Als weitere Faktoren neben dem sportlich guten Händchen würde ich noch ausmachen: Good Governance im Verein (seriöses Wirtschaften), Nichtvorhandensein von rechten bzw. Hooliganstrukturen (niemand möchte in solch einem Umfeld werben) und die Anziehungskraft des Vereins in der Region. Eine ruhmreiche Vergangenheit ist nettes Beiwerk, aber nicht zwangsläufig notwendig. Für Union haben diese Faktoren eine ebenso wichtige Bedeutung. Der Verein ist darauf angewiesen, in Zukunft noch mehr finanzielle Ressourcen zu erschließen, wenn er alleine in der Zweiten Liga mithalten möchte.

Unter Berücksichtigung all dieser Faktoren halte ich es eigentlich für normal, wenn nur zwei bis vier Vereine aus Ostdeutschland in Bundesliga und Zweiter Liga spielen. Alles andere ist die Ausnahme.

Und als kleinen Hinweis zu dem Tweet ganz oben: Hertha spielt als einziger Verein in Ostdeutschland in der Bundesliga. Wird ja manchmal vergessen, dass der andere Berliner Verein nicht im luftleeren Raum antritt …

Union in den Medien

Medial spielt der Systemwechsel von Viererkette auf Dreier-Abwehr eine Rolle (Berliner Zeitung und Morgenpost). Bild/BZ beschäftigt Polters aufwändige Spielweise. Unser Podcast fällt osterbedingt dieses Mal aus. Wir waren alle mit Eiersuchen beschäftigt …

Für den geplanten Doku-Film “Wir sind die Kranken“, der sich mittels Crowdfunding finanzieren möchte, gibt es einen ersten Trailer. Mehr Infos kommen später.

5 Gedanken zu „Profifußball: Im Osten geht schon lange nicht mehr die Sonne auf

  1. Sind Freiburg und Kaiserslautern Großstädte im Sinne von Regionalmetropolen? Oder Augsburg und bald eventuell Ingolstadt?

  2. Den Aufhänger “Metropolregion” finde auch ich nicht so ganz gelungen, will aber eigentlich auf ein anderes Detail eingehen. Rostock kommt mir in deiner Bewertung zu schlecht weg. Als Einzugsgebiet steht ganz MV bereit und die Infrastruktur bei Hansa (Plätze usw.) stimmt auch. Administrativ wurden da in den letzten Jahren viele Fehler gemacht und kurzfristig wird das sicherlich nichts, aber das Potenzial für einen Zweitligisten ist da durchaus vorhanden. Strukturell sehe ich die eher in der 2. Liga als Erfurt, Halle oder Kalle-Malle.

  3. @musiclover Das glaube ich, dass der Aufhänger Metropolregion nicht vernünftig taugt. Denn letztlich geht es um die besonderen Strukturen vor Ort. War eher als grober Anhaltspunkt gedacht. Und mit dem Einzugsgebiet MV hast Du für Hansa vollkommen recht.

  4. Pingback: #Link11: Anspannung und Entspannung | Fokus Fussball

  5. Mal aus verspäteter Wessi-Sicht was dazu: Von Rostock aus gab es vor einigen Jahren mal die Aussage, dass die Mittel, die Infrastruktur zu nutzen, bereits praktisch ausgeschöpft seien. Auch wenn ein Einzugsgebiet da ist, nahm ja die Bevölkerung trotzdem längere Zeit ab, erst 2013 gab es wieder mehr Zuzüge als Fortzüge, aber das Problem der Abwanderung qualifizierter Menschen dürfte ja weiter fortbestehen. Wodurch es dann wieder mit dem attraktiven Werbeumfeld schwierig wird.

    Leipzig als Wahl von RB war strategisch klug, ene bessere Lücke gab es kaum, jedenfalls wenn man Größe Stadt Wachstum/Möglichkeiten Erfolg vorhandene Mannschaften betrachtet. Essen hat ja die ganze Konkurrenz um sich herum, woran es ansonsten dort liegen könnte, weiß ich auch nicht recht, da müssten sich Leute vor Ort äu8ern, die Probleme der Vergangenheit inklusive Insolvenz reichen mir nicht als Erklärung.

    Zu dem was einer der Vorposter gechrieben hat: Freiburg ist eine stetig wachsende Stadt in einem reichen Bundesland. Keine Metropolregion, aber es reicht, um eine Bundesligamannschaft zu halten. Und im Moment hat Kaiserslautern wieder so einen Durchhänger, sodass sie vielleicht wieder einmal den Aufstieg nicht schaffen. Ingolstadt hat Audi und Halle, Madgeburg und Co. eben nicht.

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