Empören. Anheizen. Empören.

Mathias Bunkus vom Berliner Kurier hat es geahnt, als er sagte, er befürchte die Diskussion um Stehplätze sei keine Scheindebatte und man müsse aufpassen, dass kein öffentlicher Druck aufgebaut werde, der bewirkt, dass Union das Heimspielrecht im vermutlich nächste Saison stattfindenden Derby gegen Hertha BSC verliert. Öffentlicher Druck meint meist, dass solange herumtelefoniert wird, bis man jemanden findet, der eine Aussage tätigt, die man hören möchte. Die wird dann publiziert und dann wird wieder herumtelefoniert und Entscheidungsträger werden gefragt, wie sie zu dieser Aussage stünden. Öffentlicher Druck meint also meist die veröffentlichte Meinung, oder positiv gesagt: die vermutete öffentliche Meinung.

Die Berliner Morgenpost veröffentlichte ein Interview mit Rainer Schwienke, Mitarbeiter der Landesinformationsstelle für Sporteinsätze im Lagezentrum Berlin, das mit zwei Worten als Antwort auf eine suggestive Frage für Furore sorgen könnte:

Morgenpost Online: Empfehlen Sie, beide Spiele im Olympiastadion durchzuführen?

Schwienke: Unbedingt sogar! Ich würde die “Alte Försterei” nicht als “nicht sicher” bezeichnen. Aber gegen ein Spiel dort sprechen das allgemein hohe Besucherinteresse und das Verhältnis von Heim- und Gästefans. Zwar gibt es unter Hertha- und Union-Fans auch gemeinsam handelnde Personen, aber es gibt auch eine Rivalität. Rivalität, die gesund sein kann – aber eben auch ungesund.

Es muss einem Mitarbeiter der Berliner Polizei gerade in der Situation nach dem Platzsturm bei Hertha BSC im Olympiastadion klar sein, welche Antworten von manchem Journalisten momentan erwartet werden. Erst recht muss dies einem Mitarbeiter klar sein, der in einem solch sensiblen Bereich arbeitet.

Über ein Jahr lang haben Anhänger und Verantwortliche des 1. FC Wundervoll dafür gearbeitet, ein allen Sicherheitsanforderungen entsprechendes Stadion zu bauen. Die Zahl der Rückschläge bei der Suche nach Unterstützung durch das Land Berlin sind nicht zu zählen. Außer den durchsichtigen Versuchen, Union in das Olympiastadion oder den nicht zweitligatauglichen Jahnsportpark abzuschieben, kam nichts dabei heraus. Und nun solch eine Aussage.

Eine Aussage, die sofort Erinnerungen hervorruft an eine vergangene Zeit, deren Ende mit den ersten freien Wahlen heute ausgiebig gefeiert wird. In der DDR durfte der 1. FC Union seine Heimspiele gegen den BFC Dynamo aus “Sicherheitsgründen” nicht mehr im Stadion an der Alten Försterei durchführen. Das Ministerium für Staatssicherheit, zu dem der Verein BFC Dynamo gehörte, verfügte für diese Spiele einen Umzug in das Stadion der Weltjugend. Ein Treppenwitz der Geschichte, dass ausgerechnet der BND jetzt seine neue Zentrale an der Stelle des abgerissenen Stadions baut.

Die Frage, ob das Derby vielleicht nicht im Stadion an der Alten Försterei stattfinden sollte, birgt also eine enorme Sprengkraft. Dies hat auch Rainer Schwienke eingesehen, der heute morgen am Telefon zu keinem Interview ohne Genehmigung der Pressestelle bereit war. Die Aussage in der Berliner Morgenpost sei, so seine Aussage, so nicht getätigt worden. Er habe dies in einer Nachricht auch dem Geschäftsführer von Union, Oskar Kosche,  und dem Sicherheitsbeauftragten des Vereins, Sven Schlensog, mitgeteilt.

Aus dieser Nachricht geht hervor, dass das Interview noch nicht autorisiert gewesen sei. Eine Änderung sollte gemacht werden. Die oben zitierte Antwort sollte durch folgenden Text ersetzt werden:

Ich bin nicht der Meinung, dass das Stadion “An der Alten Försterei” nicht für ein Spiel zwischen Union und Hertha geeignet ist. Es bedarf für die Durchführung zwar einer professionellen Vorbereitung der Sicherheitsmaßnahmen, könnte aber nach derzeitiger Einschätzung sehr wohl im Stadion in Köpenick durchgeführt werden.

Zum besseren Verständnis. Es gibt zwar die Praxis der Autorisierung von Interviews in Deutschland, doch sie ist nirgendwo festgeschrieben und daher kann kein Journalist dazu gezwungen werden, Aussagen zu ändern. Zumal davon auszugehen ist, dass die Aussage von Rainer Schwienke festgehalten wurde. Entsprechend wurde daran auch kein Wort geändert. Es macht eher den Anschein, dass sich hier jemand allzu schnell zu einer Aussage hat hinreißen lassen, ohne die Konsequenzen des zerbrochen Porzellans zu bedenken. Was natürlich die beiden verantwortlichen Journalisten, Daniel Stolpe und Kai Niels Bogena, betrifft, so war die Fragestellung einerseits geschickt. Andererseits jedoch: Siehe Überschrift.

10 Gedanken zu „Empören. Anheizen. Empören.

  1. Erst kommen die Sitze und wenn sie dann da sind, wird jemand feststellen, dass die Leute aus lauter Emotion aufspringt. Ein Sicherheitsexperte wird sich finden, der feststellt, dass dieses Aufspringen die Emotionen verstärkt und Sicherheitsgurte verlangen, die ein spontanes Auspringen verhindern sollen.
    Absurd? ja – aber zu absurd? Nein.

    Letztendlich fragt man sich beim Lesen des Artikels und der abschliessenden Frage:
    1. Wo war der Platzsturm? Olympiastadion oder Alte Försterei? Also warum wird hier dann vorgeschlagen beide Spiele in diesem scheinbar “unsicheren” Stadion stattfinden zu lassen. Wenn es danach geht, sollten beide Spiele ind er AF stattfinden. Was ich bestimmt nicht will.
    2. Welche Absichten hat der Fragesteller wirklich?
    3. Haben die Autoren noch zu DDR Zeiten ihr Handwerk gelernt? Diese Art der Fragestellung war beliebt in der Abteilung Agitation und Propaganda.

  2. Diese leidige Autorisierungspraxis, die wir in Deutschland vor allem dem “Spiegel” verdanken, ist ein Thema für sich. Ich bin ein Verfechter von: Es gilt das gesprochene Wort wie im angelsächsichen Journalismsu (Was ja zzmeist auch noch bandmäßig festgehalten wird). Es ist authentischer, spontaner, oft witziger und vor allem – ehrlicher.

    Hinterher wird immer nur glattgebügelt, um möglichst nicht angreifbar zu sein.

    Ich behaupte: Diese Aussage des Herrn Sschwienke ist sehr wohl so gemacht worden. Sie entpricht der ehrlichen Meinung des Herrn S. Man versucht sich jetzt gerade davon zu distanzieren, weil man die Sprengkraft übersehen hatte, schiebt das lieber der bösen Journaille zu (Pfui! Nicht autoriseren lassen. Böse Schreiberlinge, ganz böse Schreiberlinge).

    Und im übrigen ist das Argument Hokuspokus. Es war im Oly, wo ein Platzsturm stattfand, nicht an der Alten Försterei. Müsste man – polemisch gesagt – nicht umgekehrt, beide Spiele jetzt in Köpenick austragen?

  3. @ bunki:
    Auf jeden Fall müssen jetzt beide Spiele in der Alten Försterei stattfinden. Schließlich fand der Platzsturm ja in einem reinen Sitzplatzstadion statt, was ja, für jeden ersichtlich, ein Beweis dafür ist, wie unsicher diese Sitzplatzstadien sind. ;)

  4. Wenn, dann ein Spiel in der alten Försterei und eins im Olympiastadion. Wieso wird darüber in den Medien überhaupt diskutiert? Versteh ich nicht. Volksverdummung?

  5. @Bunki nein nicht ganz böse Schreiberlinge weil nicht autorisiert.
    Doch man kann Fragen fragen und schauen was bei rauskommt oder Fragen so stellen, dass man den Inhalt der Antwort, wenn schon nicht vorgibt, so doch eindeutig die Richtung anzeigt in der man gern die Antwort hätte. Der Herr Schwienke ist dabei ganz spontan ins Messer gelaufen, kann und sollte man so dastehen lassen.

  6. Das Argument gegen den Abbau von Stehplätzen damit entkräften zu wollen, dass das gesamte Olympiastadion in Berlin mit Sitzplätzen ausgestattet ist, funktioniert nur halb. Denn es gibt keinen Sitzzwang. Den allerdings kann man durchsetzen. Und dann ist die ganze Herrlichkeit der Ostkurve, die bisher trotz Bestuhlung eine Stehplatzkurve ist, dahin.
    Was mich eigentlich massiv ärgert ist die passive Haltung der Verantwortlichen bei der Hertha. Die müssten viel offensiver damit umgehen. Stattdessen zäunen sie den Trainingsplatz ein, halten ein Training unter Polizeischutz ab und erzählen das Mantra aus dem Rhetorikschulbuch der DFL: “Das sind keine Fußballfans, die so etwas machen”. Eine genauere Analyse dazu gibt es beim Spielbeobachter: “Diese sogenannten Fans”.

  7. Es ist ja eine riesen Frechheit was sich da ein Herr Rainer Schwienke rausnimmt. Als ob er das beurteilen kann. Wenn beide Spiele im Olympiastadion stattfinden wird es garantiert einen Aufstand geben.

  8. sz von heute: die Innenminister der Länder wollen einen Aktionsplan gegen Fangewalt. “…mit einer effektiven Mischung aus Sanktionen und Prävention.” das macht ein gespannt aber auch angst. u.a. wieder mit in der Diskussion: Kostenbeteiligung der Vereine am Polizeieinsatz und wann werden Gästekarten für Auswärtsspiele begrenzt

    am 23.04. gibts dazu nen runden tisch mit Fußballfunktionären, Kommunen, Fanvertreter

    ich ahne jedenfalls nichts gutes für den gemeinen fußballfan

  9. Pingback: Plappern gehört zum Handwerk at ***textilvergehen***

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