Blog State of the Union

Ein Sieg, der nicht alle Sorgen beseitigt, und eine Niederlage, die Hoffnung macht

„Gottseidank!“ Das war mein Ausruf, als Marin Ljubicic bei Eintracht Braunschweig kurz vor Abpfiff das 2:4 erzielte. Der 1. FC Union Berlin übersteht damit die erste Runde im Männer-DFB-Pokal und kann erst einmal durchschnaufen. Doch während die Frauen trotz einer 1:4-Niederlage gegen den FC Bayern bei der Bundesliga-Saisoneröffnung viel Positives mitnehmen können, ist das trotz Sieg bei den Männern gar nicht so eindeutig.

Marin Ljubicic jubelt nach dem Abpfiff, Foto: Matthias Koch

Eigentlich möchte ich gar nicht so sehr darüber sprechen, was bei den Männern nicht so gut funktioniert hat, denn das Thema Defensivverhalten und Abstimmung begleitet uns bereits die gesamte Vorbereitung. Beide Treffer erzielt Braunschweig trotz Union-Überzahl im Strafraum. Wenn ich einen Euro für jedes Mal erhalten würde, in der jemand sagt „Das geht zu einfach“, bräuchte ich nach diesem Sommer wahrscheinlich nicht mehr arbeiten. Vielleicht legen wir das für ein paar Spiele zur Seite und schauen, ob sich das graduell verbessert.

Was mir noch Sorgen bereitet, sind die vielen Ballverluste in der Vorwärtsbewegung. Das zeigt sich auch in einer recht schlechten Passquote von 73 %. Ob die Idee ist, sich hier mehr auf zweite Bälle zu konzentrieren, weiß ich nicht. Aber eigentlich muss Union in solchen Fällen recht schnell foulen, um wieder genug Spieler hinter den Ball zu bekommen, falls es mit der Balleroberung nicht klappt. Denn die schnellen Innenverteidiger für eins gegen eins hat Union nicht und die Außenverteidiger rücken häufig auf.

Möglicherweise spannender sind dann aber doch die Erkenntnisse, die Mut machen:

  • Standards: Union kam gegen Braunschweig jeweils durch zwei Ecken wieder zum Ausgleich. Das könnte ein Anker für das Teams werden, so lange die Mannschaft noch zu sich findet.
  • Es gab Phasen, in denen Union aktiver spielte. Das sah ansehnlich aus, auch wenn das nicht zwangsläufig gefährlich war.
  • Die Mannschaft ist dem Anschein nach gut zusammen, ermutigte sich.
  • Der erst vergangen Woche verpflichtete Michel Aebischer kam am Ende rein, und vielleicht ist das eine Verpflichtung, die das Thema Passqualität im Zentrum und in die gefährliche Zone bearbeitet.
  • Matheo Raab machte nach Verletzung sein erstes Spiel über die gesamte Spieldauer und machte es echt gut. Er bekam einige brenzlige Schüsse auf seinen Kasten. Es sah so aus, als hätte er beim Braunschweiger Lattentreffer seine Finger dran gehabt.

Ansonsten bleibe ich bei dem, was ich schon zu Testspielen gesagt habe: Ich bewerte ein DFB-Pokalspiel nicht zu hoch. Da geht es vor allem darum, sich nicht zu blamieren und bei sich zu bleiben. Das Ergebnis ist gut für den Kopf, hilft aber gegen Eintracht Frankfurt in der nächsten Woche gar nicht, die mit einer ganz anderen individuellen Qualität kommen werden.

Ljubicic macht auf sich aufmerksam

Volle Gönnung für Marin Ljubicic, der vielleicht das Union-Spiel seines Lebens gemacht hat mit einer Vorlage und zwei Treffern. Wie schrieb mir ein Düsseldorf-Fan in einer Chatgruppe: „Der hat letztes Halbjahr bei uns kein Scheunentor getroffen.“ Seien wir ehrlich, es dürfte schon eher schwer für ihn werden, viele Einsätze in der Bundesliga zu bekommen. Vielleicht hilft ihm dieses Erfolgserlebnis bei einem möglichen Wechsel.

Das sind die weiteren Medien-Berichte zum Spiel in Braunschweig:

Der Bundesliga-Auftakt der Frauen gegen den FC Bayern München

Freitagabend. Kurz nach 20 Uhr. Im Stadion an der Alten Försterei hallt von den Rängen: „FC Union, unsere Liebe, unsere Mannschaft, unser Stolz, unser Verein, Union Berlin!“ Wenn es so etwas wie ein Union-Barometer gibt, dann ist dieses Lied nach einem Spiel das untrügliche Zeichen dafür, dass Union zwar nicht gewonnen hat, aber es eine sehr hohe Zufriedenheit mit der Leistung des Teams gibt. So war es auch trotz des 1:4 gegen den FC Bayern München bei der Saisoneröffnung der Frauen-Bundesliga. Die Fans konnten mit einem guten Gefühl aus dem Stadion und in die Saison gehen.

Kann Union mit den Erwartungen nicht mithalten?

Es gab natürlich unterschiedliche Sichtweisen auf diese Partie. Gerade von Unionfans, die bisher wenig bis selten die Frauen und die Liga verfolgt haben, habe ich eine eher negative Einschätzung wahrgenommen. Sie haben ein Union-Team gesehen, das sich in der ersten Halbzeit nur selten aus der Umklammerung des FC Bayern befreien konnte. Die Offensivbemühungen von Cheftrainerin Marie-Louise Eta ließen sich in diesen ersten 45 Minuten nur auf einen blitzsauberen Konter über Eileen Campbell reduzieren, der nur knapp nicht erfolgreich war.

Anzeigetafel mit 1:4-Endstand, Foto: Matthias Koch

Da fehlt eventuell der Kontext, wo sich Union im Stärkeverhältnis der Frauen-Bundesliga einsortiert. Ich könnte beim FC Bayern alleine die Namen der Top-Spielerinnen wie Pernille Harder, Klara Bühl, Jovana Damjanovic, Momoko Tanikawa, Linda Dallmann aufzählen, die am Freitag auf dem Platz standen. Guilia Gwinn oder Lena Oberdorf waren da noch gar nicht dabei. Oder dass Bayern in der gesamten vergangenen Saison kein Bundesliga-Spiel verloren und nur 9 Tore kassiert hat, bei 90 eigenen Treffern.

Diese etwas negativere Sicht auf die Partie ist nicht komplett falsch. Sie ist möglicherweise eine direkte Folge der beinahe euphorischen Union-Berichterstattung der vergangenen zwei Jahre. Wobei die ein bisschen wie ein Aktienmarkt reagierte, in dem sie das Versprechen auf die Zukunft stärker bewertete als die jeweils aktuelle Union-Performance in den Spielen selbst. Union hatte vergangene Saison sichtbare Schwierigkeiten mit dem Umstieg bei Tempo und Entscheidungsgeschwindigkeit in der Bundesliga. Das Team zeigte defensive Wackler und brachte sich damit häufig um den Lohn für hohen Aufwand.

Unions Frauen spielten defensiv besser als das Ergebnis zeigt

„Fiebrig, du willst mir doch bei 4 Gegentoren nicht ernsthaft erzählen, dass es gegen Bayern einen Fortschritt gab?“ Doch, genau das will ich. Union schaffte offensiv kaum Entlastung. Aber Bayern brachte bei aller optischen Überlegenheit in Halbzeit 1 auch wenig zählbare Abschlüsse zustande. Samantha Steuerwaldt zeigte sich in Zweikämpfen wieder in ihrer Prime und provozierte mit ihrer resoluten Art auch eine Gelbe Karte für Damjanovic, die zu heftig meckerte, als ein Zweikampf nicht für sie gepfiffen wurde.

Unions Außenverteidigerinnen Jill Janssens und Tomke Schneider (auch prime!) ließen sich für meinen Geschmack anfangs etwas zu sehr locken, fanden aber mit zunehmender Spieldauer immer besser in ihr defensives Spiel hinein. Und das gegen eine Bayern-Mannschaft, die ihre Gegnerinnen sehr ernst nahmen und sie sehr stressten. Es dürfte kaum ein Spiel in der Bundesliga geben, in dem man fast über die gesamte Spielzeit so sehr unter Druck steht und zu Fehlern gezwungen wird. Der flache Aufbau von Union wurde fast immer aggressiv angegriffen. Es war durchaus ein Nachteil, dass die lange Abstoßvariante in dieser Phase mangels ballhaltender Zielspielerin keine Option war.

Zahlen bietet der RBB in seiner Spiel-Analyse: Der xG-Wert der Bayern betrug letztlich nur 1,04, während Union sich 0,76 xG herausspielte. Ein Beleg dafür, dass Union es zwar einerseits defensiv ganz gut gelang, aber Bayern aus eher weniger wahrscheinlichen Chancen trotzdem Tore machte.

Lieferten sich viele Zweikämpfe: Samantha Steuerwald und Jovana Damnjanovic, Foto: Matthias Koch

Ein bisschen schade, dass Union sich mit Standards (ein bisschen Ironie, dass das gepfiffene Foul vor dem Bühl-Freistoß zum 0:1 wieder ein Zweikampf zwischen Steuerwaldt und Damjanovic war, den ich sehr soft fand) und einem Aussetzer zum 0:2 (als Pernille Harder den Ball direkt von einer Union-Spielerin zugespielt bekam) selbst ins Hintertreffen brachte. Aber die Einwechselungen von Sophie Weidauer, Naika Reissner und später Nele Bauereisen brachten doch noch einmal eine Dynamik in die Partie, die ich zu dem Zeitpunkt nicht erwartet hatte.

Der Meta-Auftrag für Zietz und Eta: Begeisterung erzeugen

Und das ist der Aspekt, den ich als zweites recht positiv betrachte. Das Team schaffte es, beim Stand von 0:3 eine Begeisterung unter den über 17.000 Zuschauerinnen und Zuschauern zu erzeugen. Das Spiel war im Ergebnis nicht erfolgreich, aber plötzlich gab es Torchancen und offensive Spielzüge. Das reichte für ein Publikum, das begeistert werden wollte.

Steffi hatte in der vergangenen Woche in einem Gastbeitrag im Tagesspiegel (Bezahl-Artikel) deutlich gemacht, dass genau diese Begeisterung auf einer Meta-Ebene ein Dauerauftrag für Managerin Jennifer Zietz und Trainerin Marie-Louise Eta ist. Die Frauen sollen sich eine große Fanbase erspielen. Die Geschichte von Union, dass man das Thema Frauenfußball strategisch anders angeht als andere Clubs, wird schließlich nicht für immer tragen (auch wenn Artikel wie in der New York Times das aktuell belohnen). Die harte Währung für Union sind neben dem sportlichen Erfolg in der Liga eben vor allem die Zuschauerzahlen (und alle weiteren damit verbundenen Einnahmen).

Die Frauen-Bundesliga nimmt das Thema „spannender Wettbewerb“ ernster als die Männer

Die zweite Meta-Ebene der Saisoneröffnung war für uns im Stadion nicht wahrnehmbar. Während wir auf die Union-Hymne hinfieberten, stand Dirk Zingler beim TV-Interview und setzte sicher nicht unabsichtlich beim Bundesliga-Spiel mit der höchsten Medien-Aufmerksamkeit einen wichtigen Punkt, indem er das oben im Text schon erwähnte Kräfteverhältnis in der Bundesliga erwähnte: „Wir tun gut daran, nicht die gleiche Entwicklung im Frauenfußball zuzulassen wie bei den Männern. Dass Bayern und Wolfsburg in den nächsten zehn Jahren in der Champions League spielen, und alle anderen Vereine sind nur Statisten. Ein ‚weiter so‘ kann es nicht geben. Ich freue mich, dass ganz viele in der Liga mutig sind.“ (Bild)

Union-Präsident Dirk Zingler im ZDF-Interview, Foto: Matthias Koch

Konkret geht es um das Thema Play-offs, das vielleicht ab der nächsten Saison ausprobiert wird (ich hatte hier schon einmal meine Gedanken dazu geschrieben, als die Sportbild das aufbrachte). Zingler erwähnte, dass sich die Liga mit 12:2 Stimmen dafür aussprach, diese Option in die TV-Ausschreibung einzubringen. Die Liga kann dies machen, weil der FC Bayern noch nicht diese Macht ausübt wie in der Männer-Bundesliga, wo er immer mit dem Ausstieg aus der gemeinschaftlichen Vermarktung droht, wenn nur ansatzweise über eine Neuverteilung von TV-Geldern nachgedacht wird, oder auch mal zusätzliches Geld von TV-Rechte-Inhabern kassiert, usw.

Es ist ironisch, dass ausgerechnet Wolfsburg und Bayern dagegen stimmten, weil sie als Top-Teams die Liga in einem Maße dominieren, dass alle anderen gar nicht mithalten können. Wenig verwunderlich, dass bei den Bayern wenig Gegenliebe für diese Vorschläge kommt und auf die Ehrlichkeit der Tabelle in Bezug auf die Leistungsbewertung verwiesen wird. Das stimmt auch, wenn man die berechenbare Wahrscheinlichkeit von Erfolg als ehrlich betrachtet. Aber eine möglichst genaue Abbildung der Leistungsfähigkeit ist gar nicht das Ziel der Ausschreibung für die TV-Rechte. Es geht darum, einen spannenden Wettbewerb zu verkaufen. Wichtig ist dabei vor allem, dass der Titel nachvollziehbar ausgespielt wird. Aber am Modus von Wettbewerben wurde schon immer gedreht, um sie attraktiver zu machen.

Wir können uns die Veränderungen im Volleyball oder im Tischtennis anschauen, wo man schon vor langer Zeit die Spiele für eine bessere Vermarktung angepasst hat. Wir können aber auch einmal schauen, wie es die Veranstalter der Tour de France bei den Frauen schaffen, einen über die Maßen spannenden Wettbewerb zu etablieren, der auch noch durch hohen Produktionsaufwand enorm TV-tauglich ist.

Wenn man das bei der Frauen-Bundesliga nicht grundsätzlich auch anders machen will, hätte man auch beim DFB als Veranstalter der Liga bleiben können. Da könnte man dann einfach zuschauen, wie sich andere Ligen immer weiter von den Bundesliga entfernen und die Top-Spielerinnen immer mehr die Liga verlassen. Vielleicht schauen wir in ein paar Jahren auf die Frauen-Bundesliga und fragen uns, warum die Männer-Bundesliga davon nicht etwas übernehmen kann?

Vielleicht zur Eröffnung mal nicht das mit den Fahnen machen?

Noch ein paar letzte Worte zum Eröffnungsspiel am Freitagabend: Wieso müssen diese Eröffnungsfeiern im Fußball immer so peinlich sein? Ich habe aufgrund meiner DDR-Erfahrung eine hohe Abneigung gegenüber Fahnenappellen und finde diese Wink-Elemente-Feiern einfach überflüssig. Erst recht, wenn sie von einer generischen Hymne begleitet werden. Vielleicht geht das auch mal anders als eine Abwandlung des Deutschen Turn- und Sportfestes mit viel weniger Menschen? Riesiges Lob dagegen für die Choreo für Union auf der Gegengerade (und das Aufräumen danach).

Nicht das gewohnte Fahnenmeer im Stadion an der Alten Försterei, Foto: Sebastian Fiebrig

Das hier sind die weiteren Berichte und Analysen zum 1:4 gegen den FC Bayern:

Und sonst so?

Union hat bei der Wahl zu Berlins Fußballerin bzw. Fußballer des Jahres abgeräumt (RBB). Herzlichen Glückwunsch!

Union informierte vergangene Woche über die Krebsdiagnose für U15-Spieler Hanoun Olinga (Vereinsmitteilung) und eine entsprechende Spendenaktion. Dina Orschmann schickte nach dem Bundesliga-Spiel eine Botschaft an ihn.


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3 Kommentare zu “Ein Sieg, der nicht alle Sorgen beseitigt, und eine Niederlage, die Hoffnung macht

  1. Guten Morgen und danke für die gute Zusammenfassung des Union-Wochenendes. Ich würde Marin halten, er hat irgendwie dieses Stürmer-Gen was ich bei anderen vermisse. Ist jeweils in seinem „ersten“ Spiel voll da und macht die Dinger wie ein Stürmer. Ansah war gestern leider viel zu hektisch, Latte Lath irgendwie noch nicht eingebunden und Ilic und Burke sind noch außer Gefecht. Nicht unerwähnt bleiben sollte, dass unser Spremberger Rohdiamant in der U19 brillierte und mit zwei Dribblings zwei Treffer und den Sieg erzielte.

    Danke auch für den sportpolitischen Einblick ins Damen-Bundesligageschäft!

    Schöne Woche euch, eiserne Grüße.

  2. Senfbeilage

    Ljubicic scheint gute Joker-Qualitäten zu haben, was wertvoll wäre. Würde ich also halten, wenn nicht ein wirtschaftlich gutes Angebot kommt.

    Ansonsten ja war es „nur“ Pokal, aber im Stadion war der Truppe schon anzumerken, was das Spiel negativ mit ihnen gemacht hätte und was es positiv gemacht hat am Ende. Nach dem 2:1 von Braunschweig bin ich der Meinung schon eine gewisse Lethargie und „Stecker gezogen“ Ausstrahlung erkannt zu haben. Hatte echt Sorge. Am Ende hat man den Spielern schon angemerkt, dass Steine gepurzelt sind. Aebischer hat eine tolle Sören Brandy Mentalität im Mittelfeld, könnte Spaß bringen. Kemlein blass.

    Schäfer war der Schlüssel gestern. Danach ist alles auf unsere Seite gekippt. Rothe hat die linke Seite im Griff, was leider auf der rechten Seite über Juranovic nicht zutrifft, da wurde es immer gefährlich.

  3. Erfolgsfan

    Dies ist kein wirklicher Kommentar, sondern nur ein kleiner Hinweis: Im ersten Teil über die Männer haben sich ein paar Fehler eingeschlichen, nämlich diese hier:

    „Wenn ich einen Euro für jedes Mal erhalten würde, in der jemand sagt…“
    „Das könnte ein Anker für das Teams werden…“
    „Die Mannschaft ist dem Anschein nach gut zusammen, ermutigte sich“

    Ansonsten vielen Dank für eure Arbeit (Blog+Podcast), eisern
    Erfolgsfan

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