Blog State of the Union

Union vor dem Saisonstart: Zwischen Bangen und Träumen

Zwei unterschiedliche Teams. Zwei unterschiedliche Tests. Zwei unterschiedliche Stimmungen. Das ist der 1. FC Union Berlin vor dem Saisonbeginn am Wochenende. Die Frauen gewinnen bei Paris St. Germain mit 3:1 und ich freue mich sehr auf die Saisoneröffnung am Freitagabend gegen den FC Bayern im Stadion an der Alten Försterei.

Bei den Männern sieht es dagegen schwierig aus. Erstens starten sie ihre Saison wie jedes mit der Stolperfalle DFB-Pokal. Und zweitens gibt das 2:4 gegen Ipswich Town Anlass zur Sorge. Und das noch nicht einmal wegen des Ergebnisses, sondern weil Union sich nicht auf das verlassen kann, was sie in der Bundesliga gehalten hat: die Abwehr.

Da ich am Sonnabend nicht im Stadion sein konnte, fehlt mir natürlich der Eindruck eines ganzen Spiels. Ich bereue es nicht, weil ich diesem Herrn, der für das hervorragende Auswärtstrikot modeln durfte, zur Zitadelle Spandau für das (möglicherweise letzte) Konzert der Antilopen Gang gefolgt bin.

Aber nicht nur die Medienberichte vom Spiel lesen sich alarmierend, auch Christopher Trimmel sagte bei AFTV: „Wir hatten nur 20 gute Minuten.“ So manche Person im Stadion wird sich gefragt haben, ob sie es in letzter Zeit schon einmal erlebt hat, wie einfach die Tore gegen Union fielen. Da stand gefühlt immer jemand sehr frei im Strafraum. So viele eigene Tore kann man gar nicht schießen, dass man so die Klasse hält.

Mich erinnerte das alles an die Saisonvorbereitung unter Bo Svensson. Da gab es zwar eine offensive Seite, die zu gefallen wusste, aber es war zu wackelig für die Bundesliga, weshalb der Trainer zum Saisonstart umstellte. Ansonsten habe ich aktuell Vibes, die ich unter dem späten Jens Keller bei Union gesehen hatte, als gegen aufgerückte Außenverteidiger ein Ball reichte, um Union in Not zu bringen.

Wenig zu beschönigen: Anzeigetafel mit 2:4-Endstand nach dem Test gegen Ipswich Town, Foto: Matthias Koch

Ich glaube, dass Mannschaft und Trainer einen gemeinsamen Weg finden. Aber das wird vielleicht etwas holpriger, als ich mir das trotz des Erwartungsmanagements von Horst Heldt und Dirk Zingler gedacht hatte. So ehrlich muss ich sein.

Ich bin sehr gespannt darauf, wie Mauro Lustrinelli sein Team im Pflichtspielmodus antreten lässt und wie er das alles moderiert. Vor allem bin ich aber gespannt wie diese spielerische Umstellung bei Union insgesamt unterstützt wird, wenn es wirklich sehr holprig los geht. Wie reagieren Zingler und Heldt? Wie reagieren wir Fans? Wie reagieren die Spieler? Das wird viel mit Glauben zu tun haben.

Das waren die Berichte der Berliner Medien zum 2:4 gegen Ipswich Town:

Auf bestimmte Diskussionen, welcher Spieler gerade die Nase vorne hat, lasse ich mich nicht ein, weil einige noch fehlen, andere noch gar nicht da sind (der Transfer von Michel Aebischer steht weiter im Raum) und vor allem die Vorbereitung letztlich wenig über die Dynamik der Pflichtspiele verrät, die dann vor allem von Ergebnissen getrieben wird.

Trotzdem fand ich die Einschätzung interessant, dass bei den Außenverteidigern nach Beobachtern Josip Juranovic und Tom Rothe die Nase vorne haben sollen vor Christopher Trimmel und Derrick Köhn (zum Beispiel bei Bild und Kicker). Ich glaube, dass das nicht lange so bleiben wird. Am Ende ist diese Frage aber weniger relevant als die Frage danach, ob jede Person in der Viererkette immer weiß, was die andere gerade macht.

Das Ergebnis von Paris lässt uns träumen

3:1 gewinnen Unions Frauen gegen Paris St. Germain und dieses Ergebnis macht bei mir etwas auf. Auch das ist Vorbereitung: Ich sehe, was möglich sein könnte. Wie das Team von Marie-Louise Eta die Gegnerinnen zu Fehlern zwingt (die beiden Treffer von Lia Kamber fielen aus Fehlern von Paris heraus, als die sich hinten rausspielen wollten. In der Spielanalyse bei den Schlosserinnen wird das als Fingerzeig dafür gesehen, wohin sich das Team unter der neuen Trainerin entwickeln möchte. Gegnerinnen zu Fehlern provozieren. Union will nerven und der gegnerischen Mannschaft keine Ruhe geben.

Vielleicht ist es der Schritt von einer Union-Mannschaft, die in der Bundesliga angekommen ist, hin zu einer Union-Mannschaft, die in der Bundesliga eigene Akzente setzen wird. Aber nur weil das bei Paris St. Germain geklappt hat, bedeutet das nicht, dass es auch in der Bundesliga funktioniert. So wie ich bei den Männern darauf verweise, dass negative Vorbereitungsergebnisse nichts über die Pflichtspielergebnisse aussagen, so gilt das auch für positive Ergebnisse bei den Frauen. Testspiele in der Vorbereitung nicht über- und nicht unterbewerten. Wichtig ist der Saisonstart gegen Bayern am Freitagabend.

Weitere Berichte zum Sieg gegen Paris findet ihr hier:

Kamera und Platzverhältnisse in Paris erinnerten an die Zweitliga-Saison von Union; Screenshot via Paris St. Germain/YouTube

Für die Vorbereitung auf alle Teams in der neuen Saison empfehle ich euch die aktuelle Episode des Rasenfunks, in der auch viele Trainerinnen und Trainer selbst zu Wort kommen. Union wird dort in der Prognose sehr hoch bewertet.

Tabellen-Prognose in der Rasenfunk-Saisonvorschau, Bild via Rasenfunk Forum

Saisonstart für unseren Podcast

Wir sind auch mit unserer ersten Podcast-Episode der neuen Saison gestartet. Darin machen wir eine kleine Saisonvorschau für die Männer und Frauen bei Union. Außerdem ranken wir die neuen Union-Trikots. Das ist das Ergebnis:

Wichtigste Änderung bei unserem Podcast zur neuen Saison: die Episoden erscheinen entweder am Sonntagabend oder am Montagabend. Das bedeutet leider, dass wir keine Montagsspiele besprechen können. Aber die Terminabsprache hat uns in der vergangenen Saison so viel Zeit und Nerven gekostet, dass wir das gestrafft haben. MONTAGSSPIELE ABSCHAFFEN!

Und sonst so?

In der Morgenpost (Bezahl-Link) spricht Christopher Trimmel im Interview über seine Trainerambitionen und dass er den Kurs in Österreich macht, weil er dort mehr Leute kennt. Spannend fand ich am Gespräch zwei Aspekte:

  • zu Linus Güther befragt weist er auf die Schwierigkeit hin, sich ohne zweite Mannschaft direkt aus dem Nachwuchs heraus in einer Bundesligamannschaft der Männer etablieren zu müssen. Das hat natürlich etwas mit Trimmels eigenem Weg zu tun. Aber ich finde das immer interessant, wie diese Diskussion „reine Nachwuchsrunden“ oder „zweite Mannschaften“ geführt wird und wie sie vielleicht immer auch einem gewissen Zeitgeist folgt. Deshalb sagt Trimmel im Interview: „Das Schlechteste, was wir jetzt machen könnten, wäre zu sagen: Linus muss unbedingt sofort einige Bundesligaeinsätze bekommen. Diesen Druck muss man ihm nehmen und ihm einfach Zeit geben.“
  • Nach seiner Lizenzprüfung muss Trimmel auch als Trainer Praxis nachweisen. Ich fand weniger interessant, ob er das bei Union macht oder nicht. Spannender war dieser Satz: „Ich möchte parallel eventuell auch bei Marie-Louise Eta in der Frauenmannschaft möglichst viele Trainingseinheiten mitnehmen.“ Leider ging das Interview darauf nicht ein, denn mich hätte schon interessiert, ob er das macht, weil er bei Marie-Louise Eta Dinge mitnehmen möchte oder ob er seinen Fokus über den Männerfußball hinaus erweitern möchte.
Christopher Trimmel im Trainingslager, Foto: Matthias Koch

Im Tagesspiegel (Bezahl-Link) gab es ein sehr langes Interview mit Marie-Louise Eta, bei dem ich etwas irritiert war, wie viel es um ihre Zeit als Trainerin der Männer und ihre gemachten Erfahrungen ging und weniger um die spannende Aufgabe, das Team in der Frauen-Bundesliga weiterzuentwickeln.

  • Im Zusammenhang mit Auftritten bei Empfängen etc., die nach ihrer Zeit als Cheftrainerin bei den Männern folgten, fand ich ihre Aussage wichtig: „Mittlerweile nehme ich meine Vorbildfunktion sehr gern an. Ich glaube, dass Sichtbarkeit wichtig ist. Gleichzeitig bin ich Fußballtrainerin, das ist mein Job. Deswegen ist eine gute Balance entscheidend: Wenn ich nur noch auf Veranstaltungen bin und in jedem Podcast sitze, geht vielleicht genau das verloren, was eigentlich das Wesentliche meiner Aufgabe ist.“
  • Bei vielen Fragen im Interview, die Marie-Louise Eta gestellt werden (und das meine ich gar nicht kritisch gegenüber dem Tagesspiegel), nehme ich vor allem wahr, wie viel auf Eta projiziert wird. Ich glaube, dass es unmöglich ist, dem gerecht zu werden. Und gleichzeitig wäre es für mich persönlich eine große Herausforderung, damit umzugehen, dass Leute mich „vereinnahmen“, ohne mich oder meine Arbeit im Detail zu kennen.

Und niemals vergessen

Kurz nach dem Mauerbau-Gedenken hat der RBB dieses Interview mit Olaf „Leo“ Seier veröffentlicht, in dem er kurz erläutert, wie er eigentlich vom BFC zu Union kam. Aber vor allem spricht er sehr deutlich über die privilegierte Stellung von Fußballern in der DDR und wie er den Abend des Mauerfalls wahrgenommen hat. Ich sage mal so: trainieren, Punktspiel, dann feiern.

Olaf Seier (l.) führte Union als Kapitän in das „Wiedervereinigungsspiel“ gegen Hertha BSC, Foto: Sebastian Fiebrig

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