Es gibt dieses Meme über Unions Männer-Team: Alle neuen Coaches seit Urs Fischer wollten offensiveren Fußball spielen. Doch sie wurden auch alle von der Mannschaft gebrochen. Denn die ist immer wieder in die Fünferkette zurückgefallen. Wäre ich noch beim Boulevard, würde ich vielleicht von einem Trainer-Fluch schreiben.
Aber was ist eigentlich, wenn diese Erzählung nur funktioniert, weil sie so schön klingt und in unser Denkmuster passt? Denn seien wir ehrlich: Union hat nicht schon immer Fünferkette gespielt, auch nicht unter Urs Fischer. Und der angeblich so festgefahrene Kader hat in den Spielen unter Marie-Louise Eta auch Viererkette und aktiv gespielt (klar, es waren von der Anzahl her nicht sehr viele Partien). Wir können also festhalten, dass es Mehrdeutigkeit gibt und manche Dinge nicht so einfach sind, dass sie auf eine Instagram-Kachel oder ein Wahlplakat passen.

Am Sonnabend habe ich vor dem Spiel mit Team Taktik vom leider nicht mehr aktiven Podcast Taktik&Suff ein bisschen über Unions neuen Trainer Mauro Lustrinelli und unsere Erwartungshaltung gesprochen. Ich gebe zu, dass ich negativ gestimmt war. Nicht wegen des Coaches. Sondern weil mir nicht gefallen hat, wie viel nicht funktioniert hat in der Vorbereitung.
Ein Club wie Union kann sich eine holprige Vorbereitung nicht leisten, wenn das Saisonziel vor allem Klassenerhalt heißt. Wenig Transfers. Viele Testspiele. Wenig Training. Das ist kein Umfeld, in dem sich ein Trainer an eine neue Liga gewöhnen und gleichzeitig die Spielweise eines Teams umkrempeln kann. Das war meine Einschätzung. Und an der hat sich prinzipiell nichts geändert.
Lustrinelli und Düwel: ähnliche Aufgaben, andere Herangehensweise
Team Taktik verglich den Auftrag an Lustrinelli mit dem, den Norbert Düwel 2014 nach der Trennung von Uwe Neuhaus hatte. Ein erstarrtes System soll aufgebrochen werden. Aber Team Taktik brachte einen Aspekt als Unterschied zwischen Düwel und Lustrinelli ein: der neue Coach aus der Schweiz würde diese Veränderung nicht als technischen Aspekt einbringen, sondern die Mannschaft führen. Ein Punkt, an dem Düwel gescheitert ist.

Ich kann diesem Aspekt etwas abgewinnen. Weil er das formuliert, was wir in einer Phase des Wandels gerne selbst erfahren würden. Dass uns jemand den Wandel erklärt und die Erwartungen an uns. Dass uns jemand an die Hand gibt, wie wir schrittweise diesen Erwartungen gerecht werden können. Die Realität sieht oft anders aus: Es wird ausgetauscht. So erfahren es Spieler im Profifußball. So erfahren wir es in unseren Jobs.
Ich kann nicht seriös beurteilen, welche Art Trainer Mauro Lustrinelli ist. Ich ahnte es nur, als Matze Koch in seinem Vlog vor ein paar Wochen davon berichtete, dass ihm Ilyas Ansah gesagt hätte, Matze müsse da mehr Vertrauen haben. Trust the process, würde man heute sagen. Und dann berichtete Zeno van den Bosch von einer Energie in der Halbzeitpause, die vom Coach ausgegangen sein soll (Kurier).

Vielleicht ist da wirklich etwas gewachsen in dieser schwierigen Vorbereitung. Möglicherweise hat Lustrinelli die bemerkenswerte Eigenschaft, sich wirklich nur mit Dingen zu beschäftigen, die er beeinflussen kann. Also nichts mit Beschwerden über die Testspiele. Und auch kein öffentliches Lamentieren über einen Kader, der nicht rund war. Dafür aber möglicherweise ein konstantes Besprechen mit Horst Heldt, dem selbst etwas die Handlungsfähigkeit fehlte. Der Manager sollte erst Platz im Kader machen, weil der Stellenplan keine zusätzlichen Spieler zuließ.
Die Hausbau-Metapher von Mauro Lustrinelli
An all diese vielen Aspekte musste ich denken, als Mauro Lustrinelli in einer vielleicht jetzt schon legendären Szene der Pressekonferenz nach dem Spiel gegen Frankfurt (AFTV) vom Hausbau sprach und damit die Entwicklung der Mannschaft meinte. Das Dach seien die eigentliche Spielidee und Spielprinzipien. „Zuerst muss man das Fundament legen, man kann nicht mit dem Dach beginnen“, führte er aus.
Damit hatte der Trainer uns. Denn was Mauro Lustrinelli nicht wusste: wir lieben Geschichten vom Bauen. Wir schwärmen noch heute vom Gemeinschaftserlebnis Stadionbau. Wir haben zusammen wochenlang auf ein Dach gewartet und eine Firma namens „Omnec“ verflucht. Seit fast 10 Jahren träumen wir vom Stadionumbau und lernen viel zu viel über Verkehrsplanung, Statik oder Bahnstrom.

Und dann steht da jemand im kleinen stickigen Medienraum von Union und erzählt uns vom Bauen. Wer Mauro Lustrinelli in diesem Moment nicht in sein Herz geschlossen hat, besitzt wahrscheinlich keins – zumindest kein rot-weißes. Beim schweizerischen Trainer klingt der Hausbau ganz einfach: Fundament, Mauern, Dach. Da ist keine Dämmvorschrift dabei. Da muss kein Blower-Door-Test gemacht werden. Und da muss auch kein Bodenarchäologe vorher über die Baustelle gelaufen sein.
Aber Lustrinelli spricht auch nicht über Beton. Er spricht über Menschen. Die verändern sich. Sie haben gute Phasen, aber sie haben auch schwierige. Jede Person hat ihre eigenen Themen. Doch alle sollen auf das gleiche Ziel hinarbeiten. Das Fundament ist der Team Spirit. Und diesen Teamgeist sieht er bei Union als vorhanden an. Von außen betrachtet würde ich dem Trainer zustimmen. Ich habe trotz der vielen Gegentore bisher noch kein übermäßiges Anmaulen und Meckern gesehen.

Jetzt geht es um die Mauern, also mehr spielerische Qualität, bevor man sich dem Dach widmen würde. Der Trainer bleibt dabei ehrlich. Ja, wir waren euphorisch und glücklich nach dem 3:3 in letzter Sekunde. Aber wir haben auch gesehen, was alles noch nicht funktioniert hat.
„Spielerisch haben wir noch viel Potenzial, sagen wir so, in alle Richtungen“, sagte der Trainer. Und er meinte damit das Spiel gegen den Ball und mit dem Ball. Ich gebe zu, dass ich mich selten von einem Trainer so mitgenommen gefühlt habe.
Der Spaß ist zurück
Ich weiß, dass es noch viel zu früh für eine Standortbestimmung ist. Darüber können wir vielleicht in 2 bis 3 Monaten sprechen. Aber der RBB fühlte eine Energie. Und ich würde behaupten, wer am Sonnabend im Stadion war, hat die auch gespürt.
Ich bin ganz bei Christoph Biermann, der bei 11Freunde (Bezahl-Link) mit der Referenz auf die Serie „Ted Lasso“ geschrieben hat: „Es ist schön, dass ein so passionierter Menschenfreund und praktizierender Enthusiast auf der Bank sitzt. Mauro Lustrinelli ist das lebende Believe-Plakat und vermittelt eine Idee, die so crazy ist, dass man sie kaum aufzuschreiben wagt: Fußball an der Alten Försterei könnte richtig Spaß machen.“
Mir hat der Trainer den Spaß auf jeden Fall zurückgebracht. Ich hätte nicht gedacht, dass das so schnell gehen würde.
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