“Wer lässt sich nicht vom Westen kaufen” und der Quattrex-Fonds haben nur oberflächlich miteinander zu tun

Ich glaube, dass es momentan für alle am besten wäre, wenn Union einfach alle drei Tage spielen würde. Dann ginge es Schlag auf Schlag. Wir würden relativ schnell wissen, ob wir die Pfanne vom Herd nehmen und stattdessen einfach Stulle essen oder ein Ei drin aufschlagen können. Und die Spieler würden weniger Zeit zum Nachdenken haben. Die Berliner Medien überbrücken die Zeit zur Pressekonferenz heute, indem sie den Kapitän zum Thema Aufstieg befragen (Bild/BZ und Kurier), der artig sagt, dass niemand Angst vor dem Aufstieg habe und die Mannschaft jetzt liefern müsse.

Der Tagesspiegel schlägt einen Bogen von der Union-Hymne zum Quattrex-Fonds. Das kann man schon machen, weil oberflächlich ein Widerspruch zu sehen ist zwischen “Wer lässt sich nicht vom Westen kaufen” und Geld, das sich bei einem in Luxemburg ansässigen Fonds geliehen wird. Aber nur, weil es oberflächlich stimmt, passt es nicht immer. Nicht nur, weil es nicht die Zeile der Hymne ist, die am lautesten von den Fans mitgesungen wird, sondern auch weil “wer lässt sich nicht vom Westen kaufen” eine ganz andere Herkunft hat.

Choreo vor dem Spiel gegen Regensburg, Foto: Matze Koch

Diese Zeile spricht doch sehr deutlich die sehr frühen 90er an, als die Treuhand Unternehmen der DDR in einem intransparenten und fehleranfälligen Verfahren innerhalb kürzester Zeit bewertete und dann für wenig bis kein Geld verscherbelte oder dicht machte (“abwickeln” hieß das damals). Wir können doch heute gar nicht mehr ermessen, welche Ohnmacht die Menschen damals spürten, wenn das ihren Betrieb betraf. Denkt nur einmal an den Hungerstreik der Kumpel aus Bischofferode zurück. “Wer lässt sich nicht vom Westen kaufen” ist eine Zeile, die aussagt, dass man genau das nicht zulassen würde. Wie jede Zeile einer guten Hymne hat sie allerdings auch wenig mit der Wirklichkeit zu tun. Erst recht nicht mit Union in den frühen 90ern. Denn dass Union heute recht selbständig agiert, hat mehr mit dem Agieren der vergangenen 15 Jahre und dem Kapital, das in den Profi-Fußball insgesamt fließt, zu tun als mit dem in den 90er Jahren.

Zurück zum Tagesspiegel-Text. Dort geht es klar darum, dass Union sich einen aufstiegsreifen Kader zusammengebaut habe (unter anderem mit dem Quattrex-Fonds-Geld), der allerdings deutlich hinter dem von Köln und dem Hamburger SV stünde, wenn man den Transfermarktzahlen folgt. Platz 3, wenn man solchen Rechnungen folgt, wäre also logisch. Und da kommen wir wieder beim Thema des Anfangs von heute an. Union kann in dieser Saison noch alles erreichen von Sekt (Platz 2) bis Selters (Platz 4 und tiefer). Es ist objektiv betrachtet noch viel zu früh, darüber zu urteilen. Klar ist nur, dass sich die Mannschaft in den vergangenen 4 Spielen selbst eine Ausgangslage herbeigespielt hat, die sehr viel Druck zum Saisonende verspricht.

Und sonst so?

Hertha BSC wird sich zu Saisonende von Pal Dardai trennen. Nach viereinhalb Jahren. Aus Sicht von außen wirkt das ein bisschen schräg, ist die Mannschaft doch mit Platz 11 im Spektrum des Leistungsvermögens des Kaders, wenn auch im unteren. Aber der Bericht meines früheren Morgenpost-Kollegen Jörn Meyn legt die Vermutung nahe, dass es nicht alleine am sportlichen Abschneiden gelegen habe. Gerade die Einladung an die Ultras in den eigenen Garten während der Verein mit ihnen über Kreuz liegt, dürfte für deutliches Missfallen gesorgt haben. Die Morgenpost selbst analysiert, dass Hertha auch sportlich höher hinaus wolle, dafür einen Investor suche und jetzt einen Trainer, der verspreche mehr aus dem Kader herauszuholen. Ich tippe darauf, dass Hertha nicht der einzige Klub in der Liga ist, der derzeit neidisch auf Frankfurt schaut …

Nachdem ich gestern den Plattsport-Podcast mit Torsten Mattuschka empfohlen habe, möchte ich euch die Ausgabe des Sky-Podcasts mit Unions Derbytorschützen und früheren Kapitän nicht vorenthalten (danke an Timoeis für den Hinweis in den Kommentaren.

18 Gedanken zu „“Wer lässt sich nicht vom Westen kaufen” und der Quattrex-Fonds haben nur oberflächlich miteinander zu tun

  1. wie gesagt: ein cleverer investor wird sich niemals allein auf die aussagen der emittenten verlassen (schon gar nicht, wenn es um geschlossene fonds oder/und um größere summen geht). wenn der fonds an dritte verkauft werden soll – und so liest es sich – dann wäre eine solche klausel kontraproduktiv. ich glaube deshalb, dass es eine solche “absolutes stillschweigen-klausel” gar nicht gibt.

    @jens otto: “kein hahn kräht danach” ist eine ziemlich arrogante haltung gegenüber denen, die das thema seit jahren ansprechen, die aber vom verein genausolange größtmöglich ausgebremst wurden. jene werden kein interesse daran haben, das thema nun zu einzufangen (neudeutsch für “unter den teppich kehren”). der verein hat seit jahren ein schweres kommunikationsdefizit (übrigens noch länger kritisiert als quattrex). es gibt noch genug ältere unioner, die ganz genau wissen, wohin die mischung aus komplexe finanzierungsstrukturen plus größtmögliche intransparenz führen können.

  2. @ mario draghi: das der Verein ein Kommunikationsdefizit hat sehe ich auch so und auch ich erinnere mich noch an die Situation vor 15, 20 Jahren und gerade deshalb hoffe ich dass genau diese Fehler nicht wieder gemacht wurden, wie schon im anderen Beitrag geschrieben, hat uns das Finanzierungsmodell bis jetzt mehr Vorteile gebracht und mangels genauer Informationen wissen wir nichts über Risiken und ohne die nicht erwartbare Schieflage beim VfB Stuttgart würden wir darüber garantiert nicht diskutieren, wenn du das arrogant nennst ist das dein Problem, ich nenne es Realismus. @ Sebastian: das mit dem “nicht vom Westen kaufen” und dem was dahinter steht habe ich damals 1990 live erleben “dürfen” und sicher auch dies meisten Unioner welche älter als 35 sind (ich bin Jahrgang 1972), es passt trotzdem “wie die Faust aufs Auge”

  3. “realismus” war viele jahrhunderte lang, dass die sonne um die erde kreist… :-). ich halte den umstand, dass der vfb 15. werden kann und dann relegation gegen uns (oder heidenheim) spielen muss, für keine besondere “schieflage”. aus unionsicht hat sich nur verändert, dass sich jetzt plötzlich doch einmal journalisten dahintergeklemmt haben – etwas, was die berliner redaktionen aus mir unbekannten gründen jahrelang verweigert haben.

  4. @ mario draghi: ist die Erde nicht eine Scheibe :-) zum Thema VfB: es geht darum dass wenn der VfB nicht in diese Lage geraten wäre das Thema nicht in den Medien wäre, es geht also bei den Medienberichten (ausser dem aktuellen im Tagesspiegel) nicht vordergründig um Union sondern um die Verknüpfungen des VfB-Präsidenten und seines Umfelds.

  5. sehe ich anders. union hatte bisher einfach glück, dass die berliner medien das nicht thematisiert haben. das thema lag völlig offen und jungfräulich da – aber keiner der berliner journalisten hatte bock drauf (aus wahrscheinlich sehr menschlichen, aber auch unprofessionellen gründen).
    wunschdenken ist eher, das es eine “verschwiegenheitsklausel” geben möge, damit das kommunikationsdesaster des vereins nicht ganz so groß aussieht. die wird es aber nicht geben. aus sicht der anleger nicht (wie oben gargestellt) und auch aus sicht des vereins nicht (möchte ich nicht erklären, um keine schlafenden hunde zu wecken).

  6. Die nächsten zwei Spieltage sind doch am interessantesten. Paderborn spielt gegen Kiel und Heidenheim. Pauli spielt gegen Heidenheim und Regensburg. Es ist richtig, dass in dieser Region der Liga jederzeit alle alle schlagen können. Es gilt also wieder einmal (!), am Sonnabend selbst vorzulegen und dann zu gucken, wie sich die Konkurrenz so schlägt. Fakt ist, dass Siege gegen Fürth und HSV eigentlich Pflicht sind, sollte der Angriff nach oben ernstgemeint sein. Und danach spielt ja auch noch Paderborn gegen den HSV. Ich gehe also davon aus, dass es mindestens bis zum 31. Spieltag, wenn nicht gar bis ganz zum Schluss sehr eng bleibt. Köln ist mMn durch und dahinter alles möglich. Ansonsten spült mein Tabellenrechner Union natürlich auf Platz 2, da ist aber eine kleine Virusverzerrung der getippten Ergebnisse nicht auszuschließen.

  7. @mario draghi
    Ich finde auch, dass ein guter Journalismus kritisch hinterfragt. Tendenzen (s. auch Nationalmannschaft) gehen ja eher dahin, weniger sportlich oder kritisch Dinge zu hinterfragen. Das würde aber bedeuten, dass man sich in der Materie auskennt oder in sie hineinarbeitet. Es klingt schon boshaft, aber manchmal ist die Bild da investigativer als andere. Die öffentlich-rechtlichen Anstalten unterstützen das meist auch, wenngleich es auch da Ausnahmen gibt. Nur ganz ehrlich, was interessiert einen auch das Frühstück eines Sportlers und wer der Chefkoch ist?
    In dem Fall zu den Geldern wäre tatsächlich nur mal interessant, ob es Interessenskonflikte, schädigende Klauseln und andere nicht lesbare Probleme gibt. Auch ich wünsche mir, dass der Verein zumindest kommuniziert, dass es Verträge gibt, wie auch immer die ausgestaltet sind. Nur manche Sache könnte ja auch – neben aller Logik wie die Vergabe von Tickets nur an Mitglieder bei hoch frequentierten Spielen, um zugleich aber auch die Anzahl derer zu steigern – auch mit solchen Deals im Zusammenhang stehen.
    Am Ende will ich hier aber Zingler und Co. nicht vorwerfen, bewusst schadhaft zu handeln, lediglich die Risiken – da bin ich genauso durch die 2000er geschädigt – eher noch billigend inkauf zu nehmen, um ein Ziel zu erreichen, was nach außen als “nicht notwendig” kommuniziert wird.

  8. Herr EZB Präsident, wenn wir dich als besiegelten Auskenner schon früher mal befragt hätten, wüssten wir nachher die Dinge meist früher. Ich gehe bei deinen Thesen und in deiner Haltung nicht mit. 1 steckst du so gar nicht in den Vereinsgremien und den dortigen Strukturen drin, kennst die Abläufe und das Geschäftsgebaren, die Kommunikation, die Auftragsbücher etc. nicht, als dass du dir aus meiner Sicht da ein dogmatisches Urteil erlauben kannst (vis a vis Pyro und alles was dir auf den Keks geht), noch ist 2. die Welt nicht schwarz weiß oder gar plakativ.
    Sehr viele Faktoren bestimmen den Lauf der Dinge. Das ist in allen Lebensfragen so. Wenn man diese Faktoren nicht kennt, kann man nicht von Wissen, sondern allenfalls von Vermutungen oder eben eine (ggf. nicht verifizierte) Meinung sprechen. Deswegen plädiere ich dafür sich manchmal wider besseren Wissens zurückzuhalten, ein Thema lieber begleiten und umspielen als mit dem Finger auf jemanden zu zeigen oder mit der Axt auf Teufel komm raus durch den Wald zu rennen!

    Sportlich wie wirtschaftlich bleibt uns derzeit einfach nur eines übrig: un- oder geduldig Abwarten und Unterstützung geben wo man nur kann.

    So das musste raus
    Eisern

  9. @Eiserner:
    Natürlich will die Vereinsführung in die bel étage! Keine Frage. Man kommuniziert das eben nur nicht so offensiv, weil es a) schon einmal schief gegangen ist und b) um sich den Medienstress (so gut es geht) vom Hals zu halten. Dennoch wurde im Hintergrund hart daran gearbeitet. Das sieht man nun auch offen an Zinglers und Ruhnerts Aussagen. Aber all das macht man doch nicht mit einem totalen Risiko. Für wie blöd haltet ihr denn die Verantwortlichen? Die wissen doch genau wie ihr (/die alten Unioner) was möglich ist und was nicht, was gut und was schlecht für Union ist…

  10. eine meiner thesen war, dass das thema den meisten unionern am arsch vorbei geht. das hast du gerade ein sehr passendes beispiel geliefert.

    ich habe noch eine these: dass 90% von denen, die heute monoton “ihr müsst vertrauen haben” wiederholen, dann besonders hysterisch reagieren werden, wenn das kind tatsächlich in den brunnen gefallen sein wird.

  11. Ich liebe Bedenkenträger. Weil sie immer recht haben. Mit ihren Bedenken.
    Das Praktische an Bedenken ist, dass sie sehr lange gültig bleiben, dass sie polarisieren, dass sie keiner Entscheidung bedürfen, dass man sie teilen, verwerfen und wieder hervor kramen kann.
    Ich liebe Warner und Mahner und ihre Haltung: Ich habs schon immer gesagt.
    Der Bedenkenträger kommt wie der Versicherungsvertreter an unsere Tür und meint es gut. Er versteht etwas von Krankheiten, von Unfällen, vom persönlichen Unglück.
    Er will nur helfen.
    Der Bedenkenträger streut seine Bedenken. Daran tut er gut, denn das verschafft passablle Quoten.
    Auch wenn er schief liegt mit seiner Mahnung, liegt er dennoch richtig, denn wer wollte der Mutter vorwerfen, das Kindlein zu warnen, bevor es in die Krone klettert.
    Das Kind wird fallen
    oder nicht.
    Der Baum bleibt stehen.
    Für ein neues Kind.
    Für eine neue Mutter.

    EISERN

  12. Ich kann nicht für alle sprechen und in der Tat wissen es weniger, wenn man es nicht offen kommuniziert. Jedoch denke ich, dass schon einige davon wissen aber mangels Detailkenntnis sich dazu (schlauerweise) nicht weiter äußern können. Zudem sind sie hoffentlich klug genug zu wissen, dass wir hier nicht unbedingt vom größten Kuchen des Budgets reden… Da muss man auch mal differenzieren.

    Dass ich dein Vertrauen nicht gewinne ist mir klar. Aber hier jedes mal “ein Fass ohne Boden” aufzumachen finde ich schädlich. Das vermittelt einen falschen Eindruck. Ich sage ja nicht man soll dem Thema nicht unkritisch ggü. stehen, gerade auch weil man keinen Einblick in der Thematik hat (mal davon abgesehen, dass niemand jemandem einfach seine Bücher Öffnet?!?) aber am Ende kannst du nichts weiter als ein ? dahinter setzen. Apokalypse now ist mir einfach too much.

    Sollte Union dann tatsächlich in ein ganz faules Ei investiert haben, es zu großen Konflikten um oder mit dem VfB oder der DFL/dem DFB kommen, wir zahlungsunfähig werden, Insolvenz anmelden, das Stadion verkaufen und plötzlich auf nem Schotterplatz stehen, um uns die Trainingszeit mit ‘Schwarze Pumpe’ zu teilen, dann kannst du dich gern hinstellen und inbrünstig sagen: ” ich haaaabs gewusst! Schon lange, aber auf mich hört ja keiner”.
    Was bin ich froh, dass es bis zu diesem Punkt ein sehr, sehr, sehr weiter und unwahrscheinlicher Weg ist…

    Gegen die Bayern dann, im Oberrang, da – wo ich dann seit Ewigkeiten schon immer nicht gestanden habe – genau da, ja da geb ich dir dann mal nen Bier aus :o)))

  13. ein Investor, über den niemand etwas wissen darf. der Aufsichtsrat habe alles sorgfältig geprüft. fast alles jubelt – und wer nicht mitjubelt hat offenbar kein vertrauen oder ist ein bedenkenträger.
    klingt sehr vertraut. klingt wie ISP.

  14. Andy: dem können wir uns sicher alle anschleißen, egal ob wir etwas eher kritisch sehen oder nicht.

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