Union wollte einen lauten Keeper. Und Rafal Gikiewicz ist genau das.

Der Augenblick, in dem Rafal Gikiewicz am Sonntag nach dem enttäuschenden 1:1 in Regensburg vor den Kollegen der Berliner Medien nicht an sich halten konnte, beherrscht heute noch einmal die Tageszeitungen (Kurier, Bild/BZ, Berliner Zeitung, Morgenpost, Tagesspiegel). Wir erinnern uns, dass der Keeper sagte: “Ich bin nicht zufrieden, wir haben heute nicht gut gespielt. Regensburg war die bessere Mannschaft. Und wir verlieren die nächsten zwei Punkte. Ich bin nicht zufrieden. Normalerweise müssten wir Erster sein mit fünf, sechs Punkten mehr. Ich schaue nur nach vorne. Ich habe hohe Ziele, will nicht Zweiter, Dritter oder Vierter sein. Ich will Platz eins und aufsteigen in dieser Saison.”

Rafal Gikiewicz nach Abpfiff mit Torwarttrainer Michael Gspurning, Foto: Matze Koch

Warum sind diese Worte so besonders? Aus meiner Sicht sind sie es nicht, weil sie das Wort “Aufstieg” enthalten, das aktuell im Union-Umfeld ein bisschen wie “Jehova” in “Das Leben des Brian” benutzt wird. Dabei gibt es ja gar kein Aufstiegs-Verbot für diese Saison. Ganz im Gegenteil, das Ziel ist es, da zu sein, wenn der HSV oder Köln etwas anbieten. Und das dürfte es sein, was Gikiewicz so aufregt: Beide Klubs bieten seit Wochen die Tabellenführung wie Sauerbier an und Union lässt eine Gelegenheit nach der anderen verstreichen. Vier Mal in Folge Unentschieden gespielt, weiter ungeschlagen in der Zweiten Liga. Das klingt doch nicht schlecht. Und hier sehe ich Gikiewiczs Worte als Weckruf.

Denn die Unentschieden lassen Union nicht nur auf der Stelle treten, sondern sogar zurückfallen. Schauen wir uns die 4 Remis noch einmal genauer an. Das sind 4 Punkte von möglichen 12. Das hätte theoretische 1 Sieg, 1 Unentschieden und 2 Niederlagen auch bringen können (ja, ich weiß, dass der Vergleich hinkt). Die Punkte-Ausbeute ist nur bei 33 Prozent. Das ist die ehrliche Zahl. Und da kann es schon sein, dass man sich mit der Ungeschlagen-Serie (so schön sie auch ist) etwas Sand in die Augen streut und denkt, dass es doch super läuft.

Urs Fischer kann und darf in seiner Position als Cheftrainer nicht so herumpoltern wie Rafal Gikiewciz. Der Keeper hingegen hat jedes Recht dazu. Auch weil er in einer Art seine Leistung bringt und in all seiner Extrovertiertheit einen Ehrgeiz an den Tag legt, wie ich es bei Union bei einem Torhüter schon sehr lange nicht gesehen habe. Die Keeper in der jüngeren Vergangenheit galten in der vereinsinternen Analyse bisher als zu ruhig. Union wollte einen lauten Keeper. Jetzt haben sie mit Rafal Gikiewicz einen. Ich finde das gut. Und vielleicht ist dieser gut gemeinte, verbale Arschtritt genau das, was das Team genau jetzt braucht.

Keeper Rafal Gikiewciz, Foto: Matze Koch

Und sonst so?

Was für ein Timing. Im Podcast in der vergangenen Woche sprachen wir noch mit Kevin Albrecht vom Ostfußball-Podcast über Dynamo Dresden und die Ehrenspielführerdebatte. Nun ist Eduard Geyer vielleicht einer Entscheidung des Ehrenrats zuvorgekommen und verzichtet auf die Ehrenspielführer-Würde bei Dynamo (Kicker). Vorausgegangen war der Wunsch der Ehrenspielführer Dieter Riedel, Klaus Sammer und Hans-Jürgen Kreische ihm diese Ehrung wegen seiner MfS-Tätigkeit abzuerkennen. Aus ihrer Sicht hatte er den Umfang der Geheimdiensttätigkeit in der DDR immer nur so weit zugegeben hatte, wie sie sich durch Akten belegen ließ. Der Ehrenrat von Dynamo wurde wegen diese Themas angerufen. Nun hat der Klub zumindest ein Feuer gelöscht, das innerhalb des Vereins seit fast einem Jahr brannte.

Die Fanhilfe des FC St. Pauli hat eine eigene Erklärung zum Polizei-Einsatz in Bielefeld herausgegeben, der in einer mehr als sechsstündigen Festsetzung mehrerer hundert Fans nur für eine erkennungsdienstliche Maßnahme mündete. Sogar mit Hubschraubern wurden Bundespolizisten zum Einsatz am Bielefelder Hauptbahnhof geflogen.

Ein Gedanke zu „Union wollte einen lauten Keeper. Und Rafal Gikiewicz ist genau das.

  1. Die Punkterechnung im Konjunktiv hat nur Bestand, so lange man die möglichen/liegengelassenen Punkte der Konkurrenz nicht mit einbezieht. Es ist generell eine schwierige Haltung, anzunehmen, man müsse ganz woanders stehen als dort, wo man ist. Die Ansprüche mögen hoch sein, aber der Frust über verpasste Möglichkeiten kann voll nach hinten losgehen.

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