Matthias Sammer: “Wir sind wir.”

Matthias Sammer wird gerne als Querkopf bezeichnet. Im Sportgespräch mit dem Deutschlandfunk (26:45 Min, Download als MP3) wird aber klar, dass er eigentlich vor allem anders spricht als viele, die von der Waschmaschine DFB weichgespült wurden. Der Sportdirektor vertritt seine Meinung engagiert und streitet auch dafür.

Sammers persönlicher Ehrgeiz wird deutlich, wenn er über die Nationalmannschaft spricht und den Vergleich mit Spanien: “Wir sind Deutschland. Wir sind wir. Der Blick zu anderen sollte jetzt nicht mehr stattfinden.” Er will, dass die Nationalmannschaft ihren eigenen Weg findet. Vielleicht, weil die Kopie nie so gut wie das Original sein kann. Das sagt er aber nicht.

Sammer ist penibel. Die Wichtigkeit seiner Arbeit als Sportdirektor hebt er heraus, indem er klare Sätze sagt wie: “Spieler entwickeln sich immer von unten nach oben.” Das ist griffig. Das kommt gut an. Vor allem ist es ein Satz, der nie falsch ist. Doch wenn er seine fünf Säulen der Leistungsvoraussetzungen des Fußballs durchdekliniert, sieht man den perfektionistischen Matthias Sammer förmlich vor sich. “Konstitution. Kondition. Technik. Taktik. Persönlichkeit.” Er betet die Begriffe herunter. Ihm scheint ein System wichtig, wo ein Schritt auf den anderen folgt. Alles genau durchgeplant. Auffällig, wie stark er die Persönlichkeit betont. Das erinnert an Christian Beeck, der auch in der Persönlichkeitsentwicklung den Knackpunkt für eine Profikarriere sah.

Sammer ist ein Kind des Fußballs. Doping kommt in dieser Weltsicht nicht vor. Als er darauf angesprochen wird, kommt er wieder aus sich heraus. Das ist der streitlustige Matthias Sammer. Er bringt das bekannte Argument, dass Doping im Fußball nichts brächte. Vielleicht weil das in seiner Vorstellung so ungeheuerlich ist. Doch es wirkt fremd. Ganz so als hätte es die DopingFälle Hoffenheim oder Juventus Turin nie gegeben. Spätestens da wird wieder eins klar: Bei aller Andersartigkeit ist Matthias Sammer trotzdem vor allem ein Fußballfunktionär.

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14 Gedanken zu „Matthias Sammer: “Wir sind wir.”

  1. ein bisserl kluggeschissen, aber in hoffenheim lag offiziell kein dopingfall vor, sondern eine verfehlung bei der durchführung der dopingproben. ist natürlich auch ein “dopingfall”, aber nicht vergleichbar mit juve und ob doping vorgelegen hat, liegt im bereich des spekulativem.

  2. @jens Du sagst es ja selbst: Eine nicht regulär durchgeführte Dopingprobe gilt als Dopingfall. In dem Fall gab es für Hoffenheim den Glücksfall, dass in den Regularien noch nicht das Chaperon System vorgesehen war und der Klub den Schwarzen Peter weiterreichen konnte. Ansonsten wird im Normalfall nicht die Schwere des Vergehens bei der Strafe berücksichtigt, sondern die Tatsache eines Vergehens. Flapsig gesagt: Ein Dopingfall ist ein Dopingfall.

  3. ich würde aber dennoch lieber wie weinreich vom dopingkontrollfall sprechen, weil es den leser genauer informiert ;)

    http://www.jensweinreich.de/2009/02/25/was-vom-tage-ubrig-bleibt-21-der-dopingkontrollfall-hoffenheim/

    Desweiteren beim DFB: „Die Beweisaufnahme hat ergeben, dass in diesem konkreten Fall kein klassisches Dopingvergehen – wie zum Beispiel Sportbetrug, Einnahme verbotener Stoffe zur Leistungssteigerung, Anwendung einer verbotenen Behandlungsmethode oder die Weigerung, sich einer Kontrolle zu unterziehen – vorliegt. Vielmehr handelt es sich um einen fahrlässig begangenen Verstoß gegen die Anti-Doping-Richtlinien des DFB, der auf einen Fehler des Hoffenheimer Dopingbeauftragten zurückzuführen ist…“

    naja definitionsfrage. ich fühle mich halt als leser etwas irregeführt.

  4. @jens Okay, das Argument mit der Irreführung kann ich nachvollziehen. Ich habe jetzt der Einfachheit halber daraus die “Fälle Hoffenheim und Juventus Turin” gemacht. Danke für die sachliche Kritik. Ich schätze das sehr.

  5. Vorweg: ich habe das Sportgespräch noch nicht gehört, kann also im Grunde gar nicht kompetent kommentieren. Und tu’s dennoch.

    Ich finde es schön, dass Du nicht in das verbreitete Sammer-Bashing einstimmst. Sicher, er wirkt verbissen, manchmal arg an seinen Prinzipien orientiert; aber ich finde – mit dem nötigen Zweifel, ob ich das kompetent beurteilen kann – er beweist meist enorme Fachkenntnis, seine Vorgaben (wie die, sich nicht mehr an Spanien auszurichten) sind häufig klug und vermitteln ein sicherlich ehrgeiziges, gleichwohl passendes Selbstverständnis, und er wirkt stets verbindlich. Du vermittelst sein Wesen sehr schön, ohne zu überziehen und eine Eloge daraus zu machen.

    Gerade deshalb irritiert ich Deinen letzten Satz , der all das Positive -meines Erachtens – zu stark einschränkt. Funktionär gilt in gar nicht so kleinen Kreisen meines Erachtens als Schimpfwort, implizit klingt gerne einmal mit, dass die Funktionäre keine Ahnung vom Fußball bzw. vor allem dessen Geist nicht geatmet haben, und in dem Licht, das zu werfen Du vermutlich nicht intendierst, sehe ich Matthias Sammer nur ungern.

    Im Übrigen empfinde ich “Dopingkontrollfall” als Beschönigung.

  6. Das mit dem “Sportfunktionär” besagt für mich vor allem eines. Sammer schaut aus einer bestimmten Perspektive auf das System Fußball. Nämlich aus dem System Fußball heraus. Und da ist es meiner Beobachtung nach nicht schick, das eigene System als möglicherweise nicht perfekt darzustellen. Funktionär hat die Nebenbedeutung verstockt bzw. bürokratisch. Das meine ich aber nicht. Aber es ist trotzdem unbestritten, dass Sammer ein Funktionär ist.
    Sammer-Bashing liegt mir fern. Dazu finde ich die Person Matthias Sammer viel zu interessant. Wenig interessant finde ich, dass ein Teil der aktuellen Jugendförderung dem der DDR ähnelt. Das kommt immer etwas merkwürdig herüber. Denn was ist denn schlecht daran, wenn sich gute Aspekte herausgepickt werden. Das ist meiner Meinung nach normal. Viel spannender finde ich da das Stichwort “Persönlichkeitsentwicklung”.
    Insgesamt hat mir das Sportgespräch des Deutschlandfunks gefallen, weil es ein differenziertes Bild von Sammer zeichnet.

  7. Wie oben gesagt, wollte ich Dir keineswegs unterstellen, Du habest Sammer als “verstockt” oder “bürokratisch” darstellen wollen.
    Es ging mir wohl eher um das Gefühl, dass nach “ist Matthias Sammer trotzdem vor allem“, vor allem also nach dem vor allem, in meinem Kopf eher so etwas wie “fußballbegeistert”, “ein Fußballliebhaber” oder, etwas negativer, “vom Fußball besessen” folgen würde, also eine Aussage, die man fast schon als Gegensatz zum Funktionär verstehen kann.

    Dein Hinweis auf die Ähnlichkeit mit der DDR-Jugendförderung bezog sich vermutlich nicht auf meinen Kommentar, sondern auf das Sportgespräch?

  8. Ja, das mit der Jugendförderung in der DDR kommt im Sportgespräch vor. Kann man für wichtig halten. Ich halte das für nebensächlich.

  9. Gerade was er zu Thema Jugendarbeit zu sagen hat, fand ich sehr aufschlussreich und spannend.
    Danke Sebastian für den Beitrag.

  10. @heinzi: natürlich ist dopingprobenfall beschönigend, aber ich finde es gut, wenn ich – auch in blogs – nicht nur eine meinung vorgekaut bekomme – in dem fall: es ist ein dopingfall, sondern mir meine meinung selber bilden kann und klare fakten geliefert bekomme. dann kann ich mir immer noch ein urteil bilden und sagen – hey. das ist aber beschönigend ausgedrückt.

  11. @jens:
    Nach meinem Dafürhalten ist die Faktenlage so, dass es sich um einen Dopingfall, meinetwegen ein Dopingvergehen oder auch einen Dopingverstoß handelt.

    Eine Meinung äußere ich hingegen genau dann, wenn ich durch die Verwendung von “Dopingkontrollfall” oder “Dopingprobenfall” implizit sage, dass es sich eben nicht um einen Dopingfall handle.

    Aber wir kommen da aus unterschiedlichen Richtungen und werden uns vermutlich nicht einig werden.

  12. Auch wenn es jetzt schon ein paar Tage her ist, ich hoffe noch meinen Teil zur Diskussion beitragen zu können. Habe das Sportgespräch “damals” auch gehört und kann weiten Teilen deiner Kritik zustimmen.
    Finde es auch interessant, wie Sammer von einem Moment auf den anderen auf das Thema Doping angesprochen sofort so aggressiv wird. Aber sagte Sammer nicht auch, unter den genannten Bedingungen (athletischeres Spiel, etc) würde Doping zusammen mit den richtigen Training einen positiven Effekt haben?
    Dennoch Schade, dass der Reporter da nicht nach hackte den garde in der Zeit der von Sammer als Beispiel genannten EM 96 lag doch auch der Fall Juventus.

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