Tagesordnungspunkt: Zukunft

Spatzen haben es im Moment sehr schwer beim 1.FC Union. Schließlich mussten sie die ganze Zeit von den Dächern pfeifen (hier, hier und hier). Erst gestern gestattete der Verein den Berufsträllerern eine kurze Verschnaufpause und verkündete: Wir berufen eine außerordentliche Mitgliederversammlung zur Stadionzukunft ein.

Die Einladung selbst lädt zu Spekulationen ein und bietet sich als Einstieg in das Fach Kreml-Astrologie an. Denn wer sich Klarheit beim Blick auf die Tagesordnung erhofft hat, wird enttäuscht. Dort steht fett zwischen Begrüßung und Schluss eingeklemmt nur “Zukunft des Stadions an der Alten Försterei”. Dieses Thema pfoffen auch die armen Spatzen im scharfen Herbstwind vom Dach der Geschäftsstelle. Von “richtungsweisenden Veränderungen, welche die Fußballkultur im Stadion an der Alten Försterei betreffen”, ist bedeutungsschwanger die Rede. Es benötigt nicht viel Phantasie, um von dort eine Verbindung zur heiligen Kuh der Unioner herzustellen: Die Unantastbarkeit des Stadionnamens. Präsident Dirk Zingler selbst gab sein Wort, dass die Mitglieder über eine Änderung entscheiden würden.

Jenseits des Stadionnamens, der sicher nicht als alleinige Finanzierungsquelle taugen würde, geistern weitere Optionen herum, wie Geld für die neue Haupttribüne inklusive Funktionsgebäude (kolportierte Kosten zwischen 13 und 17 Millionen Euro) zu beschaffen wäre:

  • Sponsoren gehen für den Kauf von Logen und Business-Seats in Vorkasse
  • eine Bank gibt einen günstigen Kredit
  • Fan-Anleihe
  • Kapitalaufstockung der Stadionbetriebsgesellschaft mit einer Änderung der Gesellschaftsform (z.B. Aktiengesellschaft)
  • Einstieg eines Investors

Meinen persönlichen Überlegungen nach, fallen einige Optionen heraus. Eine Fan-Anleihe birgt drei Probleme. Sie ist ein Bankgeschäft, das von einem entsprechenden Institut durchgeführt werden muss. Das verdient naturgemäß daran. Die Summe der Anleihe muss durch die Fans aufgebracht werden. Dies scheint in einem traditionell strukturschwachen Gebiet wie Berlin bzw. Ostdeutschland schwer möglich. Vor allem, wenn der Blick auf den Erfolg der Hertha-Genuss-Scheine fällt. Von “geheimen” Investoren hat Union zudem wahrscheinlich genug. Letztes Problem: Auch Anleihen müssen zurückgezahlt werden. Gegen einen Einstieg eines Investors spricht neben der noch frischen ISP-Erfahrung auch der Wunsch nach Unabhängigkeit und nach Mehreinnahmen für den Verein. Nicht für einen Investor.

Zu deutlich sind die schlechten Erfahrungen mit Stadion-Neubauten in Dresden, Aachen oder Bielefeld. Dirk Zingler hat von Anfang an deutlich gemacht, mit dem Tribünenbau nicht die Zukunft des Vereins riskieren zu wollen. Andererseits prägt der bisherige Stadionausbau zwar nachdrücklich die Stimmung bei Union, bringt aber wenig Geld. Das wird auch bei Union mit dem Verkauf privilegierter Plätze verdient. Aus diesem Grund halte ich es für plausibel, dass Sponsoren in Vorkasse gehen würden. Zumal diese ausdrücklich mit einem separaten Brief zur außerordentlichen Mitgliederversammlung eingeladen wurden: “…werden wir unsere Mitglieder darüber umfassend informieren. Gerne begrüßen wir auch Sie an diesem besonderen Tag.”

Ein Bank-Kredit für die Stadionbetriebsgesellschaft bzw. der Einstieg einer Bank in die Gesellschaft wäre auch denkbar. Der Verein selbst ist aufgrund der Verpflichtungen gegenüber Michael Kölmel sicher nicht besonders kreditwürdig. Interessant wird es, wenn es vielleicht darum geht, die Gesellschaftsform und damit die Stimmrechte an der Stadionbetriebsgesellschaft zu ändern.

Die entscheidende Frage zur Mitgliederversammlung lautet für mich: Wird nur über die Zukunft des Stadions informiert oder soll sie vielleicht doch auch beschlossen werden, vielleicht im Gefühlsüberschwang nach einer emotionalen Rede? Darüber schweigt sich die Einladung aus. Auf meine Nachfrage, ob vielleicht doch abgestimmt wird, gibt es aus dem Forsthaus nur die vielsagende Antwort: “Es wird zunächst informiert.” – “Es soll also nicht abgestimmt werden?” – “Es wird zunächst informiert.” Klar, das ist die offizielle Sprachregelung. Es klingt aber auch so, als ob der Fuß in der Hintertür steckt.

6 thoughts on “Tagesordnungspunkt: Zukunft

  1. Pingback: 1. FC Union Berlin - Saison 2011/12 - Seite 10 - Fanlager

  2. Du hast da – etwas strukturierter – meine bisherigen Überlegungen und Befürchtungen zusammengefasst.

  3. Bank + günstiger Kredit + Union = kann ich mir nicht vorstellenen. Ebensowenig den Einstieg eines Investors ohne gleichzeit Marionettenspieler sein zu wollen, was wiederum Zingler nicht wollen würde/sollte.

    Fan Anleihen und die Umstrukturierung der StadionbetriebsG erscheinen mir die ehesten Dinge.

    Falls tatsächlich der Stadionname ein Thema werden sollte, dann hoffe ich, dass es der Mehrheit so geht wie mir. Ich warte lieber noch 5 Jahre und erlebe gern auch jedes Jahr Abstiegskampf, als das sich unser Verein noch mehr (als er es ohnehin schon zwangsweise tun muss) den anderen stinknormalen Pupvereinen annähert. Gegen eine Benennung der Tribüne auf Zeit (z.B. 3 Jahre) hätte ich wiederum nichts einzuwenden.

    Toll wäre es, wenn sich 10.000 Union fänden, die sich über 10 Jahre verpflichten jedes Jahr 10 EUR zu spenden. Das wären dann sichere 10.000.000 EUR für die Tribüne. Ich würde es machen, gern auch verpackt in einer Aktion a la “Bluten für Union”. Ist vielleicht etwas naiv der Gedanke, aber schön wärs.

  4. 10.000 Unioner die jedes Jahr 10 Euro spenden und das über einen Zeitrum von 10 Jahren würden meiner Rechnung nach “nur” 1.000.000 EUR einbringen.

    Ihr Eisernen scheint genauso schlecht in Mathe zu sein wie wir Schalker. Womit sich dann auch die finanziellen Situationen beider Clubs ein Stückweit erklären ;-)

  5. Da hast du in der Tat Recht @Matthias. Ich hatte mit 10 EUR pro Monat gerechnet gerechnet, kam dann auf 120 EUR im Jahr und habe da wieder 20 EUR abgezogen, weil mir das als eine schönere Summe vorkam. Von den restlichen 100 EUR im Jahr blieben dann dank des berühmten Tippfehlers nur 10 EUR im Text stehen… Hatte mich beim drüberlesen vorhin schon gewundert, dass selbst 10 EUR pro Jahr ausreichen würden.

  6. Zitat:

    ” … Interessant wird es, wenn es vielleicht darum geht, die Gesellschaftsform und damit die Stimmrechte an der Stadionbetriebsgesellschaft zu ändern… ”

    Diesen wichtigen Punkt möchte ich nochmal hervorheben – man stelle sich vor, der Verein hätte zukünftig auf Grund fehlender Stimm-/Vetorechte in Stadionbetriebs- und/oder -verwaltungsgesellschaft keine Einflussmöglichkeit mehr auf die Spielbetriebsgestaltung oder die Stadionvermarktung!

    Meiner Meinung nach ist dies in Bezug auf die Wahrung unserer Identität bedeutender als z. B. Tribünennamen oder die Ergänzung (nicht Änderung! – das darf und wird nicht sein!) des Stadionnamens (“XY Stadion An der Alten Försterei”) – Cheerleader-Gewackle vor und nach dem Spiel und in der HZ, Werbepräsentationen von Ecken und Einwürfen, Klatschpappen etc., dazu üble Rummelmucke, die jedweden Fangesang unmöglich macht: welch ein Graus!!!

    Eisern
    UMM

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