Beim Abendessen rührte ich gestern in der noch heißen Kürbissuppe und sagte: „Sie reden wieder über 50+1.“
„Oh, ist es schon wieder so weit?“, fragte Steffi. „Ist doch wie Frauentag, kommt jedes Jahr wieder.“
Damit hatte sie das Thema eigentlich auf den Punkt gebracht. Alles ist dazu gesagt. Es wäre Zeit zu handeln. Aber was passiert? Nichts. Stattdessen wiederholen alle immer dasselbe.
Was hat das Kartellamt bei 50+1 entschieden?
Am Dienstag hat also das Bundeskartellamt endgültig entschieden: „Das Bundeskartellamt hält die 50+1-Regel weiterhin für kartellrechtlich zulässig. Voraussetzung ist jedoch, dass sie konsequent und ohne Unterschiede – sofern es für diese keinen sachlichen Grund gibt – angewendet wird.“
Etwas später im Text nennt Kartellamts-Chef Andreas Mundt die konkreten Hinweise, die der früheren DFL (heute Bundesliga e.V.) mitgegeben werden: „Unsere Bewertung zeigt Gesichtspunkte auf, die die DFL berücksichtigen sollte, wenn sie die Regel künftig möglichst rechtssicher anwenden möchte.
- Dazu gehört erstens, dass die DFL bei allen Vereinen der Bundesliga und 2. Bundesliga gleichermaßen für einen offenen Zugang zur Mitgliedschaft und damit für die Mitbestimmung der Fans sorgt.
- Zweitens sollte sie sicherstellen, dass die Wertungen der 50+1-Regel auch bei ihren eigenen Abstimmungen konsequent beachtet werden.
- Drittens sehen wir bei der vorgesehenen Neuregelung des Bestandsschutzes für die bisherigen Förderklubs Nachbesserungsbedarf.“
Der erste Punkt ist ein lieber Gruß der Behörde an die Vereinssimulation in Leipzig. Der zweite Punkt ist eine Schelle für den Ligaverband selbst, der möglicherweise zugelassen hat, dass Martin Kind bei der DFL-Abstimmung zur Investorenbeteiligung an der Bundesliga anders abstimmt, als es ihm sein Verein Hannover 96 aufgetragen hat (Faszination Fankurve). Der dritte Punkt ist der, über den wir alle schon ewig diskutieren und auf den sich die Clubs beziehen, die sich von der Regel gerne ausgenommen sehen möchten (Leverkusen, Wolfsburg, Hannover).

Welchen Zweck erfüllt die Regel?
Was bei der ganzen Situation verkannt wird: Das Bundeskartellamt ist nicht von sich aus tätig geworden. Sondern der Ligaverband hatte die Behörde um Prüfung der Regel gebeten. Die Antwort des Kartellamtes ist so ausgefallen, wie man sie erwarten konnte. Die Regel passt schon, weil sie diese besondere in Deutschland gewachsene Vereinsstruktur mit demokratischer Mitbestimmung schützen soll. Aber dann muss sie ausnahmslos durchgesetzt werden.
Ich habe weiter den Eindruck, dass man bei der DFL (und da schließe ich die Clubs ausdrücklich mit ein) den Schwarzen Peter der Behörde zuschieben wollte. Sie sollte etwas regeln, was man selbst nicht regeln wollte. Denn egal wie man es regelt, man würde richtig Feuer bekommen. Die Clubs von ihren Fanszenen. Die DFL von der Seite, zu deren Gunsten oder Ungunsten sie etwas regelt.
Aufregung in Wolfsburg und Leverkusen
Nicht ohne Grund gab es auf die Pressemitteilung des Kartellamtes postwendend die Reaktionen aus den Orten, in die Fußballfans besonders gerne hinfahren:
- Wolfsburg: Während der Club VfL Wolfsburg in der Pressemitteilung schreibt, er sei an einem fairen Wettbewerb interessiert (wer auch immer das glauben soll), schreibt die Volkswagen AG als Besitzerin des Clubs: „Gleichzeitig weisen wir aber auch darauf hin, dass die Volkswagen AG verpflichtet ist, die Interessen seiner Aktionärinnen und Aktionäre zu wahren. Deshalb behalten wir uns alle angemessenen weiteren Schritte vor.“ Beim Kicker klang das Statement des VfL noch härter, aber vielleicht hat man das in der Zwischenzeit geändert.
- Leverkusen: Hier finde ich nichts mehr auf der Website und kann nur aus dem Kicker zitieren: „Die rechtlich unverbindliche Stellungnahme des Bundeskartellamts bedeutet einen bemerkenswerten Kurswechsel in der Frage der Rechtmäßigkeit der seit 25 Jahren bestehenden Ausnahme von der 50+1-Regel. Diese neue Einschätzung halten wir weder inhaltlich noch im Ergebnis für überzeugend. Gemeinsam mit der DFL und allen relevanten Akteuren werden wir die Sach- und Rechtslage sorgfältig prüfen und behalten uns dabei sämtliche rechtliche Optionen vor.“
- In Leipzig ist man laut Kicker unaufgeregt. Aber dort geht es „nur“ um das Thema Mitglieder.

Und was passiert nun?
Kurzum: Alles, was bisher ungelöst war, bleibt ungelöst. Alle beharren auf ihren Standpunkten. Es gibt keine überwiegende Mehrheit für die Abschaffung der Regel. Es gibt keine Mehrheit für die ausnahmslose Anwendung der Regel. Mein Eindruck ist: Am liebsten wollen alle, dass es so bleibt, wie es ist. Und ganz ehrlich: Das können sie auch machen. Denn die Empfehlungen des Kartellamtes sind nur Empfehlungen. Die Behörde wird wahrscheinlich nicht von alleine tätig werden, wenn der bisherige Status Quo beibehalten und von allen akzeptiert wird.
Aber, und das ist der Punkt, an dem sich bisher immer die Diskussion entzündet hat: Es ist nicht rechtssicher. Martin Kind (oder die Bayer AG oder die Volkswagen AG) kann also immer seine Klagedrohung in den Raum werfen und alle reagieren total aufgeregt, weil sie wissen: Die Ausnahmen folgen nicht klaren Regeln, die dann transparent für alle gelten. Vor allem müsste der Zweck der Regel konsequent verfolgt werden: demokratische Mitbestimmung im Verein für alle teilnehmenden Clubs sicherstellen (Holger Jakob, der Sportanwalt, hat das ausführlicher aus rechtlicher Perspektive betrachtet).
Müsste ich einen Tipp abgeben, würde ich vermuten, dass die Clubs jetzt eine Regel entwerfen, die exakt auf den Status Quo passt. Das legt für mich die Stellungnahme der Liga nahe. Und das ist auch eine erste Einschätzung von Chaled Nahar, der sich als Journalist viel mit Verbänden und ihren Regeln befasst. Nichts verändern, nur ein paar Reförmchen machen, an den berühmten Stellschrauben drehen. Aber nur so weit, dass es wirklich niemanden weh tut, der sich beschweren könnte. Kommt uns bekannt vor, oder?
Wie sieht es bei den anderen Themen aus: Regionalligareform, TV-Geld-Verteilung
Das ist schließlich nicht das einzige Thema im Fußball, bei dem alle die Probleme sehen, aber trotzdem nichts passiert, weil irgend eine Seite blockiert. Ich bekomme die Worte von Steffi nicht aus dem Ohr: „Ist wie Frauentag. Kommt jedes Jahr wieder.“ Alle wissen, dass Frauen konsequent benachteiligt werden: bei Gehältern, bei Repräsentanz, bei medizinischer Versorgung, etc. All das wiederholen wir alle am 8. März. Wir teilen empowernde Bilder und Videos auf den Socials, auch mal einen Blumenstrauß. Dann sagen wir, was besser werden muss. Und es passiert. Nichts.
Ich werfe in den Raum: Regionalligareform bei den Männern unter der Maßgabe „Meister müssen aufsteigen“. Bei den Frauen ging es geräuschlos durch. Dort kommt die dreigleisige Dritte Liga, deren Meister in die Zweite Liga aufsteigen. Ist also gar nicht so schwierig. In der Theorie. In der Praxis geht es darum, dass einige Verbände ihre Privilegien aufgeben müssten, um die strukturelle Benachteiligung publikumsstarker ostdeutscher Clubs aufzuheben. Und eventuell möchte man mit seinen Clubs gar nicht in den Wettbewerb zu diesen Clubs gehen, sondern findet die in der ostdeutschen vierten Liga sehr gut aufgehoben?

Weiteres Thema: Verteilung der Medieneinnahmen der Bundesliga. Könnte man auch anpassen, um den Wettbewerb zu erhöhen. Aber dann kommt gleich der Sozialismus-Vorwurf von Uli Hoeneß. Dabei hat der gar keine Ahnung, wie absurd die Finanzierung beispielsweise im DDR-Fußball war. Sonst würde er diesen Vorwurf gar nicht so benennen. Die Diskussion um die Verteilung der TV-Einnahmen wird wieder hochkommen. Spätestens kurz vor der Rechtevergabe ab Saison 2029.
Uefa will weniger VAR wagen
Komplett selbst eingebrockt hat man sich das Thema VAR. Und da weiß ich jetzt auch nicht mehr weiter. Bei der WM haben wir gesehen, dass man sich die Regeln einfach selbst im Wettbewerb so hinbiegt, dass alles passt. Vor allem hieß es mehr VAR. Die Uefa will jetzt weniger VAR wagen (Sportschau). Ob damit die Kontaktpolizisten der DFB-Schiedsrichter in Rente gehen? Ich glaube ehrlich gesagt nicht daran. Mit dem VAR ist es wie dem Rauchen aufhören: Ein bisschen weniger rauchen geht nicht.
Ein Punkt nervt mich aber mittlerweile: Wir haben nicht mehr dieselben Regeln für jedes Fußballspiel. Ob ich ein Fußballspiel bei Victoria Templin sehe oder beim 1. FC Union Berlin sollte egal sein. Ist es aber nicht. Schon beim 1. FC Union kann ich im Stadion an der Alten Försterei zwei unterschiedliche Spiele mit unterschiedlichen Regeln bei den Profis sehen. Das nervt.
Die Bewertung der Vorbereitung von Unions Männern
Es ist absolut okay, bereits vor dem letzten großen Test gegen Ipswich Town die Saisonvorbereitung bei den Männern zu bewerten. Es hat organisatorisch so geruckelt, wie ich es schon lange nicht mehr erlebt habe. Viele Tests, die ein kontinuierliches Training gestört haben. Ein Kader, der noch nicht richtig zusammen ist. Spieler, die verletzt sind, sowohl im Angriff als auch im Tor. All das würdigen Bild und RBB in ihren Texten.
Ob man deswegen Emmanuel Latte Lath gleich zum Gewinner des Trainingslagers machen muss, wenn er gerade einmal ein paar Tage mit dem Team trainiert hat … Nun ja. Aber was wir sehen, ist eine veränderte Wahrnehmung bei Aljoscha Kemlein (Kicker). Es sortieren sich Hierarchien neu.
Mal sehen, ob es zur Verpflichtung von Michel Aebischer (Bild, Kicker) kommt. Ich würde mich über so einen Spieler wieder sehr freuen. Vielleicht wechselt Rani Khedira auch noch den Club (Kurier). Ich vermute, dass das aber weniger an seiner aktuellen sportlichen Situation bei Union liegen würde, sondern mehr mit Vertragstaktik zu tun hätte. Wenn er noch einen längeren Vertrag angeboten bekommt, dann würde er den möglichweise annehmen.
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8. März
Ist geändert. Danke!
Danke für die sehr gute Einordnung der drei Hauptthemen. Kurz und knapp, so mag ich es.