Author Archive for steffi

Motivationskrise.

So zeichnet kein fröhlicher Mensch.

Bitte korrigieren Sie!

carsten_busch

Wenn Mutti früh zum Fußball geht …

… und Vati statt dessen zu Hause bleibt, läuft die Welt irgendwie unrund. Für Vati.

Ich stelle an mir selbst fest, dass ich mit der Situation “ich gehe zum Fußball, während der Mann was mit Familie macht” sehr viel besser klar komme als mit der Situation “ich höre 90elf und der Mann geht zum Fußball”. Erstere Situation erzeugt bei mir eine gute Laune, die fast schon verwerflich ist. Ich verhalte mich aber immerhin so sozial, live vom Spiel zu berichten. Der Mann wüsste sonst gar nichts über Rasenfarben, über sowas schreibt ja kein Mensch. In der letztgenannten Situation dagegen geht es mir wie Else in Kirsten Fuchs´Geschichte “Herzlich Willkommen 1946” – irgendwie freut man sich wohl auch, wenn man “ach kieke ma an, wo komm´wir denn her? Grad heut morjen hab ich dit Trauerband um dein Foto jenudelt.” sagt. Irgendwie.

Ich bin weitaus weniger besenartig und manchmal sogar gekämmt, wenn ich diejenige bin, die Mikrofone in Gesichter hält, auf einem Mobiltelefon rumtippt, Pressekonferenzen folgt und mit den Fotografenkollegen schwatzt. Ich sehe und berichte anders und über anderes als ungefähr alle Männer, die ich kenne. Und ich wusste als einzige im gesamten Pressecontainer tatsächlich nicht, in welcher Spielminute dieser geile Fallrückzieher von John Jairo Mosquera exakt in die Handschuhe von Simon Jentzsch fiel. Ich lese die Spielaufstellung und erkenne: Aha. Zwei Stürmer. Ich lese die Spielaufstellung und erkenne nicht: Öh? Gar keene Doppel-Sechs? Öh? Peitz statt Younga Mouhani? Ich erkenne ein gutes, weil genaues Zuspiel, wenn ich eines sehe. Manchmal. Ich erkenne prinzipiell keine Torwartfehler, und wenn, dann erkenne ich sie nicht an, soweit es sich um Jan Glinker handelt. Ich bin nämlich außerdem subjektiv und stark von Sympathien geprägt.

Frauen, die sich für Fußball interessieren. Ein Traum.
Ein ganz, ganz schlimmer.

Zwischen 520 und 565 nm.

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Grün, sagt die Wikipedia, ist der Farbreiz, der wahrgenommenen wird, wenn Licht mit einer spektralen Verteilung ins Auge fällt, bei dem das Maximum im Wellenlängenintervall zwischen 520 und 565 nm liegt – und es gibt keinen Grund, der Wikipedia da zu mißtrauen.

Es pfoffen die Rotkehlchen von den Zäunen: Der Rasen in der alten Försterei ist bespielbar. Nur auf die vorgeschriebenen 520 und 565 nm kommt er nicht. Zum Glück, möchte man sagen, sonst hätte man die Augsburger überhaupt nicht gesehen. Grün gewandet, hochgelobt, stark besetzt, weit gefehlt. Ein kampfeslustiger 1. FC Wundervoll auf einem Acker, der jedes farmville-Spielers Augen leuchten ließe, erspielt sich Chance um Chance – bloß Tore schießt er keine. Der Punkt war “für uns maximal” gab Youssef El Akchaoui denn nach Spielende auch ehrlicher Weise zu. Wenn die Gäste das sagen, sind die Gastgeber gemeinhin unzufrieden. Zu Recht.

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Fußballkrimi.

Aufgrund von Wetter wird, wie ich eben zu lesen bekomme, das Spiel gegen Rostock heute nicht stattfinden. Ein bißchen leid tut mir dabei die in ihrem Hotel gefangene Rostocker Mannschaft. 18 Männer. Eine meterhohe Schneeverwehung. Raus kommt keiner. Und alle rufen: Jawohl! Ein Kammerstück!

(Bei Agatha Christie geschieht in solchen Szenerien innerhalb der ersten fünf Minuten Schreckliches, und dann kommt Miss Marple. Oder wie hieß der bärtige Belgier? Hercule Poirot. Genau. Wir erinnern uns: keiner kann raus. Aber immer, immer, immer kann der Detektiv rein.)

Es beginnt damit, dass der Brotaufstrich, der “in Geschmack und Konsistenz an Nougat erinnert” unerwartet verschwindet. Taucht zum Frühstück einfach nicht auf. Gemurmel erhebt sich und schwillt an zu Ärger, Ärger macht sich Luft und entlädt sich in Sätzen wie “Nee, ich will keine Marmelade – da haste doch nichts drauf.” Die gesamte Truppe ist total unterzuckert. Als erstes wird der FrühstücksSportdirektor beschuldigt. Der bestreitet alles, stampft eingeschnappt auf die teuren Hotelfußbodenfliesen, dass es nur so scheppert und geht türenschlagend in sein Zimmer, Wii spielen. Unschöne Zwischenfälle ereignen sich derweil an der Rezeption. Worte werden gewechselt, die von wenig Zuneigung sprechen, und ehe man sich´s versieht, wechselt auch eine Blumenvase ihren Standort. Sie zerbirst klirrend im Spiegel hinter dem Empfangstresen. Vielleicht war´s auch der Spiegel, der klirrte – das weiß man hinterher ja nie so genau. Nachdem nun das Eis gebrochen ist – und der Spiegel und die Vase auch – kommt Leben in die Eingangshalle. Schaulustige gesellen sich hinzu, man munitioniert sich mit den Überresten des Buffets, die treffsicheren Stürmer in vorderster Reihe. Jemand wirft eine Melone ein. Die Kellner entzünden Wunderkerzen.

Die Frage nach dem Brotaufstrich gerät darüber etwas in den Hintergrund der Betrachtung. Dafür bekommt die Schreiberin dieser Zeilen Hunger und überlässt die Fortsetzung der Geschichte Dir, geneigter Leser.

(Ich gebe zu: ich bin noch gar nicht aufgestanden. Ich stell mir das vom Bett aus alles ganz bildlich vor und bin gar nicht traurig, dass es in dem putzigen kleinen Dorf, in das ich nachher fahre, kein Internet gibt. Und gleich bringt mir jemand ne Schokoladenstulle vorbei. Ich geb solange ein Lied aus.)

Kleine Engel.

Am kommenden Sonnabend spielt Union in Rostock und ich in einer Sandkiste.

Bin ich zu alt für Sandkisten? Die Frage kann man sich schon mal stellen. Doch, ich würde sagen: ich bin deutlich zu alt für Sandkisten. Bin ich zu alt für Fußball? Für Fußball ist es nie zu spät und selten zu früh. Für Fußball habe ich genau das richtige Alter. Alter! Und wie war das mit den Sandkisten, mag ich die eigentlich? Ich kann Sandkisten nicht das geringste abgewinnen. Ich würde sogar noch weiter gehen: Ich verabscheue Sandkisten, schon wegen dem vielen Sand. Und Fußball? Fußball ist König. Und Königin auch. Fußball ist wichtiger als. Für Fußball lasse ich stehen & liegen. Den Geburtstag meiner Oma hab ich geschwänzt, um mir anzusehen, wie uns Eintracht Frankfurt aus dem DFB-Pokal kegelt. Die ist alt, die kann jeden Tag sterben! Also, meine Oma jetzt. Nicht Eintracht Frankfurt.

Fußball, nämlich.

Und dann kuckt mich mein Neffe an. “Teffi, fpielen”, sagt er. Er fragt das nicht. Er bittet auch nicht. Er sagt das einfach so, mit unfassbarer Klarheit. Das Kind hat Korkenzieherlocken aus Gold und genau die Sorte Stupsnase, für die das Wort Stupsnase erfunden worden war. Kuckt mich mit hellem Blick an, und ich höre mich sagen “klar, ich hab Sonnabend Zeit, ja doch, fpielen wir was Schönes, dann. Hast Geburtstag, Süßer. Weiß ich doch. Ich bin da. Versprochen!”

“Wie schwer kann es sein?” fragt man sich und andere. Wie schwer kann es sein, das Richtige zu tun?

Es ist ganz leicht.
Weil es das Richtige ist.

Danke, Düsseldorf!

Noch im letzten Podcast hatte ich geradezu geklagt, es gäbe in dieser fabelhaften, professionell durchstrukturierten Welt der 2. Bundesliga gar keine standesgemäßen Erzfeinde mehr. Nur Fairness, Sportlichkeit und freundliche Menschen, wohin man sich auch dreht und wendet. Es fehlte mir eine Mannschaft, die ich so richtig nicht leiden kann. Dabei ist das, wie jeder weiß, essenzieller Bestandteil von Fußballfankultur. Fortuna Düsseldorf hat sich heute redlich und nicht ohne Erfolg bemüht, diesem Mißstand abzuhelfen.

unsympathisch

Nun gehört zu einer mit Leidenschaft gelebten, innigen Feindschaft noch einiges mehr, aber die erforderliche Grundunsympathie ist durchaus vorhanden, für einen “Erzfeind der Herzen”* sollte das genügen.

Das Spiel selbst läßt sich mit weniger als 140 Zeichen beschreiben:

aus

Man könnte kleinlich einwenden, dass dieser unberechtigte Freistoß verdammt gut geschossen war. Wär´s nicht Düsseldorf, ließe man sich eventuell zu einem “überragend” hinreißen. Aber: Es war ja nun mal Düsseldorf.

nie

* Anm: “der Herzen” sind immer die, bei denen es für was richtiges nicht gereicht hat.

Andora macht was.

Wenn meinem Neffen ein Verb fehlt, er eine Tätigkeit also nicht exakt beschreiben kann, sagt er immer: “Der macht was.” Das finde ich außerordentlich klug für jemanden, der drei Jahre alt ist und noch nicht so viele Wörter kennt. Ich bin ungefähr elfmal so alt, und es kommt nicht mehr gar so häufig vor, dass ich die Frage, ob ich reiten war, mit “Nee, ich hab aufm Pferd gesitzt” beantworte.

Nichtsdestotrotz fehlt mir gerade jetzt ein Wort. Eines, das beschreibt, was Andora am Donnerstag auf der Veranstaltung “FUSSBALL?! Soziale Kreativität oder Wirklichkeitsflucht? Alles eine Frage des Glaubens” zu tun beabsichtigt. Zwischen bekehren, taufen und totquatschen ist alles möglich. Es wird in jedem Fall sehr eindrucksvoll sein, und ganz sicher wird Andora gemeinsam mit Wolfgang Matthies den 1.FC Union Berlin würdevoll vertreten. Unterstützt ihn dabei, geht alle hin, und vergesst eure Schals nicht!

andora

[Wer sich vorher zum Thema einlesen möchte: "Fußballgott: Elf Einwürfe", herausgegeben von Andreas Merkt.]

14. Januar 2010 um 19:00 Uhr
Humboldt-Universität Berlin
Theologische Fakultät
Burgstraße 26
Raum 117
Eintritt frei

Einwickelpapier.

Es ist die Zeit der gemütlichen Interviews. Gestern der Präsident, heute der Trainer. Winterpause eben. Daran kann man sie erkennen. Und am Bratapfelduft.

Weil aber Uwe Neuhaus eben Uwe Neuhaus ist, beantwortet er die Frage, ob Union das Beste sei, was ihm passiert sei, vollkommen uweneuhausmäßig:

“Man weiß ja nicht, ob nicht hätte noch etwas Besseres passieren können.”

So eine Antwort ist ja irgendwie die wohlerzogene kleine Schwester von Claus-Dieter Wollitz´Cottbus-Fanschal.

The roof is on fire.

“So etwas wollen wir hier nicht sehen”, sagt der SKY-Reporter. “Das ist Unsinn”, fügt er hinzu, und dann noch “Wir wollen diesen Idioten kein Forum bieten.” Anschließend betrachte ich längere Zeit einen rot leuchtenden Fan-Block. Im Fernsehen. Bei SKY.

Hinter mir der dicke Gastwirt meint trocken “Dit is do´ keen Unsinn, dit is bengalischet Feuer” und zieht eine Augenbraue hoch, eventuell auch beide.

Nach Durchsicht der Zeitungsberichte bemerke ich erhöhte Meinungsvielfalt auf der Tatsachenebene. Soll heißen: zwar weiß niemand so ganz genau, was war, das Spektrum der Berichte fällt gar zu unterschiedlich aus, aber jeder vertritt eine Ansicht darüber, was sich zugetragen haben könnte und schöpft tiefe Weisheit aus dieser Grundlage. Mal sind es “die Berliner”, mal “Hooligans”, mal “vereinzelte Spinner”, auch von BFCern lese ich. Die Rede ist ferner von Körperverletzung, Brandstiftung, Landfriedensbruch und Sachbeschädigung. Dass das alles ohne Beamtenbeleidigung vonstatten gegangen ist – ich staune. Aber es wird schon von allem etwas dabei gewesen sein.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich mißbillige Gewalt. Allerdings von jedweder Seite.

Um absolut richtig verstanden zu werden: Bengalische Feuer gehören in Fußballstadien. Und alle die, die so gut davon leben, diese Bilder zu zeigen, sollten eigentlich das Kleingeld aus den Phrasenschweinen zusammenlegen. Für einen bis zwei Pyrotechniker pro Stadion beispielsweise.