Auf Wiedersehen, 11mm!

Auch das beste Festival geht mal zu Ende. Mit der Shortkicks-Gala sagt 11mm für dieses Jahr Auf Wiedersehen. Es war mir eine große Freude, dabei sein zu dürfen! Ich freue mich auf 2016.

Fußballfilme für die Ewigkeit.

Es gibt eine Handvoll Fußballfilme, die Fußballfan oder nicht, das Leben eines jeden Menschen bereichern. Weil sie klüger machen, und glücklicher auch. Zwei davon habe ich am Wochenende beim 11mm-Fußballfilmfestival gesehen, “Superjews” und “Next Goal Wins“.

11mm-programm

Berlin ist in diesem Jahr Austragungsort der europäischen jüdischen Sportwettkämpfe, der Maccabi Games. Deshalb hat 11mm den Schwerpunkt “Jüdische Fußballwelten” ins Programm genommen und eine Filmreihe gezeigt, die sich mit jüdischen und israelischen Fußballgeschichten beschäftigt. In dieser Reihe lief auch “Superjews” – ein Dokumentarfilm über die Fans von Ajax Amsterdam. Die aus Israel stammende Regisseurin Nirit Peled hat Israel verlassen. In Amsterdam findet sie die Symbole ihres Heimatlandes in einem ganz fremden Kontext wieder: Im Fußball. “Superjuden” nennen sich die Ajax-Fans, die zunächst als Juden beschimpft wurden und die Bezeichnung daraufhin für sich übernommen haben. Nirit Peled ist verwundert, erschrocken, irritiert – und dann fragt sie sich durch. Wie meinen die das?, möchte sie wissen. Und muss kulturelle Aneignung etwas negatives sein? Sie sammelt Standpunkte, lässt ihre Protagonisten ausreden und versucht, ihre eigene Position dabei zu finden. Zu keinem Zeitpunkt hat man das Gefühl, belehrt zu werden. Dennoch wissen am Ende alle Beteiligten etwas über die Kraft von Symbolen, das sie vorher nicht wussten.

Der zweite Film und mein Favorit des Festivals ist “Next Goal Wins”, der die Nationalmannschaft von Amerikanisch-Samoa bei dem Versuch begleitet, sich für die WM in Brasilien zu qualifizieren. Das Team war über Jahre hinweg das schlechteste der Welt. Dann übernahm Thomas Rongen das Traineramt und formt eine Mannschaft – und, was noch ein bißchen schöner ist: Die Mannschaft formt ihn. Ein weißer Atheist, der an gar nichts mehr glaubt, weil sein Kind gerade tödlich verunglückt ist, gerät in ein spirituelles, polynesisches Land. Ein Mann, der es gewohnt ist, Männerfußballteams zu trainieren, findet sich damit zurecht, dass in seinem Team eine Fa’afafine spielt, eine Transgender-Spielerin, die in der dortigen Gesellschaft komplett akzeptiert ist. Am Ende rettet sie den ersten Sieg des Teams, weil sie eben auch ein knallharter Innenverteidiger ist. Ein Torwart, der über die gesamte Dauer seiner Karriere hinweg niemals ein Spiel gewonnen hat, kehrt in die Mannschaft zurück und besiegt sein Trauma. Mit leichter Hand porträtiert der Film Spieler und Trainer und zeigt, wie leicht es sich lebt, wenn man nicht so viele Vorurteile durch die Gegend schleppt. Das gesamte Kino hat am Ende vor Glück geheult. Ein unfassbarer und ganz großartiger Film!

Wer heute Abend noch nichts vorhat: Es ist der letzte Abend des 11mm-Festivals, das traditionell mit einem Kurzfilmabend endet. Die “Short Kicks” sind etwas Besonderes, und ich habe die Ehre und das Vergnügen, Knut Kircher in der Jury zu vertreten und neben Torsten Mattuschka auf der Bühne zu stehen.

Auch für’n dreckigen Sieg gibt es drei Punkte.

Dieses Spiel, das als ein Null-Null der gar nicht mal so guten Sorte angelegt war, am Ende zu gewinnen, war überraschend. Karim Benyamina zu treffen, war überraschend. Aber dass mir die Hallorenkugeln von der einen Eckfahne zur anderen gebracht und angereicht werden: Das war unbezahlbar!

St. Pauli wünsche ich jederzeit alles Gute, und euer Ligaverbleib ist mir ein Anliegen. Ich fahr’ nämlich lieber nach Hamburg als in fernab gelegene Kacknester.

Weniger Show, mehr Fußballfilme.

11mm – das schönste Filmfestival Berlins ist wieder da! Es besinnt sich auf alte Stärken und macht, was ein gutes Fußballfilmfest eben macht: Fußballfilme zeigen. Das vor allen Dingen. Es fühlt sich ruhiger an als im letzten Jahr, als Weltmeisterschaft, das Jubiläum des Festivals selbst und ein Union-Eröffnungsfilm mit entsprechend großem Publikumsandrang den Rahmen ein wenig gesprengt haben und eine Filmakademie alles medial begleitet hat. Statt dessen setzen die Veranstalter in diesem Jahr auf ein vielfältiges Programm, das viel Raum für Nischenthemen lässt.

Weil eine Festivaleröffnung natürlich trotzdem ordentlich funkeln muss, ist Arne Friedrich da. Der erzählt, und das passt sehr gut zum Eröffnungsfilm, von seinem Spiel gegen Lionel Messi. Im Publikum gibt sich der argentinische Botschafter die Ehre. Die DFB-Kulturstiftung schaut vorbei, ebenso Claudia Roth. Die Festivalleitung kuckt entspannt wie nie, der große Saal des Babylon ist gut gefüllt, und die Organistin des Babylon spielt so wunderbar, dass ich mir immerzu Stummfilme wünsche.

“Messi – Der Film” ist aber natürlich keiner. Der spanische Regisseur Álex de la Iglesia spürt dem Phänomen Messi nach und versucht in einem teils fiktiven, teils dokumentarischen Film einen sehr scheuen, wortkargen Superstar zu charakterisieren. Er stellt das klug an. Weil Messi sich eben nicht wie Maradona bei Kusturica vor die Kamera setzt und umstandlos sein Leben ausbreitet, behilft sich der Regisseur mit Fragen an Kollegen, Freunden und Wegbegleiter. Er bringt sie miteinander ins Gespräch, lässt sie streiten und Erinnerungen austauschen. Das ergibt ein lebendiges Bild, das aus dem starren Schema eines Dokumentarfilms ausbricht. Zusätzlich gibt es komplett fiktive Szenen, die die Legenden, die sich um die Person Lionel Messi gebildet haben, aufgreifen und seine Kindheit in Rosario, Argentinien nachzeichnen. Es ist keine klassische Heldengeschichte, die Álex de la Iglesia da inszeniert hat, und das ist sehr angenehm. Ich gehe nach Hause mit Bild eines Fußballspielers, den ich zwar immer noch nicht kenne, aber instinktiv mag. Für seine Schüchternheit, seine Segelohren, seine Beharrlichkeit und den Beweis, dass Frisuren überbewertet sind.

Wer´s gestern verpasst hat: Am Montag, 23.3., um 20:15 Uhr wird “Messi – Der Film” noch einmal gezeigt.

Lasst mich! Ich bin erschüttert.

Das erste Interview, das ich jemals für’s Textilvergehen geführt habe, war eines mit Holger Bahra. Ich war jung jünger, ich wusste nicht, wie Interviews funktionieren, aber ich wusste ganz sicher, dass mich interessiert, was ein Torwarttrainer zu sagen hat. Und gerade dieser Tortwarttrainer hatte eine zackige, geradlinige Art, mit der ich viel anfangen konnte. Es wurde eventuell nicht das beste Interview aller Zeiten, und alles, was daran gut ist, hat Holger gut gemacht. Wann immer wir uns in der Folge am Rande eines Fußballspiels oder Trainings gesehen haben, war Zeit für einen kurzen Gruß, ein Lächeln, ein Kopfnicken. Im normalen Leben nichts außergewöhnliches, im Profifußball keine Selbstverständlichkeit. Dieselbe Art von Höflichkeit war Jan Glinker zueigen. Sie ist deshalb sehr wohltuend, weil der Umgang von Fußballspielern und Presse nicht immer konfliktfrei verläuft.

Holger Bahra
Foto: Matze Koch

Heute wurde Holger Bahra, dessen Vertrag nur noch bis zum Saisonende läuft, mit sofortiger Wirkung freigestellt. Die Begründung ist gewohnt kryptisch.

“Aufgrund vieler Veränderungen in den letzten Monaten war jedoch die Basis für eine weitere Zusammenarbeit nicht mehr gegeben, deshalb haben wir diesen Schritt jetzt vollzogen.”

Mich hat das überrascht, erschüttert und auf eine schwer zu fassende Weise traurig gemacht.

Der Ruf nach einem anderen Torwarttrainer ist nicht neu. Es gab ihn bereits, als der Cheftrainer noch Uwe Neuhaus hieß. Vermutlich hat Norbert Düwel auch hierbei alles richtig gemacht. Er hat abgewartet, sich alles in Ruhe angesehen, ausprobiert und dann entschieden. Der Satz “Unions Torhüter entwickeln sich nicht mehr weiter” fiel in der Vergangenheit ein ums andere Mal. Ich kann das ebensowenig beurteilen wie die meisten anderen, die dazu eine Meinung haben. Nur soviel: Ich stelle selten sportliche Entscheidungen infrage. Auch diese nicht. Während zuvor in der Regel der Torhüter gewechselt wurde, trifft es dieses Mal beide, den Torhüter und seinen Trainer. Daniel Haas geht auf die Bank. Holger Bahra nimmt seinen Hut.

Holger Bahra
Foto: Matze Koch

Trotzdem sind einige dieser Entscheidungen schwer verdaulich. Sie sind nicht falsch. Sie sind bloß schmerzhaft. Wie Paare im Freundeskreis, die sich trennen, aber gestern noch zusammen auf ‘ner Party waren. Man hatte ja nichts geahnt! Am Sonntag war doch noch alles gut! Nein. War’s wohl nicht. Aber woher soll ich das denn wissen, verdammt?!

Ich vermisse mit Holger Bahra einen außerordentlich korrekten Sportler, der mein zu-Union-gehen sehr bereichert hat. Danke!

Frauentag.

Ich hab rote Nelken bekommen, saß auf dem richtigen Dampfer, bin mit Hallorenkugeln classic versorgt worden (Danke Gerd!), wurde der ungeheuer guten Laune von Eroll Zejnullahu teilhaftig (kein Quatsch. Der fetzt!), und meine Mannschaft hat einen Punkt geholt. So wie einst Real Madrid Energie Cottbus. Was soll ich sagen? Das war gut.

Manchmal reicht eine Halbzeit.

Union gegen Sandhausen, und mir hätte die zweite Halbzeit vollkommen genügt. Während sich die erste anfühlte, als würden wir so langsam alle Gartenmöbel in den Tabellenkeller räumen, um uns dort häuslich einzurichten, begann die zweite nicht nur spektakulär, sie blieb sogar so. Solche Spiele verkraftet doch kein Mensch!

Union gegen Darmstadt 1:1

Sebastian Polter wagte gestern nach dem Spiel die These, dass 4 Punkte gegen die oberen in der Tabelle eventuell doch gar nicht so schlecht wären, und ich hätte gerne applaudiert. Aber Szenenapplaus ist im Medienarbeitsbereich unüblich, da gibt´s nur Meckern oder Fresse halten. Es fällt mir schwer, über eine Mannschaft zu meckern, die es auch mal schafft, nach einem Rückstand nicht aus dem Tritt zu geraten. Die sich den Punkt am Ende -ätschebätsch!- doch noch sichert. Sebastian Polter war nicht unzufrieden, angesichts des Spielverlaufs. Ich auch nicht. Zehn Torschüsse pro Spiel wünscht er sich künftig, und wer bin ich, ihm da zu widersprechen?

Ruhe bewahren in Zeiten des Zorns.

Da schlägste die Bildzeitung auf, und das Dreckding schlägt zurück. Soweit, so normal. Torsten Mattuschka hat den 1.FC Union Berlin am Wochenende verlassen und ist nach Cottbus gewechselt. Unübersehbar hatten er und sein Trainer Norbert Düwel verschiedene Vorstellungen darüber, was sie einander zutrauen. Zu wenig, am Ende.

Dass Torsten Mattuschka darüber wütend und verletzt ist, verstehe ich. Dass es ihm nicht entspricht auszuharren, sondern im Zweifel in die Offensive zu gehen, bin ich von ihm gewöhnt. Ohne seine Meinungsstärke, sein Selbstvertrauen und sein pro-aktives Handeln wäre kein so guter Kapitän gewesen wie er es war. Er hat bei Karim Benyamina und bei Jan Glinker gesehen, wie sich Abschiede ankündigen und hinziehen. Die Zeit dafür fehlt ihm. Das ist Teil des Schmerzes: Zu wissen, dass von der Zukunft nicht mehr so viel übrig ist.

Der Grundsatz “Kein Spieler ist größer als der Verein” funktioniert bei Torsten Mattuschka nur bedingt. Tusche ist der Verein. Dafür hat er gearbeitet. Sehr lange. Länger als Norbert Düwel jedenfalls. Aber kann man Düwel das vorwerfen? Norbert Düwel ist, ich sagte das bereits an anderer Stelle, nicht als Beauftragter für Denkmalschutz zum 1.FC Union Berlin geholt worden. Er hat den Schnitt gemacht, den Uwe Neuhaus nicht durchsetzen konnte. Vielleicht hat er die Tragweite dessen nicht erfasst. Und vielleicht war das gut so. Und ganz vielleicht wird erst der Trainer nach ihm davon profitieren.

Im Grunde müssten alle erleichtert aufatmen. Eine Situation, mit der Spieler und Trainer unglücklich waren, ist beendet. Torsten Mattuschka kann das machen, worin er gut ist: Auf einem Fußballplatz den Takt angeben. Norbert Düwel hoffentlich auch. Ich wünsche es beiden.

Statt dessen, wie eingangs erwähnt, ein Interview in der Bild. Das am wenigsten Kluge, was Torsten Mattuschka in den letzten neun Jahren gemacht hat, und er hat in Sachen Unterhaltung schon so einiges geleistet. Es war nur bis dahin nie instinktlos. Ein Spieler, der eine Zukunft haben will, redet nicht schlecht über seinen Ex-Trainer. Ich möchte Tusche nicht auf diese Art im Gedächtnis behalten. Ich werde also die Berliner Tageszeitungen eine Weile meiden.

Und wenn es einmal soweit ist, will ich auf meinem Skateboard sterben.

Es war Fabian Schönheim, der gestern abend das getan hat, was ein Kapitän tun muss. Nach dem Spiel ging er zunächst ganz allein Richtung Gegengerade, um sich zu bedanken. Später reihten sich die Kollegen ein. Noch lange nach dem Abpfiff stand das Stadionrund. Trotziges Klatsches, lautes Singen, aber doch ohne einen Vorwurf an die Mannschaft nach der Niederlage gegen Nürnberg. Union ist die Bereitschaft, auch Niederlagen anzunehmen, hat mein Freund Matti Michalke einmal formuliert. Ich habe mir das gemerkt, es erschien mir wichtig. Ich habe bisher unter jedem Trainer Verwendung dafür gehabt.

Testsspiel BAK 07 vs. 1.FC Union Berlin 1:2

Das zweite Spiel, das gestern gespielt wurde, hat mich wesentlich mehr bestürzt. Ich meine nicht das im Jahnsportpark, sondern die vorbeugende Berichterstattung des 1.FC Union Berlin in Sachen Torsten Mattuschka. Wir haben im Podcast oft überlegt, was Torsten Mattuschka wohl täte nach Union. Nach Union lag in unvorstellbar weiter Ferne. Wir waren uns recht schnell einig. Es müsste Cottbus sein, alles andere wäre nicht Tusche. Da kommt er her, da geht er hin.

In einem normalen Verein wäre es einfach: Ein Trainer braucht Autorität. Ein Spieler braucht Perspektive. Wenn sie sich das nicht geben können, ist es klüger, ihre Wege trennen sich. Bei Union ist die Situation derzeit komplizierter. Sollte der angesichts des Cottbuser Angebots durchaus verständliche Weggang Tusches die Demontage Norbert Düwels nach sich ziehen, haben nicht nur beide verloren, sondern auch der Verein. Der Verein, das ist jeder einzelne Fan. Ich würde diese Spielzeit gerne auf die Dramen auf dem Platz beschränkt wissen. Ich möchte sie gerne mit Norbert Düwel und Torsten Mattuschka zuende bringen.