Kino: Shortkicks bei 11mm

Shortkicks heißt der Kurzfilm-Wettbewerb des 11mm-Festivals. Eine prominent besetzte Jury ermittelt den besten Fußballkurzfilm des Jahres. Sieben Filme traten an, klarer Sieger wurde der Animationsfilm “I love Hooligans” von Jan-Dirk Bouw.

“Wer möchte nicht in den Armen seines Liebsten sterben?” ist ein Satz aus diesem Film, der lange nachhallt. Erzählt wird die Geschichte eines homosexuellen Mannes aus der Hooligan-Szene, der gelernt hat, nicht aufzufallen, weil sich seine beiden Welten auf eine lebensbedrohende Art nicht miteinander vertragen. Seine Entscheidung für die Szene um den Fußball ist zugleich eine Entscheidung gegen eine Beziehung.

Ursprünglich plante Bouw einen anderen Film, sagte er bei der Preisverleihung. Auf der Suche nach einem schwulen Fußballspieler stellte der ihm seinen jetzigen Protagonisten vor. Der wiederum wollte seine Biografie publik machen, aber ohne seine Identität preis zu geben. Jan-Dirk Bouw hat die Herausforderung angenommen und eine als Animationsfilm verkleidete Dokumentation gemacht, sehr dicht erzählt und mit Bildern zwischen Brutalität und Poesie, die man schwer wieder los wird.

Kino: Fla x Flu – 40 Minutos Antes do Nada

Flamengo gegen Fluminense oder kurz Fla-Flu ist das historische Duell der beiden bekanntesten Clubs aus Rio de Janeiro. Fla-Flu habe es schon 40 Minuten vor der Entstehung der Welt gegeben, lautet ein geflügeltes Wort, das sich die Anhänger beider Seiten zu eigen gemacht haben. Seit über 100 Jahren sind sie einander in inniger Feindschaft verbunden, und so kann man tatsächlich über mehrere Generationen hinweg Fans und Spieler dazu befragen, wie sie zueinander stehen.

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Die Dokumentation arbeitet denn auch überwiegend mit Interviews. Ehemalige Spieler wie Romario, Assis, Zico erzählen, wie sie die Spiele wahrgenommen haben. Fans erklären, warum es für sie nur dieser und nicht der andere Verein sein konnte. Die meisten gegen die besten Fans, heißt es da. “Flamengo ist groß, enorm, absolut. Egal was die anderen Vereine gewinnen, sie werden nie so groß sein.” Dem setzt die andere Seite entgegen, es sei sehr schön, dass Flamengo in der Überzahl sei, denn das sind “Viele Feinde, die unseren Sieg sehen”. Flamengo gilt als laut, Fluminense als elegant. Bis zu diesem Punkt ist der Film lediglich die Abbildung einer alten Rivalität ohne überraschendes Moment. Man hasst sich “aus Gründen”, und es ist doch eher Zufall, ob man Flamengo oder Fluminense unterstützt.

Dann aber hatte Regisseur Renato Terra die Idee, die vermeintlichen Gegner miteinander zu konfrontieren. Die Reaktionen könnten unterschiedlicher kaum ausfallen. “Que coisa”, sagt einer der älteren Fans – und danach gar nichts mehr. Von Gelächter bis Tränen, von “Schönes Trikot” bis “Es dreht mir den Magen um”, von Schweigen bis Anektdotenerzählen löst dieser Trick des Filmemachers alle denkbaren Reaktionen aus. Ab diesem Augenblick vermittelt der Film tatsächlich eine Ahnung davon, was Fla-Flu ausmacht.

Es ist der zweite Film aus dem Themenschwerpunkt Brasilien, den ich bei 11mm gesehen habe. Es ist zugleich der zweite, bei dem mir auffiel, welches Gewicht dort die Meinungen von Fans haben, wieviel Zeit ihnen in den Filmen eingeräumt wird – im Verhältnis kaum weniger als den Spielern. Es ist eine andere Perspektive als die, die ich aus der täglichen Berichterstattung gewohnt bin, aus der sich sowohl Futebol total als auch Fla x Flu dem Fußball nähern. Fans sind hier nicht das winkende Hintergrundelement, sondern der Motor. Sie sind der Grund, warum Fußball veranstaltet wird. Deshalb zählen ihre Stimmen. Ich mag das.

Kino: Futebol total

Ganz knapp sind die deutschen Untertitel fertig geworden, gerade pünktlich zum Beginn der Aufführung. Der Dokumentarfilm “Futebol total” von Carlos Niemeyer entstammt einem brasilianischen Archiv, dessen Produktionen in Europa bisher nicht gezeigt wurden. “Futebol total” begleitet die brasilianische Nationalmannschaft durch die Weltmeisterschaft 1974 in Deutschland.

Niemeyers Fußballreportage zeichnet sich durch eine große Nähe zum Objekt seiner Berichterstattung aus. Das ist ganz wörtlich gemeint. Extreme Nahaufnahmen vom Spielfeld, aber auch von Zuschauern auf der Straße, in Kneipen oder Stadien, Begleitern der Nationalmannschaft, die das Hotel belagern, sind kaum möglich. Beim Ansehen fürchtet man stets um den Kameramann. Das brasilianische Fußballpublikum spielt in “Futebol total” eine ebenso wichtige Rolle wie das Team selbst. Die Leute kommentieren die Leistungen der Mannschaft, diskutieren die Aufstellung, reagieren auf Spielsituationen. Manchmal ist das komisch, aber nie lächerlich.

Der Film hat Längen, aber auch unerhörte, großartige Bilder. Letztlich genau das, was Sönke Wortmanns Sommermärchen fehlt.

Kino: The Class of ´92

The Class of ´92 feiert das Manchester United von Ryan Giggs, David Beckham, Paul Scholes, Nicky Butt und den Neville-Brüdern Phil und Gary. In der Saison 95/96 entschied Alex Ferguson, sie von der Jugendmannschaft in den Profikader zu berufen. In dem Dokumentarfilm von Ben und Gabe Turner werden die Anfänge der Jungprofis bis zum Championsleague-Finale 1999 nachgezeichnet. Zugleich werden die Entwicklung einer Mannschaft und die Veränderungen im England der 90er Jahre sichtbar gemacht. Ganz nebenher ist es ein Film über das Älterwerden (nur in wenigen Fällen: über das Erwachsenwerden).

Um die Teenagerjahre seiner Protagonisten zu zeigen, greift der Film auf Archivmaterial zurück. Dagegen geschnitten werden neue Interviews, in denen Giggs und Kollegen aus der Nachkarriere-Perspektive ihre Jugend bei Manchester United beschreiben. Initiationsriten, besondere Fußballmomente, Jugendsünden. Aber sie charakterisieren auch einander und wirken gerade dabei noch immer wie ein Team. Zwar entsteht trotz der Anekdoten, die sie erzählen, nicht der Eindruck, man kenne sie jetzt persönlich. David Beckham bleibt der, den seine Mitspieler als “zu hübsch für Fußball” empfanden und dessen popkulturelle Anwandlungen sie eher mit Sorge betrachteten. Es entwickelt sich aber ein Gespür dafür, warum diese Mannschaft soviel Erfolg hatte: Weil selbst David Beckham ein Teamplayer war. Am Ende entsteht das Bild von sechs recht unbekümmerten Teenagern, die sich gemeinsam und nicht als Konkurrenten in das Abenteuer Profifußball stürzen.

Zwei besondere Kommentatoren hat der Film. Eric Cantona, der eben dieser stark verjüngten Mannschaft von Manchester United angehörte. Im Film nimmt er die Rolle des bärbeißigen Teddys ein, den man hat, weil man ihn schon immer hatte, und sagt im gewohnt französischen Englisch rätselhafte Sachen. Der zweite Kommentator ist Zinedine Zidane: Sparsam mit Worten, höflich und elegant in jeder Geste. Beide sind für das Verständnis des Films nicht zwingend nötig, sie sind gewissermaßen die Kirsche auf der Sahnehaube der Torte.

Ich habe schon Filme an ihrem Superstaraufgebot sterben sehen: Dieser gehört nicht dazu. Deshalb, weil der Fokus bei den Hauptpersonen bleibt und niemand mehr Zeit bekommt, nur weil er prominenter ist. Die Einbettung in den zeitgeschichtlichen Kontext funktioniert ebenfalls sehr gut, weil Tony Blair England erklärt. Wer sich für englischen Fußball in den 90ern interessiert, wird viel Freude an The Class of ´92 haben.

Wer´s gestern verpasst hat: Der Film läuft heute um 22:00 noch einmal auf dem 11-mm-Festival im Kino Babylon, Berlin Mitte.

Heimspielkino.

Grüner Rasen anstelle des roten Teppichs, das hat inzwischen Tradition vor dem Kino Babylon. Hereinspaziert sind zum Auftakt des 11mm-Fußballfilmfestivals vor allem Unioner. Der Dokumentarfilm “Union für´s Leben” von Rouven Rech und Frank Marten Pfeiffer feierte heute Abend Premiere, und beide Vorstellungen waren komplett ausverkauft. Berliner Pilsner, Eberswalder vom Grill, Torsten Mattuschka, die Reservebank, Dirk Zingler, AF-TV – alles ganz wie in der Alten Försterei. Nur das Sitzen war etwas ungewohnt.

Ein Glücksgriff, ein Heimspiel ist dieser Eröffnungsfilm. Er porträtiert genau und doch mit leichter Hand fünf Menschen, die zu Union gehören. Es ist zugleich ein Berlin-Film, eingerahmt von Fußball in Köpenick. Genau der richtige Film also, um sich auf die kommenden fünf Tage einzustimmen.

Elf Jahre 11mm

Das Fußballfilmfestival 11mm steht vor der Tür. Vom 27.3.-1.4.2014 werden im Kino Babylon am Rosa-Luxemburg-Platz Fußballfilme, nur Fußballfilme und nichts als Fußballfilme gezeigt. Birger Schmidt, Andreas Leimbach und Christoph Gabler leiten das Festival und haben heute ihr Programm vorgestellt.

Foto: Fiebrig

Es sei dieses Mal sogar ein Splatterfilm mit dabei. Nun warte man warte nur noch darauf, dass der nächste Lars von Trier-Film ein Fußballfilm ist, sagt gleich zu Beginn Lars Schepull, der sich um die Medienarbeit des Festivals kümmert. Tatsächlich war es schon immer eine der großen Stärken des 11mm, genreübergreifend Filme aller Sparten zu berücksichtigen.

Dennoch zeichnen sich jedes Jahr bestimmte Trends ab, ergänzt Birger Schmidt. Natürlich verschließt sich das dem Fußballfilm gewidmete Festival nicht der bevorstehenden Weltmeisterschaft in Brasilien. Die seit langem bestehende Zusammenarbeit mit CINEfoot aus Rio ermöglicht dabei außergewöhnliche Einblicke in die Fußballwelt Brasiliens. Gezeigt werden etwa die Reportagen des Canal 100 von Carlos Niemeyer, unter anderem von der WM 1974.

Viel Raum bekommen die Filme über einzelne Fußballvereine. Stellvertretend dafür steht sicher der Eröffnungsfilm “Union für´s Leben” von Frank Marten Pfeiffer und Rouven Rech, der hier seine Weltpremiere feiert. Darüber hinaus werden Schalke 04, Borussia Dortmund, der Karlsruher SC, Borussia Mönchengladbach, Fortuna Düsseldorf und Göttingen 05 vertreten sein. Zunehmend gewinnen politische und gesellschaftliche Aspekte in den Filmen an Bedeutung, so Birger Schmidt. “Die Geschichten, die um den Fußball herum erzählt werden, werden immer besser. Die Dokumentarfilme profitieren von dem, was in der Sportberichterstattung zu kurz kommt.” Es sei ein sehr interessiertes Publikum, glaubt er, das gerne tiefer in solche Themen einsteigt und bei 11mm die Möglichkeit dazu bekommt.

Unterhaltsamster Teil des Festivalprogramms dürfte die Kurzfilm-Gala “Shortkicks” sein, die Christoph Gabler betreut. Jedes Mal mache er sich Sorgen, ob genug Filme zusammen kommen, und jedes Mal staune er dann über die Fülle guter Kurzfilme, die eingereicht werden, räumt er ein und lächelt dabei. 17 wurden ausgewählt, teilweise werden sie als Vorfilme zu sehen sein. Die sieben Besten laufen am Montag, 31.3.2014 ab 19:30 Uhr bei den Shortkicks.

Jajaja, es wird reichlich Prominenz diverser Vereine erwartet. Selbstverständlich sind Union und Hertha ausreichend und würdig vertreten. Aber wisst ihr was? Überzeugt euch selbst. Wir sehen uns im Kino!

Babylon Berlin
Rosa-Luxemburg-Str. 30
10178 Berlin
U2 Rosa-Luxemburg-Platz
Telefon 030 – 2 42 59 69

Mit dem Punkt leben.

“Wir waren zu behäbig, wir haben Spielzüge nicht vorausgeahnt”, sagte Michael Parensen nach dem 0:0 gegen Dynamo Dresden, und dass man unter diesen Umständen mit dem Punkt leben muss. Es war sicher nicht das herausragendste Fußballspiel aller Zeiten. “Zu viele Fehler im Spiel nach vorne,” bestätigt denn auch Daniel Haas, der findet, man habe Punkte liegen lassen. Aber nichts ist nur Scheiße. Björn Jopek ist wieder da!

Union vs. Aue 1:0

Foto: Felix Natschinski

Mein Lieblingsbild vom Spiel gegen Aue habe ich nicht selbst gemacht. Felix hat das Banner fotografiert, mit dem sich die Waldseite bei Elli Henschke bedankt. Die kümmert sich um die Klamotten der Jungs in rotweiß. Sie war da, lange bevor ich kam, und wird hoffentlich noch lange bleiben. Ein paar Bilder habe ich aber trotzdem mitgebracht. Eine Porträtsammlung eigentlich. Weiterlesen

Wir singen dir ein schönes Lied, weil dir das Freude macht.

Torsten Mattuschka hat es immer verdient, besungen zu werden. Gestern hatte er zu Tor und Torvorlage auch noch Geburtstag, wir sind praktisch aus dem Singen gar nicht mehr raus gekommen. Es war ein Heimspiel der Art, dass Uwe Neuhaus nach Spielende einem Journalisten die Frage “Hatten Sie Zweifel …” mit einem Wort abschnitt: “Nein!” Uwe Neuhaus hat das dann noch etwas ausgeführt, am Inhalt hat sich aber nichts verändert. Ich sehe dieser Mannschaft zu und frage mich, wer das entfesselt hat, was da gerade wie ein Wirbelwind über die Sportanlagen der Republik fegt.

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Im Fußballhimmel.

Die SG Blau Weiß Friedrichshain spielt auf einem der ungewöhnlichsten Plätze Berlins, dem Metro Fußballhimmel. Der befindet sich auf dem Dach des Metro-Marktes mitten im Gewerbegebiet An der Ostbahn. Nein, das ist keine historisch gewachsene, traditionelle Spielstätte. Ja, das ist im weitesten Sinne ein Sponsorenname. Amateurfußballvereine nutzen den Platz kostenlos. Die Belegung regelt der Bezirk. Die Aussicht ist sensationell.

Wer mal reinschauen möchte, folgt @bwfriedrichshain auf twitter. Das nächste Heimspiel ist am 14.9.2013 um 10 Uhr. Gegner der Partie ist Lok Schöneweide. Ich bin da.