Zidane schweigt.

Ich lese während großer Turniere nicht gerne Fußballtexte, weil ich die meisten schon kenne. Immer gibt es einen Spieler, der unerträglich und damit überflüssiger Weise auch noch erfolgreich ist, und immer gibt es eine Mannschaft süß wie ein Baby-Eichhörnchen, und die Fans erst! Ich kuck den Quatsch seit mehr als zwanzig Jahren, ihr könnt mir nichts Neues mehr erzählen. Dachte ich.

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Kann ich wohl, dachte sich Frédéric Valin, und hat mit “Zidane schweigt” ein Fußballbuch geschrieben, das mir nicht eingefallen ist, obwohl die Idee darin naheliegend ist. Ich habe Fußball immer als ein Abbild dessen begriffen, was auch außerhalb des Stadions um mich herum passiert. Frédéric Valin hat anders als ich diesen Gedanken konsequent zu Ende gedacht und abgebildet, wie sich einerseits Frankreich, andererseits die französische Nationalmannschaft entwickelt haben. “Die Équipe Tricolore, der Aufstieg des Front National und die Spaltung der französischen Gesellschaft” lautet der Untertitel, der möglicher Weise die einzige sperrige Zeile des gesamten Buches ist.

Es ist ein Buch über Integration und ihr Scheitern, über Nationalismus, Arbeits- und Perspektivlosigkeit – und trotzdem liest es sich ganz leicht, unverschämt leicht eigentlich. Denn es ist auch ein Buch über Fußball. Über eine Nationalmannschaft, die macht, was Nationalmannschaften eben so machen: Ihr Land repräsentieren, mit allen seinen Fehlern, in all seiner Eleganz. Diese Stellvertreterfunktion ist bisher noch nie so gründlich herausgearbeitet worden. Die Einwanderungspolitik eines Landes ist tatsächlich an kaum einer Stelle so sichtbar wie auf einem Nationalmannschaftsfoto. Alle, die fordern, man solle Fußball nicht mit Politik vermischen, haben Unrecht. Sie zu trennen, ist eine Aschenputtelaufgabe.

Und so macht Frédéric das einzig Richtige, er betrachtet zusammen, was ohne einander gar nicht denkbar ist. Fußball als Sozialstudie. Das ist in dieser Art neu, es sollte aber Standardhandreichung bei Welt- und Europameisterschaften werden. Man hätte dann etwas gelernt und wäre nicht nur in einer Kulisse spazieren gegangen.

Wer sich daraus vorlesen lassen möchte:

4.7.2016, 20:00 Uhr
Lesung in der Yuma Bar
Weserstraße 14
12047 Berlin

Wer lieber selber liest, kaufe sich das eBook:

Frédéric Valin: Zidane schweigt. Die Équipe Tricolore, der Aufstieg des Front National und die Spaltung der französischen Gesellschaft
Preis: 2,99 EUR
Erschienen im Verbrecherverlag

Mehr Schwärmerei zum gleichen Buch findet ihr im Blog von Heinzi Kamke.

Und wenn mir jetzt bitte noch jemand ein vernünftiges Buch mit Cristiano Ronaldo im Titel schreiben könnte: Das wär’ echt nett! Danke.

3 Gedanken zu „Zidane schweigt.

  1. Das klingt sehr interessant, vielen Dank für den Tipp. Habe das Buch gerade erworben.

  2. Das freut mich sehr! Es traut sich selten mal jemand, Fußball auf eine andere Art zu erzählen. Ich wünsche mir mehr so kluge Buchkonzepte.

  3. Pingback: Zidane schweigt | Reeses Sportkultur

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