Der Spielabbruch in Stockholm: Meine Fragen und die Antworten des 1. FC Union

Am Sonnabend, den 19. April erschien in der Berliner Morgenpost ein Artikel von mir, der sich mit der Aufarbeitung des Platzsturms und des anschließenden Spielabbruchs beim Testspiel des 1. FC Union bei Djurgardens IF in Stockholm am 25. Januar beschäftigte. Ausgangspunkt waren die öffentlichen Ankündigungen von Präsident Dirk Zingler zur raschen Aufarbeitung (Video). Die Frage, die ich mir stellte: Welche dieser Schritte ist Union seitdem tatsächlich gegangen. Der Titel des Artikels lautete: Viel versprochen, nichts gehalten

Vor Anpfiff in Stockholm drangen Union-Anhänger bis zur Mittellinie des Spielfeldes vor.Foto: Koch

Im Nachgang habe ich im Unionforum unter anderem Kritik für den Veröffentlichungszeitpunkt geerntet:

Für mich beispielsweise steht die Frage, warum so ein Artikel ausgerechnet in der vorösterlichen Ausgabe platziert wird, wo man davon ausgehen kann, dass es drei Tage lang keine offizielle Stellungnahme des Vereins geben wird.

Darauf habe ich geantwortet:

Geplant war der Artikel für die Montagsausgabe der Morgenpost am 14. April. Am Sonnabend Vormittag (12. April) habe ich dem Verein Fragen geschickt. Von deren Seite hieß es, dass man sich außer Stande sehe, diese innerhalb eines Tages zu beantworten. Als möglicher Termin für eine Beantwortung wurde Mittwoch (16.4.) genannt. Das habe ich akzeptiert, da ich es für wichtig halte, dass alle Seiten die Möglichkeit einer Stellungnahme bekommen. Die Frist von fast fünf Tagen ist allerdings außergewöhnlich. Mittwoch Abend kamen die Antworten. Die nächste Ausgabe erschien am Sonnabend (19.4.).

Ich habe zudem angeboten, die Fragen an den 1. FC Union und die Berliner Polizei sowie die Antworten dazu zu veröffentlichen, damit sich jeder selbst vollständig eine Meinung dazu bilden kann. Das möchte ich an dieser Stelle machen.

Das exzessive Abbrennen von Feuerwerk im Stadion (im Bild Unionfans) führte in der zweiten Halbzeit zum Spielabbruch.Foto: Koch

Fragen und Antworten der Berliner Polizei

Am 4. April stellte ich folgende Fragen an die Berliner Polizei und bekam von ihr am 9. April diese Antworten. Kursiv meine Einleitung, fett meine Fragen und in normaler Schrift die Antworten der Berliner Polizei:

Am 25. Januar 2014 kam es zu Ausschreitungen beim Testspiel des 1.FC Union in Stockholm gegen Djurgardens IF. Die Partie musste abgebrochen werden. Am 27. Februar durchsuchten 130 Beamte in Berlin und Brandenburg 31 Objekte im Zuge von Ermittlungen gegen 32 Personen, die im Zusammenhang mit dem Testspiel stehen.

1. Die Ermittlungen gegen die oben genannten Personen führt die Staatsanwaltschaft. Ist das nur die Staatsanwaltschaft Berlin oder sind daran noch andere Staatsanwaltschaften beteiligt? Wenn ja, welche sind das? Können Sie mir die Aktenzeichen der Ermittlungen nennen?

Die Ermittlungen werden durch die Staatsanwaltschaft Berlin geführt.

2. Welche Abteilung der Berliner Polizei ist an den Ermittlungen beteiligt? Meines Wissens ist es das LKA Abteilung 71. Können Sie das bestätigen?

Ja.

3. Der 1. FC Union teilte frühzeitig mit, die Polizei hätte bereits 24 Täter von Stockholm identifiziert. Werden dem Verein Ergebnisse der Ermittlungen mitgeteilt? Findet eine Kommunikation zwischen Polizei und dem 1. FC Union im Zuge der Ermittlungen statt? Wenn ja, wie gestaltet sich die konkret?

Eine Kommunikation fand zwischen dem Verein 1. FC Union, der Berliner Staatsanwaltschaft und dem LKA 712 statt. Die Weitergabe von Informationen im vorliegenden Fall obliegt der Staatsanwaltschaft Berlin.

4. Hat der 1. FC Union im Zuge seiner Aufarbeitung der Vorfälle Namen von identifizierten Anhängern, die bei dem Spielabbruch in Stockholm auffällig geworden sind, der Polizei mitgeteilt?

Nein.

5. Hat die Berliner Polizei im Zuge der Ermittlungen nach dem Spielabbruch in Stockholm Stadionverbote beim 1. FC Union beantragt? Wenn ja, wie viele?

Es wurden 32 Verbote beantragt.

6. Wurden unabhängig vom Vorfall in Stockholm seit Januar 2014 Stadionverbote beim 1. FC Union beantragt? Wenn ja, wie viele?

Nein.

7. Haben sich im Zuge der Ermittlungen Ansätze ergeben, dass die Ausschreitungen von Fans des 1. FC Union in Stockholm einen rechtsextremen Hintergrund haben?

Dafür gibt es derzeit keine Anhaltspunkte.

Präsident Dirk Zingler, Präsidiumsmitglied Dirk Thieme, Sport-Geschäftsführer Nico Schäfer nach dem Spielabbruch (v.l.n.r.)Foto: Koch

Fragen und Antworten des 1. FC Union

Am 12. April sendete ich folgende Fragen an den 1. FC Union und bekam am 16. April diese Antworten:

1. Wurden aufgrund der Vorfälle von Stockholm (Platzsturm, Pyro) bis jetzt Stadionverbote verhängt? Wenn ja, wann und wieviele? Wenn nicht, warum nicht?

Bislang wurden keine Stadionverbote verhängt. Nach staatsanwaltschaftlicher Freigabe der polizeilich ermittelten Personen an den 1. FC Union Berlin beginnt nun das Anhörungsverfahren im Verein. Danach erfolgt die Entscheidung über Stadionverbote.

2. In Stockholm trat im Unionblock die als rechtsextrem bekannte Gruppe „Crimark“ wieder offen auf. Die Gruppe darf im Stadion an der Alten Försterei nicht tätig werden, ein Betretungs- oder Stadionverbot gab es bisher aber nicht. Wurde gegen einzelne Mitglieder von „Crimark“ ein Betretungs- oder Stadionverbot verhängt? Wenn ja, wann und wieviele? Mit welcher Begründung?

Es gibt bundesweit wirksame Stadionverbote gegen einzelne, der Gruppierung zugerechnete Personen aus unterschiedlichen Sachverhalten. Stadionverbote werden grundsätzlich aufgrund nachgewiesenen individuellen Fehlverhaltens z.B. Verstößen gegen die Stadionordnung erteilt.

3. Gab oder gibt es andere Maßnahmen durch den 1. FC Union, um Aktivitäten von „Crimark“ im Umfeld von Spielen des 1. FC Union zu unterbinden? Teile der Ultragruppierungen des 1. FC Union sind mit „Crimark“ personell durchaus verbunden. Wie werden diese Teile in die Pflicht genommen, um „Crimark“ vom 1. FC Union fernzuhalten?

Wir bewegen uns im Rahmen der gegebenen rechtlichen Möglichkeiten. Dort wo es zu nachweislich strafrechtlich relevanten Fehlverhalten kommt, reagieren wir. Grundsätzlich muss man verstehen, dass Vereine gegenüber Fans nicht „weisungsbefugt“ sind. Bewertet und gegebenenfalls geahndet wird individuelles Verhalten.

4. Wie hat der 1. FC Union mit der Polizei oder Staatsanwaltschaft bei der Aufklärung von Straftaten zusammengearbeitet? Hat der 1. FC Union identifizierte mutmaßliche Straftäter der Polizei mitgeteilt? Über welche Personen lief bei Union die Zusammenarbeit mit Staatsanwaltschaft und Polizei? Direkt über den Präsidenten, den Geschäftsführer oder über den Sicherheits-/Fanbeauftragten? Wie bewertet der 1. FC Union die Zusammenarbeit mit Polizei und Staatsanwaltschaft?

Uns zur Verfügung stehende Erkenntnisse wurden an die zuständige Ermittlungsbehörde weitergeleitet. Als Ansprechpartner der Sicherheitsbehörden fungiert der Sicherheitsbeauftragte. Die Zusammenarbeit mit Polizei und Staatsanwaltschaft gestaltet sich professionell.

5. Der 1. FC Union hat eine interne Aufarbeitung begonnen, die nach außen durch eine außerordentliche Fanklubtagung sichtbar wurde. Wie bewertet der 1. FC Union diese Art der Auseinandersetzung mit der eigenen Fanszene?

Sie ist wichtig, um die vom Verein propagierten Werte immer aktiv zu kommunizieren und die positiven Kräfte zu stärken. Die organisierte Fanszene übernimmt hierbei besondere Verantwortung und benötigt dazu auch die Unterstützung durch die Vereinsstrukturen.

Was waren die Ergebnisse der Fanklubtagung und wie wird diese Aufarbeitung seitdem fortgesetzt? Gibt es eine Art Ziel, das der 1. FC Union mit seinen Fans anstrebt? Irgendeine Art Fankodex oder ähnliches?

Diese Fanklubtagung war nicht die erste und auch nicht die letzte. Die Arbeit mit der Fanszene ist ein andauernder Prozess. Von der Organisation von großen Fanveranstaltungen bis zur Diskussion über besondere Vorfälle umfasst diese Arbeit ein breites Spektrum an Themen. Die Werte des Vereins sind in der Satzung festgeschrieben. Das Verhalten im Stadion An der Alten Försterei regelt die Stadionordnung und natürlich geltendes Recht. Ein symbolischer Fankodex hätte den bereits existierenden Regelungen nichts hinzuzufügen und wäre reine Symbolik. So etwas ist nicht geplant.

6. Hat der 1. FC Union aufgrund der Vorfälle in Stockholm die Vorbereitung solcher Auswärtsfanspiele im Ausland für sich verändert? Gibt es eine Art Agenda (Qualitätssicherung), die nun als Art Selbstverpflichtung durchgeführt wird?

Eine Analyse ist erfolgt. Allerdings ist der Einfluss auf Sicherheitsvorkehrungen gerade im Ausland sehr gering. Hier kann vorbeugend in erster Linie nur eine prognostische Erkenntnismitteilung erfolgen, die mit der Erkenntnislage der Berliner Polizei abgestimmt ist. Jedes Spiel wird gründlich vorbereitet, auch für Stockholm galt das. Das Spiel wurde sogar von szenekundigen Beamten aus Berlin begleitet und es gab im Vorfeld keine Erkenntnisse, die auf eine solche Eskalation hatten schließen lassen. Wir werden auch weiterhin alle uns zur Verfügung stehenden Informationsquellen nutzen, um Spiele vorzubereiten. Dazu ist keine Selbstverpflichtung notwendig, das liegt ja in unserem ureigenen Interesse.

Sieht der Verein die Vorbereitung des Spiels in Stockholm im Nachhinein als zu unprofessionell an? Sind weitere Auslandsfreundschaftsspiele bis auf weiteres ausgeschlossen?

Nein, solche Spiele sind nicht ausgeschlossen. Wir werden immer versuchen, Fußball zu ermöglichen – nicht ihn zu verhindern. Grundsätzlich lernt man aus jedem Ereignis und das ist auch bei Stockholm der Fall.

Transparent der Union-Fans als Reaktion auf die Ausschreitungen in Stockholm. (Gesehen beim Test gegen Bielefeld am 1. Februar 2014)Foto: Koch

Eine persönliche Bemerkung

Ich persönlich glaube nicht, dass Stadionverbote die endgültige Weisheit im Umgang mit solchen Vorfällen wie in Stockholm sind. Doch darum ging es in dem Artikel nicht. Dort ging es darum, dass der Präsident des 1. FC Union diese mit der Zahl 50 bis 60 öffentlich nachprüfbar ankündigte. Die Möglichkeit, eine eventuelle Änderung des Meinungsbildes von Präsident Dirk Zingler transparent darzustellen, wurde von Vereinsseite in den Antworten nicht genutzt.

Die Verzögerung bei der Aussprache von Stadionverboten kann viele Gründe haben. Beispielsweise in einem Kompetenzgerangel zwischen Verein und dem DFB. Denn so klar, wie es jetzt scheint, war es nicht, dass der 1. FC Union für die Aussprache der Stadionverbote verantwortlich ist. Doch auch davon stand nichts in den Antworten.

Mich würde immer noch interessieren, wie der 1. FC Union in Zukunft der Grenzüberschreitung des Werfens von Gegenständen auf den Platz und des Betretens des Innenraums begegnen möchte. Die neue Stadionverbotsrichtlinie (PDF, seit 1. Januar 2014 in Kraft) sieht ausdrücklich auch die Möglichkeit vor, Fans nur kurzzeitig auszusperren. Die Mindestlänge ist eine Woche. Theoretisch wäre es also möglich, für das Betreten des Platzes ohne anschließende Straftaten, wie in Stockholm massenhaft geschehen, kurze Stadionverbote (beispielsweise vier Wochen) auszusprechen, um die Überschreitung der Roten Linie deutlich zu machen, ohne gleich unverhältnismäßig abzustrafen.

5 Gedanken zu „Der Spielabbruch in Stockholm: Meine Fragen und die Antworten des 1. FC Union

  1. Ich verstehe nicht, was Sie mit diesem Artikel zum jetzigen Zeitpunkt bezwecken.
    Die Ermittlungsverfahren der Polizei sind überhaupt noch nicht abgeschlossen. Damit stehen auch noch keine Schuldigen fest. Nicht jeder der in Stockholm auf dem Platz gestanden hat, ist ein Straftäter. Es gab einige, die versucht haben, die Anderen zurück zu halten. Das ist aus einem Foto nicht eindeutig zu erkennen. Der 1. FC Union ist doch nicht die Polizei. Der Verein muss diese Ergebnisse abwarten und die Mühlen der Justiz mahlen nun mal langsam. In ihrem Artikel erwecken sie den Eindruck, es gäbe Versäumnisse von Seiten des 1. FC Union Berlin. Ihnen hätte es gefallen, es wären zügig irgendwelche Bauernopfer in`s Rampenlicht gezerrt worden. Ein faires Verfahren für jeden Einzelnen braucht aber seine Zeit. Ich erinnere hier nur an die Vorkommnisse in Köln im Februar 2013. In der Berliner Presse wusste jeder ganz genau, dass die Unionultras brandschatzend durch Köln gezogen sind. Die Schuldfrage war völlig klar. Und erst jetzt, mehr als ein Jahr später, gibt es einen Freispruch erster Klasse, keinerlei Strafen, keine Stadionverbote. Darüber berichtet natürlich niemand. Das ist ja auch keine Nachricht. Dafür hat es ein Jahr gebraucht. Merken Sie etwas?
    Das sind die Zeiträume, in denen die Justiz solche Ereignisse aufarbeitet. Jetzt den Verein an den Pranger zu stellen ist einfach nur billig.
    Soweit ich weiß, sind Sie ja Vereinsmitglied. Von einem solchen erwarte ich zumindest kein vereinsschädigendes Verhalten. Natürlich darf ein Vereinsmitglied und Journalist auch kritisch sein. Aber zu diesem Zeitpunkt mit diesem Thema finde ich das zumindest fragwürdig.

  2. Hochinteressanter Weg, den Artikel noch mit Hintergrundinfos zu untermauern. Finde, die innere Zerrissenheit des Vereins wird deutlich.

    Bin gespannt, wie sich die Sache entwickelt.

  3. Ich finde es großartig, wenn Medien Ankündigungen noch einmal auf den Busch klopfen und verifizeren, wie viel von den gemachten Ankündigungen umgesetzt wurden. Das gilt natürlich auch in diesem Fall und auch für den 1. FC Nicht-mehr-so-ganz Wundervoll.
    Von mir volle moralische Unterstützung und beide Daumen nach oben: Denn fairer als wie von dir betrieben- komplett die Fragen, die Antworten und die Umstände zu bloggen, geht es nicht.

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