Live: Ne janz enge Kiste

3:54 Uhr Guten Morgen vom Bahnhof Lichtenberg. Gerade setzt sich der Sonderzug direkt nach Köln in Bewegung. Gut sieben Stunden soll die Fahrt bis Köln-Deutz dauern. Ich gönne mir jetzt erst einmal etwas Schlaf. 13 Uhr Anstoß im Kölner Stadion.

4:17 Uhr Der Kaffee im Imbiss vor dem Bahnhof Lichtenberg war vielleicht doch keine gute Idee. Bin knallwach. Gut, dann kann ich den Kollegen zuhören, wie sie von ihren legendären Kölnausflügen erzählen. Das 0:7 aka “Ne janz enge Kiste” gehört natürlich dazu. Schön natürlich die Erzählung von Matze Koch: “Das letzte Mal, als ich in Köln war, hat Carl Zeiss Jena bis zur 79. Minute 3:1 geführt und am Ende noch 3:4 verloren. Das war der Abstieg.” Nicht umsonst führt der Klub mittlerweile die Beschreibung “der einstmals ruhmreiche” vor dem Vereinsnamen.

4.34 Uhr Matze versucht zu schlafen. Das ganze Abteil hat Reichsbahn-Charme. Natürlich Raucher…

4:57 Uhr Ganz schön frisch im Abteil. Wir suchen den Heizungsregler. Naja, wenigstens den Lautsprecher haben wir schon auf Anschlag aufgedreht. Oh. Unter dem Mülleimer ist ein Drehventil. Ohne Bezeichnung. Einfach mal nach ganz rechts drehen und schauen, was passiert. Falls ich mich nicht mehr melde, war es der automatische Notausstieg. O-Ton Matze: “Es ist genau so kalt wie im Sonderzug nach Wien fünf Tage nach Maueröffnung.”

5:33 Uhr Wir rollen durch Magdeburg. In den Nachbarabteilen ist die Stimmung richtig gut. Für uns stehen die Getränke, die dort gereicht werden, aber auf der Dopingliste. Gleich mal durch den Zug laufen und schauen, ob es auch Kaffee gibt. Die samtroten Sitze sind übrigens gut durchgesessen.

6:16 Uhr Kollege B. (Name der Redaktion bekannt) versucht es jetzt mit ein bisschen Schönheitsschlaf.

6.27 Uhr Kurzer Halt in Braunschweig. Aus den Fenstern schallt: “Wir sind Unioner, wir sind die Kranken …” Einsam auf dem Bahnsteig ein BTSV-Fan, der seinen Schal hochhält. Dabei spielen die erst morgen bei 1860. Frühaufsteher.

7:53 Uhr Wir sitzen in Waggon 10, also ganz hinten im Zug. Für den Morgenkaffee sind wir durch den ganzen Zug geschlittert. Obwohl, in fast allen Wagen klebt der Boden. Der Zug wackelt so stark beim Fahren, dass wir den Kaffee von Erik gleich vor Ort getrunken haben. Und dabei immer das Heizwasserthermometer im Blick.

8:21 Uhr Im Partywagen ist richtig Stimmung. Ich sage nur Düdüdüdüdü düdü – Union! Es tanzt sich gut. Der Boden ist wunderbar glitschig. Aufpassen muss man nur, wenn die Bierträger sich vorsichtig den Weg durch das Partyvolk bahnen.

8:22 Uhr Mein Gang durch den Partywagen :)

Partywagen im Union-Sonderzug nach Köln from Saumselig on Vimeo.

8:25 Uhr Beim DJ hängt das Zugmotto. Ich werde Zombie Nation bis heute Nacht sicher nicht mehr aus den Ohren bekommen.

8:30 Uhr Flaschen durften nicht mit in den Zug. Aber die Versorgung hier ist gesichert, zu sehr fairen Preisen. Würde ja gerne wissen, was der “Erdbeer-Brandstifter-Cocktail” so beinhaltet. Und vor allem, was der DFB dazu sagt.

9:06 Uhr Wir passieren gerade Ahlen. Ganz schlimme Erinnerungen an den Sommer 2000. Aufstieg vergeigt. Vom Frühjahr 2004 schweige ich lieber ganz.

Die Abteile sind größtenteils mit Schildchen vorreserviert. Die bekannten Namen: Komakolonne, Alt-Unioner, und so weiter. Bei uns steht nur schnöde: Presse.

9:37 Das Motto der Fahrt ist ja bekanntlich der Gesang von der legendären 7:0-Niederlage in Köln. Unions Fanvereinigung Virus, die den Zug organisiert hat, ließ es sich nicht nehmen, die Fahrkarte auch entsprechend zu gestalten. Ganz klar ein Fall für das persönliche Sammelalbum.

10:05 Uhr “Stop, in the name of love, before you break my heart!”, singt ein Uniofan über den Gang tanzend. In der Hand zwei Erdbeer-Brandstifter-Cocktails. Was drin ist, weiß ich immer noch nicht. Aber immerhin kennen wir schon die Wirkung.

10:34 Uhr Bottrop oder wie der Berliner sagt: “Hier möchte ich nicht tot über’m Zaun hängen.” Der Schnee draußen ist mittlerweile geschmolzen und auch die klare Stimme ist vielen Fans abhanden gegangen. Wichtig sind jetzt Lieder, in denen die Vokale besonders gedehnt werden können. In einer Stunde landen wir in Köln-Deutz. Bin persönlich gespannt, wieviele Verluste auf Anhängerseite zu zählen sind, wenn wir aussteigen. Das praktische an den Sitzen ist, dass man sie genauso gut als Couch benutzen kann.

10:45 Uhr Der Zug tuckert durch die Gleisanlagen des Oberhausener Hauptbahnhofs. Endlich der Moment, die Waggons halb von außen zu fotografieren.

11:07 Uhr Düsseldorf haben wir passiert. An einer großen Baustelle am Zoo stand: “No Surprising News” Hoffentlich gilt das nicht für heute. Noch so eine heftige Niederlage wie vor zehn Jahren muss ja nicht sein.

11:30 Uhr Wir sollten gleich in Köln ankommen. Unser Taxi am Bahnhof Deutz meldet großes Polizeiaufgebot. Für die Fans stehen Sonderstraßenbahnen bereit. Mal sehen, ob wir da mitfahren müssen.
Erik macht derweil eine erste Müllsammelrunde. Status Update aus dem Partywagen: Es wird weiter getanzt.

12:03 Uhr Wir sitzen schon im Taxi zum Stadion. So eine Sonderzugankunft ist immer etwas Besonderes. Singend fallen die Fans aus dem Zug, dazu die Akustik.

Unionsonderzug: Ankunft in Köln-Deutz from Saumselig on Vimeo.

12:33 So präsentierte sich uns gerade das Stadion.

12:35 Uhr Faustdicke Überraschung bei der Aufstellung. Fabian Schönheim fehlt. Er ist zwar in Köln dabei, aber erkrankt. Und auf der rechten Außenbahn vertraut Uwe Neuhaus weder Patrick Zoundi noch Christopher Quiring. Stattdessen wird dort wohl Jopek spielen. Ich muss jetzt arbeiten und melde mich nachher wieder aus dem Zug.

12:39 Uhr Nach kurzer Diskussion zwischen Mannschaftsarzt Dr. Hepe und Trainerstab wurde entschieden, dass die Fahrt des Teams mit dem Sonderzug ausfällt. Uwe Neuhaus möchte auch nächste Woche eine Mannschaft auf den Platz stellen. Die Erkrankung von Schönheim ist eine fiebrige Grippe. Er wurde bereits separiert.

16:11 Uhr Uwe Neuhaus auf der Pressekonferenz nach der 0:2-Niederlage: “Ich bin ein kleines bisschen enttäuscht. Hatte mir mehr erhofft und war mit der Art und Weise nicht einverstanden. Sah am Anfang so aus, also ob wir Angst gehabt hätten. Nach dem 2:0 war das Spiel so gut wie entschieden. Die Körpersprache der Spieler hat sich dem dann angepasst.”

17:37 Wir sitzen wieder im Zug. Hier ist allgemeine Katerstimmung angesagt. Vom Verein sind jetzt nur Pressesprecher, Sicherheitsbeauftrager und Fanbeauftragter im Mannschaftswagen. Das Team selbst ist aus Krankheitsgründen mit dem Bus zurück nach Berlin gefahren. Alle sind etwas müde. Im Partywagen wird gerade nicht einmal getanzt. Aber das wird nachher sicher wieder.

19:08 Die Euphorie ist in Köln geblieben. Hier ist alles locker. Aber es rockt nicht so richtig. Mag vielleicht auch mit den Vorfällen rund um das Spiel zu tun haben.

Vor dem Spiel am Stadion gab es ein Aufeinandertreffen von Kölner und Union-Ultras. Die Polizei ging dazwischen. Effekt: Ein Polizist mit Nasenbeinbruch. 70 Berliner Fans wurden festgenommen. Sie erwartet ein Verfahren wegen Landfriedensbruch. Sie werden zur Stunde auf freien Fuß gesetzt. O-Ton eines Polizeisprechers: “Was mich wirklich ankotzt. Draußen warten welche von denen und feiern die Freigelassenen, wie bei der Befreiung von Nelson Mandela.”

Zudem wollten sich während des Spiels 35-40 Union-Fans den Gästeblock in eine nicht gestattete Richtung verlassen. Polizei und Ordner wollten sie daran hindern. Dabei wurde ein Ordner leicht. Ein Polizist musste ins Krankenhaus. Verdacht auf eine ernsthafte Kopfverletzung hat sich glücklicherweise nicht bestätigt.

19:19 News aus dem Partywagen: Es wird getanzt. Außerdem sind die Sechser-Pappträger für Bierbecher alle. Wir prangern das an.

Ich habe es endlich geschafft, herauszubekommen, was im Erdbeer-Brandstifter-Cocktail drin ist. Klingt gefährlich: Erdbeeren (Überraschung!), Erdbeersirup, Batida de Coco und Korn. Ich probiere nicht. Erstens steht mein Auto am Bahnhof Lichtenberg und zweitens muss ich morgen früh um zehn Uhr bei Union am Trainingsrand stehen. Vor allem der Korn lässt mich aber rätseln. Schmeckt das? Und wieviel Kopfschmerzen sind der Lohn dafür?

22:08 Uhr Ich habe mich ein bisschen auf dem Gang verquatscht. Mit Lob für unseren Podcast beim Textilvergehen fing es an und endete bei Stadionbau und der ganzen Uniongeschichte. Wahnsinnig interessant. Das ist das tolle an diesen Fahrten. Ich lerne viele neue Leute kennen. Schon dafür kann ich solch einen Sonderzug empfehlen. Vor allem, wenn er so gepflegt ist wie hier.

Ich will nicht mit Toilettenberichten langweilen. Aber ich finde es enorm, dass ich hier auch 22 Uhr abends ohne Probleme auf Toilette gehen kann. Jedenfalls bedeutet das Besetztzeichen nicht, dass die Toilette gesperrt ist.

22:25 Uhr Kurze Werbeeinblendung: Ein Sonderzug für alle Fälle.

Das Nichtraucherschild könnt ihr getrost ignorieren.

22:45 Uhr Magdeburg. Nur noch 105 Minuten bis Lichtenberg. Bei mir schwinden die Kräfte. Ich will vor allem nur noch schlafen. Bei uns im Abteil dreht sich auch nur noch alles darum.

23:03 Uhr Lust auf etwas Schnee. Im Übergang zwischen den Waggons ist noch genug übrig.

1:10 Uhr Endlich zu Hause! Der Zug kam pünktlich kurz vor halb eins in Berlin-Lichtenberg an. Die Gestalten, die dem Zug entstiegen, waren gar nicht mal so laut. Lag bestimmt am vielen neuen Schnee in Berlin. Oder doch an den über 20 Stunden, die wir alle gemeinsam unterwegs waren? Ich würde jetzt gerne ein großes Fazit ziehen, aber meine Augen sind schon ganz klein. Deshalb lasse ich es bei einem “Schön war’s”.

16 Gedanken zu „Live: Ne janz enge Kiste

  1. Schöne Sache das! Lassen sich die Einträge auch absteigend nach Zeit sortiert ausgeben? Würde die Lesbarkeit umd Aktualisierung (z.B. auf Smartphones deutlich verbessern). Weiterhin gute Reise!!

  2. @micha Ich schreibe auf dem Tablet und bin ganz froh, dass es reibungslos funktioniert. Einfach heruntergeschrieben. Vielleicht schaffe ich es nachher, dass umzusortieren.

  3. Sehr geile Idee einen “Liveticker” einzurichten. Wollt ich nur mal loswerden. ;)

  4. Schöner Service für die Daheimgebliebenen. Vielen Dank dafür! Ist ja fast wie live dabei. :)

  5. Kompliment,

    ganz grosses Kino. Besonders für einen, der noch eine Mütze voll Schlaf nehmen wollte. Respekt

    P.S. Gefallen hat mir, dass der eine Eintracht-Fan Eingang in die LIVETICKER-Historie gefunden hat.

  6. @kai Ich habe nur aus mehreren Quellen Gerüchte, dass es am Stadion ein kleines Scharmützel mit Kölner Fans gegeben haben soll. Polizei soll daraufhin großen Teil der Ultras festgesetzt haben. Von offizieller Seite wollte bei Union niemand dazu Stellung nehmen. Auch nicht zu einem angeblichen Vorfall mit einem verletzten Polizisten in der Halbzeitpause. Daher müssen wir jetzt abwarten, was die Polizei dazu sagt.

  7. Vielen Dank für das Berichten! Mich stimmen die “Vorkommnisse” etwas nachdenklich. Auch im Oly gab es schon so etwas, Block 15. Das habe ich so bisher nicht war genommen. Ich hoffe ich täusche mich!

  8. Pingback: Teve139 – Düdüdüdüdü. Sonderzug nach Köln. at ***textilvergehen***

  9. @alorenza Dazu kann sicher die BZ kompetent Auskunft geben, aber nicht das Blog Textilvergehen. Das ist ein reines Privatvergnügen derjenigen ist, die im Impressum stehen.

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