Getestet: Der Sport-Tag

Die Idee ist nicht neu und in Ländern wie Italien, Portugal oder Spanien funktioniert sie auch leidlich gut: Eine tägliche Sportzeitung. In Deutschland hingegen hat sich dieses Konzept bis heute nicht gegen die qualitativ und quantitativ starken Sportteile der Tageszeitungen und das zweimal in der Woche erscheinende Magazin Kicker durchsetzen können. 2006 im Zuge der WM-Euphorie startete die B.Z. in Berlin mit der Sport-BZ einen Versuch, über die WM hinaus eine tägliche Sportzeitung zu etablieren und scheiterte.

Seit heute wird die Zeitschrift “Der Sport-Tag” herausgegeben. Da die Zeitung zunächst im Verbreitungsgebiet Berlin startet und dann sukzessive auf Deutschland ausgeweitet werden soll, haben wir uns zu einem ersten Test entschlossen.

Die Zeitung ließ sich problemlos an einem Zeitungskiosk mit üblichem Angebot kaufen. Das war auch so angekündigt. Vom Layout macht die Ausgabe nicht viel her. Sie ist übersichtlich gegliedert, kommt aber etwas billig herüber. Das mag an dem Stern liegen, der auf der Titelseite prangt und dem Leser „NEU! nur 0,50 €“ entgegenbrüllt. Vielleicht kommt der Eindruck auch vom Schlagschatten, der hinter „Der Sport-Tag“ liegt.

Der inhaltliche Aufmacher ist das gestrige Formel 1 Rennen. Das geht für eine tägliche Sportzeitung in Ordnung. Links daneben werden die Ergebnisse der 1. und 2. Bundesliga gelistet. Darunter wird ein Hintergrundtext zur Situation der Hertha und den Ausschreitungen im Olympiastadion angeteasert. Sehr klar auch die Appetizer mit Bild zu Ribéry, Eisbären und Manchester United.

Schlägt man die Zeitung auf, wird auf einer Seite der Rennverlauf geschildert. Die Platzierungen sucht man zunächst vergeblich, da auf der rechten Seite yet another Interview mit Michael Schumacher samt Infografik zu seiner Karriere zu finden ist. Erst auf Seite vier befindet sich eine kleine Grafik der Rennplatzierungen und einer gleich großen meines Erachtens überflüssigen bildlichen Darstellung aller Streckenprofile. Das war es.

Das nächste übliche Sportthema sind die beiden Bundesligapartien vom Wochenende. Eine Seite für Bremen gegen Hoffenheim und eine für Leverkusen gegen Hamburg. Der Text steht unter jeweils fast halbseitigen Bildern. Ihm wird zusätzlich noch von einer Aufstellungsgrafik samt sehr schmaler Information zu Torfolge und Auswechslung Platz genommen. Inhaltlich sind die Spielberichte belanglos und machen nicht den Eindruck, jemand sei vor Ort gewesen. Lediglich der Spielbericht zum Sieg der Leverkusener enthält einen nichtssagenden O-Ton von Jupp Heynckes, der auch von Sky oder EyeP.TV hätte kommen können. Sprachlich sind die Texte in einem routinierten 08/15-Agenturstil geschrieben, der niemandem weh tut. Allerdings bieten sie auch entsprechend nichts. Auf weitere Statistiken zum Spiel oder Benotungen der Spieler muss man komplett verzichten. Es gibt lediglich eine größere Tabelle, Torschützenliste, Übersicht der demnächst gesperrten Spieler und eine Kreuztabelle. Ganz harte Hausmannskost. Wenn Leckerbissen geplant sind, hat man sie sich wohl noch aufgespart.

Die Berichte zu den Spielen der 2. Liga bekommen jeweils eine halbe Seite, wobei je nach Bildgröße und Aufstellungsgrafik nur Platz für Texte zwischen 26 und 56 Zeilen bleibt. Detailliert ist anders. Der Statistikteil sieht genauso wie der zur ersten Liga aus. Übersichtlich, könnte man wohlmeinend sagen.

Ganz dünn wird es bei der 3. Liga. Klar gab es viele Spielausfälle. Aber wenn von 36 Zeilen die Hälfte der Aufzählung der ausgefallenen Spiele gewidmet wird, dann ist das lustloses Abhandeln. Die vier stattgefundenen Spiele werden wie folgt dokumentiert:

Am Samstag konnten zumindest vier Begegnungen ausgetragen werden. Kickers Offenbach spielte gegen Jahn Regensburg 0:0. Die Braunschweiger Eintracht setzte sich zu Hause mit 1:0 gegen die SpVgg Unterhaching durch. Das Spiel Werder Bremen II gegen den FC Ingolstadt 04 endete torlos. Und der VfL Osnabrück konnte trotz eines Unentschiedens gegen den Wuppertaler SV seine Tabellenführung verteidigen.

Es wäre sicherlich kein Problem, den ganzen Text zu zitieren, da die Schöpfungshöhe hier bei Normalnull liegt.

Zu den angeteaserten Hintergrundberichten. Die Geschichte um Frank Ribéry wird auf einer Seite ausgebreitet. Es geht um seine Zukunft bei den Bayern oder woanders. Kurz: Man erfährt gar nichts. Kein Statement des Vereins, des Trainers, anderer vermeintlich interessierter Vereine, der Berater oder gar von Ribéry selbst. Vielmehr eine kurze Abhandlung seiner bisherigen Karriere, die locker auch aus der Wikipedia kommen könnte und ein paar Informationen zu den Einkommen französischer Sportstars aus der L’Equipe. Der Hintergrundbericht zur Hertha krankt ebenfalls an mangelnder Eigenrecherche und konstatiert nur Offensichtliches. Interessanterweise findet sich kein Wort zum Platzsturm nach dem Spiel. Die finden sich einige Seiten weiter zusammengefasst unter der Überschrift „Tatort Bundesliga“. Dort werden allerdings nur O-Töne zusammengefasst und Zusammenhänge zu der Pyroaktion Nürnberger Anhänger in Bochum und Gewalttätigkeiten Rostocker Anhänger im März gezogen. Beschäftigung mit den Anhängern, Nachforschen bei den Beteiligten oder in Frage stellen von schematisch wiederkehrenden vermuteten Zusammenhängen: Fehlanzeige.

Ein wirklich schlimmer Lapsus ist die Mini-Rubrik „Bundesligasprüche“, die auf Schülerzeitungsniveau vermeintlich witzige Zitate sammelt.

Die internationalen Ligen werden mit je einer halben Seite abgespeist. Zwischen 17 und 26 Zeilen verbleiben neben Bild, Tabelle und Spieltagsübersicht für einen Text zum Spieltag. Nun ja.

Drei Seiten gibt es für den restlichen Sport wie Handball, Eishockey oder Wintersport. Der auf der Titelseite versprochene Text zu den Eisbären war nicht zu finden. Dafür gab es nur eine kurze Ergebnisübersicht und eine lieblose Tabelle, für die sich nicht einmal Trennstriche zwischen den einzelnen Platzierungen haben finden lassen.

Ein Kreuzworträtsel ohne Sportbezug füllt die vorletzte Seite während die letzte Seite das Sportfernsehprogramm des Tages präsentiert. Dabei die Kanäle von Sky, Eurosport und ESPN.

Ernüchternd lässt sich feststellen, dass sich kein Artikel in der Zeitung fand, der einigermaßen interessant war, obwohl das sportliche und nichtsportliche Geschehen vom Sonntag das durchaus hergegeben hätte. Die Texte hinterlassen den Eindruck, dass sie auch in einer Gratiszeitung hätten stehen können. Und das ist ein vernichtendes Signal. Gegen den Sportteil einer normalen seriösen Tageszeitung kommt der Sport-Tag nicht an. Und da schließe ich agenturbelieferte Blätter wie meinetwegen die Mitteldeutsche Zeitung ein. Über den Preis konkurriert die Zeitung auch nicht mit diesen Zeitungen, die im Schnitt doppelt soviel oder noch mehr kosten. Aber selbst Tabloids, die in im gleichen Preissegment liegen und wie man sie in Berlin mit Bild, Berliner Kurier und BZ gleich dreimal hat, pointieren die Sportereignisse besser. Es ist also die Frage, welches Profil der Sport-Tag entwickeln möchte. Denn er bräuchte eines, um zu bestehen. Gegen die Lokalsportberichte der Tageszeitungen kann er jedenfalls überhaupt nicht ankommen. Das stiefmütterliche Abhandeln der 3. Liga zeigt, dass dort der Kampf um Anteile auch gar nicht erst aufgenommen werden soll. Magazine wie die Fußballwoche für Berlin oder der Kicker bundesweit beziehen ihre Stärke durch die Beobachtung vor Ort. Knapp gesagt: Es fehlt dem Sport-Tag an Qualität.

Der an Sportereignissen interessierte Leser kennt die Inhalte, die im Sport-Tag präsentiert werden, bereits aus dem Fernsehen oder Netz. Auch hier lässt sich also keine Zielgruppe erkennen. Es ist schon merkwürdig, wie eine Zeitung ohne eine vernünftige Zielgruppenanalyse oder deren inhaltliche Umsetzung, durch Investoren auf dem deutschen Zeitungsmarkt etabliert werden soll. Schade um das Geld. Klar übrigens, dass die Zeitung auch keine ansprechende Internetpräsenz hat.

Wer sich durch die Kritik angespornt fühlt, kann sich allerdings noch als Redakteur bewerben. Es findet sich im Heft eine entsprechende Stellenanzeige.

16 thoughts on “Getestet: Der Sport-Tag

  1. Der an Sportereignissen interessierte Leser kennt die Inhalte, die im Sport-Tag präsentiert werden, bereits aus dem Fernsehen oder Netz.

    Die Inhalte sind wirklich aus dem Netz bekannt, denn einige (viele?) Artikel, zum Beispiel der Spielbericht Hoffenheim – Werder, sind eigenkaufte Agenturberichte, die wortgleich schon am Sonntag auf zahlreichen Websites zu lesen waren. Also sogar bei einem Ereignis wo sich ein Autor in Berlin vor dem Fernseher hätte hinsetzen können und selber einen Bericht schreiben können, greift man auf eingekaufte, nicht-exklusive Texte zurück und kippt sie in Indesign CS3 rein. Traurig.

  2. Du tust mir ein bisschen leid, denn es scheint als hättest du mehr Zeit in diesen Artikel investiert als der “Sport-Tag” für die “Produktion” seiner Zeitung brauchte.

  3. kleine korrektur inhaltlicher art: in portugal funktioniert das nicht “leidlich”, sondern ausgezeichnet – es gibt drei tägliche sportzeitungen, die sich schwerpunktmäßig mit fußball befassen. “a bola” ist mit 150.000 exemplaren sogar die auflagenstärkste tageszeitung portugals.

  4. Gleiches gilt für Spanien. Auch hier funktioniert das keineswegs nur “leidlich”. Marca gilt als meistgelesene Tageszeitung des Landes – und es gibt noch mindestens drei andere Sporttageszeitungen.

  5. @steffi und @mallefitz: Für meinen Seelenfrieden habe ich das Adjektiv von “leidlich” in “gut” geändert. Macht für mich persönlich keinen Unterschied, da ich “leidlich” positiv konnotiert sehe.

  6. @dogfood: Schlimm, wenn ein Eindruck dermaßen bestätigt wird. Wer so an den Start geht, will doch nur scheitern oder unterschätzt seine Leserschaft massiv.

  7. Danke für die Rezension, dann kann ich mir die 50 Cent, um mir selbst ein Bild zu machen, ja anscheinend sparen.

    In Frankreich mit L’Équipe und in Italien mit der Gazzetta dello Sport gibt es zudem auch echte Institutionen unter den Sport-Tageszeitungen. Weiß nicht, ob wir zu blöd sind, um so etwas auf die Beine zu stellen, oder im Gegenteil zu sportverrückt, um montags noch ernsthaft an Spielberichten interessiert zu sein. Da müssten es dann doch ein paar mehr Hintergründe sein.

  8. Danke für diesen umfangreichen Test! Wie bei allen (bisher gescheiterten) Sport-Tageszeitungen ist die Idee an sich gut, aber so natürlich schon von vornherein zum Scheitern verurteilt. Ich habe die Leseproben gelesen und komme zu dem Schluss, dass mein wöchentlich erscheinendes lokales Anzeigenblatt eine fundiertere (und sogar selbst recherchierte) Sportberichterstattung hat.

    Welches Geschäftsmodell man sich davon verspricht, ist mir völlig unklar. Schon der allererste, noch nicht einmal die Überschriften erfassende Blick verrät: Ramschware.

  9. Hinter “Der Sport-Tag” stecken neben dem Klein-Verleger Michael Hahn (“nurTV”, TV Sudoku”) “fünf sportlich stark interessierte Gesellschafter”, darunter auch der Berliner Immobilienunternehmer Patrick Juhncke.

    Die Redaktion sitzt in Berlin und besteht zunächst aus 12 festangestellten Redakteuren, sowie 20 freien Journalisten, darunter der Sport-Journalist Rainer Kalb (“kicker”, SID, “tz”), die partiell zuliefern. Geleitet wird die Redaktion von dem Sportjournalisten Winfried Weber.

    Vor diesem Hintergrund (kress) hat sich mein Fragezeichen im Kopf eben ein wenig verkleinert. Und in puncto Profil gibt es bei dwdl gar Vergnügliches zu lesen:

    Orientieren möchte sich die Redaktion etwa an der französischen “L’Equipe” und der italienischen “La Gazzetta dello Sport”. Laut Hahn soll sich die Zeitung vom “marktschreierischen Boulevardstil” der Wettbewerber unterscheiden und sich am Stil des “Kicker” orientieren.

    [hab’ mich nicht mit links getraut, die wurden in der kommentarvorschau nicht angezeigt]

  10. kress schreibt: “”Der Sport-Tag” ist die erste tägliche deutsche Sportzeitung.”
    also mein Vater hatte das `Deutsche Sportecho`abonniert. Ich konnte als Kind ne tägliche Sportzeitung von Montag bis Sonnabend lesen. War halt in der Ostzone nicht in Deutschland.

  11. Die Agenturberichte über das Bahrainrennen sind schon schlimm genug, dass man sich nicht mal eine eigene Meinung erlaubt, nicht mal einen Redakteur vor den Fernseher gesetzt hat, zeugt davon, dass hinter dem Projekt keinerlei journalistische Interessen stehen, sondern rein wirtschaftliche. Herz- und Seelenloser Abschreibjournalismus.

  12. Da ich ja nun auf der allesaussersport-Facebookseite die Berliner aufgrufen habe sich die Zeitung mal zu holen und einen Bericht zu schreiben, sei als erstes Mal gesagt: Dankeschön für den Kauf und den ausführlichen Bericht.

    Kann mich dem Echo natürlich nur anschließen. Was ich schade finde, ist, dass man gerade den internationalen Fußball so stiefmütterlich behandelt. Da finde ich Kicker und SportBild furchtbar und da könnte zumindest eine Lücke sein, rein von der inhatlichen Seite. Wie das ganze dann ausgestaltet werden muss, ist ja eine ganz andere Frage. So wie jetzt umgesetzt, ist es der völlig falsche Weg.

    Da man noch nicht eine positive Stimme gehört hat, können wir ja mal überlegen, ob wir nicht schon Wetten auf die Einstellung entgegennehmen. Glaube kaum, dass man sich bis zur WM im Juni hält.

  13. Übrigens, die zweite Ausgabe war noch langweiliger. Weil an einem Montag naturgemäß weniger sportliche Events stattfinden. Spätestens jetzt hätte man Hintergrundberichterstattung erwartet oder Regionalisierung. Nüscht davon drin.

  14. Pingback: Getestet: Sportsfreund at ***textilvergehen***

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