Voller Zuversicht nach Süden

Fußballfans haben ja traditionell eine, manchmal ungesunde, Mischung aus ausgeprägtem Kurzzeitgedächnis und mindestens ebenso ausgeprägtem Verdrängungsimpuls. Wenn das bei Fußballfans schon so ist, kann man sich ja vorstellen, wie sehr das erst Union-Fans betrifft. Jedenfalls schiebe ich darauf meine seit zwei Tagen wachsende Zuversicht, was das Spiel in München gegen 1860 angeht. Vielleicht können wir nächste Woche ja dann mal drüber reden, dass die Zuversicht gerechtfertigt war.

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Norbert Düwel ist der Chef-Trainer, nicht der Chef-Sündenbock

Holger Bahra ist seit gestern nicht mehr Torwart-Trainer bei Union. Sein ohnehin im Sommer auslaufender Vertrag, der nicht verlängert worden wäre, ist damit nicht vorzeitig beendet. Bahra ist freigestellt, wie das im Juristendeutsch heißt. Ob Union juristisch damit durchkommt, hängt davon ab, ob der Torwarttrainer auf Wiedereinstellung klagt. Wie Arbeitsgerichte die ständige Verlängerung befristeter Verträge einschätzen, konnten wir bei der Trennung von Hertha und dem langjährigem Torwarttrainer Christian Fiedler beobachten. Machte trotz befristeten Vertrag eine Ablöse von schlappen 410.000 Euro, plus zu zahlendes Gehalt und Prämien insgesamt 579.000 Euro. Der feine Unterschied: Fiedler wurde gekündigt, Bahra nicht.

Foto: Matze Koch

Auch bei der Ursachenforschung zur Trennung von Bahra, den alle als knorrigen Mann mit bärbeißigem Humor kennengelernt haben, gibt es kleine und feine Unterschiede. Es gehört wenig Phantasie dazu, dass der Torwartwechsel von Daniel Haas zu Mo Amsif am Wochenende der Auslöser für die sofortige Beendigung der Zusammenarbeit gewesen ist. Doch der inhaltliche Grund dürfte weiter reichen als bis zu Norbert Düwels Schreibtisch.

Denn bereits unter Uwe Neuhaus gab es Überlegungen, sich von Bahra zu trennen. Auch weil keine Weiterentwicklung der Torhüter zu sehen war. Warum Neuhaus diesen Schritt nicht gegangen ist, bleibt Spekulation. Aber es ist nicht die einzige zögerliche Personalentscheidung die der ehemalige Union-Trainer getroffen hat. Sichtbar war der Konflikt für Außenstehende, als im Mai 2012 die Verträge von Bahra und Co-Trainer André Hofschneider unterschiedliche Laufzeiten bekamen. Hofschneider ist seitdem unbefristet dabei, Bahra bekam seitdem immer nur noch einen Jahresvertrag.


Foto: Matze Koch

Für etwas gefährlich halte ich den Zustand, dass schon wieder Düwel im Fokus ist. Natürlich hat er die Entscheidung getroffen, sich von Bahra zu trennen. Aber dieser Entschluss hängt auch schon seit fast drei Jahren in der Luft. Ebenso wie sich Neuhaus nie an die Personalie Mattuschka herangetraut hat, ist auch hier Düwel mit dem Erbe des vorherigen Trainers belastet.

Es ist Düwels Neuheit im Trainergeschäft zu verdanken, dass er ohne eigenes Trainerteam zu Union kam und sich auch auf dieses Experiment mit den ehemaligen Co-Trainern von Neuhaus eingelassen hat. Ich würde behaupten, dass das nur wenige gemacht hätten. Aber irgendwie wäre es gut, das übernommene Erbe auch zu kommunizieren. So schön es ist, wie der Verein Konflikte intern halten kann, so überraschend sind dann die Trennungen für Außenstehende und Fans. Denn im Moment ist Düwel aus Fansicht derjenige, der Mattuschka vergrault und Bahra gefeuert hat.

Kleiner Hinweis von mir: Auch unter der “Lichtgestalt” Uwe Neuhaus war nicht alles gut ;)

Etwas strittig ist die Nachfolge von Bahra. Union bleibt beim Credo: Wir verkünden etwas, wenn es etwas zu verkünden gibt. Der Kurier wirft Ronny Zeiß aus Leipzig ins Rennen und meint, Integrationstrainer Pablo Garcia würde für Bahra aushelfen. Der Tagesspiegel sieht dagegen Fitness-Coach Daniel Wolf beim Training mit den Torhütern zu und meint, dass schon heute der Neue seinen Einstand geben könnte. Das wäre dann laut Tagesspiegel und Bild Dennis Rudel von den Kaizer Chiefs aus Südafrika.

Und wenn schon Personalien im Tagesspiegel, dann richtig: Auch U23 Trainer Jaspert wird Union verlassen. Aber erst zum Saisonende. Ein Angebot aus dem Ausland soll es sein.

Außerdem erschien in der BZ: So will Schönheim am Freitag in Darmstadt punkten

Lasst mich! Ich bin erschüttert.

Das erste Interview, das ich jemals für’s Textilvergehen geführt habe, war eines mit Holger Bahra. Ich war jung jünger, ich wusste nicht, wie Interviews funktionieren, aber ich wusste ganz sicher, dass mich interessiert, was ein Torwarttrainer zu sagen hat. Und gerade dieser Tortwarttrainer hatte eine zackige, geradlinige Art, mit der ich viel anfangen konnte. Es wurde eventuell nicht das beste Interview aller Zeiten, und alles, was daran gut ist, hat Holger gut gemacht. Wann immer wir uns in der Folge am Rande eines Fußballspiels oder Trainings gesehen haben, war Zeit für einen kurzen Gruß, ein Lächeln, ein Kopfnicken. Im normalen Leben nichts außergewöhnliches, im Profifußball keine Selbstverständlichkeit. Dieselbe Art von Höflichkeit war Jan Glinker zueigen. Sie ist deshalb sehr wohltuend, weil der Umgang von Fußballspielern und Presse nicht immer konfliktfrei verläuft.

Holger Bahra
Foto: Matze Koch

Heute wurde Holger Bahra, dessen Vertrag nur noch bis zum Saisonende läuft, mit sofortiger Wirkung freigestellt. Die Begründung ist gewohnt kryptisch.

“Aufgrund vieler Veränderungen in den letzten Monaten war jedoch die Basis für eine weitere Zusammenarbeit nicht mehr gegeben, deshalb haben wir diesen Schritt jetzt vollzogen.”

Mich hat das überrascht, erschüttert und auf eine schwer zu fassende Weise traurig gemacht.

Der Ruf nach einem anderen Torwarttrainer ist nicht neu. Es gab ihn bereits, als der Cheftrainer noch Uwe Neuhaus hieß. Vermutlich hat Norbert Düwel auch hierbei alles richtig gemacht. Er hat abgewartet, sich alles in Ruhe angesehen, ausprobiert und dann entschieden. Der Satz “Unions Torhüter entwickeln sich nicht mehr weiter” fiel in der Vergangenheit ein ums andere Mal. Ich kann das ebensowenig beurteilen wie die meisten anderen, die dazu eine Meinung haben. Nur soviel: Ich stelle selten sportliche Entscheidungen infrage. Auch diese nicht. Während zuvor in der Regel der Torhüter gewechselt wurde, trifft es dieses Mal beide, den Torhüter und seinen Trainer. Daniel Haas geht auf die Bank. Holger Bahra nimmt seinen Hut.

Holger Bahra
Foto: Matze Koch

Trotzdem sind einige dieser Entscheidungen schwer verdaulich. Sie sind nicht falsch. Sie sind bloß schmerzhaft. Wie Paare im Freundeskreis, die sich trennen, aber gestern noch zusammen auf ‘ner Party waren. Man hatte ja nichts geahnt! Am Sonntag war doch noch alles gut! Nein. War’s wohl nicht. Aber woher soll ich das denn wissen, verdammt?!

Ich vermisse mit Holger Bahra einen außerordentlich korrekten Sportler, der mein zu-Union-gehen sehr bereichert hat. Danke!