Sonnenschein auf meiner Sonnenbrille.

Kurz vor Beginn der neuen Spielzeit treffen sich Berliner Pressevertreter und Verein alljährlich einmal “im Guten”. Beim traditionellen Medien Kick Off gibt es üblicher Weise einen Ausblick auf die kommende Saison. Während in den Vorjahren auch schon einmal das Gefühl aufkam, ich stünde am Flughafen und erfahre beim Check-in, dass sich die Regeln für´s Handgepäck geändert haben, war ich dieses Jahr auf Veränderungen im Mediencontainer vorbereitet.

Die Bekanntgabe des Saisonziels, ein Fazit der Vorbereitung und der Ausblick auf den Punktspielstart standen auf dem Zettel. Als Gesprächspartner waren Dirk Zingler, Uwe Neuhaus und Nico Schäfer an Bord der Helgard.

“Wir fangen an zu bauen, wenn wir uns stabil genug fühlen, sportlich wie wirtschaftlich”, leitete ein mit der bisUherigen Entwicklung sichtlich zufriedener Dirk Zingler die Gesprächsrunde ein. Zugleich stellte er klar, dass die Erlöse aus den Transfers nicht in den Tribünenbau fließen. Der war ohne diese Zusatzeinnahmen geplant, und dabei bleibt es. Union rechnet mit einem Zuschauerschnitt von 15.000. Das ist weniger als im vergangenen Jahr. Dennoch wird der Etat von insgesamt 18 Millionen Euro in allen Bereichen erhöht. 8 Millionen darf die Lizenzspielermannschaft kosten. Der Nachwuchs bekommt 1,25. Möglich wird dies durch erhebliche gesteigerte Sponsorenzuwendungen, aber auch durch einen Zuwachs der Mitgliederzahlen. Und tatsächlich benennt Dirk Zingler das Saisonziel. Platz 5 bis 7 ist angestrebt. Verfestigen. Verbessern. Und irgendwann aufsteigen. “Das kann zwei, drei oder fünf Jahre dauern. Oder ein Jahr.”

Uwe Neuhaus blickt ebenfalls sehr erwartungsfroh in die Zukunft. “Realistisch, aber anspruchsvoll” nennt er das Saisonziel. Seine Startelf steht für Neuhaus auf acht Positionen fest. Den Mannschaftsrat, bestehend aus dem alten und neuen Kapitän Torsten Mattuschka, Patrick Kohlmann, Michael Parensen und Markus Karl hat er persönlich ausgewählt. Die Neuzugänge hätten sich menschlich-charakterlich einwandfrei integriert, die Verletzungen von Daniel Haas und Björn Kopplin bedauert er zwar, aber so etwas sei in der Vorbereitung “leider fast normal”. Großes Kopfzerbrechen bereiten sie ihm nicht.

Ob ein neuer Spieler kommt? Nico Schäfer bestätigt. Es ist ein klares Ja, keines mit Fragezeichen. Weil mehrere Optionen offen stünden, werde der Name erst zum Ende der Woche bekannt gegeben. “Das Geld für Chine geben wir dafür aber nicht aus”, dämpft Dirk Zingler allzu überzogene Erwartungen.

Natürlich bleiben auch die Fragen nach Hertha und dem Derby nicht aus. “Wir spielen mit einem Drittel des Etats von Hertha in der selben Liga”, wirft Dirk Zingler ein. “Hertha hat die besseren Voraussetzungen und Strukturen, aber sportlich können wir uns messen”, meint Uwe Neuhaus, der gerne Stadtmeister bliebe und nichts dagegen hätte, beide Spiele zu gewinnen. Dass Hertha das größere Berliner Wirtschaftsunternehmen ist, entlockt niemandem auch nur ein Schulterzucken. Hier sieht man sich nicht im Wettbewerb. Uwe Neuhaus betrachtet Hertha überdies als Aufstiegskandidaten.

Durch den Tribünenneubau entfällt ein Teil der Pressearbeitsplätze – das war abzusehen. Dass ab dem Herthaspiel ein provisorischer Arbeitsbereich für die schreibenden Journalisten zur Verfügung stehen soll, überrascht dagegen schon. Die Fernsehkameras werden nur während des Braunschweig-Spiels Richtung neue Tribüne schauen, danach ziehen sie ebenfalls um. Die Fotografen dagegen bleiben, wo sie immer waren. Keine neuen Regeln, kein neues Handgepäck. Glück gehabt. Danke!

Gute Vorsätze.

Donnerstag Abend. Die Helgard von Eddyline schippert über die Spree. Auf dem Boot befinden sich Journalisten, die Medienabteilung des 1.FC Wundervoll und Cheftrainer Uwe Neuhaus. Das Verhältnis der Berichterstatter zum Objekt der Berichterstattung ist nicht immer spannungsfrei. Umgekehrt gilt das selbstverständlich ebenso. Doch auch wenn in diesem Moment keiner dem anderen entkommen kann, ist die Situation sehr entspannt.

Es hat ein bisschen etwas von den guten Vorsätzen und Wünschen zum neuen Jahr. Pressesprecher Christian Arbeit wünscht sich eine deutlichere Kennzeichnung von Fakten und Meinung in den Texten. Dazu gibt er die Abwandlung eines Zitates von Karl-Heinz Müller (Chef der Modemesse Bread & Butter) aus der Berliner Zeitung mit auf dem Weg: “Es gibt Themen, die gehören in die Öffentlichkeit, und andere Themen eben nicht. Union ist ein Wirtschaftsunternehmen und keine öffentliche Einrichtung.”

Die Journalisten wünschen sich dagegen bessere Arbeitsbedingungen. Die Probleme sind bekannt und haben vor allem etwas mit dem zu tun, was der Verein überhaupt nicht hat: Platz. Abhilfe, das ließ Christian Arbeit durchblicken, kann da letztlich nur die neue Haupttribüne schaffen. Alles andere wären neue Provisorien. Pragmatischen Lösungen stünden außerdem die Durchführungsbestimmungen der DFL entgegen. Wer mal mit dem Ligaverband zu tun hatte, weiß, dass die KP China gegenüber der DFL so flexibel wirkt wie ihre minderjährigen Turnerinnen bei Olympia.

Das Verhältnis von Uwe Neuhaus zu den Medien war in der letzten Saison doch arg angespannt. Umso größer ist der Gegensatz seit Beginn der Saisonvorbereitung zu sehen. Der Trainer wirkt wie befreit und gibt sich gelöst. Das erklärte er auch auf dem Boot, als er seine guten Vorsätze vorbrachte: “Ich werde mir Mühe geben, medienfreundlicher zu sein, lockerer zu sein. Aber das wird sicher etwas, denn ich bin so etwas von entspannt nach einem schönen Urlaub.”

Interessant waren vor allem seine Ausführung zur taktischen Aufstellung und zum Kader. Mit Tusche würde sicher wieder das 4-4-2 mit Raute gespielt werden. Ein System, das einfach sehr gut zur Mannschaft passe. Ohne Tusche würde es wahrscheinlicher sein, dass die Mannschaft in einem 4-2-3-1 auflaufe. Den Kader zählte der Trainer wie folgt herunter. Es stünden 27 Spieler im Profikader, wobei Jérôme Polenz nicht mitgezählt werde (-1). Weiterhin wären sieben Spieler der U23 zuzuordnen (-7). Die könnten sich anbieten. Außerdem zieht Neuhaus die zwei Torhüter ab (-2). Am Ende blieben 17 Feldspieler. Nicht viel für eine Saison, aber der Coach legte Wert darauf, dass bei diesen 17 Spielern im Gegensatz zur Vorsaison die Qualität deutlich höher sei. Wenn ich jetzt noch die verletzten Santi Kolk, Torsten Mattuschka und John Jairo Mosquera abziehe (-3) und mir überlege, ab wann Michael Parensen und Patrick Zoundi bei 100 Prozent sind… Nein, das möchte ich jetzt nicht überlegen. Außerdem sind einige der U23-Spieler sehr wohl in der Lage, ihre Chance zu nutzen.

Zurück zu Uwe Neuhaus und seinem Ausblick auf die neue Saison. Ganz oben sieht er Eintracht Frankfurt, St. Pauli, Bochum, Duisburg, Düsseldorf und Fürth. “Bei unserem Saisonziel einstelliger Tabellenplatz bleiben dann nur drei Plätze für uns übrig. Und wenn dann noch eine Überraschungsmannschaft wie das letzte Mal Aue dazwischenkommt, wird es eng. Deshalb müssen wir eine gute und konstante Saison spielen.” Als Gründe für das Abschneiden der letzten Saison nannte der Trainer zwei Faktoren: zuviele ausgelassene hundertprozentige Torchancen und zuviele individuelle Fehler, die zu Gegentoren geführt haben.

Auf der Helgard war die Stimmung recht ausgelassen. Uwe Neuhaus redete mit den Journalisten auch im kleinen Kreis. Was am Ende der Saison von den Wünschen und guten Vorsätzen bleibt, wird zu einem sehr großen Teil vom sportlichen Erfolg oder Misserfolg der Mannschaft abhängig sein. Das wussten alle Beteiligten vor dem sogenannten Medien Kick-off. Und sie wissen es auch danach.