Das Halbzeit-Interview, das der RBB bei der Saisoneröffnung von Unions Frauen führte (0:1-Niederlage gegen Inter Mailand), hat nicht nur das Zeug ein hervorragendes Meme zu werden, sondern bot auch ein paar interessante Einblicke. Denn Richtung Ende der Vorbereitung geht es darum, ein Gefühl für die Leistungsfähigkeit der Teams im Vergleich zur Liga zu bekommen.
Aber kommen wir erst zum Meme-Faktor. Es begann schon damit, dass der TV-Reporter erst Managerin Jennifer Zietz interviewte und dann Präsident Dirk Zingler begrüßte, der später zum Gespräch dazukam. Da er aber Zietz noch etwas fragen wollte, sagte er zu Zingler: „Ich komme gleich zu ihnen.“ Schon beim Aussprechen der Worte dürfte dem Journalisten aufgefallen sein, dass sich das anhörte wie ein Bond-Bösewicht, der zuerst noch seine Guppys füttern will, bevor er 007 den Garaus macht. Aber jedes Wort danach machte es irgendwie schlimmer.
Am schönsten aber, wie sich Jennifer Zietz mit einem „Auf Wiedersehen, Herr Zingler“ und Handschlag vom Präsidenten verabschiedete. So wie man das auf dem Platz halt macht. Der Präsident zögerte tatsächlich einen Moment und verabschiedete sich mit: „Auf Wiedersehen, Frau Zietz“. Das klang ein bisschen wie in einer Sparkassenfiliale, in der sich die Leute auch nach 30 Jahren engster Zusammenarbeit noch siezen.

Welche Erwartungshaltung hat Union bei den Männern?
Aber kommen wir zum Thema Ziele und Einschätzung des Leistungsvermögens zurück. Da würde ich gerne einmal eine Umfrage machen. Denn ich glaube, dass wir da eine sehr hohe Spreizung sehen würden, wenn wir fragen, auf welchem Platz Union am Ende der Männer-Bundesliga landen wird.
Dirk Zingler sprach beim RBB, aber auch zuvor im Trainingslager davon, dass manche ihre Erwartungshaltung überprüfen sollten. „Ich weiß immer nicht, woher die Ansprüche kommen, nach dem Motto: Union sollte nichts mit dem Abstieg zu tun haben. Da kann ich nur mit dem Kopf schütteln“, wurde er in dieser Woche in der Morgenpost zitiert.
Damit betrieb der Präsident das, was man Erwartungsmanagement nennt. Diese Skills hat auch Horst Heldt. So sagte er laut Kicker in der Medienrunde im Trainingslager: „Wir müssen uns immer wieder neu justieren und eingestehen, dass es ein Prozess mit Wellenbewegungen ist.“

Ich habe mich ein bisschen gewundert. Denn angesichts der Zurückhaltung auf dem Transfermarkt, den bisher in der Vorbereitung gezeigten Spielen und der Darbietungen der vergangenen Spielzeiten wäre es aus meiner Sicht vermessen, mehr als den Klassenerhalt als Ziel zu fordern. Das ist keine Koketterie und keine negative Sicht auf das Team. Das ist Realismus.
Doch dann lese ich diesen Text in der Augsburger Allgemeinen und frage mich, ob ich entweder zu kritisch mit Unions Männer-Team ins Gericht gehe oder der Kollege aus Augsburg einfach ein bisschen nach Gefühl geschrieben hat. So schreibt er: „Die Erwartungen im Umfeld Unions sind nach wie vor ziemlich hoch, entsprechend nervös wird es schnell rund um die Alte Försterei.“ Also wenn ich mir die vergangene Rückrunde so anschaue, so kenne ich (außer Hoffenheim, weil es dort einfach niemanden interessiert) keinen Standort, der angesichts der Spielweise des Teams so geduldig war.
Klassenerhalt, Klassenerhalt und noch einmal Klassenerhalt. Darum geht es in der kommenden Saison. Wenn das mit einer aktiveren Spielweise gelingt, umso besser. Wenn das mit dem Einbau junger Spieler wie Ogbemudia (Kicker) oder anderer klappt, umso besser. Wenn jemand wie Aljoscha Kemlein die Möglichkeit erhält und ergreift, mehr Verantwortung zu übernehmen (RBB), umso besser. Aber all das sind Ziele, die für diese und die kommenden Spielzeiten gelten. Aber das harte, messbare Ziel für die Saison kann nur lauten: Platz 15 oder besser.

Wer das nicht glaubt, kann gerne einmal den Kader der Saison 2023/24 durchgehen und mit dem aktuellen Kader vergleichen. Oder um Dirk Zinglers damaliges Bild von den Plateaus, die es zu erreichen gilt, einmal aufzunehmen: Es geht darum, nicht von einem Plateau abzurutschen. Und das wird nur funktionieren, wenn die Mannschaft als Ganzes funktioniert.
Da hilft es natürlich nicht, wenn wir lesen, dass sowohl Frederik Rönnow als auch Matheo Raab noch eine Weile nicht zur Verfügung stehen werden (Bild). Außerdem musste Andrej Ilic aus dem Trainingslager in Österreich abreisen und Oliver Burke konnte gar nicht erst mitfahren (Bild). Aber immerhin konnte Union im Test gegen Limassol (3:2 nach dreimal 45 Minuten) den ersten Lattetreffer verbuchen. Der fiel einige Stationen nach einem Freistoß. Auch die anderen beiden Tore erzielte Union wie so häufig nach Standards (Spielbericht zum Beispiel in der Berliner Zeitung, der Morgenpost oder bei Union auf der Website).

Angesichts dieser Sommervorbereitung mit vielen unbekannten Variablen gehe ich davon aus, dass Union sich die Form wohl wirklich erst in den Pflichtspielen holen wird. Testspiele nicht überbewerten, aber auch nicht unterbewerten. So heißt es immer. Aber wohl in kaum einer Vorbereitung ist mir das so schwergefallen wie in diesem Jahr.
Welches sportliche Ziel haben Unions Frauen?
Zwei Wochen vor dem Start der Frauen-Bundesliga sind auch noch Fragezeichen offen, was die potenzielle Startelf von Trainerin Marie-Louise Eta betrifft. Auch hier habe ich das Gefühl, dass sich die Spielerinnen erst im Wettkampfbetrieb so richtig als Team auf dem Platz finden werden.
Wir haben beim 0:1 Dinge gesehen, die wir aus der vergangenen Saison kennen: manchmal nicht schnell und präzise genug im Spiel nach vorne und teilweise mit Schwierigkeiten in der Entscheidungsfindung. „Wir haben uns offensiv nicht belohnt“, hieß es dann immer. So ähnlich klang es auch nach der Partie gegen Mailand, die Union in der zweiten Halbzeit deutlich besser für sich gestalten konnte (Spielberichte: RBB oder Union-Website).
So ging es viel um Atmosphäre. Lina Magull von Inter Mailand wunderte sich nach der Partie angesichts von 5236 Zuschauern: „Das hat sich nach mehr angefühlt.“ Ich fand es erfrischend, dass sie Union bei Köln oder Leverkusen einordnete, als sie nach Unions Leistungsfähigkeit in der neuen Bundesliga-Saison befragt wurde.
Jennifer Zietz, die für ihren Champions-League-Ehrgeiz bekannt ist, sagte zuvor beim RBB: besser als Platz 9. Dem wollte später auch Kapitänin Lisa Heiseler nicht widersprechen. Im Gegensatz zu den Männern liegt diese Zurückhaltung aber nicht an den wenigen Zugängen. Ganz im Gegenteil: Union hat dort mit Ambition zugelangt. Doch die Frage steht im Raum, wie sehr Union sich in diesem rasanten Wandel der vergangenen Jahre als Mannschaft auf dem Platz findet. An diese schnelle Entwicklung hatte Heisi erinnert. Zurecht. Die vergangenen 3 Spielzeiten waren: Regionalliga, Zweite Liga, Bundesliga.
Die andere Frage lautet: Wie stark wird das Team von Verletzungen verschont bleiben? Da waren die News aus der Vorbereitung eher ernüchternd. Vor diesem Hintergrund finde ich „besser als Platz 9“ eine absolut okaye Aussage. Wir hatten schon bei den Männern das Thema Erwartungsmanagement. Sollte Union beim Thema Handlungsschnelligkeit auf dem Platz eher bei Lia Kamber landen, ist sicher eine deutlich bessere Platzierung als 9 drin. Aber ist Union aktuell wirklich besser als Hoffenheim, Frankfurt oder Wolfsburg? Das glaube ich nicht.
Erinnern wir uns noch einmal an Lina Magull, die Union bei Köln oder Leverkusen verortet hatte. Köln landete auf dem 7. Platz und Leverkusen auf Rang 5. Eine wirklich ausführliche und gute Kader-Einschätzung findet ihr bei Empor, dem Magazin für Frauenfußball. Denn dort war Paul von Die Schlosserinnen im Interview.
Zingler mahnt schnelle Entwicklung der Frauen-Bundesliga an
Ich komme noch einmal zurück auf das Gespräch mit Dirk Zingler beim RBB. Denn dort beherrschte er nicht nur die Gabe, auch bei Nachfragen nichts zu dem zu sagen, wozu er nichts sagen will. Sondern es zeigte sich mal wieder, was für ein Talent Zingler hat, Dinge auf den Punkt zu bringen, wenn es um Themen geht, in denen er zu Hause ist. Das betrifft das Thema Regionalliga-Reform (Berliner Zeitung), denn die bisherige Aufstiegsregel ist de facto eine strukturelle Benachteiligung von zuschauerstarken Clubs in Ostdeutschland.
Das betrifft aber auch das Thema neuer Ligaverband FBL, der die Durchführung der Frauen-Bundesliga ab 2027 übernehmen soll. Dazu befragt sagte Zingler beim RBB: „Professioneller Fußball braucht professionelle Strukturen.“ Wir alle haben verstanden, was er damit meinte. GaliGrü an den DFB.
Auf Nachfrage führte er dann noch aus, dass es höchste Eisenbahn sei angesichts der vielen Top-Spielerinnen, die aktuell die Bundesliga verließen (Bild). Nicht jede war dabei so klar wie Georgia Stanway, die zu ihrem Weggang vom FC Bayern sagte: „Ich möchte in einer wettbewerbsfähigeren Liga spielen, in der es durchgehend hohen Druck und hohe Anforderungen gibt.“
Start der Podcast-Saison
Wer sich gefragt hat, wann wir unsere Podcast-Saison starten: Wir nehmen unsere erste Episode am nächsten Sonntag nach den Testspielen gegen Ipswich Town (Männer) und bei Paris St. Germain (Frauen) auf.
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Der Beitrag aus Augsburg (fehlt da das Wort „unruhig“ im Text?) bezieht sich wohl eher auf die Frauen oder? Denn so wie Union investiert hat, sehe ich uns von den Ambitionen her zwischen Platz 3 und 5.
Das Zingler der Frage welche Abteilung wichtiger ist, Männer oder Frauen, auswich, überraschte mich, denn es hieß ja mal, das die Männer der Grundstein sind und das Geld erwirtschaften das bei den Frauen investiert wird oder geht die Milchmädchenrechnung „8000 Zuschauer im Schnitt bedeuten mind. 100,000€ Einnahmen x 13 Heimspiele = 1,3 Mio, damit trägt sich die Frauenabteilung selbst“ auf?
Zur Erwartungshaltung: nach der letzten Saison sollten wir mit Platz 15 zufrieden sein, denn es wird erstaunlich wenig in Neuzugänge investiert, mal abgesehen vom Gehalt Latte Lath’s das wir angeblich zu 100% (3 Mio €) übernehmen.
Lustrinelli macht zwar einen guten Eindruck, lobt mir aber öffentlich zu oft eine Mannschaft, bei der ich aktuell den Eindruck habe, die spielt dasselbe wie 25/26, andererseits scheint er ein guter zu sein wenn man sieht wie der FC Thun ohne ihn auftritt.
Heldt sollte man weiterhin kritisch sehen, nicht nur wegen des Transfers, sondern auch wegen der hohen Anzahl der Testspiele, wofür sich scheinbar niemand verantwortlich fühlt.
Ich sehe uns um Platz 12 einlaufen, einstellig wäre schön, aber allein das Startprogramm kann dazu führen das wir nach 4 Spielen nur 2-4 Punkte haben könnten.
Euphorie? Nein.
Zuversicht? Naja…
@Michael Nein, der Beitrag aus Augsburg bezieht sich nur auf die Männer.
Ein anderer Punkt: Was für eine Antwort nach der wichtigsten Abteilung im Verein würdest du denn für plausibel halten? Männer sind wichtig, Frauen unwichtig? Welches Signal soll das denn nach innen senden? Kein Unternehmen würde einzelne Bereiche als unwichtig darstellen. Denn was unwichtig ist, wird nicht benötigt. So dürftest du verstehen, warum Zingler solch eine Frage nicht beantwortet.
platz 16 wäre schon toll.
Bei den Männern sehe ich aktuell nicht mehr als Platz 14-15 realistisch, also ganz klar Abstiegskampf. Bei den Frauen bin ich mir ob der ganzen Neuzugänge noch nicht ganz im Klaren. Auf dem Papier alles super, aber gerade beim Test gegen Inter hat man gesehen, dass sich das Team noch finden muss. Die Frage ist, wie schnell das im Liga-Alltag klappt. Ich bin meistens Pessimist und sehe da eher die Region 6-8.