Wir sind Union: Mit dem Union-Bus über die Dörfer

Dieser Text über Roland Krispin erschien zuerst im August 2014 im Köpenicker Magazin Maulbeerblatt.

Am Rand des Oderbruchs liegt die beschauliche Kleinstadt Oderberg. Roland Krispin hat hier seine Kindheit verbracht. Noch nie ist man von Oderberg besonders gut nach Köpenick gekommen. Dennoch geht Roland zu Union, seit er 13 ist. Warum Union? Die Frage irritiert ihn sichtlich. „Weil das so üblich war, bei uns. Man ist zu Union gegangen.“

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Foto: Jan Hollants

„Gegangen“ stimmt eigentlich nicht. „Da fuhr immer dieser Bus, am Sonnabend oder Sonntag, je nachdem, wann gespielt wurde. Für fünf oder acht Mark konnte man mitfahren. Der sammelte die Unioner ein, die in den Dörfern am Straßenrand warteten. Wir waren eine Gruppe von zwanzig Leuten. Ich war einer der jüngsten. Das war so’n bisschen anarchistisch, alles.“

Roland ist das jüngste von fünf Geschwistern. Eine musikalische Familie, in der jedes Kind ein Instrument spielen lernte. Roland hat sich das Klavier gewünscht. „Aber das war schon weg, jeder von uns sollte etwas anderes spielen.“ Am Ende wurde es die Geige. Noch lieber hätte er Fußball gespielt. „Aber wenn die anderen zum Fußballtraining gingen, war ich auf dem Weg zur Musikschule.“

Ins Stadion hat ihn einer seiner älteren Brüder mitgenommen. „Ich habe sofort Feuer gefangen und mir von meiner Mutter einen vier Meter langen Schal stricken lassen. Zu der Zeit war es ja noch nicht so, dass du nach dem Spiel zum Stand gegangen bist und dir einen Schal geholt hast. Das war alles ganz schwer zu kriegen. Ein Aufnäher zum Beispiel. Ich hab jahrelang gesucht, bis ich endlich einen hatte. Und dieser Schal – das war meine Offenbarung. Mit diesem Schal nach Berlin zu fahren. Aufzupassen, dass man nicht von den Falschen erwischt wird.“

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Foto: Jan Hollants

Roland hat Orgelbauer gelernt. In Eberswalde-Finow, fünf Jahre lang. Anfang der Achtziger zog er nach Berlin. An der Hochschule für Musik hat er eine Gesangsausbildung absolviert. Seine Berufe seither waren sehr verschieden. Synchronsprecher. Werbung. Daneben Musik mit Bands und Live-Auftritten. Inzwischen arbeitet er als Logopäde. „Es war immer irgendwas mit Musik oder Sprache.“

Vor Veränderungen fürchtet er sich nicht. „Ich nehme das nicht hin, dass das immer das Gleiche ist.“ Wach bleiben, sagt er. Nicht stehen bleiben. „Ich könnte auch etwas ganz anderes machen.“ Vielleicht muss man genau so sein. Die Dinge einfach herankommen lassen. „Wir schreiben mal ein Union-Lied“, hat ihm Andreas Hähle von Rockradio versprochen, als Roland dort zum Interview war. „Wir machen mal was zusammen‘ ist eine der größten Musikerlügen überhaupt“, dachte er.

„Aber zwei Wochen später hat er mir einen Text geschickt.“ Den hat Roland umgearbeitet. „Weil es nicht meine Sprache war, ich hab andere Bilder.“ Zusammen mit seinem Bandkollegen Christoph Thiel hat Roland die Musik geschrieben, und beide hatten das sichere Gefühl: Daraus muss etwas werden. Sie haben „Wir sind Union“ ins Netz gestellt, kostenlos. Musik und Fußball verbinden Menschen miteinander. „Wir wollten, dass viele Leute den Song kennen und sich dadurch ein Stück Gemeinschaft holen können.“

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Ende September, beim Spiel gegen Aue, lief das Lied zum ersten Mal im Stadion. „Das hatte etwas Unwirkliches. Das ganze Stadion dröhnte, und wir dachten: Das sind wir jetzt!“
Verändert hat sich dadurch vieles und überhaupt nichts. Auf den Rängen wurde er neulich gefragt, warum er denn hier unten sei. „Wo soll ich denn sonst sein? Ich bin Unioner. Natürlich bin ich hier.“

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