´n dicken Pulli an.

“Alles wird gut”, hat jemand an der Bootsanlegestelle an die Mauer gesprayt. Es ist Freitag abend, und kein Fußball, nirgends. Trotzdem sammelt sich am Berliner Dom lauter rotweißes Fußballvolk vor einem rotweißen Fußballschiff. Die Touristen wundern sich. Die Unioner warten.

20090605_boni-abschiedstour_001

Kurz nach sieben kommt er angeradelt. Er hat sich eine Stunde Zeit genommen, sagt er. Niemand hat Sebastian Bönig auf das, was ihn erwartet, vorbereitet. Bißchen Boot fahren halt. Die Unioner wollen sich verabschieden. Und Eddy macht die Leinen los.

Ganz artig dreht Böni die Runde, kommt an die Tische, schüttelt jede Menge Hände. Das macht man so, im Berliner Osten, das mit dem Händeschütteln. Hat er gelernt, in den fünf Jahren Berlin, in den fünf Jahren Union. So richtig weiß er aber immer noch nicht, was das alles soll.

Sebastian Bönig ist 27 und will mit Fußball aufhören. Besser als Union geht nicht, meint er. Sein Bruder spielt in Bochum. Es sei dort nicht unüblich, die eigenen Spieler auszupfeifen, wenn die einen schlechten Tag haben. Das ist ihm in Berlin nie passiert. Und er hatte auch schlechte Tage, wie jeder.

Einmal Unioner, immer Unioner! grüßt das Banner von der Oberbaumbrücke, und ihm wird wohl klar, dass das hier eine Brückenfahrt der etwas anderen Art wird. Weil an dieser Stelle der Spree Friedrichshain auf Kreuzberg trifft, interpretiert indes die Polizei das Transparent politisch und schickt vorsorglich eine Wanne. Man weiß ja nie. Das hindert jedoch die Gesänge nicht. Bönig und Union, Bönig und Union, Bönig-Bönig-Bönig und Union! “Ihr seid doch bekloppt”, sagt der darauf, schüttelt den Kopf und grinst dazu.

Das nächste Licht, das ihm aufgeht, ist eine Brückenbeleuchtung aus bengalischen Feuern und Rauch am Kaisersteg. Wenn sich Unioner entschließen, einen Spieler zu mögen, sind sie durchaus gründlich und lassen sich keineswegs lumpen. So oft passiert das nämlich nicht.

Inzwischen ist es dunkel. Im Mecklenburger Dorf fahren wir einem Feuerwerk entgegen, und dann gibts Geschenke. Lebenslänglich Stadion An der Alten Försterei.

Nee, sagt er, ich heul nicht, und das tut er auch wirklich nicht.

Um wegzustecken, was Sebastian Bönig in den letzten Jahren bei diesem seltsamen Köpenicker Fußballverein erlebt hat, muss man ´n verdammt dicken Pulli anhaben. Erst recht, wenn man aus Bayern kommt. Aber den hat er ja jetzt. “Mia san eisern” steht hinten drauf. Und vorne “Treue kann man nicht kaufen”. Danke, Böni – und vergiß Du uns auch nicht!

20090605_boni-abschiedstour_190

[Noch so etwa drei bis sechs Fotos gibts im hauseigenen Fotoarchiv.]

26 Gedanken zu „´n dicken Pulli an.

  1. Viel zu sachlich der Beitrag, viel zu sachlich…..
    Na jut, war ja auch nicht jeder so bierselig wie das ganze Schiff, es wurden Kinder an Bord gesehen und Spatzen, ich habe sogar gelegentlich feststellen müssen, daß Berlin richtig schöne Uferpanoramas hat und will son ne Tour auch mal ohne Bönig und Steffi und Jan uns so weiter machen. Ja, das werde ich und es wird nie wieder so schön.

  2. ich habe tatsächlich noch nie einen bierseligen beitrag zu schreiben versucht – aber wenn, werden es gewiss sofort alle merken :)

    tja, den böni hat´s ganz schön mitgenommen, glaub ich. und ich sollte vielleicht mal meine scheu überwinden, menschen anzusprechen.

  3. jau det foto von ihm, mit dem rücken zum betracheter, spricht bände!
    herzlichst und eisern aus wien, der meester

  4. Vile zu sachlich, sagte Milan. Und darüber bin ich gestolpert. Auch oder gerade beim fünften Mal lesen. Ich würde gerne von dir hören, wie du es selber siehst. Warst du zu emotional, innerlich? Oder zu distanziert?

  5. Gute Frage @Bunki
    Meine Antwort wäre ein Essay, das ich nicht leisten kann.
    Ich habe mich immer auch gefragt, in wie weit wir uns mit so einer Aktion selbst feiern und wie Sebastian, ich sage bewußt Sebastian, so was verkraftet.
    Ich hatte den Eindruck, daß er das hinkriegt. Nach Vier ein halb Jahren hab ich ihn zum ersten Mal als Typen, als Menschen gesehen, und natürlich braucht er ne Weile, so eine Show extra für ihn, zu realisieren.
    Mein Eindruck ist, daß er sich freilich bis an die Oberkante freut über so viel Respekt und Umarmung, aber viel wichtiger ist, daß er die natürliche Kraft eines bayrischen Jungen hat, sich auf diese Weise nicht aushebeln zu lassen.
    Das mit dem ´viel zu sachlich´ ist ein Kompliment von mir.

    Wenn ich was anderes gerade könnte, würde ich es machen.

  6. Ich soll doch nicht mehr im Vollrausch schreiben, hab ich gesagt.
    Nun ja, das Netz ist erbarmungslos

  7. Ihr seit so romantisch da unten im Berliner Süden. Irgendwie schön. Schön anachronistisch. Hoffentlich bleibt das so, wenn es sportlich weiter nach oben geht!

    Und ein toller Text noch dazu.

  8. lieber enno, det bleibt och so wenn wir sportlich mal etwas stagnieren, aber eigentlich jibt det bei uns ja keene stagnation, herzlichst und eisern aus wien, der meester

  9. ach, wissta, ich stagnierte gar nicht sooo ungern in der 2.bundesliga.

    @enno danke! und ja, romantisch sind wir. sogar sehr. manchmal find ich´s bedenklich, weil etwas realitätsfern.

    @milan nichts geht über einen standesgemäßen vollrausch ;) immer schreib Du nur!

    @bunki ich finde, ich hätte das besser überhaupt nicht schreiben sollen. alles, was es zu sagen gab, steckt ja in dem unteren foto. lucky luke irgendwie. in den sonnenuntergang. aber wenn, hätte man an der stelle mal ganz selbst- und vereinskritisch sagen müssen: warum gab´s sowas für den keiler nicht? warum kommt man mit patsche nicht vernünftig auseinander? ich bin einfach zu nett, und siehe oben: zu romantisch. für diese welt, für diesen verein, und auch sonst so.

  10. als stimme der vernunft sage ich,ich bin och romantisch aber nur wenn es passt!patsche hat uns verhöhnt!da helfen och seine tore nicht mehr weita!und beim keiler weeßn ick et nisch.nett bin ick och, sonst würdet ihr nicht ständig uff`s die schauze kriegen und nett sind wir alle, zu nett ist wohlö een bisschen viel bunki, damit bist du draussen, herzlichst und eisern aus wien und einen scheenen morgen nach berlin, der meester

  11. @andora

    in Bezug auf Patsche bist du ein wenig zu jwd. Beweis mir das Gegenteil. Was bisher keiner vermocht noch gewollt oder gekonnt hat. Ansonsten gebe ich dir recht. Und was du mit mir und draußen meinst, dass musst du mir mal erläutern. Aber bitte nicht hier.

  12. @bunki – die Frage nach dem Keiler trat auch bei dieser Organisation auf und hat sogar für die Begründung einer Ablehnung herhalten müssen – aber ich stelle mal die Gegenfrage: Hätten wir es nicht machen sollen, nur weil seinerzeit niemand auf den Gedanken kam, etwas ähnliches zu organisieren. Wiederholbar ist das in dieser Form eh nicht wieder. Für potentielle Nachfolger muss man sich was anderes ausdenken und das wird schwer genug.

  13. @olleOma das ist natürlich derbe, wenn man es umdreht: weils das für den einen nicht gab, soll es das für andere auch nicht geben. nee nee, so hatte ich das ja nicht gemeint. ich fands ne sehr feine aktion, vollkommen verdient sowieso, und vor allem: es hatte einfach stil.

    so stilsicher ist der verein nur eben nicht immer (gewesen) – was schade ist, aber wie Du sagst, rückwirkend nicht mehr zu ändern. grad tom persich betreffend tut´s mir einfach unglaublich leid, und zwar heute noch. mir ist aber zu dem zeitpunkt auch nüscht gutes eingefallen, und ich hab überhaupt erst bei der böni-abschiedstour verstanden, dass man nem spieler auch auf ne gute art aufwiedersehen sagen kann. man lernt dazu. also, ich jetze.

  14. Na dann ist ja gut. Mir wird ja derzeit an anderen Orten schon alles in die Schuhe geschoben, wofür ich von Haus aus nichts kann.

  15. sorry bunki – hatte nur bunki gelesen und das @ übersehen – war Steffi, die mich auf die falsche Fährte lockte *grummel* … na ja frühmorgens um dreiviertel Viere sollte ich vielleicht dann doch nichts schreiben ;-)

  16. @oO

    Kein Problem. Das mit den Uhrzeiten sollte ich vielleicht auch mal beherzigen. Vielleicht überhaupt nicht mehr in Foren mich äußern. Andere Meinungen, Äußerungen, Vermutungen, als die der Herrschenden und ihrer Nomenklatur, sind ja nicht gerne gesehen. Da sollte ich dann nicht so viel stören.

  17. Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert.
    Es kommt aber darauf an, …….
    Also immer schön den Mund aufmachen.

  18. Und was die Zeit hier so angeht:
    ICH kann ja überholen ohne einzuholen ;o)

  19. was für schöne Fotos, was für ein Licht …. *seufz*
    und so ein schön sachlicher Bericht *grinst*

    wie hat es der Lütte überlebt?

  20. Pingback: Wechselspiele at ***textilvergehen***

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.