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Wie ich mal an Michael Bemben scheiterte.

Zwei Perspektiven auf das Spielfeld:

Eine Sache, die ich sicher über das Dasein als Fan weiß: Es ist kein nachempfundenes Vergnügen, trotz allem gegenteiligen Anschein, und jene, die sagen, dass sie etwas lieber selbst tun statt zuzusehen, verstehen nicht, worum es geht.

(Nick Hornby: Fever Pitch, Kipenheuer & Witsch, 26.Auflage, Köln 2006, S.253)

Beim Fußball zugucken ist ungerecht. Wahnsinnig ungerecht oft. Ganz egal, ob man es vor dem Fernsehapparat tut, von den besten Plätzen auf der Haupttribüne oder vom Stehplatz hinter Tor, wo die Ungerechtigkeit nicht mehr ganz so groß ist. Spiel doch nach rechts, brüllt die Tribüne, oder: Vorsicht, du Blinder, da kommt links noch einer – und bei alldem haben die da oben keine Ahnung von dem, was dort unten passiert.

(Christoph Biermann/Ulrich Fuchs: Der Ball ist rund, damit das Spiel seine Richtung ändern kann, 5. Auflage, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2006, S.29)

Zuschauen wird, wie Nick Hornby sagt, zum Tun. Das weiß jeder, der mit vor Anspannung schmerzenden Schultern, mit Wadenkrämpfen vom aufgeregten Wippen auf den Kanten der Stehtraversen oder mit dem Abdruck des Absperrzauns auf den Handflächen nach einem aufregenden Spiel nach Hause geht. Heiser, erschöpft, abgekämpft. Zur Halbzeit 0:2 zurückgelegen, am Ende 5:3 gewonnen. Die Art von Spiel, die den Zuschauer physisch genauso fertig macht wie die Mannschaft.

Biermann/Fuchs mißverstehen das. Die meisten, die da am Spielfeldrand stehen, wollen eigentlich nicht tauschen oder selber eingreifen. Als ich das letzte Mal unten stand, zum Fotografieren, hat sich Unions erste Herrenmannschaft grad warm gemacht, für das Spiel gegen die Wolfsburger Amateure, und mir ist der Ball vor die Füße gerollt. Michael Bemben kuckte mich groß an und hätte ganz gern seinen Ball zurück gehabt. Ich stand da wie´n Gänseblümchen, kuckte zurück, kuckte zum Ball, kuckte wieder zu ihm und konnte mich nicht entschließen, gegen den verflixten Ball zu treten*.

Da wusste ich genau: ich bin ein Publikum**.

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Das war nicht etwa mangelnde Hilfsbereitschaft, sondern gefestigtes Rollenverständnis. Ich kucken, Du kicken. Ich schreien, Du schwitzen. So gesehen haben Fuchs/Biermann doch wieder Recht, das Spielfeld sieht von unten anders aus als von oben.

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* Hab ich dann doch, nach gefühlten 5 Minuten Schreckstarre.

** Diese wunderbare Wendung ist nicht von mir, sondern von Micha Ebeling, der das dienstägliche LSD-Publikum mit den Worten verabschiedet “Ihr wart ein Publikum.” -Womit er ja auch Recht hat.

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