Prost, Herr Premierminister!

Wettschulden sind Ehrenschulden. Weil ich bei ukrainischen Politikern nicht gleich an so etwas wie Ehre denke, nahm ich es auch nur nebenbei zur Kenntnis, als Premierminister Nikolai Asarow am Montag auf der offiziellen Fanmeile in Kiew mit einem schwedischen Fan wettete. Sollte die Ukraine verlieren, würde Asarow dem Schweden ein ukrainisches Bier ausgeben. Soweit so profan. Üblicher Politikersmalltalk. Jedenfalls wenn Kameras eingeschaltet sind.

Nach dem 2:1 von Andrij Schewtschenko der Ukraine gegen Schweden war der Premier Asarow fein raus und musste sich eigentlich nicht weiter mit der Wette beschäftigen. Doch unter tätiger Mithilfe des ukrainischen Fernsehens bekam der Schwede Ola Schisteot die Möglichkeit, seine Wettschulden zu begleichen. Sechs Flaschen schwedisches Bier in eine typisch ukrainische Plastiktüte gepackt und beim Amtssitz des Premiers geklopft. Asarow ist Medienprofi genug, das ganze Spiel mitzumachen und kommt sofort zur Sache: “Und jetzt, wollen wir Bier trinken?” Das machen beide dann auch und beschenken sich noch gegenseitig mit Devotionalien.

Ich persönlich finde, dass es nichts sympathischeres gibt, als bei einem Ministerpräsidenten am Tisch zu sitzen, eine schwarze Plastiktüte hochzuheben und sechs Flaschen Bier herauszuholen.

Für das Video vom ukrainischen Sender ICTV sind eigentlich keine Sprachkenntnisse erforderlich. Die Bilder sprechen für sich.

Mehr Sprachkenntnisse sind beim Nachrichtenbeitrag des Kanals 1+1 erforderlich.

Ukraine reloaded

Im Moment muss ich immer ganz genau auf den Kalender schauen. Da steht in großen Zahlen 2012. Wenn ich mir allerdings das ukrainische Team bei der EM so anschaue, könnte es genauso gut noch 2006 sein. Oleg Blochin ist der gleiche schlechtgelaunte und in der Ukraine nicht besonders beliebte Trainer. Und das blau-gelbe Team? Das ist ohne Andriy Shevchenko, der dieses Jahr noch 36 wird (Hurra, endlich ein Spieler, der älter ist als ich) überhaupt nichts wert. Ganz ehrlich, ohne den alten Mann könnten die blau-gelben nicht einmal den Iren standhalten. Okay, beim Trinken bin ich mir nicht ganz so sicher. Da käme es wohl auf die Wahl der Getränke an.

Aber ganz ehrlich. Mir ist das egal. 2006 war toll. Die Ukraine ist damals bei der WM erst im Viertelfinale an Italien gescheitert. Spricht also alles für ein Remake. Sönke Wortmann kann schon einmal die Kamera einschalten: Ukraine reloaded. Ich bin bereit.

Gelesen: Wodka für den Torwart

Nein, auf eine umfassende Lektüre aller zur Europameisterschaft erschienenen Sonderhefte verzichte ich. Die unendlichste aller Relegationen hat einfach dafür gesorgt, dass das Aufwärmprogramm für die EM ganz hektisch vor dem Anpfiff des ersten Spiels absolviert werden musste. Wer sich trotzdem für die vielen bunten Hefte interessiert, wird bei allesaussersport.de umfassend informiert.

Nach dem EM-Podcast habe ich mir fix elf ukrainische Kurzgeschichten durchgelesen. Der Band “Wodka für den Torwart“* (12,80 EUR) wird, wie sollte es kurz vor Turnierbeginn anders sein, durch Fußball zusammengehalten. Kurzweilig, ein bisschen chaotisch, manchmal auch traurig. Genauso wie das ganze Land.

Gleich die erste Geschichte hat mich vollkommen umgehauen. Eine Story, die an Chaos und Chuzpe kaum zu überbieten ist. Maxym Kidruks “Der Transfer” beschreibt, wie ein Ukrainer aus Geldnot seinen Freund dazu überredet, die Position eines neu geholten ausländischen Spielers bei Torpedo Kiew einzunehmen. Der muss dafür natürlich von der Bildfläche verschwinden. Eine sehr unterhaltsame Mischung aus Klamauk und Wahnsinn, die mich in ihrer Durchgedrehtheit an Wiktor Pelewins “Generation P“* erinnert.

Eine zweites, sehr viel nachdenklicheres Stück von Jurij Wynnytschuk heißt nur “Die uns beobachten”. Eine beklemmende Geschichte aus Lwiw, als es noch russisch Lwow hieß. Irgendwann in der Spätzeit der Sowjetunion, als der riesige Staat fast so erstarrt war, wie seine greisen Herrscher. Alles ist dabei: KGB, fußballspielende Kinder und die Suche nach der Wahrheit hinter dem spurlosen Verschwinden von Priesterschülern kurz nach Kriegsende. Und mittendrin die zerrissene Geschichte von Lwiw, das im zwanzigsten Jahrhundert öfter die Staatszugehörigkeit gewechselt hat als Lothar Matthäus Frauen vor den Traualtar schleift.

Kurzum eine unbedingte Empfehlung, wenn man zum Turnier mehr von der Ukraine kennen möchte als nur Julia Timoschenko und Straßenhundeschicksale.

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Klarstellung: Der Erzählband wurde vom Verein translit e.V. herausgegeben. Ich habe mit Jakob Mischke, der Vorsitzender des Vereins ist, zusammen an der Freien Universität Osteuropastudien studiert.