Die glorreichen Sieben.

Groß war das Lamento in der Hauptstadt, als der Abstieg von Hertha BSC feststand. Es sei eine Schande, dass ausgerechnet in Deutschland kein Hauptstadtverein in der obersten Spielklasse vertreten sei. Ganz so, als ob es vorher ein Bundesgesetz gegeben hätte, dass bis 1990 dem Bonner SC einen Stammplatz in der Bundesliga garantierte. Die Mär vom einzigen Hauptsstadtklub stimmt indes auch nur bedingt. Allerdings ist der Verweis auf den zweitklassigen FC Vaduz auch kein erstklassiger Freispruch.

Dafür kann Berlin für sich den Titel “Hauptstadt der Zweitklassigkeit” beanspruchen. Keine andere Stadt hat seit der Einführung der Spielklasse 1974 mehr Vereine in das Unterhaus entsandt. Dabei ist ein Teil dieser sieben Klubs mittlerweile in Spielklassen angekommen, die von den vergangenen Erfolgen wenig ahnen lassen.

Quelle: http://www.fussballdaten.de/zweiteliga/ewigetabelle

Spandauer SV

Viel bleibt dem Spandauer SV nicht. Aber den Titel der schlechtesten Mannschaft der zweiten Liga wird dem Verein niemand nehmen können. 1975 in die 2. Bundesliga Nord aufgestiegen, scheiterte die Mannschaft grandios und holte lediglich zwei Siege in 38 Partien. Ebenso wie Tasmania 1900 den Titel in der Bundesliga wohl für immer behalten wird, bleibt dieser auch beim SSV. Letzte Saison machte Spandau als Skandalnudel in der sechstklassigen Verbandsliga von sich reden, als der Verein wegen ausstehender Verbandsgebühren zeitweise vom Spielbetrieb suspendiert wurde oder im Ligaspiel aufgrund fehlender Spieler einfach der 56jährige Frank Marczewski eingesetzt, der 1976 noch mit dem SSV in der zweiten Bundesliga spielte. Mit zwei Siegen und sechs Punkten stand der Abstieg in die Landesliga fest.

Frank Marczewski mit dem Spandauer SV gegen den 1. FC Union II

SC Charlottenburg

Auch die große Zeit des SC Charlottenburg ist bereits Vergangenheit. Viel bekannter ist mittlerweile die Volleyballabteilung, die beständig mit Friedrichshafen um die Meisterschaft kämpft. Doch Ende der 70er Jahre stieg der SCC mit seiner Fußballmannschaft innerhalb von fünf Jahren vier Mal auf und stand in der Saison 83/84 in der 2. Bundesliga. Es folgte mit einem knappen Rückstand von zwei Punkten der sofortige Abstieg. Da tröstete auch eine positive Bilanz gegen Hertha (Sieg und Unentschieden) nicht. Andreas Köpke wechselte jedenfalls schnell den Verein und spielte ab der nächsten Saison bei Hertha BSC. Zweimal verpasste der SCC kurz darauf in der Aufstiegsrunde den Sprung in Liga zwei. Und ab Ende der 80er ging es bergab.

Heute spielt der SC Charlottenburg in der Landesliga. Einen Aufstieg in die zwei Klassen höhere Oberliga mag man ihm und seinen Anhängern allerdings angesichts solchen Liedgutes nicht wünschen. Die Polizei in Ostdeutschland ist da mittlerweile sehr sensibel:

Wir sind die Jungs vom SCC
wir sind ein stolzer Hieb
Und mancher der uns unterschätzt
schon auf der Strecke blieb

Refrain: “Schwarzes C” ist ok
“Schwarzes C” ist ok ja ja ja ja ja
“Schwarzes C” ist ok
wir sind ein stolzer Hieb

Quelle: www.scc-fussball.de

SC Wacker 04 Berlin

Vom Gründungsmitglied der zweiten Bundesliga ist nur noch ein Namensfragment geblieben. Der Verein wurde 1994 nach einem Konkurs aufgelöst und die Mitglieder traten dem Berliner FC Alemannia 90 bei, der seitdem als Berliner FC Alemannia 90 Wacker Fußball spielt. Nach der Gründung der zweiten Bundesliga spielte Wacker drei Spielzeiten in der neuen Spielklasse und gab letztmalig 1978/79 ein einjähriges Gastspiel. Diese Zeit ist identisch mit den Jahren, die Richard Golz in der dortigen Jugendabteilung verbrachte.

Heute geht es dem Verein um das Überleben in der 2. Abteilung der Landesliga, wo man dieses Jahr, Ironie der Geschichte, auf die ehemaligen Zweitligisten Spandauer SV und SC Charlottenburg trifft. Aus administrativer Sicht nicht unglücklich ist man darüber, dass Wacker 04 der Heimatverein von Bernd Schultz, dem derzeitigen Präsidenten des Berliner Fußballverbandes, ist.

SpVgg Blau-Weiß 1890 Berlin

Als sich der gesamte Westberliner Fußball Mitte der 80er Jahre dem Siechtum hingab, hielt Blau-Weiß 90 das Fähnchen hoch. Ab 1984 spielte der Verein im Profifußball. Als Tennis Borussia und Hertha BSC in die Amateurliga abstiegen, gelang dem Verein sogar der Aufstieg in die Bundesliga. Damit einher ging ein legendärer Auftritt im ZDF Sportstudio, als die Mannschaft mit dem Schlagersänger Bernhard Brink mitwippen durfte.

Sportlich in der Abstiegsrunde 1991/92 gerettet, entzog der DFB dem Verein die Lizenz für die neue Spielzeit, was Konkurs und Auflösung des Vereins zur Folge hatte. Die Traditionslinie setzt seitdem der SV Blau-Weiß 90 fort, der derzeit in der Berzirksliga wieder höhere Ziele ausgibt.

Tennis Borussia Berlin

Im Jahr der Gründung der zweiten Bundesliga spielte Tennis Borussia eine Etage höher und lernte das sogenannte Unterhaus nur im Falle des Abstieges kennen. Als die zweite Bundesliga 1981 eingleisig wurde, war der Verein ein Opfer der Reform und seiner vorher schlechteren Plazierungen. Ab da wurde bis auf die Saison 85/86 nur noch drittklassig gespielt.

1993 steigt Tennis Borussia in die zweite Liga auf, obwohl der 1. FC Union den Erfolg sportlich sicher hatte. Union hatte die Lizenzunterlagen mit einer gefälschten Bankbürgschaft erhalten. Darum, auf welchem Wege und unter welchen Umständen diese Informationen zum damaligen Präsidenten von Tebe, Jack White, kamen, ranken sich verschiedene Legenden. Fakt ist, dass White dem DFB die gefälschte Bürgschaft meldete und Tebe anstatt Union in der zweiten Liga antrat. Der Beginn einer tiefen Abneigung der beiden Anhängerschaften. Daran änderte auch der sofortige Abstieg der Charlottenburger nichts.

Ein zweites Intermezzo gab es von 1998 bis 2000, das allerdings mit den finanziellen Ungereimtheiten um die Göttinger Gruppe mit dem Lizenzentzug endete. Seitdem versucht der Klub immer wieder auf die Beine zu kommen. Aber eine solide Finanzierung hat sich seitdem nicht wieder gefunden. Letzte Saison wartete man vergeblich auf von einem nicht näher bekannten “Sponsor” zugesagte Gelder, die bis zum Schluß nicht ankamen. Die kurzfristige Präsentation von Werner Lorant als Sportdirektor half ebenso wenig. Seit diesem Jahr spielt der Verein wieder in der fünftklassigen Oberliga.

Hertha BSC und der 1. FC Union Berlin

Berlins aktuelle Zweitligisten. Die Rollen sind klar verteilt. Hertha besaß mit Theo Gries einen der erfolgreichsten Torschützen der 2. Liga (123 Tore). Union besitzt mit Theo Gries als Trainer der eigenen U23-Mannschaft einen der erfolgreichsten Torschützen der 2. Liga (123 Tore).

Hertha kann wohl auf das zuschauerreichste Zweitligaspiel verweisen (75.000), als 1997 der 1. FC Kaiserslautern im Olympiastadion gastierte. Dafür verweist Union gerne auf die zuschauerreichste Stadionsanierung (ca. 2.000).

Union ist einer der wenigen Zweitligisten, die im Europapokal spielten (2001/02). Dafür spielte die Hertha deutlich erfolgreicher im Europapokal.

Ansonsten ist zum Verhältnis beider Vereine wenig zu sagen, da diese in ihrer bisherigen Verfassung noch kein einziges Pflichtspiel gegeneinander ausgetragen haben. Das letzte Aufeinandertreffen muss in der Saison 1949/50 in der damals letztmalig ausgetragenen Gesamtberliner Stadtmeisterschaft stattgefunden haben. Kurz darauf wurden die beiden Ostberliner Vereine zurückgezogen und die von Hanne Sobeck trainierte Mannschaft aus Oberschöneweide verließ den Ostsektor.

Sinnentleerte Rituale

1. FC Union Berlin gegen Tennis Borussia Berlin. Das war die Paarung des Finales im Berliner Pokal. Die Beziehung der beiden Vereine zueinander ist nicht einfach. Selbst jetzt, einige Tage nach dem Spiel, ärgere ich mich noch maßlos. Kaum geht es einmal gegeneinander, was in den letzten Jahren eher selten war, wird schnell die Mauer in den Köpfen wieder aufgebaut.

Auf der einen Seite stehen die vermeintlichen “Wessis”, die sich mit dubiosen Sponsorengeldern (Göttinger Gruppe; Treasure AG) an der Verfestigung ostdeutscher Nachwendestereotype beteiligen (“…wer lässt sich nicht vom Westen kaufen…”). Alles was seit den Wendejahren schiefgelaufen ist, wird dann auf den Charlottenburger Klub projiziert und entlädt sich in Rufen wie “Lila-Weiße Westberliner Scheiße!” Dazu kommt noch die unsägliche Verknüpfung der Vereinsfarben von Tennis Borussia mit sexuellen Orientierungen, die zu homophoben Gesängen führt. Selbst das schöne, weil irgendwie berlinerische Ritual, das Vorlesen der gegnerischen Mannschaftsaufstellung mit einem geschlossenen “Na und!” zu kommentieren, fällt bei solch einem Spiel aus. Da wird wie in vielen Stadien leider üblich dann auf einen anderen Begriff verwiesen.

Auf der anderen Seite steht der tumbe “Ossi”, der zum Betrügen zur Erfüllung bürokratischer Erfordernisse unfähig ist. Dazu gesellt sich das Bild des xenophoben und homophoben Bewohners Neufünflands, der im Stadion seiner Frustration freie Bahn lässt.

Auf der Strecke bleibt dabei eine objektive Auseinandersetzung. Eigentlich könnten sich beide Vereine relativ egal sein. Sie spielten selten in der gleichen Liga. Es gibt wenig Berührungspunkte. Dass eine gefälschte Bankbürgschaft aufgeflogen ist, reicht meines Erachtens nicht für eine dauerhafte Fehde. Ebensowenig glaube ich, dass es bei Union noch eine Gruppe gibt, die mit rechtsextremen Schmähungen auch nur einen kleinen Teil der Anhänger hinter sich scharen oder verbal das Stadion dominieren könnte. Auch wenn manche das selbst bei Union anders sehen, ist der Klub kein typischer Vertreter eines Ostvereins. Phantomschmerzen ob vergangener Erfolge in der DDR gibt es nicht. Dazu gab es schlicht keine (Chronistenpflicht: einmal Pokalsieger). Dem sogenannten sozialistischem System stand der Anhang eher abgeneigt gegenüber.

Es wäre also einmal an der Zeit, die jeweils jahrelang eingeübten Vorurteile zu überprüfen und ein normales Verhältnis zueinander aufzubauen. Freundliche Gesänge während eines Spiels der anderen Seite hinüberzuschicken ist die eine Sache. Danach trotzdem gemeinsam ein Bier trinken zu können, wäre mein erwünschtes Ziel.