Teve071 – “Scheißtag. Sport frei!”

0:4 zu Hause gegen Fürth. Das spricht eine deutliche Sprache. Dazu noch ein beinahe schon traditionell verschossener Elfmeter gegen Fürth und ein wie letztes Jahr begeisterter Gästetrainer. Logisch, die Atmosphäre in der Alten Försterei gefällt mit drei gewonnenen Punkten gleich doppelt so gut. Torsten Mattuschka nennt das einen "Scheißtag" und verabschiedet sich mit "Sport frei!" Weiterhin ferienbedingt dezimiert diskutieren wir das Spiel gegen Fürth, die Vertragsverlängerung von Christopher Quiring und die Bauchpinselei von Fürths Trainer Michael Büskens. Viel mehr Platz als die Niederlage nimmt die mediale und union-interne Diskussion um Dirk Zinglers Dienst beim Wachregiment des MfS ein. Wir bewerten zunächst noch einmal den Fakt an sich und schauen uns anschließend die Berichterstattung dazu vor allem in der Berliner Zeitung an. Dabei geht es um die Frage, ob dem freien Journalisten Matthias Wolf Hetze unterstellt werden kann. Ein weiteres Thema ist die Rede von Stadion- und Pressesprecher Christian Arbeit vor Spielbeginn, in der er seine Meinung zur Berichterstattung äußert. Dazu kommt noch ein anonymer Text im Stadionheft. Diesen Punkten stellen wir Thesen von Uwe Bremer (Berliner Morgenpost) gegenüber. Zum Schluss geht es noch um die Frage, ob Dirk Zingler nun als Präsident angeschlagen ist oder nicht. Wir hoffen, dass sich der nächste Podcast nach dem Pokalspiel in Essen vor allem wieder um sportliche Themen dreht.

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Die Neuverpflichtungen werden spannend.

Die Saison ist fast zu Ende. Jetzt könnten Trainer oder Spieler ein Fazit ziehen. Wir haben uns aber gedacht, wir überlassen das den Journalisten, die Union das ganze Jahr über verfolgt haben. Bis zum letzten Spieltag in Karlsruhe wird jeden Tag ein Berliner Sportjournalist beim Textilvergehen sein Saisonfazit ziehen. Bereits zu Wort gekommen sind Mathias Bunkus (Berliner Kurier), Sebastian Stier (Tagesspiegel), Jürgen Schulz (BZ/Taz), Matze Koch (freier Journalist und Fotograf), Klaus-Dieter Vollrath (Bild) und Matthias Wolf (Berliner Zeitung).

Michael Färber (Berliner Morgenpost) verfolgt Union seit 1999.

Dass die Saison schwer werden würde, war allen klar. Es konnte aber keiner damit rechnen, dass es so schwer werden würde wie nach der Hinrunde, als Union kurz vor den Abstiegsplätzen stand und mit vielen Verletzten zurechtkommen musste. Im Endeffekt ging es für den Verein im zweiten Jahr nur darum, über dem Strich zu bleiben. Das haben sie geschafft. Eine Entwicklung in der Mannschaft sehe ich eher nicht. Es ist nach wie vor das kämpferische Potential da, aber spielerisch hat sich seit dem Aufstieg wenig verbessert.

Entscheidend für die nächste Saison ist, wer als Ersatz für die Abgänge geholt wird. Entweder man holt mit acht Spielern die gleiche Quantität. Das bedeutet bei gleichbleibendem Etat, dass die Qualität nicht steigen wird. Oder Union holt drei maximal vier wirkliche Kracher und gibt ein bisschen Geld dafür aus. Sollten die sich dann mal verletzen oder wegen einer Sperre fehlen, wird es natürlich personell schon wieder eng. Ich denke, es wird spannend zu sehen, wen Christian Beeck und Uwe Neuhaus im Visier haben und wer tatsächlich an die Alte Försterei kommt.

Ob Union von dem Jahr mit Hertha BSC profitiert hat, lässt sich schwer sagen. Die Berührungspunkte der beiden Vereine sind zu gering. Zwei Derbys reichen einfach nicht aus, um von Hertha BSC zu profitieren. Zumal Union vieles oder vielleicht auch alles versucht hat, um sein eigenes Ding weiterzumachen. Was grundsätzlich nicht verkehrt ist. Aber Union müsste insgesamt offensiver werden, um sich bekannter in der Stadt zu machen.

Plappern gehört zum Handwerk

Der Duden hat sich mittlerweile dem Mainstream angeschlossen und nennt das, was früher ein Fehler war, heute eine Variante. Das ist die professionelle Form des Mechanismus’, dass etwas umso wahrer erscheint, je öfter es gesagt wird.

Samstag Abend. Eine volle Straßenbahn quält sich von der Warschauer Brücke Richtung Prenzlauer Berg. Das Verhältnis Bierflaschen zu Fahrgästen beträgt nahezu 1:1. Eine junge Frau berichtet begeistert von ihrer Auswärtsfahrt nach Hannover. Sie ist Anhängerin von Hertha BSC und hatte bei diesem Ausflug auch vom Ergebnis her viel Freude. Sie klingt überschwenglich und ihr Enthusiasmus wirkt ansteckend. Ihr Gesprächspartner mag die Hertha auch, war allerdings noch nie bei einem Auswärtsspiel dabei. Er überlegt, ob er das Wagnis angehen sollte.

“Wenn die Hertha dieses Wochenende nicht gewinnt, kann man es in der nächsten Saison zunächst erst einmal mit einer Auswärtsfahrt mit der S-Bahn probieren.” Ein Einwurf, bei dem die Hertha-Freundin argumentativ den Stahlhelm aufsetzt und das Maschinengewehr in Stellung bringt. Die Spiele zwischen Hertha und Union würden doch sowieso im Olympiastadion stattfinden und außerdem sei das Unionstadion nicht sicher. Bis vor einem Jahr hätte der Anhänger des 1. FC Wundervoll an dieser Stelle sich nach einem Notausgang umgeschaut und den geordneten Rückzug angetreten. Aber mittlerweile ist vieles anders. Und so wird der Angriff nicht nur verbal abgewehrt, indem auf die Tauglichkeit des neuen Stadions an der Alten Försterei für den gesamten DFL-Bereich hingewiesen wird. Sondern 2010 ist auch das Jahr, in dem rhetorisch zurückgeschlagen werden kann mit scheinheiligen Frage, in welchem Stadion in dieser Spielzeit ein Platzsturm stattgefunden habe. “Alles eigentlich ganz nette Leute, die da auf den Platz gerannt sind”, murmelt die Herthanerin zum Abschluss des Wortgefechts.

Es war im Zuge der medialen Hysterie um den bei Lichte betrachteten harmlos verlaufenen Platzsturm bei Hertha BSC im Olympiastadion, als die Berliner Morgenpost das vielleicht bevorstehende Derby zwischen Hertha und Union als riskant bezeichnet wissen wollte. Solche Texte fallen wohl bei manchen auf fruchtbaren Boden, die meinen, ein Zweitligaabstieg sei nur ein vorübergehender Betriebsunfall und eine Anspruchshaltung ausstrahlen, dass der Verein per sé in die erste Liga und in den Europapokal gehöre. Das erinnert an Union im Jahr 2004. Damals stieg der Verein unnötig aus der zweiten Liga ab in eine Liga, für die er mental nicht bereit war. Bereits ein Jahr später fand man sich in der vierten Liga wieder.

Empören. Anheizen. Empören.

Mathias Bunkus vom Berliner Kurier hat es geahnt, als er sagte, er befürchte die Diskussion um Stehplätze sei keine Scheindebatte und man müsse aufpassen, dass kein öffentlicher Druck aufgebaut werde, der bewirkt, dass Union das Heimspielrecht im vermutlich nächste Saison stattfindenden Derby gegen Hertha BSC verliert. Öffentlicher Druck meint meist, dass solange herumtelefoniert wird, bis man jemanden findet, der eine Aussage tätigt, die man hören möchte. Die wird dann publiziert und dann wird wieder herumtelefoniert und Entscheidungsträger werden gefragt, wie sie zu dieser Aussage stünden. Öffentlicher Druck meint also meist die veröffentlichte Meinung, oder positiv gesagt: die vermutete öffentliche Meinung.

Die Berliner Morgenpost veröffentlichte ein Interview mit Rainer Schwienke, Mitarbeiter der Landesinformationsstelle für Sporteinsätze im Lagezentrum Berlin, das mit zwei Worten als Antwort auf eine suggestive Frage für Furore sorgen könnte:

Morgenpost Online: Empfehlen Sie, beide Spiele im Olympiastadion durchzuführen?

Schwienke: Unbedingt sogar! Ich würde die “Alte Försterei” nicht als “nicht sicher” bezeichnen. Aber gegen ein Spiel dort sprechen das allgemein hohe Besucherinteresse und das Verhältnis von Heim- und Gästefans. Zwar gibt es unter Hertha- und Union-Fans auch gemeinsam handelnde Personen, aber es gibt auch eine Rivalität. Rivalität, die gesund sein kann – aber eben auch ungesund.

Es muss einem Mitarbeiter der Berliner Polizei gerade in der Situation nach dem Platzsturm bei Hertha BSC im Olympiastadion klar sein, welche Antworten von manchem Journalisten momentan erwartet werden. Erst recht muss dies einem Mitarbeiter klar sein, der in einem solch sensiblen Bereich arbeitet.

Über ein Jahr lang haben Anhänger und Verantwortliche des 1. FC Wundervoll dafür gearbeitet, ein allen Sicherheitsanforderungen entsprechendes Stadion zu bauen. Die Zahl der Rückschläge bei der Suche nach Unterstützung durch das Land Berlin sind nicht zu zählen. Außer den durchsichtigen Versuchen, Union in das Olympiastadion oder den nicht zweitligatauglichen Jahnsportpark abzuschieben, kam nichts dabei heraus. Und nun solch eine Aussage.

Eine Aussage, die sofort Erinnerungen hervorruft an eine vergangene Zeit, deren Ende mit den ersten freien Wahlen heute ausgiebig gefeiert wird. In der DDR durfte der 1. FC Union seine Heimspiele gegen den BFC Dynamo aus “Sicherheitsgründen” nicht mehr im Stadion an der Alten Försterei durchführen. Das Ministerium für Staatssicherheit, zu dem der Verein BFC Dynamo gehörte, verfügte für diese Spiele einen Umzug in das Stadion der Weltjugend. Ein Treppenwitz der Geschichte, dass ausgerechnet der BND jetzt seine neue Zentrale an der Stelle des abgerissenen Stadions baut.

Die Frage, ob das Derby vielleicht nicht im Stadion an der Alten Försterei stattfinden sollte, birgt also eine enorme Sprengkraft. Dies hat auch Rainer Schwienke eingesehen, der heute morgen am Telefon zu keinem Interview ohne Genehmigung der Pressestelle bereit war. Die Aussage in der Berliner Morgenpost sei, so seine Aussage, so nicht getätigt worden. Er habe dies in einer Nachricht auch dem Geschäftsführer von Union, Oskar Kosche,  und dem Sicherheitsbeauftragten des Vereins, Sven Schlensog, mitgeteilt.

Aus dieser Nachricht geht hervor, dass das Interview noch nicht autorisiert gewesen sei. Eine Änderung sollte gemacht werden. Die oben zitierte Antwort sollte durch folgenden Text ersetzt werden:

Ich bin nicht der Meinung, dass das Stadion “An der Alten Försterei” nicht für ein Spiel zwischen Union und Hertha geeignet ist. Es bedarf für die Durchführung zwar einer professionellen Vorbereitung der Sicherheitsmaßnahmen, könnte aber nach derzeitiger Einschätzung sehr wohl im Stadion in Köpenick durchgeführt werden.

Zum besseren Verständnis. Es gibt zwar die Praxis der Autorisierung von Interviews in Deutschland, doch sie ist nirgendwo festgeschrieben und daher kann kein Journalist dazu gezwungen werden, Aussagen zu ändern. Zumal davon auszugehen ist, dass die Aussage von Rainer Schwienke festgehalten wurde. Entsprechend wurde daran auch kein Wort geändert. Es macht eher den Anschein, dass sich hier jemand allzu schnell zu einer Aussage hat hinreißen lassen, ohne die Konsequenzen des zerbrochen Porzellans zu bedenken. Was natürlich die beiden verantwortlichen Journalisten, Daniel Stolpe und Kai Niels Bogena, betrifft, so war die Fragestellung einerseits geschickt. Andererseits jedoch: Siehe Überschrift.