Pavel Kuka

Der erste Mann, den ich liebte, hieß Pavel Kuka.

Das war ein Problem. Ich wuchs auf in einem kleinen Dorf am Fuße der Alpen. Es war ein beschauliches, gemütliches Nest, man kannte sich, nichts blieb der Nachbarschaft verborgen. Zwei Kneipen gab es dort, eine hieß ‘zum Löwen’, eine ‘zum deutschen Haus’, da gab es Spätzle, Hefeweizen und fragwürdige Meinungen über Adolf Hitler zum kleinen Preis. Außerdem ein Bäcker, ein Metzger, zwei Zigarettenautomate, ungfähr 3000 Kühe, macht drei Kühe pro Einwohner. Lange Zeit durfte man meine Kindheit eine glückliche nennen, denn ich kletterte auf Bäume. Mit dem gleichen Recht hätte man meine Kindheit auch eine unglückliche nennen können, denn ich konnte viel besser auf Bäume klettern, als von Bäumen herunter. Ungefähr sechzig Prozent besser. Viele Stunden verbrachte ich an dünne Äste gekrallt, meine zaghaften Hilferufe verhallten im Kuhglockengeläut, es war eine menschenleere Gegend. Weil Nordic Walking noch nicht erfunden war, kamen selten Menschen die Feldwege entlang, um mir aus meinen Wipfeln herunterzuhelfen. (Ich Idiot kletterte aus Prinzip immer nur auf Bäume, die kleine, unbedeutende Wege säumten.) Wie gesagt, es war eine idyllische Kindheit.

So ging das, bis ich unter Gleichaltrige kam. Wenn ein Haufen Gleichaltriger jenseits des dritten Lebensjahres aufeinandertrifft, erwacht in jedem einzelnen das Bedürfnis, sich abzugrenzen. Man beginnt, sich selbst einigen Gruppen zuzuordnen, die Soziologie hat dafür das Wort Othering erfunden. Beispielsweise nimmt man das Rollenverständnis eines Mannes an oder einer Frau, Playmobil oder Lego, Klettverschluss oder Schnürsenkel

Bayern oder Stuttgart.

Das ist traurig, aber ja: Mehr Alternativen gab es nicht in diesem Dorf. Alle waren entweder Bayern oder VfBler. Außer Knete, der so hieß, weil er immer Geld dabei hatte. Der wurde aus unerfindlichen Gründen 60er, obwohl sein Vater es mit Werder Bremen hielt. Später wurde er Alkoholiker, das kann aber auch eine Korrelation sein.

Ich war von alledem nichts. Wahrscheinlich hätte ich es leichter gehabt, wenn ich Bayer geworden wäre oder VfBler oder sogar 60er, wenn ich mich ein paar Jahre später der grassierenden SC Freiburg-Manie angeschlossen oder wenigstens Dortmund gut gefunden hätte. Ah, Lars Ricken! Ich hätte gar den obligaten Bravo-Kauf mit sportlichem Interesse rechtfertigen können.

Fußball interessierte mich nur gespielt. Damals war ich in einem Alter, da ich noch lieber selbst draußen kickte, als breitbeinig auf einem Sofa zu fläzen und altklug Passalternativen und verfehlte Laufwege zu analysieren. Ich war auch nie in einem Stadion, weil ich Stadien nicht mag, überhaupt Massenaufläufe schon immer hasste, auch jetzt noch, Aufläufe sind was für Gemüse. Ich mochte schon immer lieber die kleinen, verlassenen Sportplätze der Dorfvereine, worum zu Spielen 50 Mann standen, Bier tranken und Wurst aßen und geräuschvoll hinter das gegnerische Tor urinierten, um den Torwart zu irritieren.

Nichtsdestotrotz: Man musste einem Verein sein Herz schenken, und möglichst nicht dem FC Bad Saulgau. Fortwährend wurde ich gefragt, was ich denn nun „für einer sei“. Meine Großmutter, die Bairin ist und mich ermächtigt hätte, mit weit mehr Glaubwürdigkeit dem FCB anzuhängen als die meisten Eventfans, die man im Laufe seines dafür viel zu langen Lebens kennenlernen muss leider, lebte in der Pfalz, wo auch mein Onkel aufwuchs lange vor mir. Der hatte dadurch eine Schädigung davongetragen, die ihn glauben ließ, es handle sich bei jenem Essig, den man aus den Weintrauben längs der Mosel keltert, tatsächlich um Wein, Saumagen sei gesund und Lautern ein respektabler Verein. Um die ersten beiden Irrtümer kam ich herum, aber leider antwortete ich einmal, als mir wieder diese Frage gestellt wurde, für wen ich sei, in Gedenken an meinen Onkel: Kaiserslautern.

Ich war damals überhaupt nicht für Kaiserslautern. Ich schaute noch nicht einmal Bundesliga, denn Samstag 15:30 spielten wir selbst meistens, und zur Sportshow saß ich im Sandkasten und tat so, als würde ich Burgen bauen, um nicht gestört zu werden, wenn ich mir in aller Ruhe ein paar Schäufelchen Erde einverleibte. Vermutlich bedingt durch die traumatischen Stunden in irgendwelchen Baumwipfeln, hatte ich eine mystische Beziehung zu all den Dingen, die wir Boden nennen, entwickelt: beinah wäre ich deswegen Geologe geworden. Glücklicherweise hielten mich ein paar andere, schwerwiegendere Traumata davon ab.

Zum Beispiel die Erfahrung, Lauterer zwischen Bayern zu sein. Bisher ein durchschnittlich beliebter Bub, machte mich mein halbherziges Geständnis auf der Stelle zum Leprösen. Sie hingen mir ein Glöckchen um, bauten mir als neue Bleibe eine Laubhütte an der unbefahrensten Zufahrtsstraße und bewarfen mich mit allerlei Obst. Oder bösen, hämischen Worten.

Zwei Möglichkeiten gibt es, auf gruppendynamische Ablehnung zu reagieren: Überassimilation oder Rebellentum. Überassimilation beispielsweise liegt vor, wenn als Türken geborene Deutsche, wohnhaft in Neukölln, die größte Flagge des Landes an ihr Wohnhaus hängen in der Hoffnung, der Rest der Republik würde ihnen mit weniger Ablehnung begegnen, nachdem sie bewiesen haben, dass sie den gleichen schwachsinnigen Unfug sogar noch besser können als ihre völlig verblödeten Mitbürger, die sich Fähnchen ans Auto schnallen und stolz sind, in einem Land zu leben, wo man sich endlich wieder Plastikfähnchen ans Auto schnallen darf. Ja, Leute, so geht Freiheit! Is klar.

Ich hingegen entschied mich für die alternative Variante: ganz so, wie von der Geselschaft ausgeschlossene Jugendliche der dritten Migrationsgeneration sich rückbesinnen auf die Werte ihrer Urgroßväter, besann ich mich mit doppelter Wut auf die Wahl meines Onkels. Und ganz so, wie jene Jugendliche wegen ihrer Perspektivlosigkeit und der daraus resultierenden Aggressivität immer zu den extremsten Übzeugungen kommen, wurde ich der fanatischste aller Fans, der anhänglichste Anhänger. Ich besorgte mir jedes verfügbare Spiel der letzten 30 Jahre auf Video, ich lernte den Radiokommentar zum legendären 7:4 gegen die Bayern auswendig, um immer ein passendes Gegenargument gegen jede Anfeindung zu haben, und ich hatte keine Angst mehr vor der Pubertät, weil ich mich darauf freute, bald schon so zu klingen und auszusehen wie Walter Frosch. (Es waren die 90er.) Hoffnungsvoll begann ich mit dem Rauchen, natürlich Reval, ließ mir die Haare wachsen und lieh mir bei Gelegenheit Omas Lockenstab. Leider blieb mein Bartwuchs spärlich.

Ich wurde Fan zu einer glücklichen Zeit, Lautern befand sich im Höhenrausch: Pokalsieger 1990, Meisterschaft 1991, ich lief mit breitem Brüstchen durchs Dörfchen. Nur eine Sache machte mir Sorgen: mir wollte partout keine Spielernummer einfallen, die ich hätte auf meinen Rücken flocken lassen können. Miro Kadlec? Der sah aus wie ein Metzgermeister und spielte entsprechend. Stefan Kuntz? Den mochte jeder, sogar die Bayern. Martin Wagner, der Mann mit Eisenfuss und Bumskopf? Oder Ciriaco Sforza, dessen Tränendrüsen austrainierter waren als seine Adduktoren? Andi Brehme? Nein, ein Mensch sollte es dann doch sein.

Und dann kam Pavel Kuka, 1993 war das. Pavel Kuka sah nicht nur aus wie ein Igel, er spielte auch wie einer. Während die anderen durchs Feld jagden wie die Hasen, rollte er sich vorne gemütlich ein und wartete, hob die Hand und schrie: „Ich bin schon da!“ Und wenn dann schlechterdings jeder, Mit- und Gegenspieler, inmitten des Ackers zu Boden stürzte, Ciriaco Sforza vor Erschöpfung das Bratschen begann und Martin Wagner nur noch vom eigenen 16er Eck flankte, dann spazierte Kuka vergnügt übers Feld und erstolperte sich ein Tor. Oder zwei.

Der Mann entsprach meinen Idealen: er tat nichts und war damit vollkommen erfolgreich. Natürlich, Publikumsliebling wurde er damit nicht, dafür war dieser umgedrehte Wischmob mit Minipli zuständig, Olaf Marschall, in dessen Pornobalken sicher mehr Kleintier hauste als in den Baumwipfeln meiner Jugend. Dafür aber konnte Pavel Kuka sehr zurückhaltend verzweifelt dreinschauen, wenn ihm mal wieder der Ball vom Fuss sprang. Immer griff er sich dann in die Haare, was seine Frisur erklärt, und machte stumm den Mund auf. Schmachtend saß ich vor dem Fernseher und betete diesen Gott an, der selbst im Versagen derart gleichgültig blieb, dass er sich jeden Pathos verwehrte, dass er noch nicht einmal aufschrie, sondern nur stumm seine Goldkronen zeigte.

Was soll ich sagen: es waren die dutzendfach ausgelassenen Chancen, nicht nur gegen Leverkusen, durch die Pavel Kuka drei Jahre später den Abstieg in die zweite Liga besiegelte. Ich blieb ihm ergeben, den Fansein ist Schmerz und Treue, nicht Jubel. Danach fügte sich Pavel Kuka ein ins zweite Glied: denn für einen Meister der Lakonie, wie er es war, hatte Otto Rehhagel keinen Platz in seiner Elf, die er wie ein angespitzter Pfahl durch die Spielordnungen der Gegner jagte. Er spielte wenig, schoss noch weniger Tore, und war wohl der einzige, dem die preussische Zwangsdisziplinierung durch Rehhagel, den vermaledeiten Bismarck unter den Trainern, nicht anfocht. Sein Anteil am Titelgewinn nach dem Wiederaufstieg: überschaubar.

Er ging nach Nürnberg, wir verloren uns aus den Augen. Ich denke gerne an ihn zurück, gerade auch dieser Tage, wo der Starkult durch die Stadien und die Fernsehstationen fegt. Das ist eine Zeit, in der selbst Philip Lahm als notorischer Bildzeitungs-Busenfreund und somit Kackbratze per Definition als leuchtendes Vorbild und neuer Stern am Himmel inszeniert wird; in der der charakterfaule Ribéry als König in München aufgehängt wird, nur als Plakat allerdings, denn die Bayern tendieren nicht zum Monarchenmord; in der selbst das stupide Ellenbogengehabe eines Michael Ballacks lobende Erwähnung zuhauf findet – in solch einer Zeit ist man froh, ein Ideal gehabt zu haben, das nicht zum Idol taugte. Ein Stürmer, der spielte, als wäre er bekifft.

Ich klettere nicht mehr auf Bäume. Ich bin weggezogen aus dem Dorf. Kaiserslautern und ich, wir haben uns ein wenig entfremdet, wegen des Geldes. Und natürlich, weil mir die Bindung gefehlt hat, ich bin ja Lauterer aus Trotz geworden. Ich spiele nicht mehr, das Knie, sondern sitze auf Sofas und analysiere altklug Zweikampfverhalten und Spielsystem. Ich verschenke mein Herz nicht mehr fremden Männern, die ich ausschließlich aus dem Fernsehen kenne.

Und doch träume ich manchmal noch von Pavel Kuka. Und wenn ich aufwache, stehen mir die Haare zu Berg.

25 Gedanken zu “Pavel Kuka

  1. Da fällt mir auf: Irjentswie schreiben ja fast alle ihre Kindheitserinnerungen auf. Vergangenheitsschwelgen und schiere Nostalgie. Ach, Sommerpause, Du November des Fußballfans!

  2. Ich hab ja gesehen, was passiert wenn man mal ein paar geschmackvolle Prognosen in den Raum stellt. Da wird man von Dir mit diesen “Fakten” fertig gemacht. Du Mööhöhöhöhörder!

  3. sehr spannend und unterhaltsam, vor allem schrecklich.
    Aber ich bin eh gerade auf nem Stephen King-Trip, da fällt dein Beitrag gar nicht aus dem Rahmen.

  4. Sehr sehr schön.
    “Der erste Mann, den ich liebte, hieß Pavel Kuka” ist wohl das neue “Ilsebill salzte nach”.

    Aber Kadlec ein Metzgermeister? Ich bin entsetzt!

  5. @milan Trotz all der Schrecknisse, inzwischen gilt: Feelin fine.

    (Mach ja nicht das Licht an.)

    @heinzkamke Ein zurückhaltender, stiller Metzgermeister, den die Seelen toter Schweine nächtens heimsuchen, und der deswegen manchmal weint.

  6. Feelin Fine, Googlesuche – Ungefähr 412.000 Ergebnisse (0,21 Sekunden)
    Sach ma gehts noch?
    Erst erzählst du klar wie ein Gebirgsbach. Auch die drei Links, also das 7:4, der Frosch und das Knie haben die Verfolgung fett gelohnt.
    Und nun das- “Feelin fine”. Wieso weeß ick nich, wat datt sein soll?
    (ein Hardcoresong wa?)

  7. Das ist eine sehr schöne Geschichte und sie ist toll geschrieben. Und sie erinnert mich ein wenig an meine frühe Kindheit in Thüringen, Mitte der Siebziger.

    Meine Freunde waren alle für Jena und Erfurt. Ich hatte mit beiden Vereinen nichts am Hut und habe mir einen anderen gesucht, den ich hier nicht nennen will um diese Seite nicht zu beschmutzen. Und dazu gekommen bin ich nur, weil ich wohl angeblich einen Stürmer dieses Vereins ähnelte. Also zumindest meine Haarfarbe … Und ich versiebte auf dem Bolzplatz genauso viele Chancen wie er.

    Naja, ich hoffe Ihr verzeiht mir diese Kindheitssünde.

  8. @skandal genau deshalb war ich björn so dankbar für seine geschichte – letztlich ist es doch schnuppi, auf welchem weg man zum fußball kam. und die dinge waren, wie sie eben waren. das darf man sagen. jederzeit.

  9. die müssen aber nicht bleiben, wie sie sind und nur deshalb darf Skandal auch zum Skandal stehen, ohne gerupft zu werden.

  10. @Keano

    Ne, war/ist ein berliner Ostverein. Gegen die spielt nun unsere zweite.

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