Teve116 [extra] – Sicherheitskonferenz “Für Fußball. Gegen Gewalt”: Wir machen das mit den Strafen.

Immer härter, immer öfter. Sicherheitsgipfel haben im Fußball mittlerweile Hochkonjunktur, obwohl die Zahl der Delikte in den Stadien rückläufig ist. Am Dienstag fand in Berlin die "Konferenz: Für Fußball. Gegen Gewalt." statt. Dabei waren DFB, DFL, Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) und fast alle deutschen Profiklubs. Der 1. FC Union Berlin fehlte mit gutem Grund. Zeitgleich luden Fanvertreter und "Fanversteher" einen Steinwurf vom Tagungshotel zu einem Expertengespräch ein. Wir waren vor Ort und diskutieren ausführlich die Ereignisse.

Zusätzliche O-Töne:

Pressekonferenz nach der Sicherheitskonferenz Hotel Intercontinental Berlin

Expertengespräch mit Fanvertretern und Fanverstehern im Hotel Palace Berlin

On Air:

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Die Sicherheitskonferenz und ihre EntstehungDer 10-Punkte-Plan für mehr Sicherheit im FußballNiersbach will nicht auf das Gesetz warten, das Stehplätze verbietetDie Erwartungshaltung der Berliner VereineDer VerhaltenskodexUnion nimmt nicht teilDie Pressekonferenz: "Wir werden im Bereich Sicherheit andere Saiten aufziehen"Zuckerbrot "Die Stehplätze bleiben"Ein Auftakt, kein AbschlussFanprojekte und wie sie künftig finanziert werden sollenAbsolute ZahlenNeuregelung der Stadionverbote: Von 3 auf 5 Jahre, angestrebt sind 10 JahreAufhebung: "keine lokalen Lösungen mehr"Zertifizierung von SicherheitspersonalReduzierung von FanprivilegienWilde Horde KölnUltras St.PauliGunter A. PilzDer Fankodex in BremenKeine Kostenbeteiligung an Polizeieinsätzen und Bahnschäden"Fankultur und Gewalt schließen sich aus""Wenn das nicht ausreicht, werden wir uns wohl noch einmal unterhalten müssen"Was passiert, wenn´s dennoch brennt?Ein guter StuntSymbolpolitik gegen SymbolpolitikFIFA, pffffffDie Tagung der Fanvertreter, Fanprojekte und FananwälteEine ausdrückliche AusladungDie Forderung nach Versachlichung der DebatteGerd DembowskiDiskussion um Stehplätze beendenSozialverträgliche EintrittspreiseKeine Denkverbote im DialogFörderung der FanarbeitSpielansetzungenEinheitliche Stadionordnungen (Gleichbehandlung von Heim- und Auswärtsfans hinsichtlich Fan-Utensilien) — Einsatzverhalten der Polizei: PfeffersprayAbschaffung von KollektivstrafenGimmick: mehr Zahlen, mehr RechtIst die Berichterstattung schuld?Fußball fressen Seele aufGesamtgesellschaftliche Verantwortung.

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Mehr Sicherheit im Fußball. Ohne Populismus.

Letzten Donnerstag zog die DFL ein Zwischenfazit. Knapp ein Jahr zuvor wurde der Zehn-Punkte-Plan für mehr Sicherheit im Fußball veröffentlicht. Damals noch mit DFB-Präsident Zwanziger und Innenminister de Maizière und allerlei Länderpolitprominenz. Dieses Jahr kam DFL-Vorstand Reinhard Rauball mit dem Leiter für Fanangelegenheiten der DFL, Thomas Schneider in das Haus der Bundespressekonferenz in Berlin. Rauballs Bilanz war, sonst hätte es die Pressekonferenz nicht gegeben, selbstverständlich positiv. Und so nutzte er die Möglichkeit, gegenüber den politischen Entscheidungsträgern eine klare Grenze zu ziehen.

Der Zehn-Punkte-Plan und der darin festgeschriebene Verzicht auf Bundesligaspiele am 1.Mai 2011 sei eine Reaktion auf die Forderung nach Kostenbeteiligung der Profiklubs an Polizeieinsätzen gewesen. Rauball machte deutlich, was er davon hielt: “Diese immer wieder vorgetragene Forderung ist und bleibt populistisch. Es gibt hierfür keine rechtliche Grundlage.” Das Feedback auf die Umsetzung des Planes aus Politik und Polizei sei positiv und gerade der Effekt, dass diese Forderung kein Thema mehr sei, würde den Erfolg des Planes beweisen. Sollte die Forderung allerdings wieder aufkommen, würde sich die DFL mit allen möglichen Mitteln dagegen wehren. Hier schlug Rauball einen Pflock ein, der ganz klar zeigen sollte: Bis hierher und keinen Schritt weiter.

Der Plan an sich ist abstrakt und wenig greifbar. Daran änderte auch die kommunizierte Zahl von 25 Millionen Euro Sicherheitsausgaben aller 36 Bundesligavereine nichts. Denn diese Zahl hat mit dem Plan an sich nicht viel zu tun. Aufgeschlüsselt sieht sie folgendermaßen aus:

  • knapp unter 15 Millionen Euro für den Sicherheitsdienst der Bundesliga
  • etwa 6 Millionen Millionen Euro für den Sicherheitsdienst der 2.Liga
  • 3 Millionen Euro für die hauptamtlichen Fan- und Sicherheitsbeauftragten der 1. Und 2. Liga
  • 1,3 Millionen Euro Finanzierung sozialpädagogischer Fanprojekte

Hier wird klar, dass mindestens 21 Millionen Euro ohnehin für den Sicherheitsdienst ausgegeben werden. Die restlichen 4,3 Millionen Euro können zum Teil mit der Umsetzung des Zehn-Punkte-Planes begründet werden.

Der ohnehin spannendere Teil waren die Ausführungen von Thomas Schneider. Er gab Einblicke in die Arbeit, die sich hinter den ominösen zehn Punkten des Planes verbirgt. “Verbesserung der strukturellen Kommunikation” steht zum Beispiel an erster Stelle. Darin wurden alle Klubs verpflichtet die Fanbeauftragten und Sicherheitsbeauftragten hauptamtlich zu beschäftigen. Das war nicht immer der Fall, weshalb es im Vorfeld schon einmal an Ansprechpartnern für die Polizei in einigen Klubs mangelte.

Kommunikation ist überhaupt der Schlüsselbegriff. Der Zehn-Punkte-Plan hebt sich wohltuend von der Law-and-Order Politik ab, mit der bisher auf Probleme reagiert wurde. Ein Beispiel für diese schlagzeilenträchtige aber ineffiziente Politik ist die Datei Gewalttäter Sport, die Straftaten rings um Sportereignisse erfassen soll. Tatsächlich wird dort von den Länderpolizeien nach jeweils eigenen Maßstäben mehr oder weniger eingetragen, was rings um Stadien vorfällt. Eine Unmenge an Daten, mit denen niemand mehr etwas anfangen kann. Wieviele vermeintliche Gewalttäter tatsächlich verurteilt wurden, weiß niemand. Valide Daten zur tatsächlichen Gewalt? Fehlanzeige.

Thomas Schneider monierte jegliche populistische Herangehensweise als fahrlässig und sprach auch Stadienverboten die abschreckende Wirkung ab. Ab einer bestimmten Zahl ausgesprochener Verbote sei die Abschreckung ohnehin nicht mehr wirksam, da Stadionverbote dann generell wie ein Damoklesschwert über bestimmten Fangruppen hingen. Sinnvoll sei dagegen gewesen, die Vereine zur Begleitung ihrer Fans bei Auswärtsspielen zu verpflichten. Schneider redete immer wieder von Qualifizierung. Die würde vorangetrieben. Schließlich sei “Sicherheitsbeauftragter” oder “Fanbeauftragter” kein Lernberuf.

Der zehnte Punkt des Planes ist das Zuckerstück, das die DFL als Belohnung bereitgestellt hat. Es lautet “Bewährungsmodelle bei Stadionverboten”. In der Tat nimmt sich der Ligaverband mit allen Profivereinen am 5.Mai dieses Themas an. Zunächst geht es dabei um das Anhörungsrecht, das angeblich nicht so oft wahrgenommen wird, wie es zu vermuten wäre. Der spannende Teil der nichtöffentlichen Veranstaltung ist hierbei das Nachmittagsprogramm. Da werden drei Modelle vorgestellt:

  • Das Modell einer zweiten Chance für auffällig gewordene Fans (Borussia Dortmund)
  • Ein Täter-Opfer-Ausgleich im Fußball (Werder Bremen)
  • Anti-Aggressionstraining für Fußballfans (1.FC Union Berlin)

Im Falle von Union war die Zusammenarbeit mit dem Violence Prevention Network eine Reaktion auf die Vorfälle in Bielefeld vor anderthalb Jahren und einer Vielzahl in diesem Zusammenhang ausgesprochener Stadionverbote. Wie diese Modelle von den anderen Klubs angenommen werden und was überhaupt aus dem Zehn-Punkte-Plan geworden ist, wird sich erst nach mehreren Spielzeiten zeigen. Dann vielleicht auch endlich mit validen Daten.

Mehr zum Thema wissenschaftlicher Beirat, Bundesligakodex, Kommunikation mit den Fans und Bewährungsmodellen bei Stadionverboten gibt es im Mitschnitt des Nachgespräches mit Thomas Schneider.

Mitschnitt der Pressekonferenz

[audio:http://www.textilvergehen.de/audio/2011_04_28_pk_dfl.mp3]

Nachgespräch mit Thomas Schneider (DFL, Leiter Fanangelegenheiten)

[audio:http://www.textilvergehen.de/audio/2011_04_28_thomas_schneider_dfl.mp3]

Über allen Gipfeln Ist Ruh’

Theo Zwanziger hat sich als DFB-Präsident das eine oder andere Mal für sein Krisenmanagement kritisieren lassen müssen. Zuletzt im Fall Amerell/Kempter. Anschauungsunterricht für den Politikstil Merkel bekam er vom ehemaligen Kanzleramtsminister und heutigen Bundesinnenminister Thomas de Maizière. Auf Einladung des Ministers kamen am 23. April viele Vertreter ins Innenministerium, deren Aufzählung mit Titeln eine Reminiszenz an das Neue Deutschland und andere DDR-Zeitungen wäre. Neben dem Gastgeber und Theo Zwanziger, nahmen  unter anderem teil:

  • Christoph Ahlhaus, Vorsitzender der Innenministerkonferenz,
  • Reinhard Rauball, Präsident des Ligaverbandes
  • Christian Seifert, Vorsitzender der DFL-Geschäftsführung
  • Helmut Spahn, Sicherheitsbeauftragter des DFB
  • Jürgen Schubert, Inspekteur der Bereitschaftspolizei der Länder
  • Klaus Schlie, Vorsitzender der Sportministerkonferenz

Damit waren in Berlin tatsächlich alle versammelt, die etwas zum Thema zu sagen gehabt hätten (Gesamte Liste aller Teilnehmer). Natürlich ist das Fehlen der medial am stärksten wahrgenommen Gruppen, die Polizeigewerkschaften und die Fangruppierungen, ein Kritikpunkt der augenfällig ist. Zur Entkräftung wird auf die Teilnahme der Koordinationstelle Fanprojekte verwiesen, die allerdings keine Interessenvertretung von Fans ist, sondern hauptberuflich im Rahmen von Fanprojekten mit Fans arbeitet und zum Thema Fanarbeit berät, wie Michael Gabriel von der Koordinationsstelle auf Anfrage erklärt. Ob eine Teilnahme von Vertretern der Ultragruppierungen oder der Polizeigewerkschaften Sinn gehabt hätte, steht auf einem anderen Blatt. Allerdings ist ein Runder Tisch nicht rund, wenn die betroffenen Gruppen nicht ausgewogen und gleichberechtigt daran teilhaben können.

Ebenso wichtig wie die Teilnehmerliste eines Runden Tisches ist auch der Gesprächsinhalt. Während allerdings bei den Runden Tischen in der Wendezeit noch um Inhalte und die Verteilung von Macht gerungen wurde, kann man sich in der Nachbetrachtung des Runden Tisches zum Thema “Fußball und Gewalt” des Eindrucks nicht erwehren, dass es nur um den Austausch von Grußadressen und Worthülsen ging.

Thomas de Maizière:

Fußball ist ein großes Spiel und hat eine erhebliche Bedeutung in unserer Gesellschaft. Wir möchten uns miteinander verständigen und anstrengen, damit der Fußball weiterhin eine der größten Integrationskräfte unserer Gesellschaft bleibt. […] Nutzen wir diese Botschaft heute – über den Fußball hinaus – gerade mit Blick auf den bevorstehenden 1. Mai als Aufruf an die ganze Gesellschaft: Schluss mit Gewalt! Das sollte heute unsere Botschaft sein.

Diskussionen? Streit? Differenzen? – Fehlanzeige! Stattdessen wird die anberaumte Pressekonferenz in den Saal der Bundespressekonferenz verlegt und erläutert, dass DFB und DFL den anderen Vertretern einen Zehn-Punkte-Plan vorgestellt hätten. Nähere Auskünfte,  was der Zehn-Punkte-Plan genau beinhaltet und wie die Reaktionen von staatlicher Seite darauf ausfielen, waren nicht zu erhalten. Sowohl der DFB als auch das Bundesinnenministerium verweisen in Anfragen auf den Initiator des Planes, den Ligaverband DFL. Von der DFL kommt der Hinweis auf die Pressemitteilung vom 19. April, die “sicher eindeutig genug” sei. Davon abgesehen, dass die Mitteilung der DFL vier Tage vor dem Runden Tisch veröffentlicht wurde, bleibt sie inhaltlich auch im Vagen. Zusätzlich bittet die DFL bei der Nachfrage nach Details des Zehn-Punkte-Plans um Verständnis: “[…] es wäre sicherlich nicht seriös, wenn wir vor Abschluß der Verschriftlichung unserer Beratungen voreilig und einseitig Stellung beziehen würden.” Wozu dann eine Pressekonferenz im Anschluss an den Runden Tisch anberaumt wurde, ist dann mehr als fraglich.

Einige Punkte lassen sich in den verschiedenen Pressemitteilungen identifizieren. Allerdings sind diese sehr allgemein gehalten:

  • Ab 2011 verzichtet die DFL auf die Austragung von Spielen um den 1. Mai. Für die darunter liegenden Ligen solle eine sorgfältige Prüfung der Spielansetzung stattfinden.
  • In den Vereinen sollen ein hauptamtlicher Fanbeauftragter und ein hauptamtlicher Sicherheitsbeauftragter eingestellt werden. Für die Vereine im DFL-Bereich ist das heute oft schon Realität. Ob das für andere Ligen auch gilt, ist unklar. Allerdings haben bereits jetzt schon Vereine in den Regionalligen Probleme, den vorgeschriebenen Sportdirektorenposten zu besetzen.
  • Intensivierung der präventiven Arbeit, wobei die Fanprojekte einen besonderen Stellenwert einnehmen würden. Auch hier fehlt jegliche Erläuterung der Phrase, die sicherlich jeder so unterschreiben würde. Wenn es allerdings um die Finanzierung der Fanprojekte geht, wird man sehen , was den Vertretern der Vereine, Verbände, Kommunen und Länder diese Arbeit wert ist.
  • Verbesserung der Kommunikationswege zwischen allen beteiligten Parteien. Noch eine Phrase, die erst mit Inhalt gefüllt werden muss.
  • Qualifizierungsoffensive. Dies kann sowohl Ordner als auch die eingesetzten Beamten betreffen. Was gemeint ist, wurde nicht erklärt.
  • Kontinuierlicher Dialog aller Beteiligten – vor allem von Fans und Polizei – unter Moderation der Liga. Ein interessanter Punkt, der allerdings wiederum durch PR-Sprech weichgespült und von jeglichem Inhalt befreit wurde.
  • Öffentlichkeitswirksame Maßnahmen für die Ächtung von Gewalt durch die DFL. Ob das mehr als ein bloßes Bannertragen von Profifußballern und das Verteilen von Klatschpappen sein wird, bleibt abzuwarten. Ebenso fraglich ist der Effekt solcher plakativen Aktionen.
  • Durchführung einer Studie zu den bisherigen Sicherheitsmaßnahmen durch die TU Darmstadt. Damit ist sicher auch die Evaluation der “Richtlinien zur Verbesserung der Sicherheit bei Bundesspielen” gemeint. Wann diese Studie fertig sein soll und wer daran beteiligt sein wird, wurde nicht bekannt.

Wenn der vage Inhalt des Maßnahmenpaketes bereits einige Tage vorher von der DFL, die von allen Beteiligten als federführend bezeichnet wird, veröffentlicht wird und nach dem Runden Tisch niemand etwas Konkretes dazu sagen möchte, lässt das vermuten, dass es nur um den Showeffekt ging. Bekannt ist das Prozedere bereits von den vielen Gipfeln, die vor allem unter der Kanzlerin Angela Merkel zum anerkannten Politikstil wurden. Bei öffentlichkeitswirksamen Themen wird zu einem Gipfeltreffen geladen. Dort werden gegenseitige Absichtserklärungen postliert und am Ende gibt es die passenden immergleichen Gipfelbilder. Inhaltlich bleibt es allerdings weiter nebulös und allgemein. Das macht es schwierig, die verfassten Ziele überprüfen zu können. Was der DFB-Präsident womöglich für sein persönliches Krisenmanagement vom Runden Tisch mitgenommen hat, wird man sehen, wenn er demnächst auch zu Gipfeln in die DFB-Zentrale nach Frankfurt einlädt.

Mehr zum Thema: Presseschau zum Runden Tisch (Koordinationsstelle Fanprojekte)