Bei Felix.

Als ich Felix das erste Mal kennenlernte, war ich neun Jahre alt. 1988. Zusammen mit vielen anderen Kindern saß ich in in einem abgedunkelten Saal. Die Blumen und die Büste weiter vorne waren nur schemenhaft zu erkennen im Schein von Dias, die an die Wand projiziert wurden. Die Bilder zeigten Rotarmisten im Krieg. Welcher genau es war, konnte mit Sicherheit kein Kind sagen. Plötzlich erschien das Portrait eines hageren Manns an der Wand. Er schaute uns mit seinen durchdringend blickenden Augen von der Wand aus an. Das war Felix Edmundowitsch Dserschinski. Gründer des KGB-Vorläufers Tscheka und Namensgeber meines Ferienlagers.

Während ich viel Spaß im Ferienlager hatte und die Schießübungen und das Tragen von ABC-Schutzanzügen spannend fand, dürfte Unions Präsident Dirk Zingler weniger Freude bei Felix gehabt haben. Fünf Jahre vorher, ab 1983 diente er drei Jahre im Wachregiment Felix Dserschinski in Berlin-Adlershof, was die Berliner Zeitung dazu verleitet, dem Thema fast eine gesamte Seite zu widmen. Laut Zinglers Aussage wollte er während seiner Armeezeit unbedingt in Berlin bleiben. Da blieben ihm nur zwei Möglichkeiten: Das Wachregiment Friedrich Engels der NVA oder eben das Wachregiment des Ministeriums für Staatssicherheit. Die Alternativen sind bekannt: Dienst bei den Grenztruppen mit der Maßgabe als 18-Jähriger auf Flüchtende schießen zu müssen oder bei den regulären Truppen der NVA ebenfalls fast ohne Heimurlaub.

Die Zeit bei der Armee ist ein Teil jeder männlichen Biographie in der DDR. Der verschwindend geringe Teil der Verweigerer spielt repräsentativ keine Rolle. Drei Jahre Verpflichtung zur Armee waren für Jungen in der DDR der Schlüssel zum Studium. Einem 18-Jährigen dabei vorzuwerfen, die Chance eines Dienstes in Berlin mit regelmäßigem Heimurlaub (!) zu nutzen, ist die bewusste Verleugnung der damaligen Realitäten. Ebenso gehört dazu das Zitieren aus DDR-Akten. Was soll denn in einer Akte der FDJ oder SED stehen außer Parteisprech? Wenn Zingler in seinem Lebenslauf für das MfS schreibt “Weil ich es für notwendig finde, der Partei anzugehören, die für den Frieden auf der Welt kämpft”, ist das nicht mehr als das, was gehört werden wollte. Die Berliner Zeitung macht das, was Journalisten eben machen, wenn sie nichts finden: Sie haut auf die Kacke, dass es richtig spritzt. So bleibt immer etwas haften. Zum Beispiel die Assoziationskette Dirk Zingler und Ministerium für Staatssicherheit.

Die Vorstellung ist abwegig, für viele treue Fans des 1.FC Union Berlin schon der Gedanke allein eine Beleidigung: Der Präsident des Vereins trägt einen weinroten Trainingsanzug, Modell Dynamo. Und doch: Es ist so gewesen. Denn dieser Sportdress gehörte zu seiner Ausrüstung.

Zurück in die späten 80er Jahre. Berlin-Hohenschönhausen. Kraftkreis in einer Sporthalle. Die neun bis zehnjährigen Kinder führen die Übungen aus. Spaß ist etwas anderes. Aber bald ist Bezirksmeisterschaft im Ringen und die besonders guten dürfen später auf die KJS. Leises Flüstern und Lachen. “Fiebrig!”, schallt es durch die Halle. Der Trainer ist wütend. “Fünf Mal das Seil hoch!” Die übliche Strafe für Reden während des Trainings. Ich schlurfe zum Seil. In meinem weinroten Trainingsanzug, Modell Dynamo.