Grenzüberschreitung

Norbert Düwel hat seinem Team das freie Wochenende gestrichen (BZ). Natürlich schwebt jetzt das Wort Straftraining über allem. Aber wir sind ja nicht mehr in den 80ern oder 90ern. Der Trainer kann sich die Maßnahme erlauben, weil das nächste Spiel erst am Freitag ist. Wären weniger Tage zwischen den Spielen, würde sich Düwel mit Laufeinheiten nur ein Eigentor schießen. Ich glaube, dass die Botschaft des 0:5 auch ohne zusätzliche Trainingseinheiten angekommen ist.

Was weiterhin überhaupt nicht geht, sind solche Überschriften wie in der BZ:


F
oto: Screenshot von bz-berlin.de

Das hat für mich zwei Gründe: Die Spieler haben ihre Arbeit nicht so gemacht, wie das erwartet wurde. Auch von ihnen. Aber das passiert uns im Job genau so. Und es ist demütigend, dafür so bezeichnet zu werden. Das ist, als ob so etwas wie Menschenwürde (nicht ohne Grund ein hohes Gut) für Fußballprofis nicht gelten würde. Gegen einen gepflegten Anschiss ist nichts einzuwenden, doch Nachtreten geht gar nicht. Das ist peinlich.

Der zweite Grund ist der erste in kurz: Robert Enke.

Trend oder Ausrutscher?

Analytischer unterwegs sind Kurier und Morgenpost. Natürlich bekommt Norbert Düwel die Torwartentscheidung noch einmal vorgehalten. Doch auffällig ist, dass Spieler nicht ihre Leistung bringen, bei denen es aktuell um eine mögliche Vertragsverlängerung geht. Die Morgenpost zählt fünf Spieler auf, die beim 0:5 auf dem Platz standen: Michael Parensen, Christopher Quiring, Martin Kobylanski, Steven Skrzybski und Björn Kopplin.

Während bei Torhütern das Thema Verunsicherung immer debattiert wird, scheint es bei Feldspielern keine größere Rolle zu spielen. Dabei würde ich das im Falle der fünf Unionspieler ohne Vertrag über den Sommer 2015 hinaus gelten lassen. Sie durchleben eine Phase der Unsicherheit. Die Profis müssen beispielsweise bis 1. April vorsorglich ihre Wohnung kündigen, wenn ihr Vertrag am 30. Juni ausläuft und sie im Falle eines Wechsels nicht zusätzlich bezahlen wollen. Hängen die Arbeitsstelle von Frau/Freundin und auch noch Kinder dran, wird es komplizierter. Den Kopf frei haben stelle ich mir anders vor. Jeder, der selbst mit befristeten Arbeitsverträgen zu tun hat, wird das nachvollziehen können.

Foto: Matze Koch

Der Kurier beschönigt nichts und vergleicht die Auftritte von Union in Nürnberg, Leipzig und Darmstadt mit denen eines Absteigers. Daran gibt es auch nichts zu kritteln. Die nächsten drei Spiele (St. Pauli, Sandhausen und Aalen) entscheiden für mich darüber, ob wir uns in dieser Saison noch einmal mit Abstiegskampf beschäftigen müssen.

Dead Klub Walking

Nachher um 13.30 Uhr ist Anpfiff der Regionalliga-Partie zwischen UnionZwee und dem BFC Dynamo. Laut Kurier verstärken Bajram Nebihi, Eroll Zejnullahu und Valmir Sulejmani die Zweite Mannschaft. Vorbei ist die Zeit, dass uns das aufgeregt hat, wenn Klubs ihre zweite Mannschaft mit Profis verstärken …

Für mich hat das Spiel null Relevanz, aber ich verstehe die emotionale Bedeutung für viele Unionfans. Für mich ist der BFC so ein bisschen wie ein Zombie. Tot, aber bewegt sich noch. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass dieser Klub jemals wieder richtig auf die Beine kommt. Da kann der Verein noch so viele gute und wichtige soziale Projekte stemmen, er wird immer die Labels MfS und Hooligans an sich haften haben. Und sollte er diese jemals loswerden, dann bleibt er deshalb berlinweit so unbedeutend wie Fortuna Pankow.

Es ist nie schön, wenn vor einem Fußballspiel erst einmal die Zahlen der eingesetzten Polizisten herunter gerattert werden (Kurier, Morgenpost). Also passt auf euch auf, wenn ihr hingeht. Wäre prima, wenn wir morgen keine Polizeimeldung wie diese vom Herthaspiel gestern lesen müssen.

Ich bin heute mit Kind beim Bundesligaknaller Wolfsburg – Freiburg vor Ort. Gefahrenstufe Null oder drunter ;)

Und sonst so?

Sticker War in den Alpen:

stickerwarFoto: immnski

Die Verletzten kosteten eine bessere Plazierung.

Die Saison ist fast zu Ende. Jetzt könnten Trainer oder Spieler ein Fazit ziehen. Wir haben uns aber gedacht, wir überlassen das den Journalisten, die Union das ganze Jahr über verfolgt haben. Bis zum letzten Spieltag am 15.Mai in Karlsruhe wird jeden Tag ein Berliner Sportjournalist beim Textilvergehen sein Saisonfazit ziehen. Bereits zu Wort gekommen sind Mathias Bunkus (Berliner Kurier) und Sebastian Stier (Tagesspiegel).

Jürgen Schulz (freier Autor für Taz und BZ) verfolgt Union seit 1992

Ich fand den Anfang spielerisch nicht einmal schlecht, aber mitunter hatte Union doch ziemliche Durchhänger. Da hat mich die Mannschaft nicht mehr überzeugt. Ich glaube, dass sich da bemerkbar gemacht hat, dass Santi Kolk gefehlt hat. In der Phase ist das spielerische Element einfach zu kurz gekommen. Auch Michael Parensen hat lange gefehlt, von dem ich sehr viel halte. Mir waren dann einfach zu viele hohe Bälle im Spiel. Wenn man das Mittelfeldspiel mit Fürth oder Aachen vergleicht, dann läuft dort der Ball einfach besser durch die Reihen. Bei Union ist mir mitunter noch zuviel Hauruck dabei gewesen.

Insgesamt muss man aber sagen, dass das zweite Jahr überhaupt nicht schwierig war. Ich hätte erwartet, dass Union bis zum letzten Spieltag in Karlsruhe braucht, um eine Entscheidung im Kampf um den Klassenerhalt herbeizuführen. Aber das liegt meiner Meinung nach auch daran, dass vier Mannschaften im Keller stehen, die so schwache Auftritte geliefert haben, dass es fast ein Armutszeugnis für die zweite Liga ist. Da hat Union auch Glück gehabt, dass ein Quartett so nach unten weggebrochen ist. Sonst wäre es bestimmt härter geworden.

Aber der Klassenerhalt ist völlig okay und zudem wurde er vorzeitig geschafft. Auch wenn ich gehofft hatte, dass Union vielleicht einen einstelligen Tabellenplatz schafft. Der wäre auch drin gewesen. Aber die vielen Verletzten hat man dann doch schon gemerkt. Im nächsten Jahr wird es deutlich schwieriger, die Klasse zu halten. Union weiß das aber auch und führt jetzt einen Umbruch herbei mit acht Spielern, die gehen. Ich bin mir sicher, dass sie die Chance nutzen, um eine entsprechende Mannschaft zusammenzustellen.

Berliner Fenster

Später Nachmittag. Die U7 macht auf ihrer langen Reise von Spandau nach Rudow Halt am Fehrbelliner Platz. Monoton quält sich eine Stimme durch den Waggon: “Entschuldigen Sie die kurze Störung. Ich bin seit… Sie brauchen gar nicht so zu schauen. Mir macht das auch keinen Spaß. …wohnungslos und bitte um eine kleine Spende.” Die Fahrgäste wissen vor Hitze nicht, wohin mit sich. Gedanklich ist keiner mehr in der U-Bahn, sondern bereits im Urlaub. “Ach, ich habe da auch keinen Bock drauf!” sagt der um Almosen bettelnde Obdachlose und verlässt fluchend die Bahn. Das Warnsignal heult auf, die Türen schließen sich. Der Zug setzt sich und die Menschen in Bewegung.

Ein Kind schaut aus dem Fenster in den dunklen Schacht der U-Bahn. Ein anderes schreit. Regungslos daneben die Mutter. Bis ihr der Geduldsfaden reißt und sie das Kind im Kinderwagen festzurrt. Ziellos schwirren die Gedanken umher. Der Blick schweift. Nur nicht das Gegenüber ansehen. Wer sitzt, schaut nach oben in die, Berliner Fenster genannten, Monitore. Für echte Nachrichten ist kein Platz in diesen Meldungen, die selten mehr als zwei Sätze lang sind. Und doch lässt eine Überschrift kurz stutzen: “Neuhaus fordert mehr Tore von Savran”.

Halil Savran

Die Bahn hält wieder. Zeit, frische Luft und Gedanken hineinzulassen. Die Auflösung kommt in einer kurzen Meldung. Savran hat am Sonnabend sein erstes Testspiel für den 1. FC Wundervoll gemacht und dabei kein Tor geschossen. Ganz im Gegenteil: Er hat zwei großartige Chancen liegenlassen. Schade für ihn. Aber das ist noch kein Drama. Also alles im grünen Bereich. Die Fahrt kann weitergehen. Eine Schlagzeile, gratis für das Berliner Fenster am Sonntag: “Savran noch immer ohne Pflichtspieltor”.

Eiserner Vorhang

Was bedeutet eigentlich eine Medienpartnerschaft? Wohlmeinende Berichterstattung? Verlosung von Eintrittskarten? Oder exklusive Informationen? So ganz klar ist das nicht. Der neue Medienpartner des 1. FC Wundervoll ist seit dieser Saison die BZ. Sie löst damit den Berliner Kurier mit seinem größtenteils Ostberliner Publikum ab. Strategisch nicht unclever, da die BZ das Westberliner Publikum bedient, das es für Union zu begeistern gilt.

Aber wozu überhaupt eine Medienpartnerschaft? Schon eine Weile beschweren sich die Journalisten, die mit Union zu tun haben, über die Arbeitsbedingungen. Selten so offen, wie es Matze Koch (als freier Journalist u.a. für Bild, Fußballwoche, Kicker) oder Mathias Bunkus (Berliner Kurier) getan haben. Es ist von Vereinsseite her der Versuch, die Hoheit über den Informationsfluss zu behalten. Andere würden von der Erlangung oder der Ausübung der Kommunikationsherrschaft sprechen. Um die Mannschaft herum wird eine Wagenburgmentalität aufgebaut, die so gar nicht dem sympathischen Bild eines Vereins von Fans, das man den Sommer über vermittelt hat, entspricht. Die Spieler werden an der kurzen Leine gehalten. Anrufe bei Spielern führen dazu, dass entweder nicht zurückgerufen wird oder vom Spieler die Frage kommt, ob das Gespräch denn beim Verein angemeldet sei. Und wenn sich eine Zeitung erdreistet, ungenehmigt einen Spieler zu befragen, werden daran unbeteiligte freie Journalisten angerufen und dazu befragt. Nur, weil sie auch dieser Zeitung Texte anbieten.

Die Presse als Feind. Wir vom Verein. Die da draußen von der Presse. Im Moment des Erfolges mag das funktionieren. Aber schon jetzt kann man darauf warten, dass es krachen wird, wenn es denn mal nicht läuft. Für die zweite Liga mit ihrer Dauerbeobachtung durch überregionale Medien und Fernsehen ist das eine lächerliche Strategie. Auch und gerade in einer Stadt, die sechs Tageszeitungen und eine eigene wöchentliche Fußballzeitung kennt. Unsere professionellen Strukturen scheinen noch nicht in der Medienwelt der Bundesliga angekommen zu sein. Sie benötigen die Partnerschaft aller Medien und nicht die eines einzigen Mediums.

Zur ganzen Problematik passt hervorragend ins Bild, dass ein exklusives Verlautbarungsinterview über noch ausstehende Forderungen an die ISP dem neuen Medienpartner BZ gegeben wurde.