“Schön. Und da machen wir jetzt ´ne Zeitung draus.”

Das sind sicher die Schlussworte einer jeden Redaktionskonferenz bei allen Zeitungen dieser Welt, nachdem die Ressortleiter vorgetragen haben, wie die Zeitung von morgen aussehen soll. Hier unterscheiden sich Boulevardpresse und ihr Gegenstück, wie immer dessen korrekte Bezeichnung lauten mag, kein Stück. Worin aber sonst?

Die Sportredaktion des Berliner Kurier lud gestern ins Verlagshaus des Berliner Verlages, um solche und andere Fragen zu beantworten. Der Einladung vorausgegangen war eine Meinungsverschiedenheit zwischen Fußballfans des 1.FC Union Berlin und zwei Redakteuren darüber, welche Themen eine Zeitung behandeln darf, und mit welcher Haltung dies zu geschehen habe. “Kommt her, ich erklär´ gerne, wie hier gearbeitet wird”, war die erstaunliche Antwort des Ressortleiters Sport, Andreas Lorenz. Zu dem Treffen nicht erschienen sind diejenigen, die sich beschwert hatten. Statt dessen kam eine übersichtliche Anzahl tatsächlich Interessierter.

Guter Boulevard, böser Boulevard. Wer in der Schule Heinrich Bölls “Die verlorene Ehre der Katharina Blum” gelesen hat, und seine logische Fortsetzung, das BILDblog, kennt, der findet für letzteres täglich frische, triftige Argumente. Die spannendere Frage lautet demzufolge: Gibt es gute Boulevardpresse, und was soll das bitteschön sein?

Als Boulevardjournalismus oder Boulevardzeitung wird gemeinhin bezeichnet, was als “unseriöse Veröffentlichung” gilt. Legt man den Pressekodex als Maßstab an, so trägt inzwischen beinahe jede deutschsprachige, journalistische Publikation boulevardeske Züge. Gemeint ist damit vor allem, dass Boulevard selten die kritische Distanz sucht, sondern emotionale Themen auch als solche bearbeitet, ohne Fakten von Meinungen zu trennen und oftmals selbst Stellung bezieht. Wenn allerdings bei der Redaktionskonferenz entschieden werden muss, ob ein Beitrag in die Politik oder ins Vermischte gehört, ist man unsicher, ob das ein originäres Problem der Medienberichterstattung oder nicht vielmehr eines der Politik ist.

Sport galt lange Zeit als intellektuell niederes Betätigungsfeld des Journalismus. Sport war in Zahlen und Tabellen erfassbar und also ungeeignet für Reflektion, Distanz, “seriösen” Journalismus. Sport wird heute als hochemotionale Angelegenheit gehandelt. Eine Fußballweltmeisterschaft wird auf den Titelblättern aller Printerzeugnisse ausgetragen, Boulevard oder nicht. Illustriert wird das allerorten mit jeweils denselben Fotos aus den nämlichen Agenturen. Es ist keine Seltenheit, dass ein freier Sportjournalist für den Tagesspiegel und die Bild schreibt, für die B.Z. und die taz. Sportler werden als Popstars behandelt, hüben wie drüben. Es unterscheiden sich Wortwahl und Satzlänge, aber auch die Süddeutsche und die Frankfurter Allgemeine Zeitung bemühen Klischees, wenn sie über internationalen Fußball schreiben. Die Grenzen fließen.

Fragt man Andreas Lorenz, welche Meldungen es bei ihm ins Blatt schaffen, nennt er zwei Kriterien: Es muss den Leser interessieren, und es muss eine gewisse Relevanz haben. Wenn ein ein Testverfahren bei den Lesern ergibt, dass der Fünfzeiler über den BFC Dynamo der meistgelesene Text auf einer Doppelseite ist, ist das Leserinteresse indiziert. Über die Relevanz der Oberliga mag man streiten. Am Ende geht es wie überall darum, das Blatt zu verkaufen – egal, ob es Frankfurter Rundschau oder Berliner Kurier heißt.

“Eine Zeitung ist wie ein Supermarkt”, sagt Lorenz weiter. “Ich muss alles anbieten, auch wenn nur ein Bruchteil genutzt wird.” Nachdem die meisten Leser via Fernsehen und Internet über die Fakten von Sportereignissen ohnehin informiert sind, ist nach seiner Ansicht die zentrale Aufgabe des Journalisten, “das zu liefern, was andere gar nicht liefern können.” Dies dürfte genau die Stelle sein, an der sich die Meinungen spalten. “Ich gehe da hin, wo normaler Weise die Tür zu ist” kann eine Geschichte über die Fußpflegerin von Union sein. Es kann genauso gut ein Dokumentarfilm von Emir Kusturica über Diego Maradona sein. Hinsichtlich der Grenzen gilt das oben Gesagte.

Der Boulevard hat die Homestory dann im Sportteil, wenn der sich selbst darstellende Prominente Sportler ist. “Und trotzdem gucken alle, welches Duschgel der benutzt”, entgegnet Andreas Lorenz auf die Bemerkung, das interessiere doch niemanden. Verlust an Intimsphäre? Nicht angesichts dessen, was der durchschnittliche, nichtprominente Privatmensch im Zuge so alltäglicher Verrichtungen wie sich bei Fußballspielen filmen lassen, sich in der U-Bahn filmen lasssen, sich beim Geldabheben filmen lassen, ungewollt an Privatheit verliert. Die Idee, einen bekannten Sportler privatim darzustellen, ist aber keine Spezialität von Boulevardzeitungen. Woanders heißt das Porträt und steht im Feuilleton. Voyeurismus ist für alle da.

Was den Boulevard tatsächlich charakterisiert, ist seine Haltung dem Leser gegenüber. Kuriergeschichten sind so gestaltet, dass sie leicht konsumierbar sind. Das schließt den Sportteil ein. Der Leser “soll sich an den Artikeln nicht abarbeiten” ist die positive Formulierung dafür. Griffige Überschriften, große Bilder, kurze Texte. Andreas Lorenz will seine Leser unterhalten, sagt er. Ein bißchen auch “an die Hand nehmen”. Das ist Geschmackssache, nicht jeder Leser möchte an die Hand genommen werden, und manch einer liest Zeitung nicht allein zum Zeitvertreib.

Auch unter diesen Prämissen ist jedoch das Arbeiten nach journalistischen Grundregeln möglich. Wie der Pressekodex interpretiert wird, kann innerhalb eines Verlagshauses von Zeitung zu Zeitung, von Ressort zu Ressort, von Redakteur zu Redakteur variieren. Der Generalvorwurf “ihr arbeitet nicht journalistisch” an “den Boulevard” scheint in seiner Absolutheit jedenfalls nicht haltbar.