Das Spiel ihres Lebens

Beim 11mm Festival 2013 feiert der Fußball den DFB, der DFB den Fußball und – das ist für mich am wichtigsten – der Fußball feiert sich selbst. Während sich im großen Saal des Kino Babylon Rudi Gutendorf, Olaf Thon und Klaus Fischer beim Sehen und Gesehen werden die Klinke in die Hand geben, geht es zeitgleich im geradezu winzigen Kino 3 etwas beschaulicher zu. Die Geschichte, die in der britischen Dokumentation “The Game of their Lives” erzählt wird, ist, verglichen mit den “50 Jahre Bundesliga”, welche in der Hauptveranstaltung des Abends zelebriert werden, eher eine Randnotiz. Oftmals sind es die kleinen Geschichten, die den Fußball zu etwas Besonderem machen. Und während für viele Menschen Fußball nur die schönste Nebensache der Welt ist, bedeutete der Sommer des Jahres 1966 für die Spieler der nordkoreanischen Nationalmannschaft viel mehr.

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Foto: 11mm

Zerstört vom Koreakrieg, geteilt und zerrissen vom Kalten Krieg, machten sich die Spieler aus Nordkorea auf den Weg zur 8. Fußball-Weltmeisterschaft in England. Und allein der Weg dahin hatte es schon in sich. Zum einen stand für die Fußballverbände von Afrika, Asien und Ozeanien zusammen nur ein einziger Startplatz bei der WM zur Verfügung. Zum anderen hatte die gesamte westliche Welt Nordkorea politisch die Anerkennung verweigert. So mussten in der finalen Qualifikationsrunde gegen Australien Hin- und Rückspiel in Kambodscha ausgetragen werden. Immerhin ordnete die kambodschanische Führung an, dass bei den Spielen in Phnom Penh jeweils die Hälfte der Zuschauer für eine der Mannschaften zu sein habe. “Hey, ihr da! Ihr jubelt jetzt für Nordkorea!” So einfach geht das.

Einmal für die WM qualifiziert, hörte das politische Drama noch lange nicht auf. Großbritannien, im Korea-Krieg auf Seiten Südkoreas aktiv, erteilte den Nordkoreanern nur deshalb ein Visum, weil man befürchtete, die FIFA könnte ansonsten das gesamte Turnier in ein anderes Land verlegen. Etwas gastfreundlicher zeigten sich da die Menschen in Middlesbrough, welche sich alle Mühe gaben, die dort untergebrachte nordkoreanische Mannschaft gebührend zu empfangen und auch während der WM-Spiele zu unterstützen. Der Underdog-Charakter der Nordkoreaner sollte sein übriges tun, um die Engländer im Turnierverlauf auf die Seite der Südost-Asiaten zu ziehen.

Die nordkoreanischen Fußballer waren im europäisch-südamerikanisch dominierten Fußball eine absolute Unbekannte. Folglich wettete auch niemand einen Pfifferling auf die mit Italien, Chile und die UdSSR in eine Gruppe gelosten Nobodys. Es fing auch nicht erfolgversprechend an. Körperlich in Größe und Gewicht unterlegen, musste Nordkorea im ersten Spiel gegen die UdSSR eine klare 3:0 Niederlage einstecken. Aber bereits in Spiel Nummer 2 konnte man dem Dritten der WM 1962, Chile, ein 1:1 abtrotzen – und als die technisch hoch überlegenen Italiener letztlich im entscheidenden dritten Vorrundenspiel mit 1:0 bezwungen wurden, kannte die Euphorie in Middlesbrough keine Grenzen mehr. Die Nord-Engländer hatten die Nordkoreaner als “ihre” Mannschaft durch das Spiel getragen und frenetisch gefeiert. Das “Chollima Football Team”, bezeichnet nach der Arbeiterorganisation, welche den Nordteil Koreas nach dem Krieg wieder aufbauen sollte, hatte in der von Industrie geprägten Arbeiterstadt Middlesbrough offenbar einen Nerv getroffen.

Erzählt wird die Geschichte abwechselnd durch Originalaufnahmen der Weltmeisterschaft 1966 und Interviews, die Regisseur Daniel Gordon im Jahr 2002 in Nordkorea – nach jahrelangen Verhandlungen – mit Akteuren der damaligen Mannschaft geführt hat. Ein Zugeständnis musste Gordon offenbar machen. Die begeisterten Worte der ehemaligen Fußballer, wenn es um die großartigen Errungenschaften des Sozialismus in Nordkorea und die geliebten Führer des nordkoreanischen Volkes geht, bleiben umkommentiert. Auf der anderen Seite braucht es aber auch keines Kommentars. Zu skurril wirken die Tränen der ergrauten und mit Orden behängten Männer am Ehrenmal von Kim Il-sung, zu befremdlich die choreografierten Szenen der jährlichen Massenveranstaltungen im Stadion von Pjöngjang. Dennoch, trotz der politischen Hintergründe, ging es bei der WM 1966 für elf Fußballspieler vor allem darum, einen Ball in das gegnerische Tor zu schießen und damit Menschen zu begeistern.

Jedes Märchen endet einmal, für die Mannschaft aus Nordkorea endete der Traum im Viertelfinale gegen Portugal. Zwar unterschätzten die Portugiesen die Nordkoreaner zunächst, was dazu führte, dass es nach nur 26 Minuten 3:0 für Nordkorea stand. Dann kam allerdings die Stunde eines der größten Stars der sechziger Jahre: Eusebio schoss die am Ende technisch völlig überforderte nordkoreanische Mannschaft mit vier Toren fast im Alleingang aus dem Turnier. Dass das Spiel letztlich “nur” mit 5:3 verloren wurde, lag an einer während des gesamten Turniers grandiosen Leistung des nordkoreanischen Torwarts. Die Engländer feierten die tapferen Asiaten trotzdem. Und so endet die Dokumentation mit dem wunderbaren Satz “Ich habe gelernt, dass es im Fußball nicht nur ums Gewinnen geht.” Mag sein, aber so recht mag es ihnen nicht gelingen, den Stolz über diesen einen WM-Sieg gegen Italien zu verbergen – dem Spiel ihres Lebens.