Fahrgäste und Fußballfans.

“Sehr geehrte Fahrgäste und Fußballfans, sind Sie nicht traurig, wenn Sie diesmal nicht mitkommen. Der nächste Zug wartet schon hinter mir.” Unbeholfene Freundlichkeit bei der S-Bahn. Der Berliner ist das nicht gewöhnt und wundert sich, der Brandenburgerin geht´s ganz genauso. Ich betrachte meine Mitreisenden. Zwei ältere Damen in beigen Strickpullovern mit noch eingeschweißten Deutschlandfahnen. Erstgebrauch, vermutlich. Zwei befreundete Ehepaare um die 50 auf Berlinreise in Fan-T-Shirts. Eine Gruppe junger Mädchen mit schwarzrotgoldenen Blumengirlanden. Einige wenige in Trikots. Familien mit kleinen Kindern und dezenter Gesichtsbemalung. Frauen mit Frauen. Während die Mannschaften einlaufen, soll auf den Rängen eine Choreografie entstehen. Vorher wird am Spielfeldrand ein Transparent entlang getragen: Bitte zum Einlauf der Mannschaften die Papiertafeln hochhalten. Es ist kein typisches Fußballpublikum, das zum Olympiastadion pilgert, um die Eröffnung der Frauenweltmeisterschaft im Fußball zu sehen. Darin besteht der auffälligste Unterschied zur WM der Männer.

Wer prinzipiell nur Champions League der Herren kuckt, wer Stars braucht, Diven und Empörung, der wird bei einem Frauenfußballspiel nicht glücklich werden. Als in der 67. Minute Kerstin Garefrekes das leere Tor verfehlt, wirft der rechts neben mir sitzende Mann die Arme in die Luft und ruft gequält “Oarrrrrr – Mosquera!” Seine Karten hat er bei einem Radiosender gewonnen, erzählt er. Und hingegangen ist er, weil “schlimmer als Oberliga kann das auch nicht sein, und da hab ich meine Dauerkarte sogar gekauft.” Die Frau hinter uns findet dagegen alles “sehr gut”. Bis auf das, was “sehr, sehr gut” ist. Bei Abpfiff sagt sie “Ich bin ganz beseelt.” Zu meiner Linken sitzt ein Rentnerpaar, das ohne Rücksicht auf das Spielgeschehen große Freude an La Ola hat.

Es war nicht das überschäumende Wahnsinnsspektakel, von dem ich heute in den Zeitungen gelesen habe. Es war auf andere Weise trotzdem schön, die Freude ehrlich. Das mag auch daran liegen, dass man das Erlebnis Fußball für ein Publikum geöffnet hat, das sonst gute Gründe hat, dem fernzubleiben.

Von der Schwierigkeit, ein guter Eventfan zu sein.

Das Ticket habe ich. Aber Zubehör, ich brauche doch Zubehör! Na gut, da sind noch diese schwarzrotgoldenen Lametta-Pompons vom letzten Sommer. Die kichernden kleinen Schwestern der Nationalfahne. Ich versuche, ein Panini-Album zu kaufen. Ich erwerbe versehentlich ein Fußball-Sonderheft. Weder die Verkäuferin noch ich bemerken den Fehler. Extra für mich öffnet sie dann die Box mit den Aufklebern. Sie hat nur diese eine Hunderter-Box. Ich kaufe die ersten zwei Tütchen. Keine Ahnung, was mit den anderen achtundneunzig passieren wird. “Geht ja bald los”, sagt sie zu mir. Aber man merkt eben nichts davon, denke ich und antworte “Hm”. Wo sind eigentlich diese spielfeldgrünen Servietten bei Lidl, die fußballförmigen Untersetzer bei Aldi und die bekloppten Hüte bei Pfennigland, wenn man sie mal braucht? Mehr als bei einem vergleichbaren Männerturnier bin ich entschlossen, das alles gut zu finden. Es gibt kein vergleichbares Männerturnier, ich weiß. Selbst das Wintertrainingslager der Männerproficlubs in Belek ist spannender. Diese deutsche Nationalmannschaft, die da ab Sonntag um die Weltmeisterschaft spielt, soll nicht nur gewinnen – es wird von ihr erwartet, dem Frauenfußball zu mehr Ansehen zu verhelfen. Die Aufgabe ist schwer, jedes Mittel ist recht.

Ich bin neugierig, ob es gelingt.

Und das Paniniheft muss ich wohl doch noch haben, denn etwas optisch so eigenwilliges wie die Panini-Bilder der Nordkoreanerinnen wird es ganz bestimmt nie wieder geben.

Mädchen? Du kommst hier nicht rein.

Es ist schön, wenn der DFB oben in seinem Elfenbeinturm postuliert: “Die Zukunft ist weiblich.” Das Inforadio vom RBB hat nachgeprüft, wieviel von diesen hehren Worten unten ankommt, wenn ein Mädchen versucht, in Berlin einen Platz an einer Eliteschule des Fußballs zu bekommen. Dann wird festgestellt, dass die Plätze nur an Jungen vergeben werden und Mädchen dafür nicht mehr vorgesehen sind.

Beitrag auf Website von Inforadio anhören

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Steffi Jones im diplomatischen Dienst

Der Rahmen für eine diplomatische Veranstaltung war gut gewählt. Die Hauptstadt-Repräsentanz der Bertelsmann-Stiftung unter der klangvollen Adresse Unter den Linden 1. Dort wollten das Organisationskomitee und die Minister Guido Westerwelle und Thomas de Maizière die Botschafter der 15 teilnehmenden Länder auf die Fußball-WM der Frauen einstimmen. Aber so richtig war niemandem klar, was ihn auf dieser Veranstaltung erwarten würde. Zurück blieb vor allem das Bild von Steffi Jones, die als einzige Frau beim Fototermin von beiden Bundesministern und den Botschaftern eingerahmt wurde.

Schon zu Beginn fiel es Jens Grittner, dem Pressesprecher des Organisationskomitees, schwer, vorfreudige Stimmung zu erzeugen. Er versuchte seine Worte mit Metaphern aus dem Fußball aufzulockern. Die Gäste wurden eingeladen, sich “eine Halbzeit lang” auf die Reise durch die WM-Vorbereitungen zu begeben. Dazu holte er die “Dreierkette” Steffi Jones, Thomas de Maizière und Guido Westerwelle auf die Bühne, um “Doppelpässe mit der Politik” zu spielen. Unweigerlich kamen Erinnerungen an Moderationen von Kulturprogrammen vor Elternabenden in der Schule hoch. Horst R. Schmidt sprach davon, dass die WM der Frauen im Gegensatz zur WM 2006 kein Selbstläufer sein würde. Vor allem die Problematik der Kartenvergabe sei eine andere. Die Worte des DFB-Schatzmeisters Horst R. Schmidt mussten gar nicht weiter ausgeführt. Bisher wurden 500.000 Tickets verkauft. 800.000 verkaufte Eintrittskarten sind für die schwarze Null notwendig.

Guido Westerwelle gab gutgelaunt Anekdoten zum besten und schlug dann am Ende den Bogen vom Sport zu politischen Zielen: “Es ist bei uns selbstverständlich, dass Frauen Fußball spielen können. Das mag vielleicht für einige ungewöhnlich sein. Aber es ist nichts Aufsehenerregendes. Man darf nicht vergessen, wenn hier soviele Frauen bei dieser Sportart in der Welt gezeigt werden, wievielen Frauen das Mut macht in Ländern, die überhaupt nicht die gleichen Chancen haben. Natürlich ist das zuerst ein völkerverbindendes Sportereignis. Aber es ist auch eine schöne politische Botschaft dabei. Das ist vielleicht nicht die große Politik, aber ich glaube, dass sich so in Gesellschaften eine Menge verändern kann. Und man sieht ja auch in diesen Tagen, dass die Freiheitsidee und Wahrung von Fairness und Gleichberechtigung durchaus auch Erfolge hat. Haben sie einmal gesehen, wieviele Frauen in Ägypten und Tunesien auf den Plätzen gewesen sind? Wenn man das in diesen Zusammenhang stellt, dann ist klar, dass das mehr als Sport ist. Da wird auch eine aufklärerische Botschaft verbreitet.”

Leider war von den Journalistenstehplätzen hinten nicht sichtbar, wie die Botschafter von Äquatorialguinea und der Demokratischen Volksrepublik Korea auf diese Äußerungen reagierten. Es ist zwar natürlich etwas anderes, ob ein Außenminister solche Sätze in Berlin oder in Pjöngjang äußert. Aber Innenminister de Maizière sah sich doch genötigt einzugreifen: “Wir freuen uns über den Sport. Wir fördern den Sport. Aber wir instrumentalisieren ihn nicht. Das ist ein wichtiger Punkt.” Um in der Fußballsprache zu bleiben: Thomas stauchte seinen Mannschaftskollegen Guido zusammen. Der solle nicht Hackespitzeeinszweidrei sondern den geraden Ball spielen. Und dies machte der Minister dann gleich vor, indem er auf die Regierungsgarantien angesprochen sagte: “Wir verbinden Sicherheit und Fröhlichkeit. Natürlich richten wir auch den Blick auf sonstige Kriminalität – vom Taschendiebstahl bis zum Terrorismus. Wir sind nicht der Veranstalter. Aber ohne uns würde es diese Veranstaltung nicht geben.”

Damit wurde deutlich, dass hier vor lauter Politik für Vorfreude auf die WM wenig Platz war. Außer den WM-Wimpeln werden die Botschafter wenig Euphorie mitgenommen haben. Aber vielleicht klappt das ja am 18. März, 100 Tage vor Anpfiff des Eröffnungsspiels, wenn die Trikots der Nationalmannschaft vorgestellt werden sollen.

Leben auf einem fremden Planeten: Frauenfußball.

Die 11Freunde kommen seit geraumer Zeit mit einer Beilage namens 11Freundinnen ins Haus. Für den Titel werden gut aussehende junge Frauen schön fotografiert. Die Website der auf dem Platz stets geradlinig wirkenden Bibiana Steinhaus überrascht durch pure, pinkfarbene Mädchenhaftigkeit. Silvia Neid besticht nicht nur durch Erfolge, sondern auch durch Eleganz. Es treten immer mehr Frauen öffentlich in Erscheinung, die im Fußball so erfolgreich sind, dass man nicht umhin kann, sie ernst zu nehmen. Sie verzichten dabei aber nicht mehr darauf, ihre Weiblichkeit mit ins Bild zu setzen. Bei einer sportlich erfolgreichen Eiskunstläuferin, Volleyball- oder Tennisspielerin stellt das niemand in Frage. Die Biathletin Magdalena Neuner ist eine gefragte Werbeträgerin. Ihre Fotos für den Unterwäschefabrikanten Mey sind dem vergleichbar, was Cristiano Ronaldo für Armani gemacht hat. Warum sollten nicht auch Fußballspielerinnen ihr Werbepotenzial ausschöpfen – oder schadet das dem Ansehen des Frauenfußballs?

Über solche und andere Fragen zum Thema Frauen, Fußball und Frauenfußball habe ich mich mit Aileen Poese, der Leiterin der Frauen- und Mädchenabteilung des 1.FC Union Berlin unterhalten. Mich interessierte dabei vor allem, welches Selbstverständnis die Fußballfrauen haben, auf welche Widerstände sie treffen und wo sie die Zukunft ihrer Sportart sehen.

Ailien Poese


Man findet im Internet nur wenige Informationen zu Ihrer Person. Können Sie Ihren eigenen Werdegang schildern?

Ich habe bis zur C-Jugend mit den Jungs der SG Schulzendorf gespielt und dort eine ganz gute Ausbildung genossen. Man musste damals allerdings als Mädchen mindestens genauso gut sein wie die Jungs in der Altersklasse, um überhaupt akzeptiert zu werden. Ich musste dort weg, weil Jungen und Mädchen nur bis zur U15 zusammen spielen dürfen. Danach bin ich auf die Flatow-Schule gegangen, die zu der Zeit noch Mädchenfußball hatte, und kam mit anderen Mädchen in Kontakt, die Fußball gespielt haben. Die haben mir gesagt: „Komm doch zu Union!“ Den Verein kannte ich bis dato überhaupt gar nicht. Die Männer haben zu der Zeit Regionalliga gespielt, aber das hat mich alles gar nicht interessiert, ich wollte nur dem Ball hinterher rennen.

Potsdam hatte auch angefragt, aber ich wollte nicht aufs Internat. Ich wollte bei Mama bleiben. Nach dem zweiten Training bei Union kam schon die Einladung zum Sichtungstraining der Landesauswahlmannschaft von Berlin. Wenn ich zurückblicke, war das eine Zeit, in der man über den Mädchenfußball bestenfalls sagen konnte, dass es ihn gab. Es waren überwiegend die Eltern der Spielerinnen, die sich engagiert haben. Die Anforderungen waren entsprechend niedriger. Ich habe dann für mich selbst beschlossen, weiter bei den Jungs zu trainieren, auch wenn ich da nicht spielen konnte. Dann war ich das erste Mal bei der Deutschen Meisterschaft mit der Auswahlmannschaft und habe danach eine Einladung vom DFB für die Jugend-Nationalmannschaft gekriegt. Ich war dreimal bei der Sichtung. Dazu kam dann aber ein bisschen Verletzungspech. Die nächste Sichtung vom DFB habe ich abgesagt. Danach wurde ich nicht wieder eingeladen. Ich habe anschließend nur noch bei Union gespielt 2001 bin ich in den Frauenbereich gewechselt. Zu der Zeit hat Kathrin Nicklas die Frauen trainiert. Ich habe die Aufstiegsspiele für die Regionalliga mitgespielt und in der 1.Frauen unter Kathrin Nicklas und Frank Schwalenberg bis 2004 immer eine Führungsrolle gehabt. In der Berliner Auswahl war ich Mannschaftskapitän. Ich hatte aber Probleme mit meinen Sprunggelenken – dadurch kamen immer Ausfallzeiten dazwischen. Ich konnte nicht trainieren, habe aber trotzdem gespielt, was sicherlich ein Fehler war. Dann kam ein Trainerwechsel, und der neue Trainer hat das erste Mal leistungsorientierten Fußball eingeführt und gesagt: „Wer nicht trainiert, der spielt nicht.“ Das war für mich eine neue Erfahrung, ich musste mich mit einem Mal ganz hinten anstellen. Das konnte ich nicht so verarbeiten, wie ich es vielleicht gekonnt hätte, wenn ich älter gewesen wäre.

Es stand zu der Zeit im Raum, einen Mädchenbereich aufzubauen, Talentförderung , Nachwuchsarbeit, und es kam die Frage von dem Trainer, ob jemand von den Frauen Lust hätte, mit Kindern zu arbeiten und die D-Mädchen aufzubauen. Ich dachte mir, wenn ich ohnehin nicht spiele, kann ich vielleicht etwas von dem, was ich kann, weitergeben. Ich hatte Lehramt studiert, die pädagogischen Sachen haben mich interessiert, und ein Trainer ist ja auch ein Lehrer. Das hat mir Spaß gemacht, und es kamen auch relativ viele Mädchen. Ich bin dann bei der ersten Frauen zurückgetreten, habe ein halbes Jahr nicht gespielt und mich voll auf die Nachwuchsarbeit konzentriert. Wir sind mit der Mannschaft in den Spielbetrieb gegangen und haben sogar das Pokalfinale erreicht, was eine Sensation war. Der Trainer der ersten Frauen hat mich darüber informiert, wie das mit den Trainerlizenzen funktioniert. Ich habe daraufhin 2006 mit der C-Lizenz angefangen. Hier geht ein herzlicher Dank an Dirk Thieme, der es mir ermöglicht hat, diese Lizenz auch zu finanzieren!

Ganz ohne Fußball geht es aber bei mir auch nicht, ich habe dann wieder angefangen zu spielen, war nicht verletzt, hab regelmäßig trainiert – und beim ersten Punktspiel saß ich auf der Bank. Danach habe ich gesagt, ich verwende jetzt meine gesamte Kraft auf die Jugendarbeit. Ich versuche, die Mädchenabteilung leistungssportlich aufzubauen, so dass die jungen Spielerinnen lernen, dass regelmäßiges, gutes Training notwendig ist, um weiterzukommen und man sich den Platz in einer Mannschaft jede Woche wieder erkämpfen muss.

Zwei Jahre später, 2008, habe ich meine B-Lizenz gemacht und eine Stelle als Landestrainerin beim Berliner Fußballverband angeboten bekommen, zusammen mit meinem ehemaligen Verbandssportlehrer. Ich bin dann zwei Jahre bei ihm als Co-Trainer mitgelaufen. Ich habe das im letzten Jahr als Hauptverantwortliche übernommen und auch meine A-Lizenz gemacht. Also relativ schnell hintereinander weg, die Lizenzen.

Ich bin außerdem jemand, der nicht unbedingt in den Medien präsent sein muss, weil Sie das eingangs ansprachen. Sicherlich könnte man da etwas über mich schreiben, weil das, was hier gemacht wurde, und auch das, was ich gemacht habe, den Berliner Frauenfußball mit geprägt hat. Ich war zwar in der zweiten Liga im Kader, aber ich hab halt nicht aktiv zweite Liga gespielt, sondern nur Regionalliga, und von daher … ist es mir eigentlich auch nicht so wichtig.

Sie haben ein paar Mal „in der Jugend“ gesagt, dabei sehen Sie aus wie höchstens 20 …
Ich bin 26.

Das ist für alles, was Sie bisher schon gemacht haben, immer noch wahnsinnig jung. Und vor allem auch sehr jung, um die Spielerkarriere zu beenden.
Ja, ist es definitiv. Und manchmal frage ich mich auch, was gewesen wäre, wenn ich nach Potsdam gegangen wäre. Was wäre, wenn ich das Angebot von Tennis Borussia, da weiter oben zu spielen, angenommen hätte. Was wäre, wenn ich nicht so ein Verletzungspech gehabt hätte, wenn ich von der Persönlichkeit her in meiner eigenen Laufbahn als Fußballerin konsequenter gewesen wäre in dem Weg, den ich gehen will. Das weiß ich nicht, das kann ich nicht beantworten. Aber eins weiß ich, die Jugendarbeit wäre dann – zumindest bei Union – wahrscheinlich nicht so, und die Mädchen, die jetzt Fußball spielen, würden vielleicht weniger gute Bedingungen vorfinden.

Ein bißchen klingt diese Laufbahn aber auch wie das Fehlen von Infrastruktur – bei den Männern wäre jemand mit vergleichbarem Talent doch automatisch auf einem ganz anderen Weg gelandet und an den Leistungssport herangeführt worden, oder?
Man kann immer ein Talent übersehen, das gibt es auch im Jungsfußball. Aber klar, die Infrastruktur, die dort zur Verfügung steht, mit den DFB-Stützpunkten, die ist eine ganz andere.

Fußballtraining Frauen

Haben Sie sich irgendwann mal gewünscht ein Mann zu sein, weil es dann einfacher ist, mit Fußball Karriere zu machen?
Ja. Als Jugendliche – ja. Jetzt mittlerweile ist es, glaube ich, bei den Mädchen nicht mehr unbedingt so. Die sagen sich zwar, es wäre besser, weil ich dann damit mehr Geld verdienen könnte. Aber ansonsten sind die Mädchen, die hier trainieren, ganz gut dran. Ich hätte mir damals gewünscht, so etwas zu haben. Ich hätte mir gewünscht, dass mir jemand jedes halbe Jahr erzählt, was ich verbessern kann. Dass sich jemand darum kümmert, wie es mir geht. Dass jemand da ist, mit dem ich sprechen kann, wenn ich vielleicht andere Probleme habe. Dass sich jemand darum kümmert, dass ich die Sachen, die ich vom DFB als Hausaufgaben mitbekomme, auch erledigen kann. Dass dafür Freiräume geschaffen werden, dass ich einen Trainer kriege. Das habe ich mir als Jugendliche nur deshalb nicht gewünscht, weil ich es nicht kannte.

Wie ist das Selbstverständnis als fußballspielende Frau? Haben Sie anfangs schon die Grenzen gesehen, oder haben Sie sich gesagt „Öffentliche Wahrnehmung ist mir egal, Hauptsache ich spiele“? Wie wichtig ist es, in der Sportart, die man ausübt, ernst genommen zu werden?
Man muss bedenken, dass der Männerfußball seit Anfang des 20. Jahrhunderts gewachsen ist. Frauenfußball war in der Bundesrepublik bis in die 70er Jahre verboten, der hat also eine viel jüngere Geschichte. Erst mit der Wiedervereinigung 1990 fing auch der DFB an, in den Frauenfußball aktiv zu investieren. Dadurch gab es dann mehr Frauenfußballmannschaften, auch wenn das, was die gespielt haben, nicht so viel mit Fußball zu tun hatte. Die sind einem Ball hinterher gerannt, aber wussten eigentlich gar nicht, was sie machen sollen. Dementsprechend kann man sagen, ist der Frauenfußball, also leistungsorientierter Frauenfußball, erst seit Anfang/Mitte der 90er Jahre richtig gewachsen – der hat also eine Geschichte von circa 15 Jahren. Man kann 15 Jahre nicht mit 111 Jahren vergleichen. Der Frauenfußball wird inzwischen schon verstärkt wahrgenommen. Dazu hat die U20-Frauen-WM beigetragen, und auch die Werbeaktionen, die für die WM 2011 laufen. Aber man wird nie die Leute erreichen, die gegen den Frauenfußball sind. Diejenigen, die sagen „Fußball spielen Männer“ und die, die Männer- und Frauenfußballspiele vergleichen, werden immer Schwächen bei den Frauenfußballspielen sehen. Weil das langsamer ist, weil es in den Augen mancher Leute nicht ästhetisch ist. Es ist zwar eine Sportart mit gleichen Regeln, es ist aber auch spezifisch. Frauen zu trainieren ist etwas anderes als Männer zu trainieren.

Es gibt ja ohnehin die Auffassung, dass trotz gleichen Regelwerks Frauenfußball „eine andere Sportart“ sei. Kann man das außer an der Geschwindigkeit noch an anderen Merkmalen festmachen?
Es sind die körperlichen Voraussetzungen, Männer sind kraftvoller. Aber wenn man wirklich on top geht und die Spielerinnen der Nationalmannschaft sieht – die werden immer athletischer, und die werden immer fraulicher. Früher hieß es: Der Frauenfußball, das sind die ganzen Lesben, die sich den Schädel kahl rasieren und rumlaufen wie Männer. Das ist ja nicht mehr so, und nimmt auch weiter ab. Sicherlich gibt es auch die, vor allem in den unteren Ligen. Aber generell, was das obere Leistungslevel anbelangt, ist es gar nicht unbedingt „eine andere Sportart“, sondern nur in der Hinsicht spezifisch, dass es nicht so kraftvoll ist, nicht so schnell und nicht so professionalisiert.
Und das ist das Problem. Die Mädels gehen alle arbeiten. Die sind Nationalspielerin, die spielen in der Ersten Bundesliga, die trainieren 5-6 mal, manche auch 9 mal in der Woche, und gehen aber noch arbeiten. Die haben also ganz andere Voraussetzungen als die männlichen Kollegen, deren Beruf es ist, Fußball zu spielen. Die können sich voll darauf konzentrieren – das ist bei den Frauen nicht möglich. Solange diese Professionalisierung bei den Frauen nicht gegeben ist, wird man den Ligabetrieb auch nie so durchführen können wie im Männerbereich.

Seit wann gibt es die Frauen- und Mädchenabteilung bei Union?
Union hat seit 1990 eine Frauen- und Mädchenabteilung. Nachdem die BSG KWO zur Wendezeit aufgelöst wurde, suchten die Spielerinnen ein neues Zuhause und wurden bei Union eingegliedert. Zu der Zeit war die Frauenabteilung Bestandteil der Nachwuchs- und Amateurabteilung. In der Hierarchie standen also die Amateure oben, also die zweite Männer, gefolgt von den Altherrenmannschaften und den Kindermannschaften. Erst danach kam die erste Frauen. Dafür wurde wenig Geld ausgegeben, die Mannschaften waren eben im Spielbetrieb, und das war´s. Seit Dirk Zingler Präsident ist, hat sich der Kurs ein bißchen geändert. Das Präsidium sagt: „Ja, wir wollen die Frauenabteilung in unserem Verein, aber wir sind kein Frauenfußballverein.“ Und das ist auch klar so strukturiert. Die Frauenmannschaften sind gewollt, aber sie sind nicht die oberste Priorität – was meines Erachtens wirtschaftlich auch gar nicht möglich wäre. Die zweite Herren (U23) wurde später ins Nachwuchsleistungszentrum integriert und der Amateurbereich neu gegliedert. Seit einem Jahr ist es so, dass wir eine eigene Frauen- und Mädchenabteilung haben. Das heißt, es gibt jetzt die Lizenzspielerabteilung, die Amateurabteilung es gibt das Nachwuchsleistungszentrum und es gibt die Frauen- und Mädchenabteilung.

Das ist strukturell für uns eine Verbesserung. Wir haben hier unser Büro. Das gab es früher nicht. Man hat alles zuhause gemacht. Es gab keinen wirklichen Ansprechpartner, der einen eigenen Raum hatte. Wir arbeiten jetzt in Anlehnung an das Nachwuchsleistungszentrum der Jungs. Wir gehören nicht zum Nachwuchsleistungszentrum, aber wir nutzen die Struktur. Das ist ein Vorteil für uns, den in Berlin kein anderer Verein hat. Lübars hat eine Kooperation mit Hertha BSC. Da muss man kucken, ob da vielleicht auch so etwas entsteht. Das wäre schön. Aber wenn man nicht gerade Turbine Potsdam oder Frankfurt ist, kann man eine solche Struktur als Frauenfußballverein nur sehr schwierig stellen.

Wieviele Mitarbeiter habt ihr denn im Frauenbereich insgesamt?
Siebzehn. Aber man muss dazu sagen, dass das meiste ehrenamtlich ist – die sind nicht angestellt.

Gemeinsame Infrastruktur mit den übrigen Abteilungen des 1.FC Union bedeutet dann also vor allem die gemeinsame Nutzung von Trainingsplätzen, denn personell überschneidet es sich ja nicht?
Beim Personal überschneidet es sich nicht, bis auf Lutz Munack, den kaufmännisch-organisatorischen Leiter des Nachwuchsleistungszentrums, mit dem ich die Nutzung der Plätze koordiniere. Gemeinsame Infrastruktur nutzen bedeutet zum Beispiel, dass die Mädchen die Physiotherapie vom Nachwuchsleistungszentrum mit nutzen können, ebenso das Lernzentrum, die Nachhilfe, den Hausaufgabenraum. Es geht auch um die Platzbelegung, um Trainingszeiten, die die Mädchen haben. Unser eigenes Büro. Ein eigenes Lager für die ganze Kleidung. Und wir werden vom Verein mit ausgestattet. Es ist also nicht mehr so wie früher, wer einen Trainingsanzug haben will, muss sich den selbst kaufen, sondern wir sind an den Bestellungen beteiligt, wir bekommen unser Kontingent an Sachen. Da arbeite ich dann wiederum mit Susanne Kopplin, der technischen Leiterin vom Nachwuchsleistungszentrum zusammen. Dann haben wir noch die Kooperation mit dem Unfallkrankenhaus Marzahn, wenn Verletzungen auftreten, und mit einem Arzt in Kaulsdorf. Da gibt es eine extra Sportlersprechstunde. Wenn sich Spielerinnen am Sonntag verletzen, können sie da am Montag hingehen, müssen nicht warten und bekommen gleich ein Feedback. Und vor allem, auch wir kriegen gleich ein Feedback, wie die Spielerin belastet werden kann und so weiter.

Wir haben eine Konzeption, die ähnlich ist wie die vom Nachwuchsleistungszentrum. Wir sagen: „Leistungsfußball spielen und die Schule schaffen“ – das ist wichtig. Und im Mädchenbereich ist die Priorität „die Schule schaffen“ noch höher, weil sie finanziell keine Zukunft haben im Fußballbereich. Sich zu vermarkten wie Fatmire Bajramaj – das schaffen die wenigsten. Dementsprechend darf die Schule nicht darunter leiden. Wir bilden die Spielerinnen für den oberen Leistungsbereich aus, also ab der Regionalliga aufwärts. Wir verlangen damit viel von ihnen, wir verlangen vor allem viel Zeit, die sie investieren müssen. Dementsprechend müssen wir ihnen aber auch die Rahmenbedingungen schaffen, um Schule und Leistungssport in Einklang bringen zu können.

Arbeitet ihr dabei mit einer Schule zusammen, so wie das auch im Männerbereich der Fall ist?
Wir haben eine Kooperation mit der Merian-Schule. Das ist eine sportbetonte Schule. Die Flatow-Schule, wo die Jungs hingehen, ist eine Eliteschule des Sports, das ist schon ein Unterschied. Es gab nur an der Flatow-Schule keine Plätze mehr für Mädchenfußball, wir mussten also eine andere Lösung finden und haben uns mit der Merian-Schule auf eine Kooperation verständigt. Die Mädchen haben dadurch einmal in der Woche zusätzlich Fußballtraining, die Wege sind kurz, und man kann Absprachen mit der Schule treffen. Es ist aber nicht zu vergleichen mit einer Eliteschule des Sports. Wir haben auch einige Spielerinnen, die in Charlottenburg auf der Poelchau-Schule sind, die eine Eliteschule ist. Die haben im Rahmen des Unterrichts wirklich viermal in der Woche zusätzlich Fußball. Das ist eine Qualitätssteigerung, die man mit der Merian-Schule so erstmal nicht erreichen kann. Das soll bitte nicht missverstanden werden, wir sind sehr froh, dass wir diese Kooperation haben und dass wir sehr viele Spielerinnen an dieser Schule haben. Sollte es aber wirklich in den oberen Leistungsbereich gehen, versuchen wir natürlich, die Spielerinnen an eine Eliteschule zu bringen. Das geht, sobald sie einen Kaderstatus haben. Wir haben beispielsweise eine Spielerin in der U17, die auch in der Sichtung für die Nationalmannschaft ist – sie kann mit der Belastung das Abitur nicht in zwei Jahren schaffen. Da sind wir in Gesprächen mit der Poelchau-Schule, dass sie dorthin wechseln und ihr Abitur über drei Jahre strecken kann.

Bekommt ihr eine Förderung über den Berliner Fußballverband oder sonst jemanden?
*Kopfschütteln*

-Gar nichts?

Nein. Aber nüchtern und von oben betrachtet sind die Frauen ein Minusgeschäft. Der Verein gibt nur Geld aus, es kommt nichts rein. Die spielen im NOFV, Regionalliga, die Fahrten – das muss alles bezahlt werden. Vom NOFV kriegt der Verein aber kein Geld. Der Verein stattet die Frauen aus, der Verein stellt die Rahmenbedingungen, er finanziert den ersten Frauen teilweise auch spezielle Trainingseinheiten, beispielsweise Bogenschießen oder Spinning. Sie machen das – aber sie haben davon keinen Gewinn.

Macht man das in der Hoffnung, dass sich die Situation irgendwann verbessert?
Der Verein stellt ja auch immer ganz klar, und das ist auch richtig, dass wir nicht die Nummer 1 sind im Verein. Das wäre auch unangemessen. Vielleicht ist es eine Art Tradition, einen Frauenbereich zu haben, weil der seit 1990 besteht, und Union ja recht traditionsbewusst ist. Vielleicht gehört es einfach dazu. Und es ist ja auch nicht so, dass die Frauen total erfolglos wären. Die haben zweite Liga gespielt, sind abgestiegen, okay, spielen jetzt Regionalliga. Der Verein sagt ganz klar: Wenn es so sein sollte, dass die Frauen in die Zweite Liga aufsteigen könnten, werden wir das finanzieren. Wir müssten also nicht um unsere Lizenz bangen, der Verein würde auch dafür die Kosten tragen. Außerdem, das muss man dazu sagen, ist der DFB ganz schön hinterher, dass die Bundesligavereine im Frauenbereich mehr machen. Die Erstligavereine müssen eine Strafe zahlen, wenn sie keine Frauenabteilung haben.

Wie nehmen Fußballspielerinnen die Medienberichtserstattung über sich wahr? Wie kann man sie so gestalten, dass die Frauen, die da spielen, sich darin wiederfinden?
Ich habe letztens einen Bericht gelesen, in dem es um die Frauen-WM ging. Darin hieß es, die Stadien sind voller, und es kann ein Fest werden, weil sich die Fankultur geändert hat. Ich glaube, da ist was dran. Viele Leute, die auf der Fanmeile Fußball sehen, die machen das nicht unbedingt des Fußballs wegen, sondern wegen des Festcharakters, wegen des Zusammenseins, um jemanden zu bejubeln, und auch, weil unter den Zuschauern beim Fußball, egal ob Männer- oder Frauenfußball, inzwischen mehr Frauen sind … das alles kann positiv reinspielen. Man muss den Frauenfußball auch unter diesen Gesichtspunkten vermarkten. Und die Spielerinnen selbst – sie gehen auf dem Laufsteg, sie machen Werbung. Dieses Zeigen „hey, wir sind Frauen, attraktive Frauen, die einen Sport machen – und der Sport ist eben Fußball“ ist in Ordnung. Wir sind ja trotzdem Persönlichkeiten, und wir sind trotzdem Profis. Wie Magdalena Neuner. Die vermarktet sich ja auch. Anja Mittag. Fatmire Bajramaj. Die bringen das langsam so rein, dass auch die Gesichter bekannter werden, dass dadurch der Frauenfußball bekannter wird, und ein Stück weit dieses „das sind alles Mannsweiber“ aus den Köpfen verschwindet.

Wenn es Gesichter gibt, Identifikationsfiguren, ist es einfacher, sich damit anzufreunden?
Schon. Aber ich muss auch dazusagen, bei den Jugendlichen sind die Vorbilder, die sie haben, meistens Männer. Die schwärmen dann natürlich nicht nur für das fußballerische Können. Aber es gibt wirklich kaum Spielerinnen, die sagen, ich will so werden wie Anja Mittag. Oder ich will so werden wie Anna Felicitas Sarholz, weil ich Torhüterin bin. Das habe ich kaum gehört. Es gibt einige, die auch mal eine Frauenfußballerin als Vorbild nennen und da ein bißchen was wissen. Aber ich muss auch ehrlich sagen, wenn ich nach einem Frauenländerspiel in die Kabine komme und frage: Und, wie hat euch das Spiel gestern gefallen?, dann fragen sie mich: Welches Spiel? Erstmal kommt Frauenfußball zu einer Zeit, wo keiner Fußball gucken kann. Es ist nicht die Hauptanstoßzeit. Es gibt die Sportschau – und das gucken alle, auch die Mädchen, aber da ist eben kein Beitrag über Frauenfußball drin. Wenn da eine Berichterstattung mit dabei wäre, was finanziell wieder schwierig ist, würde sicherlich auch die Popularität wachsen.

Ist eine Schiedsrichterin wie Bibiana Steinhaus dann eher ein Vorbild oder mehr ein Feigenblatt? Überwiegt eher der Gedanke, dass sich da eine Frau in einem Männerbereich erfolgreich behauptet, oder sieht man vor allem, dass sie eben die Einzige ist?
Ich habe da totalen Respekt vor. Ich find das toll, was sie macht. Ich kenne das, als Trainer ist es ähnlich, wenn man die Ausbildung macht. Männer machen diese Ausbildung, gerade, je weiter es nach oben geht. Bei der A-Lizenz waren drei Frauen in dem 20er-Kurs. Man muss sich immer gegen die Männer durchsetzen. Du kannst die gleiche Lizenz haben wie sie und wirst trotzdem von oben herab behandelt. Damit muss man einfach umgehen können. Wenn man eine gewisse Kompetenz rüberbringt, dann kriegt man natürlich Anerkennung, man kriegt aber auch „Was bildet die sich eigentlich ein?“ Das ist bei mir so, das ist auch bei Schiedsrichtern so. Wobei ich sagen muss, dass es die Schiedsrichterin, in dem Fall Bibiana Steinhaus, noch wesentlich schwerer hat. Wir arbeiten im Frauenbereich, wir arbeiten mit Mädchen, mit Frauen. Sie ist nur von Männern umgeben, wenn sie diese Spiele pfeift. Dass da mal die Akzeptanz fehlt – darauf trifft man. Deswegen sage ich, ich hab totalen Respekt vor ihr, ich find das gut, dass sie das macht. Ich fand auch gut, dass Inka Müller beim Flexstrom-Cup gepfiffen hat. Das zeigt, dass es möglich ist.

Es ist also ein Anfang.
Gerade für junge Schiedsrichterinnen kann es ein Vorbild sein, klar. Einfach, dass jemand da ist, der zeigt, man kann es schaffen. Das ist ja das Wichtige. Dass man sagen kann: „Das könnte auch mein Weg sein.“ Deswegen sind ja auch diese Gesichter der Frauenfußballnationalmannschaft für die Jugendlichen wichtig. Weil die da sehen, ich kann´s schaffen, wenn ich mir Mühe gebe. Okay – Talent gehört natürlich auch dazu.

Gibt es eigentliche eine logische Erklärung dafür, dass Frauenfußball in verschiedenen Ländern so unterschiedlich behandelt wird? Beispiel USA, wo Fußball generell als Frauensportart gilt, Beispiel Schweden und Norwegen, die starke Ligen haben, und auch die Chinesinnen haben ja sehr lange sehr erfolgreich Fußball gespielt, im Gegensatz zu den chinesischen Männern.
Wenn man die Hintergründe kennt, sieht das anders aus. In China hat es mit der Militärausbildung zu tun. Die werden gedrillt. Man sieht das auch, wenn man die Spiele beobachtet. Die sind sehr starr in ihren Systemen. Es gibt kaum Kreativspieler, die mal ausbrechen und eine Aktion machen, die vielleicht nicht vermutet wird. In den USA hat man im Männerbereich American Football, was da groß ist. Und es läuft viel über die Collegesysteme. Das bedeutet, dass für jede Sportart, die ein College anbietet, das gleiche Geld zur Verfügung steht. Trotzdem scheint das System ein wenig zu kränkeln, weil die USA bei der U20-WM nicht so gut waren, und die Spielerinnen, die rüber gegangen sind, waren relativ schnell wieder zurück. Norwegen und Schweden scheinen finanziell attraktiv zu sein, da bin ich aber nicht so genau informiert, wie die Ligen dort funktionieren.

Es ist also letztlich eine Frage der Ausbildungsmöglichkeiten.
Auch. Für mich ist Bayer Leverkusen so ein Beispiel. Dort hat man vor ein paar Jahren angefangen, in eine Frauenabteilung zu investieren. Jetzt wird ein eigenes Trainingszentrum für die Frauen gebaut, genauso wie Hoffenheim. Es sind viele Spielerinnen dorthin gewechselt. Wenn solche Leistungszentren da sind, ziehen die, und die müssen auch ziehen. Ich find´das nicht schlimm. Ich finde es gut, wenn die Talente in einem Leistungszentrum gebündelt und ausgebildet werden. Es muss viele Vereine geben, die Breitensport machen, sonst ist die Basis nicht da. Es muss aber auch das Verständnis dafür da sein, dass, wenn ich in meinem kleinen Heimatverein wirklich ein Supertalent habe, ich dem nicht den Weg verbauen darf, indem ich sage, du musst aber hierbleiben, weil du unsere Beste bist. Ich muss mich als Trainer, als Verein darum bemühen, diese einzelne Spielerin optimal zu fördern. Und wenn ich die in ein Leistungszentrum gebe, egal welches, und am Ende kommt eine Nationalspielerin heraus, dann kann ich als Verein sagen, die hat bei uns angefangen. Und der andere Fall, wenn sie es nicht schafft, zwar trotzdem gut ist, es aber nicht bis nach ganz oben schafft, wohin wird sie zurück gehen? Sie wird zu dem Verein zurückgehen, von dem sie gekommen ist, und für den kann sie wertvoll sein. Aber das ist leider so ein Denkansatz im Frauenfußball, der noch nicht sehr verbreitet ist. Im Jungsfußball ist der Gedanke, dass man im Nachwuchsleistungszentrum Ziele erreichen kann, die man in seinem kleinen Verein nicht erreichen kann, schon eher verwurzelt.

Gilt das auch für Berlin?
Das ist im Mädchenfußball speziell in Berlin überhaupt nicht so. Wir sind in Berlin, wenn man den Frauen- und Mädchenfußball deutschlandweit betrachtet, ganz hinten dran. Wir haben keine Landesleistungszentren. Wir haben nicht die Möglichkeit mit unseren Mädchenmannschaften bei den Jungs zu spielen, was die anderen Mädchenmannschaften, gerade im C-Juniorinnenbereich, unheimlich weit nach vorne bringt. Dadurch, dass die jede Woche einen Wettkampf mit Jungs haben, sind sie ganz anders geschult. Wir spielen zwar in der höchsten Liga, und es ist auch schön, Berliner Pokalsieger zu sein, aber wir haben wenig Konkurrenz. Das hört sich komisch an, aber es ist so. Bei den B-Mädchen ist Konkurrenz da, mit Tennis Borussia und Lübars, dem FFC Britz. Mit den C-Mädchen stehen wir an der Tabellenspitze ohne Verlustpunkt. Da sind Spiele mit 13:0 dabei – wie willst da Du den Mädchen erklären, dass sie Fehler gemacht haben?

Wenn Sie drei Wünsche frei hätten: Was würden Sie sich für den Berliner Frauen- und Mädchenfußball wünschen?

Als erstes würde dem gesamten Berliner Mädchen- und Frauenfußball wünschen, dass die Talentförderung der Spitzentalente generell mehr aufeinander abgestimmt ist und vor allem strukturiert von der U13 bis zur U20 stattfindet – in den Vereinen, die sich darauf konzentriert haben, aber auch im Verband orientiert an der DFB-Ausbildungsordnung.

Ein zweiter Wunsch wäre, dass sich auch im Trainerwesen im Frauen- und Mädchenbereich mehr Trainer durch Qualifizierung weiterbilden und generell ihre einzelnen Spielerinnen und deren bestmögliche Entwicklung in den Vordergrund stellen, anstatt nur ihren eigenen Erfolg. Ich denke es ist ein ganz großer Unterschied, wenn man sich mit Übungsleitern unterhält, die über ihre Mannschaft am Ende eines Spiels sagen: „Ich habe heute gewonnen“ oder mit denen, die sagen „Unsere Mannschaft hat heute gewonnen“. Meines Erachtens gibt es noch zu viele Personen, die mehr für sich, als für den gesamten Frauen- und Mädchenfußball arbeiten.

Ein dritter und letzter Wunsch wäre eine friedlichere Kommunikation untereinander ohne den ständigen Neid und die Missgunst auf die Arbeit anderer – jeder einzelne Berliner Mädchen- und Frauenfußballförderer hat m.E. seine Existenzgrundlage und sollte – ob er sich dem Breiten- oder Leistungssport verschreibt – dafür auch geachtet und respektiert werden anstatt sich andauernd mit Kämpfen über Personen oder Vereine auseinandersetzen zu müssen. Es gibt ohne Frage unterschiedliche Konzepte und Herangehensweisen an den Frauen- und Mädchenfußball und alle sollten in der Grundlage respektiert werden, ob der ein oder andere damit vielleicht nicht einverstanden ist, steht ja letztendlich auf einem anderen Blatt …

Vielen Dank an Ailien, die sich viel Zeit für meine Fragen genommen hat!