Wir lernen die Neuzugänge kennen und warten auf Marvin Friedrich

Bis zum Ende des Kurztrainingslagers in Bad Saarow hat es Union noch nicht geschafft, die Verhandlungen über eine Wieder-Verpflichtung von Marvin Friedrich abzuschließen. Der Kicker schreibt, dass sich Union und Augsburg mit einer festen Ablöse von zwei Millionen und erfolgsabhängigen Zusatzklauseln, die diese auf drei Millionen erhöhen könnten, einander annähern. Dann muss natürlich auch noch eine Einigung zwischen Union und Friedrich über seinen neuen Vertrag zustande kommen, bis Friedrich vielleicht Anfang der nächsten Woche wirklich wieder bei Union aufläuft. Der Kicker schreibt außerdem, dass Union sich auch mit Magdeburg über den Wechsel von Marius Bülter verständigen könnte. Wenn mit ihm tatsächlich noch ein offensiver Flügelspieler kommt, erscheint es unausweichlich, dass mindestens einer der bisherigen Spieler auf der Position Union verlässt.

Sheraldo Becker

Sheraldo Becker ist einer der neuen Flügespieler; Photo: Matthias Koch

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Der Turbine-Effekt.

Der 1.FFC Turbine Potsdam gewinnt das Auftaktspiel gegen den Hamburger SV mit 4:0 vor 2790 Zuschauern. Ein Traumstart, sollte man meinen. Die beiden Doppeltorschützinnen, Yuki Nagasato und Genoveva Anonma, sind trotzdem nicht ganz zufrieden. Beide sagen nahezu wortgleich:”Ich hätte noch viel mehr machen können.” Das beschreibt das Leistungsgefälle zwischen beiden Teams recht gut. Ohne das begeisterungsfähige Potsdamer Publikum wähnte man sich auf einem Testspiel. Wenn eine Mannschaft das Spiel vollkommen dominiert, gelingen Spielzüge. Das sieht schön aus. Leider ist es kein bißchen spannend.

Deshalb mutet die am häufigsten gestellte Frage im Anschluss an die Partie auch etwas seltsam an. Ist die Zuschauerzahl -die höchste, die Turbine zum Ligastart je hatte- ein Effekt der Weltmeisterschaft? Bernd Schröder, Trainer der Potsdamerinnen, glaubt das nicht. “Wir haben viele neue Spielerinnen, die die Leute sehen wollen. Wir haben eine Weltmeisterin. Das ist der Blick auf die neue Saison. Der WM-Effekt muss sich zeigen, wenn Freiburg gegen Leverkusen spielt.”

Seine neue Mannschaft lobt Schröder. Sie sei in sich geschlossener als das Team der vergangenen Saison. Mit Patricia Hanebeck, Ann Katrin Berger, Genoveva Anonma haben sich drei seiner Neuzugänge gleich im ersten Spiel bewähren müssen und dabei brilliert. „Hanebeck hat nicht nur die Nummer 10 auf dem Trikot – die ist auch eine.“ Und zum Schluss möchte er noch wissen: „Weiß einer, wieviele Zuschauer aus Frankfurt gemeldet wurden?“ Frankfurt. Die echte Konkurrenz. Spannende Spiele gibt´s nämlich auch bei den Frauen.

Der Wert der Kritik.

Bernd Schröder, langjähriger Trainer von Turbine Potsdam, hielt am Montagabend einen Vortrag am Hasso-Plattner-Institut der Universität Potsdam. Die Vortragsreihe zum Thema „Soft Skills“ schließt in jedem Semester mit einem prominenten Gast.

„Woll´n Sie auch zu Schrödi?“, fragt mich ein älterer Herr, der wie ich suchend auf dem abendlich leeren Campus umher irrt. Ein Kamerateam rückt an. Wir sind also richtig. Der Hörsaal füllt sich. Überwiegend Studenten, aber auch einige Turbine-Fans. Welche, die ihn mit „Sportfreund Schröder“ und „mein lieber Bernd“ anreden. Noch ein Kamerateam baut auf. Bernd Schröder ist das offenbar gewöhnt. Freundlich und bestimmt, aber doch im Laufschritt, arbeitet er die Fragen ab, gibt Statements, stellt sich hierhin, blickt dorthin – und das alles vor dem eigentlichen Termin.

Nun ist Bernd Schröder nicht die Person, die einem als erstes in den Sinn kommt, wenn von Soft Skills die Rede ist. Meinungsverschiedenheiten mit dem Trainer gaben etwa Britta Carlson und Petra Wimbersky als Grund für ihren Vereinswechsel an. Fatmire Bajramaj, jüngst zur Konkurrenz nach Frankfurt abgewandert, mochte ihn auch schon mal lieber. Mit Bundestrainerin Silvia Neid verbindet ihn eine innige Zwietracht. Der Untertitel von Schröders Vortrag aber lautete: „Was macht erfolgreich?“ Dazu wiederum kann einer, der alles gewonnen hat, was es für einen Bundesligatrainer im Frauenfußball zu gewinnen gibt, einiges erzählen.

In der Essenz lautet seine Erfolgsstrategie: Vorbild sein, Vorbilder haben. Das sei die beste Motivation. Sein Vortrag handelt denn auch im weitesten Sinne von seiner sehr persönlichen Vorstellung darüber, was ein Vorbild auszeichnet – und was eben nicht. Das bezieht er keineswegs nur auf den Sport. Manchmal erzählt er dabei gleichzeitig seinen Lebenslauf, Fußballgeschichte und Weltgeschichte. Mindestens so oft wie Beispiele aus dem Fußball zitiert er Bergarbeitermetaphern. Er hat Montanwissenschaften an der Bergakademie Freiberg (Sachsen) studiert, eine Grobwissenschaft, wie er sagt. Was man daraus lernen und übertragen kann, sind zwei Dinge. Es gibt Situationen, in denen man nicht weg kann – die muss man auszuhalten lernen. Und zweitens, man trägt in einem Team Verantwortung füreinander. Platz für Stars ist dabei nicht. Dieses Weltbild prägt ihn und macht deutlich, warum einer wie er im Frauenfußball so sehr verhaftet ist. Es ist das Gegenteil der Glamourwelt des professionellen Männerfußballs, wo in Fantastillarden gerechnet wird. Bernd Schröder ist ein sehr erdverbundener Mensch.

Es fehlten Menschen, meint er, die widersprechen und Widerspruch annehmen können. Jemand, der den Wert der Kritik nicht anerkenne, ist in seinen Augen kein Vorbild. Das Wort Streitkultur fällt. Matthias Sammer sei noch einer, der das kenne. Bernd Schröder selbst sucht die Auseinandersetzung und trifft dabei in schönster Poltergeistmanier nicht immer den richtigen Ton.

Vielleicht liegt darin die Ursache seines Disputs mit Silvia Neid. Den Ehrenkodex habe er durch seine öffentliche Kritik verletzt, und nun soll er sich dafür entschuldigen. Weniger für die Kritik, als wohl vielmehr für ihre Öffentlichkeit. Die Ziele von Neid und Schröder liegen nicht so weit auseinander. Beide wollen erfolgreichen Frauenfußball, beide wollen eine starke Nationalmannschaft, beide wollten den WM-Titel. Bundesliga und Nationalmannschaft arbeiten idealerweise miteinander und nicht gegeneinander. Deshalb hat Schröder recht, wenn er sagt: „Wir müssen das Problem letztlich gemeinsam lösen“. Sich zu entschuldigen hält er trotzdem nicht für den richtigen Weg – denn seine Haltung zur Sachfrage besteht unverändert. Man kann sich nun darüber streiten, ob das Mangel an Diplomatie oder Charakterstärke ist. Es liegt jedenfalls keine Häme darin, wenn er erklärt, warum das WM-Spiel der Frauen gegen Japan verloren ging. Die verpasste Olympia-Teilnahme schmerzt ihn, und der durch die WM-Vorbereitung bedingte Ausfall seiner Spielerinnen im Vorfeld ärgert ihn noch immer. „Ich habe ja nicht gesagt, dass sie keine Ahnung von Fußball hat.“ Aber eine Anerkennung für seine Arbeit, Respekt ihm gegenüber hätte er sich gewünscht – das klingt in jedem Satz durch, den er sagt.

Fragt man ihn, was einen guten Trainer ausmacht, bekommt man zur Antwort: Das Team um ihn herum. Und damit meint er nicht an erster Stelle die Feldspielerinnen, sondern explizit die Sekretärin, den Busfahrer, die Betreuer, den Zeugwart. Schröder versteht seinen Beruf sehr umfassend. Genau so wichtig wie sportliche Förderung ist die Sorge um die Ausbildung der Frauen und Mädchen. Die Potsdamer Sportschule, Eliteschule des Mädchen-Fußballs, nimmt jedes Jahr zur 7.Klasse etwa 10 Nachwuchsfußballerinnen auf. In jedem Jahr stellen sich die selben Fragen. Wer kommt dafür in Betracht? Schaffen die ihr Abitur? „Wenn nicht“, sagt er, „müssen wir uns um Lehrstellen kümmern. Denn wir bilden aus und kaufen nicht ein.“ Das sei eine gesellschaftliche und eine pädagogische Aufgabe, für die man Menschenkenntnis brauche. Man müsse zudem Familie, Herkunft, Umfeld, soziale Situation und Erlebniswelt der Spielerinnen genau kennen.

Angesichts dessen, was er in den Frauenfußball investiert hat, überrascht die Nüchternheit, mit der er dessen Stellenwert beurteilt. Der WM-Hype entspricht nicht seiner Lebenswirklichkeit. Ob die WM mehr Zuschauer in die Stadien spült? Bernd Schröder glaubt nicht daran. Was ist mit den neuen Leistungszentren für die Frauen, die bei den Bundesligavereinen der Männer angesiedelt sind? Das müsse man von Fall zu Fall sehen. Der HSV, sagt Schröder, habe die finanziellen Probleme der Herrenmannschaft 1:1 an die Frauen weitergegeben. Leverkusen sei ein guter Verein, komme aber nicht richtig hoch. Bayern München spielt in Aschheim – da interessiere sich kein Schwein dafür. Die einzigen, die derzeit investierten, seien die Wolfsburger. Die anderen Männervereine betreiben Frauenfußball halbherzig, das Interesse daran sei zu gering. Er stellt das fest, ohne es als Vorwurf zu formulieren.

Bernd Schröder gilt als harter Hund. Deshalb lohnt sich die Frage nach dem berüchtigten Straftraining. „Das gibt es nicht mehr, das gibt es auch bei den Männern nicht. Wenn man im Sport eine Aufgabe nicht mit dem Herzen wahrnimmt, dann funktioniert es nicht. Ich kann die drei Runden laufen lassen oder zehn. Wenn sie das oberflächlich machen, kommt nichts dabei heraus. Das macht man höchstens, um sich selbst zu beruhigen. Wenn meine Mannschaft schwach spielt, bin ich der Schwache, und nicht die Mannschaft.“ Wie man statt dessen motiviert? Ganz einfach. Man hängt die Leistungswerte der einzelnen Spielerinnen aus.

Für alle, die mal ganz normalen Frauenfußball kucken wollen: Der Spielplan.

Deutsche Meisterschaft feiern mit Turbine

Für eine WM im eigenen Land wird alles gemacht. Der DFB beendet zum Beispiel die Bundesliga Mitte März, damit sich die Nationalmannschaft drei Monate auf die Weltmeisterschaft vorbereiten kann. Deshalb spielt Turbine Potsdam schon am 12. März vor der für den Frauenfußball bemerkenswerten Kulisse von 7.000 Zuschauern das letzte Spiel gegen Essen-Schönebeck. Nur ein Sieg hilft, um den Vorsprung von einem Punkt auf Frankfurt durch das Ziel zu retten.

Da die Potsdamer bereits nach fünf Minuten durch Viola Odebrecht (3.) und Anja Mittag (4.) 2:0 führen, geht es weniger darum, ein spannendes Spiel zu sehen. Ganz im Gegenteil, das Spiel ist sogar schlecht. Eine unerwartete sportliche Kuriosität bringt Essens Michelle Weissenhofer ins Spiel. Sie wirft den Ball auf eine unorthodoxe Art und Weise ein. Letzten Endes schießt Babett Peter das 3:0 in der 57. Minute per Kopf. So weit, so unspektakulär. Und daran kann auch das 8:2 von Frankfurt gegen Bayern München nichts ändern.

Spannender sind die vielen kleinen Szenen im Karl-Liebknecht-Stadion. Es beginnt bereits damit, dass die Einlaufkinder gemeinsam zur Tribüne laufen und schon vor dem Anpfiff die Welle machen. Den Zuschauern ist von Anfang an die Freude am Fußball und am Event anzumerken. Gesänge und Trommeln bestimmen die Akustik.

Aber es gibt auch die Frustration. Turbine gelingt nach den ersten fünf Minuten kaum noch etwas. Trainer Bernd Schröder flippt an der Seitenlinie aus und beschwört seine Mannschaft, einfache Bälle zu spielen. Allein es nutzt nichts. Fatmire Bajramaj, der Star der Mannschaft, kommt sich bei einem Einwurf mit einem Fotografen ins Gehege. Was auch immer er gesagt hat, ihre Antwort ist deutlich zu hören, als sie ihn anherrscht: “Willst Du mal spielen oder was?”

Der Bundespräsident ist auch da. Sein erstes Bundesligaspiel (der Frauen). Die Bürde des Amtes, könnte man böswillig meinen. Aber er macht einen ganz gelösten Eindruck. Und lässt sich von mir ganz normal von der Seite anreden. Seine Antworten sind wenig überraschend. Er ist von der Kulisse und der Stimmung beeindruckt. Es sei eine Werbung für den Frauenfußball. Auch der Ministerpräsident von Brandenburg, Matthias Platzeck, freut sich: “Was gibt es Schöneres als die Deutsche Meisterschaft?” Es ist ja nun auch nicht so, dass Brandenburg sportlich auf der Sonnenseite steht. Da tut ein wenig Glanz gut.

Einen Konfettiregen gibt es nicht zur Meisterfeier. So übertönt nichts den Jubel der Spielerinnen bei der Feier. Sektduschen gibt es für alle. Selbst die Essener machten mit. Schließlich können sie trotz Niederlage den Klassenerhalt feiern. Fatmire Bajramaj ist gefragt. Während ihre Mitspielerinnen sich gegenseitig über das Spielfeld jagen, muss sie Interviews geben. “Das ist ein verdienter Titel. Egal, was die anderen sagen. Wir haben die meisten Punkte. Aber wir waren vorher auch sehr aufgeregt.” Was Spieler eben so direkt nach einem Titelgewinn sagen. Nach einer Sektdusche antwortet sie auf die Frage, ob sie daran denke, dass sie dieses Jahr mit Meisterschaft, DFB-Pokal, Champions League und Weltmeisterschaft vier Titel gewinnen könne: “Klar denke ich daran, alle vier Titel zu gewinnen. Ich will ja alle vier Titel gewinnen!” Da spricht plötzlich nicht die professionelle Fußballspielerin. Da spricht der Wille.

Im vollen VIP-Zelt steht Trainer Bernd Schröder. Der Eindruck drängte sich auf, dass er Hof halten würde. Dabei tut er das gar nicht. Aber die Leute kommen einzeln zu ihm. Sie drücken ihm die Hand und danken ihm für seine Arbeit. Sie küssen ihn und danken ihm für den Titel. Sie fragen ihn und bekommen seine Meinung zu hören. Bernd Schröder hat eine klare Meinung. Und das auch in der euphorischen Stimmung des Titelgewinns. Zwei Stunden nach Abpfiff steigt er die Stufen zur Hintertortribüne hoch. Ein Autofahrer hupt, kurbelt die Scheibe herunter und ruft: “Bernd Schröder, Fußballgott!” Bernd Schröder dreht sich auf der höchsten Stufe um und winkt.

Vor dem Stadion stehen die Fans. Sie planen die Auswärtsfahrt zum Spiel in Paris. Viertelfinale der Champions League. Es gibt Lätzchen für Babys zu kaufen, auf denen “Turbinchen” steht. Eine Gruppe steht auf der Straße und singt: “In Frankfurt wird geweint, in Frankfurt wird geweint!” Schadenfreude hat auch im Frauenfußball ihren Stammplatz in der Fankurve. Eine Frau ruft in ihr Telefon: “Ich habe meinem Mann die Monatskarte gegeben, damit er schon anch Hause fährt. Wir gehen noch saufen.” Der Frauenanteil ist vielleicht höher als bei einem Männerfußballspiel. Aber die Mehrheit stellen sie auch hier nicht dar. Turbine ist ein erfolgreiches Biotop in der sportlichen Wüste Potsdams. Das zieht. Singend macht sich die Gruppe auf: “Es gibt nur ein’ Bernd Schröder, ein’ Bernd Schröder!”