Trainer Baade in “Drama Queens in kurzen Hosen”

Auf die plötzliche Bekanntheit durch die das juristische Vorgehen der Sportartikelfirma Jako gegen ihn vor vier Jahren hätte Trainer Baade sehr gerne verzichtet. Wie eine riesige Welle brach es über ihn herein. Zunächst die Abmahnungen von Jako, dann die Berichte und Empörungen darüber. Vor allem im Netz via Twitter und Blogs. Untergegangen ist dabei die besondere Qualität seiner Texte, die ironisch und distanziert das Fußballgeschäft sezieren. Heute liest Trainer Baade in Berlin sein Bühnenprogramm „Drama Queens in kurzen Hosen“.

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Foto: Baade

Auf Humor konnte Frank Baade (38), der Mann hinter der Kunstfigur Trainer Baade, bei den Anwälten von Jako nicht setzen. Sie sahen in einer Glosse über das neue Firmenlogo eine Schmähkritik und setzten den Blogger mit Abmahnung und der Forderung nach einer Unterlassungserklärung finanziell massiv unter Druck. Erst der „Shitstorm“ im Netz ließ Jako zurückrudern. Bei Social-Media-Seminaren gilt dieser Fall als ein Musterbeispiel für dieses Netzphänomen. Was von außen betrachtet wie eine glückliche Geschichte von David und Goliath aussieht, blendet das persönliche Schicksal aus. Baade blieben Wochen der Ungewissheit, in denen seine Existenz auf dem Spiel stand.

„Zum Glück werde ich nicht mehr so oft darauf angesprochen“, sagt er heute erleichtert. „Ich bin einfach froh, dass das Thema abgeschlossen ist.“ Seit 2005 bloggt Frank Baade als „Trainer Baade“. Ein Name, der ihm von seinen Mitspielern in der Kleinfeldliga Niederrhein verpasst wurde. Dabei war er noch nicht einmal der Coach, denn den gab es gar nicht. Die im Fußball vollkommen normale Ansprache des Übungsleiters durch die Spieler als „Trainer“ verselbständigte sich zur Kunstfigur im Blog. So wie sich Baades Beruf durch sein Blog vom Diplom-Psychologen zum Autor gewandelt hat. Seiner Kleinfeldliga ist er nur noch als Organisator verbunden.

Sein Blog wird quer durch alle Medien in den höchsten Tönen gelobt, von der Sportbild über das Magazin 11Freunde bis hin zum Deutschlandradio. Selbst die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung schwärmt: „Von Trainer Baade viel über Fußball gelernt: Hart, aber herzlich.“ Nachrichten gibt es im Blog genausowenig wie eine Einordnung des aktuellen Fußballgeschehens. Baade tritt einen Schritt zurück, sucht das Besondere im Augenblick oder wirft einfach nur seinen Grützedetektor an, um besonders absurde Auswüchse im Fußballgeschäft zu entlarven.

Die Beschreibung des EM-Spiels zwischen Deutschland und Dänemark im ukrainischen Lviv geht bei ihm genau bis zum Anpfiff der Partie. Stattdessen widmet sich Trainer Baade in epischer Länge der fast dreistündigen Animations-Show in der Arena, die die anwesenden Fußball-Fans nicht nur intellektuell beleidigte, sondern durch ohrenbetäubende Lautstärke auch nervlich mehr als strapazierte. „Ich lese selbst gerne solche Texte“, sagt Baade lapidar über seine mittlerweile 4000 Blogartikel.

Seine Zeilen lassen dem Leser Zeit. Er kann sich aus der Hysterie des sich selbst so wichtig nehmenden Fußball-Business ausklinken. Plötzlich ist der Transfer von Mario Götze von Dortmund zum FC Bayern nur ein fernes Rauschen. Stattdessen bringt der Trainer auf den Punkt, was Anhänger jenseits von großartigen Toren und Abseitspfiffen im Innersten bewegt:

Fußballfansein bedeutet in aller Regel Misserfolg zu haben, selbst Bayern wird nicht wirklich jedes Jahr Meister, nicht mal jedes zweite, alle anderen Vereine eigentlich so gut wie nie, vielleicht zwei Mal im Leben, bei den meisten eher gar niemals. Fußballfansein bedeutet warten, zwischen den Hunderten 1:1 und 0:0, die man ertragen muss, endlich einen rauschenden 5:0-Abend erleben zu dürfen.

Den Nerv von Fußballverrückten treffen. Mitzubekommen, wie Leser die Texte kommentieren, bei Twitter oder Facebook empfehlen. Das sind die Momente, die Frank Baade als großartig beschreibt, die für ihn das Bloggen ausmachen. „Und ich habe wahnsinnig viele Leute kennengelernt.“ So wie den aus Bochum stammenden Autoren Ben Redelings, für dessen neuen Erzählungsband „Auf Asche – Unwiderstehliche Bolzplatz-Erinnerungen“* Baade einen Text schrieb. Dort taucht er jetzt im Inhaltsverzeichnis neben Enke-Biograph Ronald Reng auf. Nichts macht seine Entwicklung vom „Popelsblogger“, als den er sich selbst einmal bezeichnete, zum Autor deutlicher als diese kleine Notiz.

Aus seinem Bühnenprogramm „Drama Queens in kurzen Hosen“ liest Trainer Baade heute erstmals auch in Berlin, geteilt in zwei Halbzeiten zu jeweils 45 Minuten. Wie ein Fußballspiel. Doch Frank Baade verneint den auf der Hand liegenden Zusammenhang lachend: „Aus meiner Erfahrung als Lehrer und Dozent weiß ich, dass es total super ist, nach 45 Minuten etwas völlig anderes zu machen.“ Statt Pausenbrot gibt es bei ihm aber multimediale Fußball-Unterhaltung.

Die Lesung „Drama Queens in kurzen Hosen“ findet heute um 20 Uhr in der Schwalbe (Stargarder Straße 10, Prenzlauer Berg) statt. Der Eintritt kostet 5 Euro.

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Ballpod aus New York

Während ich mit dem Schnitt des bereits am letzten Freitag (!) aufgenommenen Podcasts nicht zu Potte komme, wurde der aktuelle Ballpod, anstatt wie gewohnt in Probeks Küche in München, von Jürgen Kalwa in New York aufgenommen. Dabei waren Jens Peters von Catenaccio, um über Leverkusen zu reden, und Florian Neumann von Nedsblog, der über den HSV Auskunft gab. Als Bonus gibt es ein Interview mit Trainer Baade, der sich erstmals zu dem Fall Jako vs. Baade äußert. Eine sehr schöne Produktion!

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Unternehmenskommunikation im Internet

Lektion 1 – Wie man es nicht macht

Beispiel:

Ein Popelblogger schreibt einen Beitrag, der von einer Handvoll Leser (ca. 400) im großen Internet gelesen wird. In diesem Beitrag zieht er über Ihre Firma und ihr neues Logo her. Das neue Logo soll Sie auf den Weg in höhere Sphären bringen. Sie haben die Nase voll von UEFA-Cup. Sie wollen Champions League. Und nun fängt da so ein Schlurchblogger an, Ihnen ans Bein zu pinkeln. Unsere Beispielperson für diese Lektion, verantwortlich für die Unternehmenskommunikation, reagiert so:

“Wir der ALDI unter den Sportmarken? Schlurchmarke? Den machen wir platt. Wäre ja gelacht. Da könnte ja jeder kommen. Dem werden wir so ordentlich den Hintern versohlen, dass er da lange nicht mehr drauf sitzen mag. Erst einmal den Anwalt anrufen. Abmahnung. Unterlassungserklärung. Saftige Rechnung. Chakka!”

Paar Wochen später.

“Mal sehen, ob dieser Popelblogger sich noch traut, etwas über uns zu schreiben. Ach nee! Google gibt noch andere Seiten aus, die auf diesen Beitrag hinweisen. Jetzt wird aber mal eine ordentliche Vertragsstrafe fällig. Erneuter Anruf beim Anwalt. Und noch eine Unterlassungserklärung. Uns doch egal, ob er die Beiträge dort selbst eingetragen hat oder ob dies automatisch passiert. Er ist der Urheber. Hätte er mal richtig in dem Internet gesucht. Das wird er nie vergessen!”

Weiter geht es in dieser Lektion mit dem Streisand-Effekt

Hintergrundgeschichte bei allesaussersport: Wie JAKO anderen Leuten das letzte Trikot auszieht